{"id":5809,"date":"2010-05-17T10:00:30","date_gmt":"2010-05-17T08:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=5809"},"modified":"2010-05-17T13:36:42","modified_gmt":"2010-05-17T11:36:42","slug":"jetzt-ist-es-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/05\/17\/jetzt-ist-es-weg_5809","title":{"rendered":"Jetzt ist es weg"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/05\/schafe.jpg\" alt=\"\" title=\"schafe\" width=\"540\" height=\"525\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5810\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/05\/schafe.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/05\/schafe-300x291.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><br \/>\n<strong>Wie wir versuchten, ein mutterloses Lamm zu retten, und es nicht geschafft haben: ZEIT-Reporterin\u2002Sabine R\u00fcckert\u2002berichtet \u00fcber einen der traurigsten Tage in ihrem Leben<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter haben wir uns gedacht, dass es vielleicht besser gewesen w\u00e4re, wir h\u00e4tten ihn gar nicht erst bei uns aufgenommen. Sp\u00e4ter als er uns so viel Kummer gebracht hat, besonders den Kindern. Aber was will man machen, wenn einem ein neugeborenes Schafsb\u00f6cklein auf der Weide M\u00e4h rufend entgegenstakst und all seine Hoffnung auf die Menschen wirft, weil die eigenen Artgenossen es verlassen haben? <!--more--><\/p>\n<p>Ihr m\u00fcsst wissen, dass wir auf dem Lande wohnen, am Rande einer h\u00fcgeligen Wiese. Wir, das sind zwei Familien, die sich ein rotes Haus teilen: die Familie M\u00fcller mit den Kindern Valentin, 11, und Antonia, 5, und mein Mann und ich mit unserer dreizehnj\u00e4hrigen Tochter Lena. Drei Tage im April lebte auch noch \u2013 quasi als achter Bewohner \u2013 der kleine Schafsbock unter unserem Dach. Die Kinder hatten ihn hereingetragen. Er geh\u00f6rte zu der Herde von Heidschnucken, die auf der Nachbarwiese das Gras abknabbern. Es sind zottige graue Gesch\u00f6pfe auf Streichholzbeinen. Ihr Chef ist ein dicker Bock mit H\u00f6rnern, die aussehen, als habe man sie mit einer Lockenschere bearbeitet. Er hat sieben Frauen, die uns immer missbilligend anstarren, wenn wir die Wiese \u00fcberqueren. Ihre Jungen, die nach Ostern geboren wurden, waren pechschwarz und h\u00fcpften lustig zwischen den Altschafen herum.<\/p>\n<p>Aber dieses eine Junge h\u00fcpfte nicht. Als die Kinder es uns ins Haus stellten, war es schon sehr entkr\u00e4ftet. Seine Mutter hatte es versto\u00dfen, warum, wussten wir nicht. Da stand dieses kleine Wesen nun mitten in der K\u00fcche auf wackeligen Beinen und machte &#8222;b\u00e4h&#8220;. Wie hilft man einem neugeborenen Lamm? Womit f\u00fcttert man es? Darf man es in der Wohnung behalten? Oder ist das ungesund f\u00fcr das Tier? Diese Fragen mussten wir beantworten an jenem Montagabend, als alle Gesch\u00e4fte geschlossen und alle Tier\u00e4rzte Feierabend gemacht hatten. Wenn die Kinder uns einen Delfin vor die F\u00fc\u00dfe gelegt h\u00e4tten \u2013 wir w\u00e4ren nicht ratloser gewesen. <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich teilten wir uns die Arbeit. Ich h\u00e4ngte mich ans Telefon und versuchte einen Sch\u00e4fer aufzutreiben oder einen Tierarzt, der in der Praxis h\u00e4ngen geblieben war. Und bei Frau M\u00fcller siegte die Mutterliebe \u00fcber die Tierhaarallergie: Sie ging mit den Kindern hinaus, um ein Schaf zu melken. Gemeinsam mit unserem Nachbarjungen gelang es ihr tats\u00e4chlich, eine emp\u00f6rte Heidschnuckenmutter zu \u00fcberw\u00e4ltigen und ihr zwangsweise Milch abzuzapfen. Dass das nur unter Gebl\u00f6ke und Gestrampel m\u00f6glich war, das k\u00f6nnt Ihr Euch denken. Immerhin brachten sie eine ganze Menge fetter gelber Schafsmilch mit, die unser Gast sofort aus dem Fl\u00e4schchen nuckelte. Dann legte er sich in einen mit Decken ausgelegten Hundekorb, den ich neben meinem Bett aufgestellt hatte, und schlief ein.<br \/>\nIch selbst habe die n\u00e4chsten drei N\u00e4chte nicht geschlafen. In der ersten wollte das Sch\u00e4fchen immerzu trinken. Alle zwei Stunden machte es &#8222;b\u00e4h&#8220;, und dann rannte ich in die K\u00fcche, um die Schafsmilch aufzuw\u00e4rmen. Der Babybock stand hinter mir, den Kopf unter dem Nachthemd, und stupste mich unabl\u00e4ssig an die Waden, was wohl hei\u00dfen sollte: Mach schneller! <\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen ging Frau M\u00fcller mit unserem Gast zu einem Sch\u00e4fer und kaufte \u2013 wie ein Schafsdoktor es uns empfohlen hatte \u2013 L\u00e4mmerersatzmilch. Das Lamm verschlang sie freudig. Aber es hat sie nicht vertragen. Als ich am sp\u00e4ten Nachmittag nach Hause kam, hatte es Durchfall. Frau M\u00fcller hatte ihm eine Pamperswindel um das Hinterteil geschlungen, und die Kinder, die dachten, es werde bald wieder gesund, lachten, weil der kleine Bock da in seinen Windelh\u00f6schen mitten im Wohnzimmer stand. Sie sagten, er sehe aus wie ein &#8222;Alien in Unterhose&#8220;. In der zweiten Nacht hatte das L\u00e4mmchen Bauchweh, und ich musste es ungef\u00e4hr jede halbe Stunde wickeln. Am n\u00e4chsten Morgen ging ich, grau vor M\u00fcdigkeit, zur Arbeit und Frau M\u00fcller mit dem abgemagerten schwarzen B\u00f6cklein zum sogenannten Arzt f\u00fcr Nutztiere. Den ganzen Tag dachte ich blo\u00df an das Schaf, obwohl ich mit wichtigen Menschen telefonierte und kluge Herren interviewte. Das f\u00fchrte dazu, dass ich ihnen dumme Fragen stellte, meine Aufzeichnungen blo\u00df wirres Gekritzel wurden und ich nicht einmal den Eingang in das B\u00fcro eines Rechtsanwalts finden konnte \u2013 obwohl ich direkt davorstand.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kehrte ich heim, da war der Durchfall vorbei. Das Schaf hatte Spritzen und sogar eine Infusion bekommen \u2013 jetzt schien es ihm besser zu gehen. Aber es wollte nicht mehr trinken und war sehr unruhig. Auf seinen kleinen Hufen trappelte es \u00fcber den Holzboden unserer Wohnung, verkroch sich unter dem Schaukelstuhl und rumorte in den dunklen Ecken. Was will es blo\u00df, fragten wir uns. Und ahnten tief drin, dass es einen Platz zum Sterben suchte.<\/p>\n<p>In der dritten Nacht schlief ich nicht, weil unser Sch\u00e4fchen starb. Ich hatte es ins Badezimmer gesetzt, denn es fror, und wir haben dort Fu\u00dfbodenheizung. Um vier Uhr fr\u00fch wachte ich von seinem &#8222;b\u00e4h&#8220; auf. Ich lief hin\u00fcber und fand es schwach und zitternd. Ich rief alle Erwachsenen zusammen, und wir umstanden den Korb und sahen machtlos zu, wie das kleine Gesch\u00f6pf, um dessen Leben wir seit drei Tagen k\u00e4mpften, vom Tod geholt wurde. Aus Verzweiflung kochte ich noch schnell einen Kamillentee, aber als ich damit ankam, lag es schon ganz still, und Frau M\u00fcller sagte: Jetzt ist es weg.<\/p>\n<p>Den Rest der Nacht weinten wir mit den Kindern, die aufgewacht waren, und am n\u00e4chsten Tag ging ich auf Dienstreise, Frau M\u00fcller aber begrub mit unseren und den Nachbarskindern unser armes Schaf. Vier Kreuze aus Zweigen hat es bekommen. Sp\u00e4ter fragten wir den Sch\u00e4fer und die Nachbarn und den Tierarzt, was wir falsch gemacht h\u00e4tten. Und alle sagten: Nichts! So was kommt vor.<\/p>\n<p>Aber das ist f\u00fcr uns keine Antwort. Das k\u00f6nnt Ihr sicher verstehen. Und jetzt sagt mir, was wir n\u00e4chstes Jahr machen sollen, wenn uns wieder um die Osterzeit ein verwaistes Lamm entgegenkommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wir versuchten, ein mutterloses Lamm zu retten, und es nicht geschafft haben: ZEIT-Reporterin\u2002Sabine R\u00fcckert\u2002berichtet \u00fcber einen der traurigsten Tage in ihrem Leben Sp\u00e4ter haben wir uns gedacht, dass es vielleicht besser gewesen w\u00e4re, wir h\u00e4tten ihn gar nicht erst bei uns aufgenommen. Sp\u00e4ter als er uns so viel Kummer gebracht hat, besonders den Kindern. 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