{"id":55,"date":"2008-08-14T12:35:10","date_gmt":"2008-08-14T10:35:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=55"},"modified":"2008-08-14T12:35:10","modified_gmt":"2008-08-14T10:35:10","slug":"alis-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2008\/08\/14\/alis-gluck_55","title":{"rendered":"Alis Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mullah Machmud hat den kleinen Waisenjungen Ali aus Teheran bei sich  aufgenommen. Doch mit elf Jahren soll Ali seinen Lebensunterhalt selbst verdienen:  Als Laufbursche bei dem hartherzigen Gew\u00fcrzh\u00e4ndler Amir. Wird das gut gehen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Ulrich Ladurner<\/em><\/p>\n<p><img src='http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/2008\/34\/wissen\/kinderzeit\/amir\/amir-artikel-450.jpg' alt='Alis Gl\u00fcck' class='aligncenter' \/><span style=\"font-size: 10px;\">\u00a9 Lalage Snow\/AFP\/Getty Images<\/span><\/p>\n<p>Ali wei\u00df nicht allzu viel von Allah, und doch geht er jeden Tag in die Moschee, um zu beten. Er ist es so gewohnt \u2013 und er ist Allah dankbar. Denn ohne ihn h\u00e4tte er vielleicht Mullah Machmud nicht kennengelernt. Der Mullah (das ist ein islamischer Geistlicher) hat Ali vor einem b\u00f6sen Schicksal bewahrt. Alis Eltern kamen n\u00e4mlich bei einem Autounfall ums Leben, als er sieben Jahre alt war, und niemand wusste so recht, was mit dem kleinen Jungen zu tun sei. Er hatte keine Verwandten.<!--more--><\/p>\n<p>Da riefen die Nachbarn den Mullah. Dieser kratzte sich den Bart, schaute auf den weinenden Ali und sagte in ruhigem Ton: \u00bbDu bleibst vorerst mal bei mir!\u00ab Geblieben ist Ali eine ganze Weile. Aber als er elf Jahre alt wurde, sagte Mullah Machmud: \u00bbEs ist Zeit, dass du mich verl\u00e4sst und selbstst\u00e4ndiger wirst!\u00ab Ali erschrak, denn er war gerne im Hause des Mullahs. Das Essen schmeckte ihm zwar nicht, und manchmal war Mullah Machmud auch sehr streng und teilte Kopfn\u00fcsse aus. Trotzdem gefiel es Ali hier: Das Haus war im Winter wohlig warm und k\u00fchl im Sommer. Da ist sehr wichtig, denn Teheran, die Hauptstadt Irans, kann winters bitterkalt sein und sommers gl\u00fchend hei\u00df.<\/p>\n<p>\u00bbWas haben Sie vor?\u00ab, fragte Ali den Mullah mit kratziger Stimme. Er hatte einen Klo\u00df im Hals. \u00bbIch werde Amir fragen, ob er eine Arbeit f\u00fcr dich hat.\u00ab Da erschrak Ali noch mehr. \u00bbAmir!\u00ab, dachte er. \u00bbBitte nicht zu Amir! Bitte!\u00ab Er traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Mullah Machmud mochte es nicht, wenn man ihm widersprach. Ali schwieg daher und betete. Der Mullah sagte, er werde in der kommenden Woche mit Amir sprechen. \u00bbDann ist er aus Mekka zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n<p>Ali hatte aus gutem Grund Angst vor Amir. Der besa\u00df einen Laden am Asadi-Platz im S\u00fcden Teherans und war ein gerissener Gesch\u00e4ftsmann, der immer nur daran dachte, wie er sein Geld vermehren konnte. F\u00fcr Kinder hatte er nicht viel \u00fcbrig. Selbst seine eigenen S\u00f6hne interessierten ihn kaum, es sei denn, sie halfen ihm beim Geldverdienen. Die Leute im Viertel sagten \u00fcber Amir, dass er sogar seine Gro\u00dfmutter verkaufen w\u00fcrde, wenn es sich denn lohnte. Die meisten waren deshalb \u00fcberrascht, als Amir nach Mekka aufbrach, zur Heiligen Stadt der Muslime. Jeder Muslim sollte zwar einmal im Leben nach Mekka reisen, doch ist diese Reise sehr teuer, und Amir war ja so geizig. Aber er fuhr, und die Nachbarn konnten sich nicht erkl\u00e4ren, warum.<\/p>\n<p>Als Amir aus Mekka nach Teheran zur\u00fcckkam, bereitete ihm seine Familie ein Fest. Das ist Tradition. Tradition ist es auch, dass alle Nachbarn in das Haus des Pilgers kommen, um ihn zu sprechen und sich verk\u00f6stigen zu lassen. Amir \u00e4rgerte sich \u00fcber diesen Brauch, denn er sah nur, wie die Nachbarn, die er ohnehin nicht besonders mochte, sein Geld verprassen w\u00fcrden. Immerhin versuchte er sich damit zu tr\u00f6sten, dass er sich nun \u00bbHadschi Amir\u00ab nennen konnte. Die Pilgerreise nach Mekka hei\u00dft n\u00e4mlich Hadsch. Wer sie erfolgreich unternimmt, darf den Zusatz Hadschi in seinem Namen f\u00fchren. Das ist schon fast eine Art Adelstitel.<\/p>\n<p>\u00bbHadschi Amir, Hadschi Amir\u00ab, murmelte Amir vor sich hin, w\u00e4hrend er mit versteinertem Gesicht zusah, wie die Nachbarn sein Essen verschlangen. Doch Allah w\u00e4re nicht Allah und eine Pilgerfahrt w\u00e4re keine Pilgerfahrt, wenn sie aus dem missg\u00fcnstigen Amir nicht irgendwie einen besseren Menschen gemacht h\u00e4tte. Und dieses Wunder geschah, kurz bevor der Mullah zu Amir kam, um mit ihm \u00fcber Ali zu sprechen.<\/p>\n<p>Am Tag nach dem Willkommensfest behauptete eine Frau, dass der Reis, den sie in Hadschi Amirs Gesch\u00e4ft gekauft hatte, Wunder wirke. Die Frau hatte seit Jahren unter einem hartn\u00e4ckigem Hautausschlag gelitten. Das war im Viertel bekannt, denn sie beklagte sich laut und oft dar\u00fcber. Pl\u00f6tzlich aber war der Ausschlag verschwunden, \u00fcber Nacht. \u00bbIch habe bei Hadschi Amir eingekauft! Er hat mich gerettet!\u00ab, jubelte die Frau. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Hadschi Amirs Laden f\u00fcllte sich mit Menschen. Sie kauften den ganzen dort gelagerten Reis. Und als keiner mehr zu haben war, kauften sie andere Waren, Gew\u00fcrze, H\u00fclsenfr\u00fcchte, Tee, ja sogar Kekse der Marke Tuc, die allgemein als ungenie\u00dfbar galten. \u00dcber Hadschi Amirs Laden, da waren sich alle sicher, musste ein Segen liegen. Der Gesch\u00e4ftsmann sa\u00df hinter dem Ladentisch und sah ungl\u00e4ubig zu, wie alle Regale leer gekauft wurden. Am Abend z\u00e4hlte er die Geldscheine. Es waren so viele, dass er sie auf dem Tisch stapeln musste. \u00bbOh Allah!\u00ab, rief er aus. \u00bbOh Allah, du meinst es gut mit mir!\u00ab In diesem Moment betrat Mullah Machmud den Laden.<\/p>\n<p>\u00bbEs ist sch\u00f6n, dass du dich bei Allah bedankst\u00ab, sagte der Mullah.<\/p>\n<p>Hadschi Amir schaute \u00fcberrascht auf.<\/p>\n<p>\u00bbDa wir schon beim Thema sind, da gibt es auch eine Sache, die du f\u00fcr Allah tun k\u00f6nntest\u00ab, sagte der Mullah. Er setzte sich Hadschi Amir gegen\u00fcber und brachte ihm sein Anliegen vor. Nach wenigen Minuten sagte Hadschi Amir: \u00bbDer kleine Ali soll mir willkommen sein. Allah schickt ihn zu mir!\u00ab<\/p>\n<p>Und so kam es, dass Ali bei Hadschi Amir als Laufbursche Arbeit bekam. Er hatte ein gutes Leben dort, denn Hadschi Amir war \u00fcberzeugt, dass Ali ihm Gl\u00fcck bringen w\u00fcrde (er meinte damit: Geld), denn sonst h\u00e4tte Allah den Jungen ja nicht zu ihm geschickt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mullah Machmud hat den kleinen Waisenjungen Ali aus Teheran bei sich aufgenommen. Doch mit elf Jahren soll Ali seinen Lebensunterhalt selbst verdienen: Als Laufbursche bei dem hartherzigen Gew\u00fcrzh\u00e4ndler Amir. Wird das gut gehen? 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