{"id":4838,"date":"2010-03-18T15:00:32","date_gmt":"2010-03-18T14:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=4838"},"modified":"2010-03-17T10:40:49","modified_gmt":"2010-03-17T09:40:49","slug":"pleite-%e2%80%93-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/03\/18\/pleite-%e2%80%93-und-dann_4838","title":{"rendered":"Pleite \u2013 und dann?"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4840\" aria-describedby=\"caption-attachment-4840\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><strong><strong><a rel=\"attachment wp-att-4840\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/03\/18\/pleite-%e2%80%93-und-dann_4838\/pleite\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4840\" title=\"pleite\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/03\/pleite.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"498\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/03\/pleite.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/03\/pleite-300x276.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/strong><\/strong><figcaption id=\"caption-attachment-4840\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Judith Drews<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Einem einzelnen Menschen kann schon mal das Geld ausgehen. Aber was geschieht eigentlich, wenn ein ganzer Staat in Not ger\u00e4t \u2013 so wie gerade Griechenland?<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Uwe Jean Heuser<\/em><\/p>\n<p>In den Nachrichten ist jetzt oft von Griechenland die Rede, und es geht dabei nicht um Urlaub auf sch\u00f6nen Inseln. Auch nicht um olympische G\u00f6tter, wie Ihr sie vielleicht aus dem Geschichtsunterricht kennt. Es geht um Geld und um die Frage, ob Griechenland zu viel davon ausgegeben hat. Ob die Griechen sich mehr Geld von anderen geliehen haben, als sie jemals zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Es geht, kurz gesagt, darum, ob Griechenland pleite ist. Aber k\u00f6nnen L\u00e4nder \u00fcberhaupt pleitegehen? Und wenn ja: Was geschieht dann?<!--more--><br \/>\nDazu eine kleine Geschichte, die nicht heute in Griechenland spielt, sondern vor mehr als hundert Jahren in \u00dcbersee. Damals eroberten die Deutschen einige Kolonien in Afrika und Asien. In einem Inseldorf machten sie eine seltsame Erfahrung: Die Eroberer trafen auf die Einwohner und wollten diese Menschen dazu bringen, f\u00fcr sie zu arbeiten. Doch anders als in anderen F\u00e4llen weigerten sich die stolzen Einwohner beharrlich. Drohungen halfen ebenso wenig wie Pr\u00fcgel. (Heute ist man \u00fcbrigens nicht mehr der Meinung, dass man fremde V\u00f6lker einfach zu etwas zwingen darf. Aber vor mehr als hundert Jahren dachten noch viele Menschen so.)<br \/>\nSchlie\u00dflich kam ein neuer Befehlshaber aus Deutschland. Er schaute sich die Gewohnheiten der Ureinwohner genauer an. Bei jedem Haus lag mindestens ein riesiger Stein. \u00bbVerkaufte\u00ab eine Familie einer anderen etwas, wurde dort im Stein etwas eingeritzt. Genau verstand der Befehlshaber nicht, was da geschah, aber er lie\u00df alle f\u00fcr die Inselbewohner so wichtigen Steine entfernen \u2013 was die Menschen so verunsicherte, dass sie beinahe sofort anfingen, f\u00fcr die Deutschen zu arbeiten.<br \/>\nWarum nur? Aus Sicht der Eroberer ging es um wertlose Steine. Doch tats\u00e4chlich hatten die Menschen ihr \u00bbGeld\u00ab verloren. In der engen Gemeinschaft waren die Steine so gut wie M\u00fcnzen und Scheine, wenn man etwas kaufen wollte. Als die Steine abtransportiert wurden, war die Aufregung gro\u00df. Die ganze kleine Gesellschaft brach zusammen, weil ihr Geldsystem nicht mehr funktionierte. Das Verm\u00f6gen war weg.<br \/>\nGeht bei uns ein Unternehmen pleite, weil es zum Beispiel die Teile nicht mehr bezahlen kann, aus denen seine Mitarbeiter M\u00f6bel oder Handys zusammenbauen, oder weil die Banken ihm kein Geld mehr leihen, dann erkl\u00e4rt der Eigent\u00fcmer seinen Bankrott. (Das ist ein anderes Wort f\u00fcr Pleite.) Dazu zwingt ihn das Gesetz. Oft wird das Unternehmen geschlossen, Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit, Eigent\u00fcmer ihr Geld, alles wird verkauft, und die Firma gibt es nicht l\u00e4nger.<br \/>\nAuf diese Weise kann ein Land nicht pleitegehen. Es ist ja weiter da, mit seinen H\u00e4usern, Stra\u00dfen, Schulen und Bewohnern. Weder h\u00f6rt die Regierung auf zu arbeiten, noch m\u00fcssen die Menschen ihr Land verlassen. Und doch erlebt es seine Pleite, wenn es anderen L\u00e4ndern gegen\u00fcber seine Schulden nicht mehr begleichen kann. Dann werden viele B\u00fcrger \u00e4rmer, und oft erleidet das ganze Land einen Zusammenbruch des Wohlstands und des Selbstvertrauens \u2013 so \u00e4hnlich wie damals die Inselbewohner in \u00dcbersee.<br \/>\nTats\u00e4chlich waren sogar ziemlich viele L\u00e4nder in diesem Sinne schon einmal pleite. Meistens geschah das, nachdem sie sich hoch verschuldet hatten, um einen Krieg zu f\u00fchren \u2013 und diesen dann verloren. Die Briten erlebten ihren ersten Bankrott schon vor mehr als 650 Jahren, nachdem sie mit einem Feldzug gegen Frankreich scheiterten. Sie schuldeten Italien enorm viel Geld und konnten es nicht zur\u00fcckzahlen. Das kriegerische Spanien ging sogar mehr als zehnmal Bankrott.<br \/>\nWenn heute von drohenden Staatspleiten die Rede ist, dann deswegen, weil sich viele L\u00e4nder verschuldet haben, um gegen die gro\u00dfe Wirtschafts- und Finanzkrise zu k\u00e4mpfen, in der schon so mancher seine Ersparnisse oder seine Arbeit verloren hat. Nun ist Griechenland in Schwierigkeiten. Der griechische Staat hat sich bei seinen eigenen B\u00fcrgern und auch im Ausland viel Geld geliehen. Ein Teil dieser Schulden muss dieses Jahr zur\u00fcckgezahlt werden, und um das tun zu k\u00f6nnen, muss sich Griechenland irgendwo wieder neues Geld leihen. Weil aber die Welt die griechischen Probleme kennt, ist niemand besonders begeistert davon, den Griechen noch mehr Geld zu geben: Man kann ja nicht wissen, ob man es wiederbekommt. Die Geldgeber aus anderen L\u00e4ndern verlangen jetzt sehr hohe Zinsen von Griechenland \u2013 viel h\u00f6here \u00bbLeihgeb\u00fchren\u00ab als zum Beispiel von Deutschland. Wenn die Griechen aber k\u00fcnftig noch h\u00f6here Zinsen bezahlen m\u00fcssen als heute, wird ihre Geldnot immer schlimmer.<br \/>\nFr\u00fcher h\u00e4tte ein Land vielleicht einfach neues Geld gedruckt, um sein Problem zu l\u00f6sen. Das w\u00e4re zwar keine gute Idee gewesen, weil alle Sachen \u2013 Lebensmittel, Benzin, auch Spielzeug \u2013 irgendwann wahnsinnig teuer werden, wenn es zwar reichlich Geldscheine gibt, aber nur wenig Waren. Doch kurzfristig h\u00e4tte es vielleicht geholfen. Griechenland hat aber gar kein eigenes Geld, keine eigene W\u00e4hrung mehr. Es ist, wie Deutschland, eines der L\u00e4nder, die sich den Euro teilen. Die Griechen k\u00f6nnen nicht einfach mit Geldscheinen um sich werfen, weil die anderen L\u00e4nder nicht wollen, dass auch bei ihnen alles teurer wird.<br \/>\nSelbst helfen k\u00f6nnen sich die Griechen vor allem, indem sie kr\u00e4ftig sparen und die Steuern erh\u00f6hen (das Geld, das jeder B\u00fcrger dem Staat abgeben muss). Reicht das nicht, um die Banken und B\u00fcrger zu \u00fcberzeugen, dem griechischen Staat erneut Geld zu leihen, dann ist Griechenland auf die Hilfe anderer L\u00e4nder angewiesen. Doch die kn\u00fcpfen ihre Hilfe an harte Bedingungen.<br \/>\nMan sieht am Beispiel Griechenland: Ob ein Land heute in die Pleite rutscht, hat viel mit Vertrauen in dieses Land zu tun. Kommt es wirklich so weit, dass ein Staat nicht mehr bezahlen kann, ist das eine schlimme Sache. Das ganze Land ger\u00e4t dann in einen schlechten Ruf bei Geldgebern und Investoren in aller Welt. Man leiht ihm nichts mehr. Und den Menschen dort geht es schlechter. Deshalb ist Sparsamkeit, auch wenn sie erst einmal wehtut, jetzt das Beste f\u00fcr Griechenland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einem einzelnen Menschen kann schon mal das Geld ausgehen. Aber was geschieht eigentlich, wenn ein ganzer Staat in Not ger\u00e4t \u2013 so wie gerade Griechenland? Von Uwe Jean Heuser In den Nachrichten ist jetzt oft von Griechenland die Rede, und es geht dabei nicht um Urlaub auf sch\u00f6nen Inseln. 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