{"id":4354,"date":"2010-01-21T12:00:57","date_gmt":"2010-01-21T11:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=4354"},"modified":"2010-01-20T18:01:23","modified_gmt":"2010-01-20T17:01:23","slug":"nirgends-zu-hause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/01\/21\/nirgends-zu-hause_4354","title":{"rendered":"Nirgends zu Hause"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4356\" aria-describedby=\"caption-attachment-4356\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><strong><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4356\" title=\"obdachlos\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/01\/obdachlos.jpg\" alt=\"Illustration: Jutta Bauer\" width=\"540\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/01\/obdachlos.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/01\/obdachlos-300x273.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/strong><\/strong><figcaption id=\"caption-attachment-4356\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Jutta Bauer<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Der Winter ist f\u00fcr obdachlose Menschen besonders hart. Torsten Meiners erz\u00e4hlt Sch\u00fclern, wie sein Leben auf der Stra\u00dfe aussieht<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Katrin H\u00f6rnlein<\/em><\/p>\n<p>Torsten Meiners mag den Januar nicht. Und den Februar auch nicht. \u00bbIn diesen Monaten ist es kalt und nass, die Leute haben schlechte Laune, und deshalb verdiene ich weniger\u00ab, sagt er. Torsten Meiners verkauft Zeitungen auf der Stra\u00dfe. Und dort, auf der Stra\u00dfe, lebt er auch. Der 45-J\u00e4hrige ist obdachlos. <!--more-->Obdachlose haben keine Wohnung, kein Zimmer \u2013 schlicht kein Dach \u00fcber dem Kopf. Sicher hast du auch schon einmal jemanden gesehen, der im Eingang eines Kaufhauses oder auf einer Parkbank geschlafen hat. Torsten Meiners wohnt in diesem Winter auf der Terrasse eines Hauses in Hamburg. Das soll verkauft werden, und bis es so weit ist, k\u00fcmmert er sich um den Garten.<br \/>\nIn Deutschland sind mehr als 200\u2008000 Menschen obdachlos. Allerdings ist diese Zahl nur gesch\u00e4tzt. Wie viele es genau sind, wei\u00df niemand, denn Obdachlose werden nicht gez\u00e4hlt. Im Winter, wenn es drau\u00dfen eisig kalt ist, bekommen diese Menschen besondere Unterst\u00fctzung. In vielen Orten fahren Helfer abends durch die Stra\u00dfen und verteilen Decken und warme Getr\u00e4nke. In einigen St\u00e4dten gibt es auch sogenannte Winternotprogramme: Obdachlose k\u00f6nnen die Nacht \u00fcber in einem Haus bleiben. Aber am n\u00e4chsten Morgen m\u00fcssen sie wieder ausziehen. \u00bbJeden Tag schl\u00e4ft man dann in einem anderen Bett\u00ab, sagt Torsten Meiners. Und dieses \u00bbewige Hin und Her\u00ab sei vielen zu anstrengend. Da blieben sie lieber drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Torsten Meiners hat fr\u00fcher als Fahrradkurier gearbeitet, und noch heute ist er viel mit dem Rad unterwegs. An einem Tag im Dezember macht er sich morgens auf den Weg nach Jork, einer kleinen Stadt in Niedersachsen. Dort wird er erwartet, von den Sch\u00fclern der Klasse 5a am Schulzentrum Altes Land. Die Kinder dieser Haupt- und Realschule haben bei ihrem Weihnachtsbasar Geld verdient, das sie gespendet haben \u2013 an das Hamburger Stra\u00dfenmagazin Hinz &amp; Kunzt. Obdachlose wie Torsten Meiners verkaufen diese Zeitung, um etwas Geld zu verdienen. Solche Stra\u00dfenmagazine gibt es in vielen St\u00e4dten. In Hamburg kostet ein Heft 1,70 Euro. An jeder verkauften Zeitung verdient der Verk\u00e4ufer 90 Cent.<br \/>\n\u00bbSelbst verdientes Geld gibt den Menschen etwas Ehre zur\u00fcck\u00ab, sagt Stephan Karrenbauer. Er arbeitet als Sozialarbeiter bei Hinz &amp; Kunzt. \u00bbAuf anderer Leute Kosten zu leben ist nicht toll\u00ab, sagt er. \u00bbAuch mal sagen zu k\u00f6nnen: \u203aDie Runde Kaffee bezahl ich\u2039 gibt ein gutes Gef\u00fchl. Oder sich selbst Unterw\u00e4sche kaufen zu k\u00f6nnen, statt alte aus einer Kleiderkammer zu nehmen.\u00ab<br \/>\nZum Dank f\u00fcr die Spende besucht Torsten Meiners die Schule in Jork. Er wird der Klasse 5a ein Kinderbuch \u00fcber Obdachlosigkeit vorlesen und ihre Fragen beantworten. Alle Kinder haben sich \u00fcberlegt, was sie von ihrem Gast wissen wollen: Wo er sich w\u00e4scht zum Beispiel. \u00bbVielleicht sind es ja Pf\u00fctzen, aus denen er Wasser nimmt\u00ab, sagt ein Junge. Und wie mag er aussehen? \u00bbKaputte, zerrissene Jeans, undichte dreckige Turnschuhe, l\u00e4ngere fettige Haare und ein Bart\u00ab, vermuten die Sch\u00fcler.<br \/>\nDann betritt Torsten Meiners die Klasse. Seine Kleidung ist nicht zerrissen, die Haare sind nicht fettig. \u00bbGuten Morgen liebe 5a\u00ab, sagt er, \u00bbich freue mich, dass ich heute hier sein darf.\u00ab Er setzt sich auf einen Stuhl vor die Klasse und nimmt ein kleines B\u00fcchlein in die Hand. Es hei\u00dft Ein mittelsch\u00f6nes Leben, geschrieben von der Kinderbuchautorin Kirsten Boie. Torsten Meiners liest vor: von einem Mann, der seine Arbeit verlor, der Schulden machte und dann, um seine Sorgen zu vergessen, schon morgens Bier trank. Er bezahlte keine Rechnungen mehr und musste irgendwann aus seiner Wohnung ausziehen. So wurde er obdachlos. Die Sch\u00fcler sind ganz still und h\u00f6ren zu.<br \/>\nDass Menschen obdachlos werden, kann verschiedene Gr\u00fcnde haben. Viele haben ein normales Leben \u2013 bis ihnen ein Ungl\u00fcck geschieht. Normalerweise versuchen die Sozialbeh\u00f6rden zu verhindern, dass Menschen aus ihrer Wohnung ausziehen m\u00fcssen \u2013 weil sie wissen, dass eine Wohnung so ziemlich das Wichtigste f\u00fcr ein geordnetes Leben ist. Aber sie haben nicht immer Erfolg. Auch denjenigen, die schon auf der Stra\u00dfe leben, bieten die Beh\u00f6rden Zimmer an. Manche Menschen nehmen diese Hilfe an, manche nicht.<br \/>\n\u00bbWie sind Sie obdachlos geworden?\u00ab, ist eine der ersten Fragen, die ein Sch\u00fcler Torsten Meiners stellt. Und der antwortet ehrlich: Er habe seine Wohnung und seine Arbeit aufgegeben, weil er nach Neuseeland auswandern wollte. Doch dort verlor er all sein Geld. Denn Torsten Meiners ist spiels\u00fcchtig. Als er zur\u00fcck nach Deutschland kam, landete er auf der Stra\u00dfe. Inzwischen ist er seit f\u00fcnf Jahren obdachlos. \u00bbGew\u00f6hnt man sich an dieses Leben?\u00ab, fragt Tim. Am Anfang sei es schwierig gewesen, sagt Torsten Meiners. \u00bbMan muss erst herausfinden, dass es Einrichtungen gibt, wo man umsonst etwas zu essen bekommt und sich waschen kann. \u00bbWo gehen Sie zur Toilette?\u00ab, fragt Helena. Das sei nicht leicht, antwortet Meiners. \u00bbZum Pinkeln habe ich vor meiner Terrasse einen Eimer stehen. Aber wenn ich gro\u00df muss, geht das nicht. In der N\u00e4he gibt es eine Tankstelle, da gehe ich morgens hin.\u00ab Ein Sch\u00fcler will wissen, ob es im Winter besonders schlimm ist. \u00bbMan braucht eine gute Unterlage und einen warmen Schlafsack\u00ab, erkl\u00e4rt Torsten Meiners. Aber schlimmer als die K\u00e4lte sei der Regen. \u00bbWenn es drei Tage gie\u00dft, ist alles nass. Dann geht es einem schlecht.\u00ab Das ist vor allem deshalb so, weil Obdachlose ihre Besitzt\u00fcmer bei sich tragen: Bei schlechtem Wetter wird gleich alles durchweicht.<\/p>\n<p>Besonders in den kalten Monaten, wenn auch in Deutschland Menschen erfrieren, sorgen sich viele um die Wohnungslosen. Aber Obdachlose leben das ganze Jahr auf der Stra\u00dfe. Viele Hilfsgruppen freuen sich deshalb \u00fcber Spenden. Nicht nur Geld, auch alte Kleidung oder ein ausrangierter Schlafsack sind willkommen. \u00bbNicht weggucken. Hilfe holen, wenn es jemandem schlecht geht\u00ab, sagt Sozialarbeiter Karrenbauer. \u00bbOft gen\u00fcgt ein \u203aGuten Morgen\u2039 oder ein L\u00e4cheln.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Winter ist f\u00fcr obdachlose Menschen besonders hart. Torsten Meiners erz\u00e4hlt Sch\u00fclern, wie sein Leben auf der Stra\u00dfe aussieht Von Katrin H\u00f6rnlein Torsten Meiners mag den Januar nicht. Und den Februar auch nicht. \u00bbIn diesen Monaten ist es kalt und nass, die Leute haben schlechte Laune, und deshalb verdiene ich weniger\u00ab, sagt er. 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