{"id":47,"date":"2008-07-31T14:13:02","date_gmt":"2008-07-31T12:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=47"},"modified":"2008-07-31T14:13:02","modified_gmt":"2008-07-31T12:13:02","slug":"vorsicht-tigergefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2008\/07\/31\/vorsicht-tigergefahr_47","title":{"rendered":"Vorsicht, Tigergefahr!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was geschieht mit gef\u00e4hrlichen Raubkatzen,  die kein Zoo oder Zirkus mehr haben will?  Sie finden eine neue Heimat in Deutschlands  einzigem Tigertierheim <\/strong><br \/>\n<em>Von Jacob Vicari<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/2008\/32\/wissen\/kinderzeit\/tiger\/tiger-450.jpg\" alt=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/2008\/32\/wissen\/kinderzeit\/tiger\/tiger-450.jpg\" \/><span style=\"font-size: 10px;\">\u00a9 China Photos\/Getty Images<\/span><\/p>\n<p>Achtung, Lebensgefahr! Gef\u00e4hrliche Raubtiere!\u00ab, steht auf dem gelben Schild hinter dem Goldfischteich. Ich gehe trotzdem weiter. Hinter dem dunklen Holzzaun ert\u00f6nt ein lautes Kratzen. Dort steht Pamir und wetzt sich die Krallen. Pamir ist ein Sibirischer Tiger. Nur lebt er nicht in Sibirien, sondern in der kleinen Stadt Ansbach-Wallersdorf in Bayern \u2013 in Deutschlands einzigem Tigertierheim. Pamir teilt sich den Garten eines Einfamilienhauses mit sieben anderen Tigern und f\u00fcnf Pumas.<!--more--><\/p>\n<p>Am Anfang wollte die Familie Schuster einfach nur Raubkatzen halten, als Hobby gewisserma\u00dfen. Deshalb baute Helmut Schuster in seinem Garten ein Gehege und kaufte sich zwei Tiger. Das ist \u00fcber 35 Jahre her. Seine Frau Josy entdeckte in einem kleinen Zirkus einen ungl\u00fccklich aussehenden Ozelot. Sie kaufte die kleine Raubkatze frei.<\/p>\n<p>Nach und nach wurde bekannt, dass sich die Schusters um exotische Tiere k\u00fcmmerten \u2013 und immer \u00f6fter riefen Beh\u00f6rden und Tiersch\u00fctzer bei ihnen an. Gesch\u00fctzte Tiere, die keiner mehr haben will, d\u00fcrfen n\u00e4mlich nicht einfach umgebracht werden. Deshalb waren alle Verantwortlichen froh, dass die Schusters die Tiere aufnahmen, die in Zoos oder Zirkussen aus irgendwelchen Gr\u00fcnden \u00fcberfl\u00fcssig geworden waren. Die Tigereltern gr\u00fcndeten den Verein \u00bbExotische Tiere in Not\u00ab, der sich heute um das Tigertierheim k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>In Empfang nimmt mich dort der Tierpfleger Stefan Simdon. Wir gehen in die Futterk\u00fcche. In einer Badewanne liegt ein St\u00fcck Fleisch, so gro\u00df wie eine Torte. Das ist f\u00fcr Pamir bestimmt. Fast zehn Kilo wiegt der Brocken. So ein St\u00fcck frisst Pamir jeden Tag. Er w\u00fcrde sogar noch viel mehr verschlingen, wenn man ihn lie\u00dfe. Schlie\u00dflich wei\u00df ein Tiger in der freien Natur nie, wann die n\u00e4chste Beute vorbeikommt \u2013 deshalb haben Tiger immer Hunger. Aber hier wird die Beute jeden Tag p\u00fcnktlich um vier Uhr nachmittags serviert. Schnell w\u00fcrde Pamir dick werden, darum bekommt er nur eine vern\u00fcnftige Tagesration. Doch auch ein Tiger auf Di\u00e4t ist ein richtig teures Haustier: Im Jahr frisst er mehrere K\u00fche, Fleisch f\u00fcr mindestens 2000 Euro. Auch der Tierarzt kostet Geld: Weil die Raubkatzen oft unter schlechten Bedingungen lebten, bevor sie nach Ansbach umzogen, sind sie h\u00e4ufig krank. Dann wird Dr. Achim Winger gerufen, der sich mit Tigern auskennt, weil er fr\u00fcher im Zoo gearbeitet hat. Nicht immer hat er es mit Bauchweh oder Schnupfen zu tun: Selbst wenn Pamir nur das Gehege wechseln soll, muss der Tierarzt die gef\u00e4hrliche Raubkatze bet\u00e4uben.<\/p>\n<p>Geboren wurde Pamir vor zw\u00f6lf Jahren als Zirkustiger. In den Vorstellungspausen konnten die Kinder ihn auf den Arm nehmen und streicheln. Eltern bezahlten viel Geld f\u00fcr ein Foto ihrer Spr\u00f6sslinge mit dem s\u00fc\u00dfen Tigerbaby. Pamir war der kleine Star des Zirkus. Auch ein windiger Gesch\u00e4ftemacher war begeistert von ihm, weil er sah, wie viel Geld man mit einem Tigerbaby verdienen kann. Er \u00fcberredete die Zirkusleute, ihm Pamir zu verkaufen. Der Mann behandelte den kleinen Tiger schlecht; die Polizei befreite ihn schlie\u00dflich. Pamir kam ins Tigertierheim.<\/p>\n<p>H\u00f6chstens 500 Sibirische Tiger gibt es noch in freier Wildbahn, sie sind wirklich selten. Trotzdem rei\u00dfen sich Zoos nicht um die Tiere. \u00bbEs leben schon zu viele Tiger in Gefangenschaft\u00ab, sagt Tierpfleger Stefan Simdon. Jeder zoologische Garten, der etwas auf sich h\u00e4lt, besitzt ein paar Tiger. Ein Gl\u00fcck also f\u00fcr die Obdachlosen, dass es eine Zuflucht gibt!<\/p>\n<p>Eigentlich ist es in Deutschland gar nicht so schwierig, einen Tiger zu halten: Man braucht einen Tierpfleger, ein gro\u00dfes Gehege \u2013 und ein Tierarzt vom Amt muss es erlauben. Ein bisschen staatliche Kontrolle ist auch ganz gut: K\u00e4men Pamir und seine Kollegen frei, dann w\u00fcrden sie geh\u00f6rig die Umgebung unsicher machen. Sibirische Tiger in Freiheit durchstreifen riesige Reviere, gr\u00f6\u00dfer als Berlin und Hamburg zusammen. Pamirs Gehege in der Raubkatzenstation hingegen hat eher die Gr\u00f6\u00dfe einer ger\u00e4umigen Wohnung. Es ist komfortabler als jeder Zirkuswagen, bietet aber deutlich weniger Platz als viele Zoos. Dabei g\u00e4be es im Garten durchaus noch Ausbaufl\u00e4che. Aber dem Verein fehlt das Geld f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gehege. \u00bbDie Tiger m\u00fcssten es nat\u00fcrlich tausendmal besser haben\u00ab, sagt Tierpfleger Stefan Simdon. \u00bbAber immerhin geht es ihnen hier schon hundertmal besser als dort, wo sie vorher waren.\u00ab Einige Menschen in Ansbach machen sich Sorgen, dass so viele Tiger in ihrer Stadt leben. Das kann man auch irgendwie verstehen. Deshalb darf das Tigertierheim keine neuen Raubkatzen mehr aufnehmen.<\/p>\n<p>Pamir mag seinen Pfleger Stefan. Als wir uns vor ihn hinhocken, bekommt sein Blick etwas Zutrauliches. Pamir sieht aus, als w\u00fcrde er gleich schnurren wie eine Katze. Stefan Simdon streicht durch das Gitter vorsichtig \u00fcber seine Nase. \u00bbSobald er Fleisch sieht, ist die Freundschaft aber vorbei\u00ab, sagt Simdon. Als h\u00e4tte er den Satz verstanden, rei\u00dft der Tiger sein Maul auf: Ich sehe seine vier Schneidez\u00e4hne und die lange rote Raspelzunge. Gott sei Dank hat er keinen Mundgeruch! Und zum Gl\u00fcck ist ein Gitter zwischen uns. Pamir schaut mich an, als g\u00e4be ich eventuell ein gutes Steak ab. \u00bbJetzt\u00ab, sagt Stefan Simdon, \u00bbgehen wir besser.\u00ab<\/p>\n<p>Mit weichen Knien stehe ich auf und stolpere aus dem Raubkatzenhaus. Stefan Simdon schlie\u00dft ab. In einer Vitrine vor dem Haus steht ein durchl\u00f6chertes orangefarbenes Plastikding. Fr\u00fcher soll es einmal ein M\u00fclleimer gewesen sein, so steht es auf einer Tafel daneben zu lesen. Das Plastikding war so lange ein Eimer, bis ein Pfleger es bei Pamir im K\u00e4fig verga\u00df. Vielleicht dachte der Tiger, er habe einen ungew\u00f6hnlich gef\u00e4rbten Hirsch vor sich. Er erlegte den Eimer.<\/p>\n<p>Als das Taxi eintrifft, blicke ich mich noch einmal um. Pamir ist aus seiner H\u00fctte gekommen und schaut mir hinterher, etwas missgelaunt angesichts der Tatsache, dass gerade sein Steak entweicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was geschieht mit gef\u00e4hrlichen Raubkatzen, die kein Zoo oder Zirkus mehr haben will? Sie finden eine neue Heimat in Deutschlands einzigem Tigertierheim Von Jacob Vicari \u00a9 China Photos\/Getty Images Achtung, Lebensgefahr! Gef\u00e4hrliche Raubtiere!\u00ab, steht auf dem gelben Schild hinter dem Goldfischteich. Ich gehe trotzdem weiter. Hinter dem dunklen Holzzaun ert\u00f6nt ein lautes Kratzen. 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