{"id":4364,"date":"2010-01-21T13:30:58","date_gmt":"2010-01-21T12:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=4364"},"modified":"2010-01-20T18:09:30","modified_gmt":"2010-01-20T17:09:30","slug":"ein-leben-auf-der-strase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/01\/21\/ein-leben-auf-der-strase_4364","title":{"rendered":"Ein Leben auf der Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4366\" aria-describedby=\"caption-attachment-4366\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><strong><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4366\" title=\"meiners\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/01\/meiners.jpg\" alt=\"Foto:  Mauricio Bustamante\" width=\"540\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/01\/meiners.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/01\/meiners-300x237.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/strong><\/strong><figcaption id=\"caption-attachment-4366\" class=\"wp-caption-text\">Foto:  Mauricio Bustamante<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler fragen, ein Wohnungsloser antwortet<\/strong><\/p>\n<p>In der Klasse 5a des Schulzentrums Altes Land in Jork f\u00e4llt der normale Unterricht an einem Vormittag im Dezember aus. Die Sch\u00fcler haben einen Gast, der von seinem Leben erz\u00e4hlt. Der Mann hei\u00dft Torsten Meiners, ist 45 Jahre alt und obdachlos.<br \/>\nSchon dreizehn Mal wurde an den Schulen in Jork mit einem Basar Geld gesammelt und f\u00fcr Obdachlose gespendet. \u201eDie Sch\u00fcler sollen nicht denken \u201aAch ein Penner, der stinkt!\u2019\u201c, sagt Schulleiterin Meike Mertinger. \u201eSie sollen den Menschen sehen und auch, dass er Hilfe braucht.\u201c Im Politik-, Sozialkunde-, Religions- oder Deutschunterricht besch\u00e4ftigen sich die Sch\u00fcler mit dem Thema Obdachlosigkeit. Die Klasse 5a befragt einen Betroffenen. Er kommt vom Hamburger Stra\u00dfenmagazin <em>Hinz &amp; Kunzt<\/em>, bei dem er Verk\u00e4ufer ist und sich so etwas Geld verdient.<!--more-->Wie sind Sie obdachlos geworden?<br \/>\nTorsten Meiners: Da sind viele Gr\u00fcnde zusammengekommen. Ich wollte nach Neuseeland auswandern. Da hatte ich mal Urlaub gemacht. Deshalb habe ich meine Wohnung gek\u00fcndigt und meine Arbeit aufgegeben, und bin dorthin. Aber ich hatte keine richtige Erlaubnis, in Neuseeland zu sein. Und dann habe ich all mein Geld verloren. Ich habe n\u00e4mlich eine Sucht. Ich bin spiels\u00fcchtig. Als mein ganzes Geld weg war, konnte ich nichts mehr machen. Ich durfte eigentlich gar nicht im Land sein und konnte so auch nicht arbeiten, um neues Geld zu verdienen. Da habe ich meinen Vater angerufen. Er war sehr traurig. Er hatte mir fr\u00fcher schon Geld gegeben, und das hatte ich auch verspielt. Er hat mir noch einmal geholfen, damit ich nach Deutschland zur\u00fcckkommen konnte. Dann war ich zur\u00fcck und hatte keine Wohnung und keine Arbeit mehr.<\/p>\n<p>Wie lang sind sie schon obdachlos?<br \/>\nTorsten Meiners: Seit f\u00fcnf Jahren, und seit vier Jahren bin ich<em> Hinz &amp; Kunzt<\/em>-Verk\u00e4ufer. Das ist eine gute Hilfe, denn man redet mit Leuten. Wenn man keine Wohnung hat, ist die Gefahr gro\u00df, dass man sich versteckt oder ganz doll traurig wird. Und dann kann einem niemand helfen. Aber wenn man rausgeht und die Zeitung verkauft, dann trifft man Leute, und das tut gut. Man lernt einige Menschen richtig kennen, wenn man oft an einem Ort steht und verkauft.<\/p>\n<p>Verdienen Sie noch mit etwas anderem als dem Verkauf des Stra\u00dfenmagazins Geld?<br \/>\nTorsten Meiners: Ich sammle Pfandflaschen am Flughafen. Viele machen das. Mit Taschenlampen, St\u00f6cken und Handschuhen suchen sie nach Leergut. Und ich stehe Modell f\u00fcr Kunststudenten, die mich zeichnen. Manchmal geben mir auch Leute einen kleinen Job. Einmal brauchte eine alte Frau Hilfe beim Gardinenaufh\u00e4ngen. Ich hab das f\u00fcr sie gemacht, und sie hat mir daf\u00fcr etwas Geld gegeben. Eigentlich darf man so etwas aber nicht. Schwarzarbeit hei\u00dft das, weil man keine Steuern daf\u00fcr zahlt.<\/p>\n<p>Einige machen auch Musik und sammeln damit Geld.<br \/>\nTorsten Meiners: Das ist besser als betteln. Denn wenn man Musik macht, dann gibt man den Leuten ja auch etwas. Da haben sie ein besseres Gef\u00fchl, etwas zu geben, als wenn man nur einen Becher hinh\u00e4lt und bettelt.<\/p>\n<p>Wo schlafen Sie?<br \/>\nTorsten Meiners: Ich wohne an einem alten Haus, das verkauft werden soll. Ich habe dem Vermieter angeboten, dass ich mich ein wenig um den Garten k\u00fcmmere, die Hecke schneide zum Beispiel. Daf\u00fcr darf ich auf der Terrasse schlafen. Aber es gibt auch Leute, die schlafen im Winter wirklich auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Auch jetzt in der kalten Jahreszeit?<br \/>\nTorsten Meiners: Ja, man braucht eine gute Unterlage und einen warmen Schlafsack. Viele Obdachlose \u00fcbernachten zusammen, um sich gegenseitig zu w\u00e4rmen. Einige schlafen auch in Einkaufspassagen. Aber da muss man ganz fr\u00fch aufstehen und weggehen. In einigen Passagen gehen n\u00e4mlich morgens Sprinkleranlagen an. Wenn man vorher nicht weg ist, wird man ganz nass. Es gibt nicht viele Pl\u00e4tze, wo man bequem und einigerma\u00dfen sicher schlafen kann. Manche klettern auch in leer stehende H\u00e4user und schlafen dort. Ich habe mal einen Winter lang in einem alten Krankenhaus gewohnt. Im Sommer habe ich mir mal eine Unterkunft in einem Busch gebaut. Die hat keiner so leicht entdeckt, und ich war gut gesch\u00fctzt und konnte meine Sachen da lassen.<\/p>\n<p>In leer stehenden H\u00e4usern schlafen, einen Unterschlupf im Busch bauen &#8211; das klingt wie ein Abenteuer. Ist das so?<br \/>\nTorsten Meiners: Nein, eigentlich ist man die ganze Zeit auf der Flucht. Wie ein gehetztes Tier. Man muss oft Sachen machen, die man eigentlich nicht so richtig darf. Zum Beispiel in leer stehende H\u00e4user einsteigen oder schwarzarbeiten.<\/p>\n<p>Was essen Sie?<br \/>\nTorsten Meiners: Ich esse ganz normal, Obst, Kuchen, was die Hamburger Tafel so verteilt. Von denen bekommt man umsonst etwas zu essen. Wenn man vor dem Supermarkt steht, fragen einen manchmal auch Leute, ob man etwas braucht. Das ist eine gute Hilfe. Besser, als wenn sie einem Geld geben, und das geht dann f\u00fcr eine Sucht drauf \u2013 zum Beispiel f\u00fcr Alkohol.<\/p>\n<p>Wo waschen Sie sich?<br \/>\nTorsten Meiners: Es gibt Tageseinrichtungen, wo man duschen kann. Und einmal in der Woche gehe ich zum Sport, einmal im Monat in die Sauna. Da kann ich mich dann auch richtig waschen. Man muss wissen, wo man sich waschen kann \u2013 und dann muss man das auch tun. Gerade im Winter machen das viele Obdachlose nicht. Es ist denen zu umst\u00e4ndlich. Viele haben ja ihren ganzen Besitz dabei. Dann m\u00fcssen sie alles unterbringen oder einschlie\u00dfen, sich ausziehen &#8230; Aber wenn man sich nicht w\u00e4scht, ist das nicht gesund. Wenn man zum Beispiel eine Wunde hat, kann die viel schneller eitern.<\/p>\n<p>Und was ist mit Z\u00e4hneputzen?<br \/>\nTorsten Meiners: (lacht) Ja, das mach ich nicht so oft. Das ist ganz bl\u00f6d, weil ich schon schlechte Z\u00e4hne habe. Ich habe auch einen Kanister mit Wasser bei meinem Unterschlupf stehen, aber ich putze nicht oft genug. Das ist eine schlechte Angewohnheit.<\/p>\n<p>Woher bekommen Sie Ihre Kleidung?<br \/>\nTorsten Meiners: Aus Spenden. Manchmal stellen Leute auch K\u00f6rbe mit alten Schuhen raus. Da hab ich zum Beispiel die hier gefunden. (Torsten Meiners zeigt seine F\u00fc\u00dfe, und alle Kinder springen auf und sehen seine Turnschuhe an.) Erst hab ich nur Damenschuhe in dem Korb gesehen, aber ganz unten, da hab ich dann die entdeckt. Das war richtiges Gl\u00fcck! Die passen und sind noch richtig gut. Sonst sind Schuhe n\u00e4mlich richtig teuer.<\/p>\n<p>Wie halten Sie sich auf dem Laufenden?<br \/>\nTorsten Meiners: Ich habe ein Radio, damit h\u00f6re ich Nachrichten. Und ich kann in eine B\u00fccherei gehen und Zeitung lesen. Fernsehgucken kann ich nicht. Aber es geht auch ohne.<\/p>\n<p>Gibt es auch Jugendliche in Ihrer N\u00e4he, die obdachlos sind?<br \/>\nTorsten Meiners: Jugendliche sind nicht lange auf der Stra\u00dfe. Das Jugendamt kommt schnell vorbei, und dann leben sie in einem Heim oder einer Pflegefamilie. Da wird in Deutschland besser drauf geachtet als in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Glauben Sie, dass Sie wieder eine Arbeit finden?<br \/>\nTorsten Meiners: Das Schwierige ist, dass man alles gleichzeitig braucht: eine Wohnung, damit man Arbeit bekommt, eine Arbeit, damit man eine Wohnung bekommt, ein Konto, eine Versicherung. Das ist sehr schwer. Aber in Armut steckt ja auch das Wort Mut \u2013 den Mut darf man nicht verlieren.<\/p>\n<p>Kann Ihre Familie Ihnen nicht helfen?<br \/>\nTorsten Meiners: Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Sie k\u00f6nnten helfen. Sie haben aber schon so oft geholfen, und ich habe sie fr\u00fcher h\u00e4ufig belogen. Sie vertrauen mir nicht mehr. Die Spielsucht ist eine Krankheit im Kopf. Das Gemeine ist \u2013 es macht ja Spa\u00df. Aber dann ist das Geld weg, das man eigentlich f\u00fcr etwas anderes gebraucht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Sind Sie schon mal ausgelacht worden?<br \/>\nTorsten Meiners: Ausgelacht nicht, aber einige Menschen wollen einen \u00e4rgern. Es gibt ja zum Beispiel Obdachlose, die immer einen Einkaufswagen dabei haben, mit dem sie ihren Besitz transportieren. Manche Leute klauen etwas aus dem Wagen, oder sie z\u00fcnden die Sachen an. Manche werden auch verpr\u00fcgelt. Jugendliche, die keine Ausbildung und keine Arbeit haben, toben an Obdachlosen ihre Wut aus. Die Leute f\u00fchlen sich gut, wenn sie sich jemand anderem \u00fcberlegen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Ist Ihnen schon mal was richtig Gutes passiert?<br \/>\nTorsten Meiners: Ich war Fu\u00dfballnationalspieler bei der Obdachlosen-Weltmeisterschaft vor zweieinhalb Jahren in Kopenhagen. (Sch\u00fcler applaudieren). Da darf man nur einmal dabei sein, und es wird Kleinfeldfu\u00dfball gespielt. Da waren wir in einem Riesenhotel, und es kamen Menschen aus vielen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Und was nicht so Tolles?<br \/>\nTorsten Meiners: Es ist traurig, wenn ich wegen meiner Spielsucht Geld verliere, das ich eigentlich zum Leben brauche. Aber es kommen auch wieder bessere Tage!<\/p>\n<p>Was ist f\u00fcr Sie ein Gl\u00fcckstag?<br \/>\nTorsten Meiners: Wenn man aufwacht, der Himmel ist blau, und die V\u00f6gel zwitschern, das ist ein gl\u00fccklicher Tag. Aber wenn man darauf achtet, dann hat man jeden Tag ein bisschen Pech und ein bisschen Gl\u00fcck.<\/p>\n<p><strong><em>Protokoll: Katrin H\u00f6rnlein<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00fcler fragen, ein Wohnungsloser antwortet In der Klasse 5a des Schulzentrums Altes Land in Jork f\u00e4llt der normale Unterricht an einem Vormittag im Dezember aus. Die Sch\u00fcler haben einen Gast, der von seinem Leben erz\u00e4hlt. Der Mann hei\u00dft Torsten Meiners, ist 45 Jahre alt und obdachlos. 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