{"id":6567,"date":"2010-07-15T11:00:31","date_gmt":"2010-07-15T09:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=6567"},"modified":"2010-07-21T23:04:03","modified_gmt":"2010-07-21T21:04:03","slug":"kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/07\/15\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-4_6567","title":{"rendered":"KinderZEIT Lesesommer 2010: Ich, Gorilla und der Affenstern \u2013 Teil 4"},"content":{"rendered":"<p><a rel=\"attachment wp-att-6570\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/07\/15\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-4_6567\/affenstern04\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6570\" title=\"affenstern04\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/07\/affenstern04-540x417.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"417\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/07\/affenstern04-540x417.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/07\/affenstern04-300x231.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Von Frida Nilsson<\/strong><br \/>\n<em><br \/>\nJonna lebt sich langsam bei ihrer Adoptivmutter Gorilla, einer Affendame, ein. Doch dann erscheint ein unheimlicher Besucher, der Gorilla von ihrem Schrottplatz vertreiben will. Das l\u00e4sst sich die Affendame nicht gefallen \u2013 ohnehin besch\u00e4ftigt sie sich lieber mit sch\u00f6nen Dingen, zum Beispiel seltenen B\u00fcchern \u2026<!--more--><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>In Gorillas Kloh\u00e4uschen klebten Tapeten mit gro\u00dfem Bl\u00fctenmuster an den W\u00e4nden. Pfingstrosen. Sie hatte es beim Tapezieren nicht allzu genau genommen, und nun klafften zwischen den Bahnen einige L\u00fccken. Bilder hingen auch an der Wand, haupts\u00e4chlich Drucke von alten K\u00f6niglichen Hoheiten, aber auf einem von ihnen war ein sinkender Dampfer zu sehen. \u00bbNo panic on Titanic\u00ab stand unten auf dem Rahmen \u2013 keine Panik auf der Titanic. Auf dem Heck des Schiffes, das steil nach oben ragte, stand ein armer Kerl und klammerte sich an einem Tau fest. Bald w\u00fcrde er ertrinken.<br \/>\nEines Vormittags sa\u00df ich da drinnen zwischen den Pfingstrosen und betrachtete das Bild mit der Titanic. Gorilla war drau\u00dfen im Hof und spritzte mit dem Gartenschlauch eine alte Schubkarre ab. Sie brummte und summte. Wenn man ehrlich war, klang das abscheulich, aber irgendwie hatte es auch etwas Behagliches. Ich baumelte mit den Beinen. Ich konnte ebenso gut hier drinnen sitzen, statt Gorilla und ihrer alten Schubkarre zuzugucken. Mir fiel das Fahrrad ein, das noch im Haus stand. Aber ich sch\u00fcttelte den Gedanken wieder ab. Es stand gut dort, wo es stand.<\/p>\n<p>Ein Auto kam angebrummt und hielt vor dem Tor. Die Autot\u00fcr \u00f6ffnete sich und schlug mit einem Knall wieder zu. Schritte n\u00e4herten sich schmatzend durch den Matsch. \u00bbH\u00f6rm-h\u00f6rm!\u00ab, r\u00e4usperte sich Gorilla Respekt einfl\u00f6\u00dfend. \u00bbDer Parkplatz ist eigentlich vor dem Haus!\u00ab Als die Schritte ganz nahe waren, hielten sie an. \u00bbAch ja?\u00ab, erwiderte eine M\u00e4nnerstimme. \u00bbIch dachte, das da vorne w\u00e4re das Schlammloch.\u00ab Gorilla schnaubte. Der Mann drehte eine kleine Runde \u00fcber den Hof. \u00bbDas Dach gibt mit Sicherheit bald nach\u00ab, sagte er. \u00bbSie sollten aufpassen, dass es Ihnen nicht auf den Kopf f\u00e4llt. Kostet ein Verm\u00f6gen, so was zu reparieren.\u00ab \u2013 \u00bbPah!\u00ab, schnaubte Gorilla. \u00bbWas wollten Sie noch gleich?\u00ab \u2013 \u00bbNa, was glauben Sie wohl?\u00ab, sagte der Mann. \u00bbDass ich komme, um mir die Schuhe einzusauen?\u00ab \u2013 \u00bbHmpf!\u00ab, machte Gorilla, und jetzt klang sie w\u00fctend. \u00bbWenn Sie mit Ihrem \u00fcblichen Geschw\u00e4tz kommen, dann k\u00f6nnen Sie gleich wieder verschwinden. Ich habe alles gesagt, was wichtig ist!\u00ab \u2013 \u00bbNa, na, na\u00ab, sagte der Typ \u00fcberheblich, als w\u00e4re Gorilla ein Kleinkind.<\/p>\n<p>So leise ich konnte, rutschte ich vom Klo, aber ich wollte auf keinen Fall rausgehen, ehe der Kerl nicht wieder verschwunden war. Er war mir irgendwie unheimlich. \u00bbWir haben beschlossen, nett zu sein\u00ab, sagte er. \u00bbSie bekommen das Doppelte von dem, was dieser Misthaufen hier wert ist. So gro\u00dfz\u00fcgig waren wir noch zu niemandem.\u00ab \u2013 \u00bbHa!\u00ab, fauchte Gorilla h\u00f6hnisch. \u00bbIhre Vorstellung von dem Wert dieses Grundst\u00fcckes ist reine Erfindung. Was Sie all den anderen gegeben haben, m\u00f6chte ich gar nicht wissen, wahrscheinlich hat es nicht einmal gereicht, den Umzugswagen zu bezahlen.\u00ab \u2013 \u00bbK\u00fcmmern Sie sich nicht um die Gesch\u00e4fte anderer\u00ab, sagte der Mann. \u00bbDenken Sie lieber an Ihre eigenen, jetzt, wo Sie so ein gutes Angebot bekommen haben.\u00ab \u2013 \u00bbMein Gesch\u00e4ft ist der Schrott\u00ab, sagte Gorilla entschieden. \u00bbDen Platz werden Sie mir niemals abjagen, das habe ich schon millionenfach erkl\u00e4rt. Und jetzt verziehen Sie sich! F\u00fcr heute ist geschlossen!\u00ab Es wurde still.<\/p>\n<p>\u00bbJa, ja\u00ab, sagte der Mann nach einer Weile, und jetzt klang er gar nicht mehr ruhig, sondern ziemlich ver\u00e4rgert. \u00bbEines Tages werden auch Sie dichtmachen.\u00ab \u2013 \u00bbPah!\u00ab, grunzte Gorilla. \u00bbDrohungen jucken mich nicht.\u00ab \u2013 \u00bbNee, nee\u00ab, sagte der Mann. Die Schritte schmatzten zur\u00fcck zum Tor. Da wusste ich, dass ich diesen Kerl unbedingt sehen musste. Vorsichtig schob ich den Haken hoch, um die T\u00fcr einen Spaltbreit zu \u00f6ffnen. Aber vor lauter Aufregung waren meine H\u00e4nde ganz zittrig und schwitzig, und ich rutschte ab. Der Haken schepperte vernehmlich. Die Schritte verstummten. \u00bbIst da jemand drinnen?\u00ab, fragte der Mann. Gorilla z\u00f6gerte etwas zu lange mit der Antwort. \u00bbN\u00f6\u00ab, sagte sie dann, aber die Schritte machten bereits kehrt und schmatzten zur\u00fcck. \u00bbJa, ja, ja\u00ab, sagte Gorilla verlegen. \u00bbDas Schloss im Kloh\u00e4uschen hat im Wind geklappert. Wollten Sie nicht gerade gehen?\u00ab Just als ich den Haken wieder einh\u00e4ngen wollte, \u00f6ffnete sich die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Ich blickte in ein strenges Gesicht mit eingefallenen schmalen Wangen. Der Mann hatte scharf geschnittene und breite Augenbrauen, aber seine Augen waren nichts als kleine Schlitze. Seine Nase war spitz, das Kinn kurz. Er trug einen braunen Anzug und einen Hut. Er sah mich lange an. Besonders \u00fcberrascht schien er nicht zu sein. Eher nachdenklich. Nach einer Weile zog er seine m\u00fcrrischen Mundwinkel zu einem L\u00e4cheln hoch und zeigte seine langen gelben Z\u00e4hne. \u00bbHallo\u00ab, sagte er mit weicher Stimme. \u00bbWen haben wir denn da?\u00ab Ich schluckte, aber ich konnte nichts sagen. Da kam Gorilla angerauscht. \u00bbLassen Sie sie in Ruhe!\u00ab, rief sie. \u00bbMit ihr haben Sie nichts zu tun!\u00ab Sie dr\u00e4ngelte sich zwischen mich und den Mann. \u00bbSo! Und jetzt verschwinden Sie!\u00ab Der Mann wich zur\u00fcck, aber er sah mich unverwandt an. Seine tr\u00fcben Augen machten mich nerv\u00f6s. Warum h\u00f6rte er nicht auf zu l\u00e4cheln? Gorilla schubste ihn mit ihrem gro\u00dfen Bauch vor sich her, bis er schlie\u00dflich fast auf seinem Allerwertesten landete. \u00bbJa, ja\u00ab, fauchte er. \u00bbIch gehe ja schon.\u00ab \u2013 \u00bbGut so\u00ab, sagte Gorilla. \u00bbUnd kommen Sie nicht zur\u00fcck, solange Sie keinen Schrott kaufen wollen, denn die Antwort ist Nein.\u00ab<\/p>\n<p>Der Mann machte auf dem Absatz kehrt und stiefelte zu seinem Auto. Es sah teuer aus. Auf einer Scheibe klebte ein runder, quietschgelber Aufkleber. Er stieg ein und brauste davon. Sofort fing Gorilla an, mit verschiedenen Hobeln in einer Schublade herumzuhantieren. Sie pfiff. \u00bbWer war das?\u00ab, fragte ich. Gorilla zuckte mit den Schultern, als h\u00e4tten wir es hier mit einer v\u00f6llig unwichtigen Kleinigkeit zu tun. \u00bbNiemand Besonderes. Tord hei\u00dft er. Tord Fjordmark. Er kommt schon seit ewigen Zeiten immer wieder an und m\u00f6chte \u00fcber mein Grundst\u00fcck reden.\u00ab Hoch konzentriert sortierte sie ihre Hobel. \u00bbWarum denn?\u00ab, fragte ich weiter. \u00bbWas?\u00ab Gorilla schaute mit derselben sorglosen Miene auf. \u00bbAch so! Na, er will es haben, um hier zu bauen. Er sitzt n\u00e4mlich in der Stadtverwaltung, und die haben sich \u00fcberlegt, dass sie gerne ein Schwimmbad hier drau\u00dfen h\u00e4tten.\u00ab Sie schnaubte mit ihrer gro\u00dfen Nase. \u00bbDamit wollen sie nat\u00fcrlich Geld verdienen. Alle anderen konnten sie austricksen. Jeder Kasten hier drau\u00dfen steht leer und wartet darauf, unter Wasser gesetzt zu werden. Aber mein Grundst\u00fcck liegt mittendrin, und ich lasse mich nicht erpressen.\u00ab <\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte, als g\u00e4be es keinen Kummer auf der Welt. \u00bbDu musst dir also keine Gedanken machen.\u00ab Ich wartete noch einen Moment, ob sie nicht doch etwas mehr sagen wollte, aber Gorilla nickte nur mit dem Kopf in Richtung Kloh\u00e4uschen. \u00bbDu hast die T\u00fcr offen stehen lassen\u00ab, sagte sie, um das Thema zu wechseln. Als ich zur\u00fcckging, um sie zuzumachen, hatte ich ein seltsames Gef\u00fchl im Bauch. Etwas Stechendes. Ich konnte das Gesicht von diesem Tord nicht vergessen. Sein Lachen und wie er mich mit seinem Blick durchbohrt hatte. Im Kloh\u00e4uschen sah ich wieder das Bild mit dem Schiff an der Wand. \u00bbNo panic on Titanic\u00ab, murmelte ich, schloss die T\u00fcr und setzte mich drau\u00dfen in die Vormittagssonne.<\/p>\n<p>Das rote Fahrrad durfte an den Kamin gelehnt im Haus stehen bleiben. Ich r\u00fchrte es nicht an. Ab und zu betrachtete Gorilla das Rad und \u00e4ugte dann zu mir, als warte sie auf etwas. Eines Morgens, als ich zum Fr\u00fchst\u00fccken in die K\u00fcche kam, stand sie mit erwartungsvoller Miene am Herd. \u00bbMorgen, Morgen\u00ab, sagte sie. \u00bbHej\u00ab, sagte ich und setzte mich auf meinen kleinen paprikagr\u00fcnen Stuhl. TUUUUT! Ich sprang auf, als h\u00e4tte mich jemand mit einer Nadel in den Po gepikt. \u00bbHa-Ha-Ha, \u00dcberraschung?!\u00ab, lachte Gorilla und klopfte sich auf die Schenkel. W\u00fctend schnappte ich das Dings, auf das ich mich eben gesetzt hatte. Es war eine Hupe, mit schwarzem Gummibalg und einem gl\u00e4nzenden Trichter. \u00bbWas ist das?\u00ab, fauchte ich. \u00bbOch, nichts Besonderes\u00ab, sagte Gorilla mit vergn\u00fcgtem Grinsen. \u00bbNur eine kleine Fahrradhupe. Ich habe sie in einer meiner Schrottkisten entdeckt und mit Motorenfett geschmiert.\u00ab \u2013 \u00bbAha\u00ab, sagte ich. \u00bbUnd jetzt soll sie auf meinem Stuhl im Weg liegen?\u00ab Gorilla wackelte mit ihren struppigen Augenbrauen. \u00bbIch k\u00f6nnte sie an dein Fahrrad schrauben, wenn du magst\u00ab, sagte sie und legte mir ein frisch gebratenes Spiegelei auf den Teller. Ich zog das Ei mit den Fingern auf mein Brot. Wenn Gerd das gesehen h\u00e4tte! \u00bbTja, das kannst du wohl machen, wenn du nichts Besseres vorhast\u00ab, antwortete ich nach einer Weile mit vollem Mund. \u00bbIch mach mir nichts draus, denn ich habe trotzdem nicht vor, auf dem Fahrrad zu fahren.\u00ab \u2013 \u00bbHrm\u00ab, brummte Gorilla verdrie\u00dflich und machte sich \u00fcber ihr eigenes Eierbrot her.<br \/>\nAls sie aufgegessen hatte, leerte sie ihr Limonadenglas in einem Zug und donnerte es auf den Tisch zur\u00fcck. \u00bbSo\u00ab, sagte sie und stand auf. \u00bbZieh dir deine Stiefel an und dann hopp ins Auto.\u00ab Ich schaute sie an. \u00bbWie, Auto? Wohin wollen wir?\u00ab \u2013 \u00bbStadt\u00ab, sagte Gorilla und stocherte mit einer G\u00e4nsefeder zwischen ihren Z\u00e4hnen herum. \u00bbGesch\u00e4fte, du verstehst.\u00ab Sie drehte sich um und schlurfte zu ihren verdreckten Turnschuhen. Die Leggins schlackerten ihr bis zu den Kniekehlen.<\/p>\n<p>Die letzten Bissen meines Brotes brachte ich kaum hinunter. Die Stadt. Ich hatte wirklich keine Lust, mich dort mit Gorilla zu zeigen. Ich wollte nicht, dass irgendjemand erfuhr, dass ich zu ihr geh\u00f6rte. \u00bbDu\u2008\u2026\u00ab, sagte ich, \u00bbmein Bauch tut pl\u00f6tzlich so weh. Ich glaube, ich bleibe lieber zu Hause.\u00ab Gorilla streckte den Zeigefinger in die H\u00f6he. \u00bbGeht leider nicht. Wenn ich dich hier alleine lasse, versuchst du nur wieder wegzulaufen. Aber jetzt bin eben ich f\u00fcr dich verantwortlich, ob dir das gef\u00e4llt oder nicht. Los geht\u2019s!\u00ab<\/p>\n<p>Widerwillig erhob ich mich und schob ganz langsam die Arme in die Jacke. Gorilla dr\u00fcckte sich ihre Schieberm\u00fctze auf den Kopf. \u00bbWir k\u00f6nnen ja bei der Apotheke anhalten und Medizin f\u00fcr deinen armen Magen besorgen\u00ab, sagte sie mit einem Blick, der verriet, dass sie nicht ein Wort davon glaubte, dass ich Schmerzen hatte. Wir stiegen in den gr\u00fcnen Volvo, und mit einem Knurren startete der Motor. Dann ging es in rasanter Fahrt los. Mitten auf einer Kreuzung drehten wir uns einmal schwungvoll um die eigene Achse, donnerten geradewegs \u00fcber eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke und waren nur zwei Zentimeter davon entfernt, eine arme kleine, alte Dame auf dem Zebrastreifen zu \u00fcberfahren.<\/p>\n<p>Dann waren wir endlich in der Stadt angekommen. Ein wenig zu sp\u00e4t bemerkte Gorilla einen freien Parkplatz. Ruckartig zog sie die Handbremse an, der Volvo schleuderte und landete haarscharf zwischen zwei sch\u00f6nen neuen Autos.<\/p>\n<p>Wir stiegen aus und gingen die Stra\u00dfe hinunter. Alle, denen wir begegneten, starrten Gorilla an. Einige r\u00fcmpften die Nase. Ich versuchte, ein bisschen Abstand zu ihr zu halten, damit es aussah, als w\u00e4re ich alleine in der Stadt, aber Gorilla marschierte einfach weiter und schien sich nichts aus den Blicken der Leute zu machen. Vermutlich hatte sie sich l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>\u00bbHier gehen wir rein\u00ab, sagte sie in einer kleinen Stra\u00dfe mit schmalen H\u00e4usern, die sich dicht aneinanderdr\u00fcckten. Sie zog eine T\u00fcr auf, und ein Gl\u00f6ckchen klingelte. Das Licht in dem Laden war schummrig, und drinnen war es ziemlich eng. Zahllose Regale standen nebeneinander, und der Geruch von Staub und altem Leder kroch mir in die Nase. Gorillas Augen bekamen einen warmen Glanz. Gl\u00fccklich sah sie sich um, dann schloss sie die Augen und holte tief Luft. \u00bbWei\u00dft du, was das hier ist?\u00ab, fragte sie. Ich sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbEin Antiquariat\u00ab, sagte Gorilla. \u00bbEin Gesch\u00e4ft, das nur alte B\u00fccher verkauft. Schau!\u00ab Sie ging zu einem der Regale und zeigte auf einen handgeschriebenen vergilbten Zettel, der an der Schmalseite hing. \u00bbBiografien\u00ab, las sie. \u00bbDas ganze Regal ist voll mit Biografien, die vom Leben verschiedener Menschen erz\u00e4hlen. Und hier haben wir Floristik, B\u00fccher \u00fcber Blumen. Und da dr\u00fcben stehen Geschichtsb\u00fccher.\u00ab Sie sah mich an. \u00bbWei\u00dft du was? Ich h\u00e4tte viel lieber ein Antiquariat\u2008\u2026\u00ab Sie sagte das, als w\u00e4re es ein Geheimnis, etwas, das sie noch niemandem anvertraut hatte. Sie fuhr mit ihren plumpen schwarzen Fingern \u00fcber einen roten Buchr\u00fccken. \u00bb\u2026\u2008viel lieber als einen Schrottplatz. Aber die Lage drau\u00dfen im Industriegebiet eignet sich nicht. Und B\u00fccher verkaufen sich viel schwerer als Schrott. Warum auch immer.\u00ab Sie seufzte.<\/p>\n<p>\u00bbNa, so was, da bist du ja endlich!\u00ab, sagte eine Stimme. Ein kleiner grauhaariger Mann mit viel zu langen Hosen tauchte hinter einem der Regale auf. Er blinzelte Gorilla durch verschmierte Brillengl\u00e4ser an und schlurfte langsam n\u00e4her. \u00bbEs ist schon lange nicht mehr vorgekommen, dass so viel Zeit zwischen zwei Besuchen vergangen ist\u00ab, sagte er mit d\u00fcnner Stimme und l\u00e4chelte. \u00bbHe-he!\u00ab, lachte Gorilla. \u00bbJa, ich hatte viel zu tun.\u00ab Sie schaute in meine Richtung und richtete sich stolz auf. \u00bbDiese junge Dame wohnt jetzt bei mir.\u00ab Der Alte musterte mich. Sein Gesicht war ganz runzelig und \u00fcbers\u00e4t mit kleinen braunen Flecken. \u00bbJa, hat man Worte!\u00ab, sagte er. \u00bbEin Streichholz. Nun, Streichh\u00f6lzer sind auch eine Form von Gesellschaft. Fein.\u00ab Ich sagte nichts, denn vor allem sch\u00e4mte ich mich. Gerd hatte immer gejammert, dass ich zu d\u00fcrr sei. Und Gorilla war es bestimmt auch unangenehm. \u00bbAch \u00fcbrigens, ich habe etwas f\u00fcr dich\u00ab, fuhr der Alte fort. Er kramte ein dickes altes Buch hervor. \u00bbEs sind noch alle Seiten drin. Oliver Twist. In der schwedischen Erstausgabe.\u00ab<\/p>\n<p>Hingerissen fuhr Gorilla mit der Hand \u00fcber den unscheinbaren Umschlag. \u00bbDu hast es wirklich gefunden\u00ab, sagte sie l\u00e4chelnd. \u00bbJa, aber ich musste ordentlich daf\u00fcr bezahlen, also ich f\u00fcrchte, besonders billig kann ich es dir nicht \u00fcberlassen.\u00ab \u2013 \u00bbAch so?\u00ab Gorilla sah beunruhigt aus. \u00bbWie viel willst du denn?\u00ab Der Alte z\u00f6gerte ein wenig. \u00bbNun \u2026 eigentlich f\u00fcnf\u00ab, sagte er. Gorilla zuckte zusammen. \u00bbWas?\u00ab \u2013 \u00bbAber weil du es bist, bekommst du es f\u00fcr vier\u00ab, schob er schnell hinterher. \u00bbWeiter runter kann ich nicht gehen, sonst zahle ich drauf.\u00ab \u2013 \u00bbVier?\u00ab, murmelte Gorilla. \u00bbVierhundert Kronen?\u00ab Der Alte schaute bek\u00fcmmert auf seinen Tresen. \u00bbWenn du es nicht gleich bezahlen kannst, reserviere ich es dir f\u00fcr eine Woche.\u00ab<\/p>\n<p>Gorilla war verzweifelt. Mit blanken Augen betrachtete sie das staubige alte Buch und schluckte ein paarmal. Aber dann sch\u00fcttelte sie energisch den Kopf. \u00bbNix da\u00ab, sagte sie. \u00bbJetzt gilt es, zu Hause zwei M\u00e4uler zu stopfen, da darf man nicht mehr verschwenderisch sein. Aber trotzdem danke.\u00ab Steif drehte sie sich um und ging in Richtung T\u00fcr. Ich blieb stehen und kaute auf meiner Unterlippe herum. Dann sagte ich: \u00bbAch was! Du solltest es nehmen.\u00ab Ich hatte keine Ahnung, warum ich das sagte. Vielleicht weil ich noch nie jemanden so gl\u00fccklich gesehen hatte wie Gorilla, als wir das Antiquariat betreten hatten. Vielleicht, weil ich selbst gerne dieses Buch gekauft h\u00e4tte. Gesetzt den Fall, ich w\u00e4re genauso verr\u00fcckt nach B\u00fcchern gewesen wie sie.<\/p>\n<p>Erstaunt schaute Gorilla mich an und suchte nach Worten. \u00bbJa, aber, es ist so schrecklich teuer\u2008\u2026\u00ab Ich seufzte und verdrehte die Augen. \u00bbKannst du es endlich kaufen? Ich habe keine Lust, den ganzen Tag rumzustehen und zu warten.\u00ab Da nickte sie. \u00bbSicher\u00ab, sagte sie und eilte zum Tresen. Der Alte l\u00e4chelte und zwinkerte mir zu.<\/p>\n<p>Als wir wieder drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe standen, strahlte Gorilla \u00fcber das ganze Gesicht. Sie guckte in ihre T\u00fcte mit der Neuanschaffung. \u00bbDu hattest recht\u00ab, sagte sie. \u00bbEine Gelegenheit wie diese sollte man sich nicht entgehen lassen.\u00ab<\/p>\n<p>N\u00e4chste Woche lest Ihr im f\u00fcnften Teil der Geschichte: Jonna verpasst Gorilla ein Kleid, damit die sich in der \u00d6ffentlichkeit keine Fusseln mehr aus dem Bauchnabel pulen kann. Und f\u00fcr die Schrottplatz-Gesch\u00e4fte hat Jonna auch eine Idee\u2026<\/p>\n<p>Den dritten Teil der KinderZEIT-(Vor)lesegeschichte findet Ihr <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/07\/01\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-teil-3_6394\">hier<\/a><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><a rel=\"attachment wp-att-6260\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/06\/17\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-teil-1_6255\/affenstern-3\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6260\" title=\"affenstern\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/06\/affenstern2-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/06\/affenstern2-223x300.jpg 223w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/06\/affenstern2-401x540.jpg 401w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/06\/affenstern2.jpg 591w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Frida Nilsson:<br \/>\nIch, Gorilla und der Affenstern<br \/>\nGerstenberg<br \/>\nVerlag, 12,95 \u20ac<br \/>\nerscheint am<br \/>\n28. Juni 2010<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Frida Nilsson Jonna lebt sich langsam bei ihrer Adoptivmutter Gorilla, einer Affendame, ein. Doch dann erscheint ein unheimlicher Besucher, der Gorilla von ihrem Schrottplatz vertreiben will. 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