{"id":6846,"date":"2010-08-18T10:23:48","date_gmt":"2010-08-18T08:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=6846"},"modified":"2010-08-19T10:43:58","modified_gmt":"2010-08-19T08:43:58","slug":"kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/08\/18\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-7_6846","title":{"rendered":"KinderZEIT Lesesommer 2010: Ich, Gorilla und der Affenstern \u2013 Teil 7"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6853\" title=\"affenstern-33-540\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/08\/affenstern-33-540.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"366\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/08\/affenstern-33-540.jpeg 500w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/08\/affenstern-33-540-300x219.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p><em>Jonna und ihre Adoptivmutter, die Affendame Gorilla, wollen sich einen sch\u00f6nen Abend im Restaurant machen, als ein furchtbares Paar am Nebentisch Platz nimmt. Zur\u00fcck auf dem Schrottplatz wird es nicht besser, denn da taucht B\u00fcrgermeister Tord auf, der schon lange versucht, sie von dort zu vertreiben<\/em><\/p>\n<p><strong>Von Frida Nilsson<\/strong><\/p>\n<p>In der Stadt parkten wir auf dem Marktplatz. Ich hatte so ein prickeliges Gef\u00fchl \u00fcberall. In meinem ganzen Leben war ich noch nie in einem Restaurant gewesen! Um diese Zeit waren die Gesch\u00e4fte geschlossen und nur noch wenige Menschen drau\u00dfen unterwegs. Wir schlenderten langsam durch die Stra\u00dfen, um die Vorfreude noch ein bisschen in die L\u00e4nge zu ziehen. Aber kurze Zeit sp\u00e4ter blieben wir vor einer gr\u00fcnen T\u00fcr mit Glasscheibe stehen, auf der \u00bbRestaurant Zur Gasse\u00ab stand. \u00bbDa w\u00e4ren wir\u00ab, sagte Gorilla.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDrinnen roch es so gut, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Aus den Lautsprechern an der Decke rieselte leises Gitarrengeklimper. Rundherum sa\u00dfen Leute, a\u00dfen und hatten es gem\u00fctlich. An den W\u00e4nden hingen Bilder mit Schiffen und spanischen Damen in gepunkteten Kleidern. Gorilla h\u00e4ngte ihr Sakko \u00fcber die Stuhllehne. \u00bbEin Tisch f\u00fcr zwei?\u00ab, fragte sie und machte eine professionelle Handbewegung. Ich zog meine Jacke aus. Die M\u00fctze legte ich auf den Stuhl. Es dauerte nicht lange, da kam ein Mann und reichte uns weinrote Mappen. \u00bbGuten Abend\u00ab, sagte er h\u00f6flich. \u00bbDie Speisekarten.\u00ab Gorilla zwinkerte mir zu. \u00bbDu darfst dir aussuchen, was du willst\u00ab, sagte sie. \u00bbUnd einen Nachtisch dazu.\u00ab<\/p>\n<p>Pizza stand ganz oben. Danach kamen Spaghetti in unz\u00e4hligen Variationen und Geschmacksrichtungen. \u00bbWas bedeutet denn \u203a\u00e0 la carte\u2039?\u00ab, erkundigte ich mich. Gorilla streckte sich. \u00bbDas ist das Vornehmste\u00ab, sagte sie. Ich buchstabierte mich durch die langen Worte: Rinderfilet, Grillteller, Schweinefilet, H\u00fchnchen \u00e0 la King, Grillspie\u00df, Krabbencocktail, Minutensteak. \u00bbEs gibt so viel\u00ab, sagte ich. \u00bbUnd es klingt alles so gut.\u00ab Gorilla l\u00e4chelte zufrieden. Sie zupfte sich einen Zahnstocher aus dem kleinen Spender, der auf dem Tisch stand, und kaute ein wenig darauf herum. \u00bbIch nehme das Rinderfilet\u00ab, sagte sie. \u00bbDas schmeckt am besten.\u00ab Ich dachte noch ein bisschen nach. \u00bbH\u00fchnchen \u00e0 la King\u00ab, sagte ich und schlug die Speisekarte zu. \u00bbUnd Limonade.\u00ab<\/p>\n<p>Ich hatte keine Ahnung, was \u00bb\u00e0 la King\u00ab bedeutete, aber ich mochte H\u00fchnchen. Im Rainfarn hatte es manchmal Huhn mit wei\u00dfer So\u00dfe gegeben. \u00bb\u00c0 la King\u00ab bedeutete etwas Gutes. In der So\u00dfe waren n\u00e4mlich Pilze. Ich versuchte, vornehm und langsam zu essen, aber es fiel mir schwer, denn das H\u00fchnchen schmeckte einfach zu lecker. Gorilla hatte dasselbe Problem. Mehrere Male legte sie ihr Besteck beiseite. \u00bbNee\u00ab, murmelte sie mit vollem Mund. \u00bbMan darf das Essen nicht so in sich hineinschaufeln.\u00ab \u2013 \u00bbDas ist das Beste, was ich je gegessen habe\u00ab, sagte ich. \u00bbF\u00fcr dich auch?\u00ab Gorilla nickte und versuchte zu l\u00e4cheln, ohne dabei die Ofenkartoffeln aus dem Mund zu verlieren. \u00bbDoch, doch. So l\u00e4sst es sich leben. Die Gesch\u00e4fte laufen wie geschmiert, und das Rinderfilet zergeht auf der Zunge. Eine Welt ohne Kummer.\u00ab<\/p>\n<p>Der Ober kam und f\u00fchrte ein paar neue G\u00e4ste an ihren Tisch, eine blond gelockte Dame mit langen rosaroten N\u00e4geln und ihren Mann. Der Mann war dick. Er trug Hosentr\u00e4ger und hatte sehr, sehr kurze Haare, die auf dem runden Kugelkopf ziemlich eckig wirkten. \u00bbGuten Abend\u00ab, gr\u00fc\u00dfte Gorilla wohlerzogen und prostete ihnen zu. Es machte mich ganz stolz, wenn sie sich so reizend benahm. Der Mann versuchte zu l\u00e4cheln, aber seine Frau hielt ihn zur\u00fcck. \u00bbSprich nicht mit denen\u00ab, tuschelte sie. \u00bbWenn man auch nur einen Pieps mit solchen S\u00e4ufern redet, wird man sie nicht mehr los und muss sich den ganzen Abend mit ihnen herumschlagen.\u00ab Gorilla schluckte. Ich steckte mir einen Champignon in den Mund, aber pl\u00f6tzlich fiel mir das Schlucken schwer. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die beiden uns argw\u00f6hnisch be\u00e4ugten. \u00bbArmes Ding\u00ab, zischte die Frau. \u00bbEs kann doch unm\u00f6glich erlaubt sein, so jemandem ein Kind zu \u00fcberlassen. Die Kleine hat ja nicht mal ordentliche Schuhe an.\u00ab<\/p>\n<p>Langsam wurde Gorilla nerv\u00f6s und damit auch ungeschickt. Scheppernd fiel ihr die Gabel auf den Boden. \u00bbHoppla\u00ab, sagte sie und l\u00e4chelte unsicher zu dem anderen Tisch hin\u00fcber. Schnell hob sie die Gabel wieder auf und wischte sie sorgf\u00e4ltig an ihren Leggins ab. Die Frau sah aus, als w\u00e4re eine Stinkbombe unter ihrer Nase explodiert. \u00bbHast du das gesehen?\u00ab, fl\u00fcsterte sie ihrem Mann zu. \u00bbWie k\u00f6nnen sie so jemanden \u00fcberhaupt hier reinlassen? Nein, nein, nein, mir vergeht der Appetit.\u00ab \u2013 \u00bbJa, ja, ja\u00ab, knurrte der Mann. \u00bbAm besten gar nicht hinsehen.\u00ab Aber die Frau angelte ihre Handtasche und zog einen Hunderter hervor. \u00bbIrgendetwas muss man doch f\u00fcr das Kind tun\u00ab, sagte sie. Und mit einem spitzen L\u00e4cheln wandte sie sich an Gorilla: \u00bbEntschuldigung. Das hier ist ein kleiner Beitrag, damit das M\u00e4dchen neue Schuhe bekommen kann.\u00ab Verdutzt starrte Gorilla den Hunderter an. \u00bbAber wagen Sie es nicht, das Geld zu versaufen!\u00ab, sagte die Frau mit strenger Miene. \u00bbEs ist ausschlie\u00dflich f\u00fcr beherzigenswerte Zwecke.\u00ab<\/p>\n<p>Meine Wangen brannten. Es kam mir so vor, als w\u00fcrde das ganze Restaurant uns anstarren. Von dem vielen Essen war mir ganz schlecht, und Gorilla starrte noch immer nur auf den Geldschein. Dann fing sie an, schwer zu atmen. Ihr Bauch hob sich und sank zur\u00fcck, schneller und schneller, als bek\u00e4me sie nicht mehr genug Luft. \u00bbNimm deine M\u00fctze\u00ab, knurrte sie. Ich schaute sie erstaunt an. \u00bbWas?\u00ab \u2013 \u00bbHabe ich dir nicht gesagt, du sollst die M\u00fctze auflassen, wenn du zu Abend isst?!\u00ab, br\u00fcllte sie. \u00bbNein\u2026\u00ab, sagte ich, aber Gorilla unterbrach mich. \u00bbDOCH! Und jetzt tu endlich, was ich dir sage!\u00ab Erschrocken zog die Frau ihren Hunderter zur\u00fcck. Ich setzte die Schieberm\u00fctze auf. \u00bbSchon besser\u00ab, murrte Gorilla. \u00bbAm Tisch will ich M\u00fctzen sehen.\u00ab Ich erkannte diesen Tonfall. Die Frau und ihr Mann starrten uns entgeistert an. Sie waren emp\u00f6rt. \u00bbUnd jetzt h\u00f6r auf, so vornehm zu tun!\u00ab, fuhr Gorilla fort. \u00bbDie Gabel reicht! Nur Snobs benutzen ein Messer!\u00ab \u2013 \u00bbEntschuldige\u00ab, sagte ich und versteckte ein L\u00e4cheln hinter meiner Serviette. \u00bbKleine Kinder brauchen keine Servietten! Als ich klein war, musste ich mir den Mund auch mit dem Unterarm abwischen, und es hat mir sicher nicht geschadet.\u00ab Sie nahm einen Kartoffelschnitz mit den Fingern und steckte ihn in den Mund. In mir blubberte das Lachen und ich musste mich wegdrehen und so tun, als w\u00fcrde ich husten. Als ich endlich aufh\u00f6ren konnte zu lachen, waren meine Augen schon ganz rot. \u00bbEntschuldige\u00ab, piepste ich. \u00bbDas hatte ich vergessen.\u00ab \u2013 \u00bbJa, du vergisst und vergisst!\u00ab, donnerte Gorilla, dass ihr die Kartoffelreste aus dem Mund flogen. \u00bbUnd jetzt legst du gef\u00e4lligst die Ellenbogen auf den Tisch. Du bist mein Kind, und du sollst lernen, so zu werden wie ich!\u00ab Ich beugte mich weit \u00fcber den Tisch und stellte die Ellenbogen auf. \u00bbGenau so\u00ab, sagte Gorilla. Als der Ober vorbeikam, wollte sie gerade einen Fu\u00df auf den Tisch legen, aber er warf ihr einen so w\u00fctenden Blick zu, dass sie das Bein eilig zur\u00fcckzog. \u00bbNun\u00ab, murmelte sie, \u00bbdu kannst noch ein bisschen mit dem Stuhl wackeln. Ich werde dir diesen Sauberkeitsfimmel aus dem Kinderheim schon noch austreiben. Und wenn ich dich h\u00f6chstpers\u00f6nlich durch den Matsch rolle! Jetzt gibt es Nachtisch. Und du wirst Kognak trinken!\u00ab Sie drehte sich zu der Frau und dem Mann um, die wie vom Donner ger\u00fchrt dasa\u00dfen. \u00bbIst es erlaubt, Sie zu einem Pfirsich Melba einzuladen?\u00ab, fragte sie. \u00bbUnd \u00fcber das Leben zu plaudern?\u00ab Die beiden gaben ihr keine Antwort. Ein paar Sekunden sp\u00e4ter waren die zwei aus dem Restaurant verschwunden. Gorilla zwinkerte mir zu. \u00bbUnd jetzt essen wir Nachtisch!\u00ab<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg im Auto schwieg ich. In der Zeit dort drau\u00dfen auf dem Schrott hatte ich vergessen, was man \u00fcber Gorilla dachte, wenn man nicht wusste, wie sie in Wirklichkeit war. Es kam mir vor, als w\u00e4re eine halbe Ewigkeit vergangen, seit ich selbst ihr zum ersten Mal begegnet war und vor ihren h\u00e4sslichen Hosen und dem gr\u00e4sslichen Grinsen geschaudert hatte. Gorilla war anders. Sie r\u00fcmpfte niemals \u00fcber jemanden die Nase und hob nie unn\u00f6tig die Stimme. Sie war sie selbst, und ich w\u00fcnschte mir schon lange nicht mehr, dass sie sich ver\u00e4nderte. Wenn \u00fcberhaupt, dann sollten sich die anderen \u00e4ndern. Gorilla schielte zu mir hin\u00fcber. \u00bbBist du traurig?\u00ab, fragte sie. Ich sch\u00fcttelte den Kopf: Vielleicht h\u00e4tte ich traurig sein sollen. Aber die Frau oder ihr Hunderter bek\u00fcmmerten mich schon gar nicht mehr. \u00bbDie Leute sind, wie sie sind\u00ab, sagte ich. Gorilla lachte dr\u00f6hnend auf. \u00bbDas h\u00e4tte ich nicht besser sagen k\u00f6nnen\u00ab, brummte sie dann und gab mehr Gas. \u00bbAch, was f\u00fcr ein neunmalkluges kleines Sp\u00e4tzchen ich habe!\u00ab<\/p>\n<p>Eine Welt ohne Kummer. Das hatte Gorilla gesagt, als wir im Restaurant sa\u00dfen. Aber sie hatte sich geirrt. Am Tag nach unserem feinen Abendessen pladderte der Regen in gro\u00dfen Tropfen auf die Scheiben im Dach. Gorilla las in dem Buch Oliver Twist . Sie kannte es schon, aber es gefiel ihr so gut, dass sie es noch hundert Mal lesen w\u00fcrde, sagte sie. Niemand war so verr\u00fcckt nach B\u00fcchern wie Gorilla. Eines Tages hatte ich aus reiner Neugier durchgez\u00e4hlt, wie viele B\u00fccher sie besa\u00df. Gorilla hatte die ganze Zeit daneben gestanden und behauptet, sie habe keinesfalls mehr als f\u00fcnfhundert. Wie baff sie war, als ich fertig gez\u00e4hlt hatte und ihr erkl\u00e4rte, dass es dreitausendeinhundertzwei waren!<\/p>\n<p>Ich sa\u00df auf Gorillas Bett und bl\u00e4tterte in einem Buch \u00fcber die ber\u00fchmtesten Rallyefahrer aller Zeiten. Jetzt, wo ich selbst dabei war, Autofahren zu lernen, fand ich es ganz schlau, mir bei den gro\u00dfen Meistern ein paar Tipps zu holen. Ab und zu sah Gorilla von ihrem Buch auf. \u00bbIrgendwann musst du das hier mal lesen\u00ab, sagte sie. \u00bbAuch wenn es stellenweise etwas eigent\u00fcmlich ist. Sieh mal.\u00ab Sie hielt das Oliver Twist- Buch hoch und zeigte mit ihrem schwarzen Finger auf eines der Worte. \u00bbAbentheuer\u00ab, sagte sie. \u00bbDas Buch ist so alt, dass sogar die Rechtschreibung noch alt ist. Abenteuer wurde damals Abentheuer geschrieben.\u00ab Und es war wirklich komisch, dass sie gerade in diesem Moment ein Abenteuer zur Sprache brachte. Denn schon kurz darauf sollte das gr\u00f6\u00dfte Abenteuer in meinem und Gorillas Leben seinen Anfang nehmen. Das Ende der Sorgen w\u00fcrde noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.<\/p>\n<p>Als es an der T\u00fcr klopfte, schaute Gorilla erstaunt auf. \u00bbWas? Jetzt?\u00ab, sagte sie und legte ihr Buch beiseite. \u00bbEs ist doch Sonntag.\u00ab Noch bevor sie es zur T\u00fcr geschafft hatte, klopfte es schon wieder, ja es polterte fast. \u00bbJa, ja\u00ab, rief Gorilla und drehte den Schl\u00fcssel um. \u00bbSie schlagen mir ja gleich die T\u00fcr ein!\u00ab Als sie \u00f6ffnete, krampfte sich mein Magen zusammen. Tord war zur\u00fcckgekommen. Er war nass wie ein ertr\u00e4nkter Badeschwamm. \u00bbJetzt lassen Sie mich schon rein!\u00ab, rief er. Gorilla stemmte die H\u00e4nde in die H\u00fcften. \u00bbIch wei\u00df nicht, ob ich das m\u00f6chte\u00ab, knurrte sie zur\u00fcck. \u00bbHat man nicht mal mehr am Wochenende seine Ruhe?\u00ab \u2013 \u00bbAh!\u00ab Tord dr\u00e4ngte sich in die W\u00e4rme. Er nahm seinen Hut ab und sch\u00fcttelte ihn aus. Dann strich er sich die Haare zur\u00fcck, die in nassen Str\u00e4hnen auf seiner Stirn klebten. Als er mich sah, l\u00e4chelte er.<\/p>\n<p>\u00bbHallo, du\u00ab, sagte er. Seine grauen Augen sahen mich starr und nichtssagend an. Wie die eines toten Fisches. Gorilla richtete sich zu voller Gr\u00f6\u00dfe auf. \u00bbIch habe Ihnen gesagt, Sie sollen sie in Frieden lassen\u00ab, knurrte sie. Ich griff nach der gro\u00dfen Pferdedecke, unter der Gorilla immer schlief, und verkroch mich darunter. Durch einen kleinen Spalt lugte ich nach drau\u00dfen. Tord machte ein paar lockere Schritte in den Raum hinein. Er legte seinen Hut auf einen Hocker und nahm alles in Augenschein, das Durcheinander, die B\u00fccherberge, das schmutzige Geschirr auf dem Boden und die zerbrochenen Fensterscheiben. \u00bbAha, so sieht es hier also aus. Wie h\u00fcbsch\u00ab, sagte er, obwohl ganz deutlich zu h\u00f6ren war, dass er genau das Gegenteil meinte.<\/p>\n<p>Gorilla machte einen Schritt auf ihn zu und packte ihn fest am Oberarm. \u00bbVerflixt noch mal, jetzt reicht es mir aber wirklich mit Ihnen!\u00ab, knurrte sie und zerrte ihn zur T\u00fcr. \u00bbRaus und lassen Sie sich nie mehr hier blicken!\u00ab Aber Tord riss sich los. \u00bbPfoten weg!\u00ab, fauchte er. \u00bbWas ich zu sagen habe, wird Sie mit Sicherheit interessieren.\u00ab Er warf einen Blick in meine Richtung. \u00bbIch war im Kinderheim Rainfarn.\u00ab Ich zuckte zusammen, als dieser Name fiel. Gorillas Zorn verlor an Fahrt. \u00bbAch ja?\u00ab, sagte sie mit belegter Stimme. Tord nickte. \u00bbDa ich der B\u00fcrgermeister dieser Stadt bin, muss ich von Zeit zu Zeit auch die Kinderheime inspizieren. Und vor einer Weile besuchte ich nun also das Rainfarn. Wo Sie ja offensichtlich auch gewesen sind.\u00ab Gorilla schluckte. \u00bbAlles lief genau nach Vorschrift\u00ab, sagte sie. \u00bbIch habe Papiere mit der Unterschrift der Heimleiterin und allem, was dazugeh\u00f6rt.\u00ab Tord l\u00e4chelte. \u00bbTja\u00ab, sagte er. \u00bbNun ist es aber so, dass man sehr gr\u00fcndlich sein muss, wenn eine Adoption stattfinden soll. Und als ich gesehen habe, dass Sie ein Kind hier drau\u00dfen haben, da bin ich hellh\u00f6rig geworden.\u00ab<\/p>\n<p>Er fing an, auf und ab zu wandern. \u00bbAls ich dann ins Rainfarn kam, da wurde mir so einiges klar. Denn als ich Sie und Ihr Kind erw\u00e4hnte, da wurde die Heimleiterin so nerv\u00f6s, dass sie mir im Handumdrehen erz\u00e4hlte, wie es wirklich gewesen war. Das Rainfarn war offenbar \u00fcberbelegt, und f\u00fcr so etwas kann man einen Tadel bekommen. Und just an dem Tag, an dem der Brief mit der Ank\u00fcndigung meines Inspektionsbesuches eintraf, kamen auch Sie. Da sah die Heimleiterin die M\u00f6glichkeit gekommen, ein Kind loszuwerden, obwohl sie wusste, dass sie einen Fehler machte.\u00ab Er sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbJemand wie Sie kann sich nicht um ein Kind k\u00fcmmern.\u00ab Gorilla stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. \u00bbSie-Sie-Sie k\u00f6nnen nichts dagegen unternehmen\u00ab, stotterte sie. \u00bbIch habe die Papiere mit-mit-mit der Unterschrift der Heimleiterin.\u00ab \u2013 \u00bbUnterschriften kann man f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4ren\u00ab, sagte Tord.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcrte einen Stich im Magen. \u00bbNein!\u00ab, schrie ich, rannte zu Gorilla und presste mich an ihr Bein. Sie streichelte mir \u00fcber den Kopf und schien auch ihre Stimmb\u00e4nder wiedergefunden zu haben. \u00bbSo, so, so\u00ab, sagte sie in einem fort. Tord spitzte den Mund. \u00bbEs ist ein Komitee ernannt worden, das morgen um Punkt drei zu einem Hausbesuch hier sein wird\u00ab, sagte er. \u00bbDas Haus wird inspiziert und im Anschluss wird eine Entscheidung in der Frage fallen, ob das M\u00e4dchen zur\u00fcck ins Heim kommt oder nicht.\u00ab Gorilla durchbohrte ihn mit ihrem Blick. \u00bbDarf man fragen, was f\u00fcr Leute diesem Komitee angeh\u00f6ren?\u00ab \u2013 \u00bbOh\u00ab, sagte Tord und zuckte mit den Schultern. \u00bbSicher niemand, den Sie kennen. Obwohl, doch nat\u00fcrlich, ich geh\u00f6re auch dazu.\u00ab Gorilla nickte d\u00fcster. \u00bbWas Sie nicht sagen.\u00ab \u2013 \u00bbJepp\u00ab, sagte Tord. Er schaute sie lange an. \u00bbNun, beabsichtigen Sie, Ihre Meinung zu \u00e4ndern?\u00ab \u2013 \u00bbIn welcher Angelegenheit soll ich meine Meinung \u00e4ndern?\u00ab, fragte Gorilla mit hochgezogener Oberlippe, sodass ihre gewaltigen Eckz\u00e4hne sichtbar wurden. \u00bbSpielen Sie hier nicht die Dumme, f\u00fcr so was habe ich n\u00e4mlich keine Zeit\u00ab, gab Tord kurz angebunden zur\u00fcck. Gorilla blies ihren Oberk\u00f6rper auf und legte mir eine Hand auf die Schulter. \u00bbErpressung juckt mich nicht\u00ab, sagte sie laut und entschlossen. \u00bbKommen Sie nur her mit Ihrem Komitee. Dann werden wir ja sehen, ob Sie hier was zu meckern finden.\u00ab Tord stie\u00df einen m\u00fcden Seufzer aus. \u00bbIrgendetwas sagt mir, dass das nicht sehr schwierig werden wird.\u00ab<\/p>\n<p>Er ging zu dem Hocker und griff nach seinem nassen Hut. Ein letztes Mal sah er sich im Raum um, l\u00e4chelte \u00fcberheblich und setzte ihn auf. Endlich ging er. Ich rannte ihm nach und schlug mit einem Knall die T\u00fcr hinter ihm zu. Dann schaute ich Gorilla an. Ihre Augen waren klein und \u00e4ngstlich. \u00bbEs\u2026 es wird bestimmt alles gut\u00ab, schnaufte sie. \u00bbMan hat schlie\u00dflich schon Schlimmeres als eine Inspektion \u00fcberstanden.\u00ab Sie lie\u00df ihren Blick \u00fcber das ganze Durcheinander wandern. \u00bbHrm. Obwohl ein bisschen Aufr\u00e4umen vielleicht nicht schaden k\u00f6nnte.\u00ab<\/p>\n<p>Den sechsten Teil der KinderZEIT-(Vor)lesegeschichte findet Ihr <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/07\/29\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%E2%80%93-teil-6_6705\">hier<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"affenstern\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/07\/affenstern-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" \/><strong><br \/>\nFrida Nilsson:<br \/>\nIch, Gorilla und der Affenstern<br \/>\nGerstenberg<br \/>\nVerlag, 12,95 \u20ac<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jonna und ihre Adoptivmutter, die Affendame Gorilla, wollen sich einen sch\u00f6nen Abend im Restaurant machen, als ein furchtbares Paar am Nebentisch Platz nimmt. 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