{"id":6895,"date":"2010-08-19T11:00:02","date_gmt":"2010-08-19T09:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=6895"},"modified":"2010-08-19T12:46:40","modified_gmt":"2010-08-19T10:46:40","slug":"kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/08\/19\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-8_6895","title":{"rendered":"KinderZEIT Lesesommer 2010: Ich, Gorilla und der Affenstern \u2013 Teil 8"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/KinderZEIT\/2010\/34\/Illu-540-2.jpg\" title=\"Ich, Gorilla und der Affenstern\" class=\"aligncenter\" width=\"540\" height=\"304\" \/><\/p>\n<p><em>Darf Jonna bei Gorilla bleiben? Die Affendame hat das M\u00e4dchen aus dem Kinderheim Rainfarn adoptiert. Doch nun soll ein Komitee pr\u00fcfen, ob sich Gorilla gut um Jonna k\u00fcmmert. Angeblich. Denn eigentlich will B\u00fcrgermeister Tord Gorilla nur unter Druck setzen, um sich ihr Grundst\u00fcck unter den Nagel zu rei\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Von Frida Nilsson<\/strong><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag klopfte Gorilla den gro\u00dfen Orientteppich im Hof aus, und dann scheuerten wir gemeinsam den Boden. Gorillas Fell war voller Schaum. Wie ein Schneemann stapfte sie mit der Scheuerb\u00fcrste herum und polierte einfach alles. Ihre F\u00fc\u00dfe schlitterten \u00fcber den Boden, und ihr Gesicht gl\u00e4nzte von Schwei\u00df. Wir sammelten den Schrott zusammen, der sich \u00fcber das ganze Haus verteilt hatte, bis am Ende jeder einzelne K\u00fcchenschrank bis obenhin vollgestopft war. Als ich die letzte T\u00fcr schlie\u00dfen wollte, musste ich mit der Hand den ganzen Kram zur\u00fcckhalten, der direkt wieder aus dem Schrank zu st\u00fcrzen drohte. Vorsichtig zog ich meine Hand aus dem schmalen Spalt, schlug schnell die T\u00fcr zu und klebte ein breites Klebeband dar\u00fcber. Zur Sicherheit befestigte ich auch noch einen Zettel an der T\u00fcr. NICHT \u00d6FFNEN, schrieb ich darauf.<!--more--><\/p>\n<p>Dann putzten wir die Fenster mit Essig und Zeitungspapier. Wir schrubbten den Rost vom Wasserhahn, sp\u00fclten den Berg von schmutzigem Geschirr, bauten eine Pyramide aus den B\u00fcchern, die keinen Platz mehr im Regal gefunden hatten, und bezogen Gorillas Bett mit sauberen Laken. Nur die Spinnweben herunterzurei\u00dfen, die hie und da an der Decke und an anderen Stellen hingen, das brachten wir nicht \u00fcbers Herz. Wir waren beide der Ansicht, dass sie sehr zur Gem\u00fctlichkeit des Hauses beitrugen, und ganz bestimmt w\u00fcrde das Komitee genauso denken. \u00bbOooh\u00ab, st\u00f6hnte Gorilla und lie\u00df sich auf den Sessel sinken. \u00bbJetzt habe ich aber f\u00fcr ein paar Jahre genug geputzt.\u00ab Ich sah mich um und bekam am ganzen K\u00f6rper G\u00e4nsehaut. Alles war so fein, es roch sogar wichtig und besonders. Aber diese Sauberkeit war anders als die im Rainfarn. Es war irgendwie unsere eigene, nichts, was Gerd mit Geschrei und Gemecker erzwungen hatte. Gorillas Augen leuchteten. \u00bbDoch, doch\u00ab, sagte sie selbstsicher. \u00bbJetzt k\u00f6nnen sie kommen, die Geier von der Stadtverwaltung.\u00ab<\/p>\n<p>Um drei Uhr klopfte es. Die T\u00fcr schlug auf, und eine Frau streckte ihren Kopf herein. \u00bbGuten Tag\u00ab, sagte sie mit einer Stimme, die klang, als h\u00e4tte sie zum Fr\u00fchst\u00fcck einen Eimer Sand verschluckt. Eine Stimme wie diese lie\u00df sogar Topfpflanzen welken! Auf der Nase trug sie eine Brille mit einer giftgr\u00fcnen Fassung, ihr Mund gl\u00e4nzte feuerrot und war schmal wie ein Strich. Gorilla eilte zur T\u00fcr. \u00bbGerade wollte ich \u00f6ffnen\u00ab, sagte sie. Die Frau, Tord und ein anderer Mann schoben sich an Gorilla vorbei ins Haus. Tord sah so gleichg\u00fcltig aus, als w\u00e4re er Gorilla und mir noch nie zuvor begegnet. \u00bbDu machst Notizen\u00ab, sagte er zu dem anderen Mann. Der nickte. Er hatte blondes gewelltes Haar, eine spitze Nase und trug ein rotes Sakko. An seinen F\u00fc\u00dfen gl\u00e4nzten wei\u00dfe Lederschuhe. \u00bbNa dann\u00ab, sagte Tord zu Gorilla. \u00bbDieses Komitee ist einberufen, Sie und Ihr Haus zu inspizieren und zu entscheiden, ob Sie eine geeignete Mutter f\u00fcr das M\u00e4dchen sind, das Sie im September dieses Jahres aus dem Kinderheim Rainfarn adoptiert haben. Verstanden?\u00ab Gorilla schluckte nerv\u00f6s. \u00bbBevor Sie mit dieser Inspektion beginnen\u00ab, sagte sie, \u00bbwollte ich nur noch erw\u00e4hnen, dass Jonna und ich sehr gl\u00fccklich miteinander sind. Falls das von Bedeutung sein k\u00f6nnte.\u00ab Der Blonde nickte und schrieb etwas auf seinen Block. \u00bbHr-hrm!\u00ab Tord schaute streng. \u00bbOb wir uns nicht erst einmal umsehen sollten, bevor wir etwas notieren?\u00ab Der Blonde wurde rot und strich eilig durch, was er aufgeschrieben hatte.<\/p>\n<p>Das Komitee schritt weiter ins Haus hinein, aber keiner von ihnen dachte daran, die Schuhe auszuziehen. Gorilla und ich betrachteten entt\u00e4uscht die matschige Spur, die die drei hinterlie\u00dfen. \u00bbNun\u00ab, sagte Tord. \u00bbVielleicht zeigen Sie uns als Erstes das Zimmer des M\u00e4dchens?\u00ab Gorilla wuselte zu der kleinen verwaschenen H\u00e4ngematte. \u00bbJa, hier h\u00e4tten wir Jonnas Bude\u00ab, sagte sie stolz. \u00bbNur herein, nur herein.\u00ab Tord und die anderen sahen sich um. Die Frau befingerte alles, und Tord zupfte an den Seilen, an denen die H\u00e4ngematte hing. \u00bbTotal lebensgef\u00e4hrlich\u00ab, murmelte er. \u00bbDie Seile sind morsch.\u00ab Der Blonde notierte. \u00bbL-e-b-e-n-s-g-e- f-a-h-r\u00ab. Die neugierigen H\u00e4nde der Frau hatten meinen Nachttisch entdeckt. Sie zog die Schublade auf und fischte meine Zahnb\u00fcrste heraus. Ein paar Spinnweben hatten sich darin verheddert. \u00dcberrascht schaute sie erst mich an und dann Gorilla. Ich l\u00e4chelte so entz\u00fcckend, wie ich mit geschlossenem Mund nur konnte, und Gorilla kicherte unschuldig. \u00bbJa\u00ab, sagte sie, \u00bbes sind die kleinen Dinge, die ein Heim gem\u00fctlich machen, nicht wahr?\u00ab<\/p>\n<p>Niemand antwortete. Tord hob vielsagend eine Augenbraue, und der Blonde machte Notizen. \u00bbGehen wir weiter?\u00ab, sagte Tord. \u00bbJa, nat\u00fcrlich\u00ab, antwortete Gorilla und zeigte ihnen den Weg in die K\u00fcche. \u00bbWillkommen, willkommen. Hier haben wir die Vorratskammer und den K\u00fchlschrank und all diese Dinge. Auch das Geschirr ist frisch gesp\u00fclt, wie immer.\u00ab Sofort streckte die Frau ihre Klauen nach einem T\u00fcrknopf aus. \u00bbNicht diesen Schrank!\u00ab, rief ich. \u00bbDer\u2026 der ist kaputt.\u00ab Da wurde Tord neugierig. \u00bbNicht \u00f6ffnen!\u00ab, las er auf dem Zettel. \u00bbWas sind das f\u00fcr Geheimnisse, die Sie hier verstecken?\u00ab \u2013 \u00bbNicht!\u00ab, rief ich. Aber zu sp\u00e4t. Tord hatte das Klebeband, das die T\u00fcr geschlossen hielt, bereits abgezogen. Erst machte es Plopp und ein kleiner Tischtennisball kullerte ihm auf den Kopf. Dann folgte mit einem f\u00fcrchterlichen Krach der ganze Rest: Klopapierrollen, R\u00fchrsch\u00fcsseln, eine N\u00e4hmaschine, Pl\u00e4tzchenformen, ein Handr\u00fchrger\u00e4t, eine Deckenlampe, eine T\u00fcrklinke, f\u00fcnf Kerzenst\u00e4nder, Farbt\u00f6pfe und Pinsel, Schraubenzieher, ein Hammer, ein Staubsauger und zu guter Letzt ein Sack Zement. Alles prasselte auf Tord hinunter, der wie gel\u00e4hmt dastand und bis zur H\u00fcfte im Schrott versank.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment herrschte Stille, dann eilte die Frau Tord zu Hilfe. \u00bbJetzt bekommst du sicher Tetanus!\u00ab, schrie sie und drehte sich zu Gorilla um. \u00bbDas h\u00e4tten Sie uns sagen m\u00fcssen!\u00ab \u2013 \u00bbIch habe doch versucht\u2026\u00ab, setzte ich an, aber Gorilla unterbrach mich. \u00bbJa, oje, oje, oje, wie ungeschickt! Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Soll ich Pflaster holen?\u00ab Ver\u00e4rgert versuchte Tord etwas paprikagr\u00fcne Farbe von seinem braunen Sakko zu wischen. \u00bbNotieren\u00ab, fauchte er dem Blonden zu. \u00bbJetzt gehen wir in den Hof, wir wollen ja irgendwann mal fertig werden.\u00ab Gorilla eilte zur Hintert\u00fcr. \u00bbHier entlang\u00ab, s\u00e4uselte sie. \u00bbDanach gibt es f\u00fcr alle noch Kaffee.\u00ab Niemand antwortete.<\/p>\n<p>Als der Blonde in der T\u00fcr stand, erstarrte er und blickte entsetzt hinaus auf den matschigen Hof. \u00bbHrm, die hatte ich gerade erst neu gekauft\u00ab, sagte er mit kummervollem Blick auf seine edlen wei\u00dfen Lederschuhe. Gorilla strahlte ihn an. \u00bbKein Problem!\u00ab, rief sie und rannte los, um kurz darauf mit einem Paar riesiger Gummistiefel zur\u00fcckzukommen. \u00bbBitte sehr, die leihe ich Ihnen, dann k\u00f6nnen Sie Ihr eigenes, empfindliches Schuhwerk schonen.\u00ab Kaum hatte der Blonde einen bestrumpften Fu\u00df in den ersten Schaft geschoben, da zog er ihn auch schon wieder hektisch zur\u00fcck. Angewidert fischte er ein altes Spiegelei aus dem Stiefel. Schnell nahm Gorilla es an sich. \u00bbAch herrje, da hatte ich es hingetan!\u00ab, rief sie und lie\u00df das Spiegelei in ihrer Hose verschwinden. \u00bbIch hatte mich schon gewundert, wo es abgeblieben ist. Dann wollen wir mal raus.\u00ab Mit schweren Schritten folgte ich dem Komitee. Ich hatte Bauchweh und sp\u00fcrte, wie mein Herz unruhig in meinem Brustkorb stampfte. Ich hatte nicht den Eindruck, dass diese Inspektion sonderlich gut verlief.<\/p>\n<p>\u00bbNo panic on Titanic\u00ab, murmelte ich. Drau\u00dfen hatten Tord und der Blonde angefangen, alle Waren unter die Lupe zu nehmen. Ehrlich gesagt schienen sie mir weniger daran interessiert zu sein, eine Inspektion durchzuf\u00fchren, als einen Fund zu machen. Tord zog ein Flaschenschiff aus einer Holzkiste. \u00bbWie schaffen die das blo\u00df?\u00ab, staunte der Blonde. \u00bbWie kriegen die das Schiff da rein?\u00ab \u00bbSchscht!\u00ab, zischte Tord. \u00bbEs k\u00f6nnte wertvoll sein.\u00ab Er hielt die Flasche hoch. \u00bbWas nehmen Sie f\u00fcr diesen M\u00fcll?\u00ab, rief er in Gorillas Richtung. \u00bbAch, gar nichts\u00ab, fl\u00f6tete sie. \u00bbBitte, ein Geschenk an das Komitee.\u00ab \u2013 \u00bbDanke\u00ab, sagte Tord und klemmte sich die Flasche unter den Arm.<\/p>\n<p>Die Frau trippelte auf ihren bl\u00f6den St\u00f6ckelschuhen herum und versuchte, m\u00f6glichst nicht bis zu den Kn\u00f6cheln im Schlamm zu versinken. Ihre neugierigen Finger waren \u00fcberall. Als sie zum Kloh\u00e4uschen kam, blieb sie stehen. \u00bbIst das ein Ger\u00e4teschuppen?\u00ab, fragte sie. Gorilla eilte eifrig zu ihr. \u00bbNein, nein! Das ist die Bed\u00fcrfnisanstalt.\u00ab Die Frau runzelte die Stirn. \u00bbBed\u00fcrfniswas?\u00ab Gorilla \u00f6ffnete die T\u00fcr und zeigte ihr das Plumpsklo. \u00bbFalls Sie mal m\u00fcssen, werte Dame.\u00ab Die Frau bekam knallrote Flecken auf den Wangen. Unterdessen hatte Tord in ein paar alten Grammofonplatten herumgew\u00fchlt, an einer Kuckucksuhr mit kaputten Federn herumgefummelt und in ein Messingschild gebissen, um herauszufinden, ob es nicht doch aus Gold war, aber er hatte nichts gefunden, was er behalten wollte. Er l\u00e4chelte \u00fcberheblich. \u00bbIch denke, wir sind hier fertig\u00ab, sagte er. Die drei nahmen den Weg zur\u00fcck durchs Haus. \u00bbWir erwarten Sie morgen um zw\u00f6lf Uhr im B\u00fcro der Stadtverwaltung, dort k\u00f6nnen Sie Ihren Bescheid abholen\u00ab, sagte Tord. Ohne sich dessen bewusst zu sein, schaukelte Gorilla von einem Fu\u00df auf den anderen. \u00bbNat\u00fcrlich\u00ab, sagte sie l\u00e4chelnd. \u00bbZw\u00f6lf Uhr. Kein Problem.\u00ab Das Komitee stieg in Tords Auto und brummte davon. Auf der Heckscheibe prangte ein runder gelber Aufkleber. \u00bbEine Stadt mit Fortschritt\u00ab.<\/p>\n<p>Gorilla schaute ihnen nach. \u00bbHrm\u00ab, sagte sie. \u00bbWie\u2026 wie war es?\u00ab \u2013 \u00bbAch\u00ab, sagte ich und versuchte zu klingen, als w\u00e4re noch nicht alle Hoffnung verloren. \u00bbEs war doch ganz okay?\u00ab Gorilla kaute auf ihren Fingern. Sie stemmte eine Hand in die Seite und lie\u00df ihren Blick nach oben wandern. Dann sah sie mich an, lange und nachdenklich. Schlie\u00dflich schloss sie die Augen und nickte, als h\u00e4tte sie sich f\u00fcr etwas entschieden. \u00bbMan soll nie vom Schlimmsten ausgehen\u00ab, sagte sie. \u00bbAber ich will dir etwas zeigen.\u00ab<\/p>\n<p>Nimm dir einen warmen Pulli mit\u00ab, sagte Gorilla, kroch unter ihr Bett und rumorte zwischen Kram und Krempel herum. \u00bbIch wei\u00df, dass ich es hier irgendwann mal gesehen habe\u2026 Verflixt und zugen\u00e4ht\u2026 Herrje, wo ist es denn nur? Ah!\u00ab Sie tauchte mit einer gro\u00dfen, wurstf\u00f6rmigen Stoffh\u00fclle in der Hand auf. Das Ding war orange, und sie schwenkte es schwungvoll durch die Luft. \u00bbHier ist es!\u00ab \u2013 \u00bbWas denn?\u00ab, fragte ich. Gorilla blinzelte mir verschw\u00f6rerisch zu. \u00bbEin Zelt. Ich dachte mir, wir k\u00f6nnten einen Ausflug machen.\u00ab Das anstrengende Stechen in meinem Bauch verwandelte sich in ein herrliches Kribbeln. \u00bbAusflug? Jetzt?\u00ab Gorilla nickte bedeutungsvoll. \u00bbAber ja\u00ab, sagte sie. \u00bbNichts geht \u00fcber einen Zeltausflug im Herbst. Du und ich k\u00f6nnen ein wenig Entspannung vertragen, so wie wir heute geschuftet haben.\u00ab Oh, wie ich mich freute! Ich hatte noch nie in meinem Leben gezeltet! \u00bbWei\u00dft du schon, wohin wir fahren?\u00ab, fragte ich und zerrte eine riesengro\u00dfe gr\u00fcne Strickjacke aus der Vorratskammer. \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich\u00ab, sagte Gorilla und lachte. \u00bbDer Ort ist nicht sehr ungew\u00f6hnlich, aber\u2026 f\u00fcr mich ist er etwas Besonderes.\u00ab<\/p>\n<p>Als sie eine Einkaufstasche mit den Sachen vollgepackt hatte, die wir brauchen w\u00fcrden \u2013 ihre Pferdedecke, ein Kissen und einen Topf \u2013, stiegen wir in den Volvo und donnerten aus der Stadt. Es dauerte nicht lange, schon holperten wir \u00fcber furchige schmale Feldwege. Bald darauf waren wir im Wald. Gorilla bog in einen Weg ein, der noch schmaler und mit Gras bewachsen war. Ganz pl\u00f6tzlich endete der Weg. \u00bbHier parken wir\u00ab, sagte Gorilla. \u00bbZu Fu\u00df ist es von hier aus nicht mehr weit.\u00ab Es war kalt, aber nicht windig. Nur oben in den Fichtenwipfeln rauschte es leise. Gorilla marschierte zwischen den B\u00e4umen voran. Sie trug die Tasche und die orange leuchtende Stoffwurst. V\u00f6llig au\u00dfer Puste versuchte ich, mit ihr Schritt zu halten. W\u00e4hrend ich gezwungen war, um alles einen Bogen zu machen, konnte sie mit ihrem starken K\u00f6rper einfach die Zweige und B\u00fcsche durchpfl\u00fcgen. Auf einer Lichtung warf Gorilla das Gep\u00e4ck von sich und stemmte die H\u00e4nde in die Seiten. \u00bbHier ist es\u00ab, sagte sie, und ihr Blick bekam etwas Abwesendes, fast ein wenig Wehm\u00fctiges. Es war ein sch\u00f6nes Pl\u00e4tzchen. In der Mitte der Wiese thronte ein gro\u00dfer Fels, und unten im Moos standen noch ein paar d\u00fcrre, kleine, braune, welke Blumen, die vom Sommer \u00fcbrig geblieben waren. \u00bbMir gef\u00e4llt es hier\u00ab, sagte Gorilla und setzte sich auf den Boden, den R\u00fccken an den Fels gelehnt. \u00bbBequem wie ein Sessel! Au\u00dferdem ist es still hier.\u00ab Sie holte mit einem Seufzer tief Luft. \u00bbGanz still.\u00ab<\/p>\n<p>Es war ein bisschen ungewohnt f\u00fcr mich, dass sie so in ihre eigene Welt vertieft war. Mir war es lieber, wenn sie redselig war und vor sich hin tr\u00e4llerte. \u00bbWollen wir das Zelt aufbauen?\u00ab, schlug ich vor. Gorilla l\u00e4chelte. \u00bbKlar\u00ab, sagte sie. \u00bbHoffe nur, die Heringe reichen. Die Dinger besitzen die F\u00e4higkeit, sich selbst wegzuzaubern.\u00ab Wir stellten das Zelt auf. Und w\u00e4hrend ich drinnen aus der Pferdedecke und dem Kissen unser Bett richtete, suchte Gorilla ein paar Zweige als Ersatz f\u00fcr die fehlenden Heringe zusammen. Als ich wieder rauskam, hatte Gorilla das Lagerfeuer angefacht. \u00bbIch stecke immer kleine \u00c4ste in diese L\u00fccke, wenn ich hier bin\u00ab, sagte sie und zeigte auf einen Spalt im Felsen. \u00bbAuf diese Weise habe ich beim n\u00e4chsten Besuch gleich trockenes Holz.\u00ab \u2013 \u00bbF\u00e4hrst du denn oft hierher?\u00ab, fragte ich. Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNee. Fr\u00fcher war ich viel hier. Aber das letzte Mal liegt schon eine ganze Weile zur\u00fcck.\u00ab Sie war sch\u00f6n, wie sie so in ihren blauen Leggins dasa\u00df. Gro\u00df wie ein Haus, mit langen starken Armen. Das blumige Kleid stand ihr mit jedem Tag, an dem sie es trug, besser. Gorilla war eben eine von denen, die mit der Zeit immer eleganter aussehen.<\/p>\n<p> Als das Feuer eine Weile geknistert hatte, legte sie einen flachen Stein in die Flammen. Dann kramte sie den Topf aus der Tasche. \u00bbWollen wir Wasser holen gehen?\u00ab, fragte sie. Nicht weit entfernt schl\u00e4ngelte sich ein Bach mit seinem dunklen Wasser durch das Moos und verschwand am Ende der Lichtung schnell bergab. Gorilla beugte sich hinunter und sch\u00f6pfte mit dem Topf Wasser. Ich planschte ein bisschen mit meinen Stiefeln im Bach. Als ich aufsah, kam mir der Wald mit einem Mal lichter vor. Ich bildete mir ein, Stimmen zu h\u00f6ren. Rufe und Lachen. Gorilla kam angewackelt. \u00bbDa sind Kinder\u00ab, sagte ich. \u00bbWohnt hier denn jemand im Wald?\u00ab Gorilla sah mich an. Ich h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass sie etwas sagen wollte, aber dann bekam ihr Blick etwas Z\u00f6gerliches. \u00bbKomm jetzt\u00ab, murmelte sie. Sie stapfte zur\u00fcck zum Zeltplatz. Ich blieb noch stehen und spitzte die Ohren, aber jetzt kam der Wind von hinten und ich konnte keine Stimmen mehr h\u00f6ren. Da lief ich ihr schnell hinterher. Es war schon dunkel geworden. Alles war perfekt. Genau so, als w\u00e4ren Gorilla und ich zwei Figuren aus einem Abenteuerroman. Als das Wasser anfing zu kochen, fragte Gorilla: \u00bbHast du Hunger?\u00ab Ich schnappte nach Luft. \u00bbWir haben keinen Proviant mitgenommen! Wir werden verhungern!\u00ab Gorilla zwinkerte mir zu und erhob sich vom Moos. \u00bbWarte hier\u00ab, sagte sie l\u00e4chelnd und nahm die Tasche. \u00bbIch bin bald wieder da.\u00ab<\/p>\n<p>N\u00e4chste Woche, im neuten Teil der Geschichte, kommen Jonna und Gorilla zwar p\u00fcnktlich zu ihrem  Termin bei B\u00fcrgermeister Tord. Doch dann geht  einfach alles schief&#8230;<\/p>\n<p>Den siebten Teil der Geschichte findet Ihr <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/08\/18\/kinderzeit-lesesommer-2010-ich-gorilla-und-der-affenstern-%e2%80%93-teil-7_6846\">hier<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"affenstern\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/07\/affenstern-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" \/><strong><br \/>\nFrida Nilsson:<br \/>\nIch, Gorilla und der Affenstern<br \/>\nGerstenberg<br \/>\nVerlag, 12,95 \u20ac<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darf Jonna bei Gorilla bleiben? Die Affendame hat das M\u00e4dchen aus dem Kinderheim Rainfarn adoptiert. Doch nun soll ein Komitee pr\u00fcfen, ob sich Gorilla gut um Jonna k\u00fcmmert. Angeblich. Denn eigentlich will B\u00fcrgermeister Tord Gorilla nur unter Druck setzen, um sich ihr Grundst\u00fcck unter den Nagel zu rei\u00dfen. 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