{"id":7409,"date":"2010-10-21T10:00:33","date_gmt":"2010-10-21T08:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=7409"},"modified":"2010-10-22T10:15:25","modified_gmt":"2010-10-22T08:15:25","slug":"%c2%bbman-muss-tapfer-sein%c2%ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/10\/21\/%c2%bbman-muss-tapfer-sein%c2%ab_7409","title":{"rendered":"\u00bbMan muss tapfer sein\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_7420\" aria-describedby=\"caption-attachment-7420\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/10\/schmidt.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-7420\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/10\/schmidt.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/10\/schmidt-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7420\" class=\"wp-caption-text\">Altbundeskanzler Helmut Schmidt im Interview<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Ein Gespr\u00e4ch mit Helmut Schmidt: \u00dcber Kindheit vor 90 Jahren \u2013 und die Frage, was ein Bundeskanzler k\u00f6nnen muss<\/em><\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Sie wurden am 23. Dezember 1918 geboren, da war gerade ein schrecklicher Krieg, der Erste Weltkrieg, zu Ende gegangen. Und als Sie 20 Jahre alt waren, zettelte Deutschland den Zweiten Weltkrieg an, der Millionen von Menschen in Europa das Leben kostete. Wie war es, in dieser Zeit zwischen den Kriegen aufzuwachsen?<\/p>\n<p><strong>Helmut Schmidt:<\/strong> In meiner eigenen Familie mussten wir keine Not leiden, aber in der Familie meiner Frau, die ich seit der Grundschulzeit kenne, habe ich erlebt, was Armut hei\u00dft: Der Vater war Elektriker auf einer Werft gewesen, wollte unbedingt arbeiten, blieb aber sechs Jahre lang arbeitslos. Die sechsk\u00f6pfige Familie lebte in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Das Klo war auf der halben Treppe, der einzige Wasserhahn befand sich in der K\u00fcche, die Kinder wurden auf dem K\u00fcchentisch geboren.<!--more--><\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Sprach man bei Ihnen zu Hause \u00fcber Politik?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/10\/schmidt_180_1.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"230\" class=\"alignleft size-full wp-image-7422\" \/><strong>Schmidt: <\/strong>Nein. Mein Vater war der altmodischen Meinung, dass Kinder keine Zeitung lesen sollen, dass sie sich f\u00fcr Politik nicht zu interessieren haben. Das geh\u00f6rt sich nicht, dachte er.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Angst vor einem neuen Krieg hatten Sie nicht?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> Nein, das haben meine Eltern von uns ferngehalten.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Was, glauben Sie, ist der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zwischen einer Kindheit vor fast 90 Jahren und heute?<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Man sieht den Unterschied sehr deutlich bei den Grundschulen. Auf meiner Schule musste man gerade sitzen, die H\u00e4nde auf dem Tisch halten, eingezw\u00e4ngt in die Schulbank. Da gab es auch Schl\u00e4ge mit dem Rohrstock oder Ohrfeigen. Sp\u00e4ter kamen meine Frau und ich dann auf dasselbe Gymnasium. Das war eine fortschrittliche Schule. Viel gelernt haben wir nicht, aber eines auf jeden Fall: selbstst\u00e4ndig zu arbeiten. Schon in der sechsten, siebten Klasse musste man da eine Jahresarbeit schreiben, sich ganz allein mit einem Thema auseinandersetzen. Das konnte ich, das hat mir Freude gemacht. Aber insgesamt war ich ziemlich faul in der Schule.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Gab es F\u00e4cher, die Ihnen schwerfielen?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> Eigentlich nicht.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Und Lieblingsf\u00e4cher?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> So h\u00e4tten wir das nicht genannt. Aber, ja: Wir hatten eine Stunde Turnen jeden Tag, das mochte ich sehr. Und den Kunstunterricht, Zeichnen hie\u00df das damals \u2013 darin hatten wir einen begnadeten Lehrer, f\u00fcr dessen Unterricht bin ich der Schule heute noch dankbar. In meiner Klasse interessierte sich au\u00dfer mir noch ein anderer Junge besonders f\u00fcr Geschichte, und als wir \u00e4lter waren, haben manchmal wir beiden die ganze Stunde lang mit dem Geschichtslehrer diskutiert. Ich habe dabei sehr viel gelernt \u2013 ob es f\u00fcr den Rest der Klasse ebenso lehrreich war, wei\u00df ich allerdings nicht!<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Haben Sie als Junge gern gelesen? Erinnern Sie sich an ein Kinderbuch, das Sie besonders mochten?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong>Onkel Toms H\u00fctte, die Geschichte eines schwarzen Sklaven in den amerikanischen S\u00fcdstaaten. Das habe ich mit acht oder neun Jahren gelesen. Ich glaube, das stammte aus dem B\u00fccherschrank meiner Mutter. Ich war eine richtige Leseratte. So mit zehn, elf Jahren entdeckte ich die \u00f6ffentlichen B\u00fccherhallen in Hamburg, wo man B\u00fccher ausleihen konnte. Gro\u00dfartig! Die Ausleihfrist war drei Wochen, aber ich habe meine B\u00fccher meist schon nach einer Woche zur\u00fcckgebracht und neue geholt.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT: <\/strong>Heute gibt es viele Jungen, die nicht so gern lesen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> Bei mir war das anders. Beim Abitur hatte ich, glaube ich, schon einen ziemlich guten \u00dcberblick zum Beispiel \u00fcber die russische Romanliteratur. Aber Sie m\u00fcssen sehen: Das waren andere Zeiten. Es gab weder Radio noch Fernsehen. Wer etwas erleben wollte, musste lesen.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT: <\/strong>Nach dem Krieg studierten Sie Volkswirtschaft und arbeiteten in der Hamburger Beh\u00f6rde f\u00fcr Wirtschaft und Verkehr. Wie kam es, dass Sie dann f\u00fcr ein politisches Amt kandidiert haben?<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Eigentlich wollte ich nicht Politiker werden. Ich wollte in die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der Hamburger Hafen- und Lagerhausgesellschaft. Aber man fand mich zu jung. Da habe ich mich aus Trotz um ein Abgeordnetenmandat f\u00fcr den Bundestag beworben. Das war 1953.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT: <\/strong>Heute sind Politiker bei vielen W\u00e4hlern ziemlich unbeliebt. War das damals eigentlich auch schon so?<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Ich glaube, ganz fr\u00fcher, vor 60 Jahren, am Anfang der Bundesrepublik, war es nicht so. Die meisten Menschen bekamen von Politik kaum etwas mit. Es gab kein Fernsehen, und von der Arbeit eines Bundestagsabgeordneten erfuhr man wenig. Da konnte man also auch nicht sauer sein! Vor 40, 45 Jahren gab es dann in manchen Familien die ersten Schwarz-Wei\u00df-Fernsehger\u00e4te. Da wurden stundenlang die Bundestagsdebatten \u00fcbertragen. Man konnte wirklich h\u00f6ren, was die Abgeordneten im Parlament sagten, das war erst mal neu und interessant. Heute werden die Bundestagsdebatten nur noch auf Phoenix gebracht, und die anderen Fernsehsender sind voll mit Sabbelshows.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Sie selbst sind nun allerdings der beliebteste Politiker Deutschlands. Warum m\u00f6gen die Menschen Sie, und andere Politiker nicht?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/10\/schmidt_180_2.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"230\" class=\"alignleft size-full wp-image-7423\" \/><strong>Schmidt: <\/strong>Ach, wenn sie sich \u00e4rgern, dann h\u00f6ren die Leute gern auf die Alten mit den wei\u00dfen Haaren. Die wirken so sch\u00f6n w\u00fcrdig, die Alten, aber sie \u00e4rgern ja auch niemanden mehr mit irgendwelchen Entscheidungen. Ich bin ja kein Politiker mehr.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Was w\u00fcrden Sie heute einem jungen Menschen raten, der in die Politik gehen m\u00f6chte?<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Ich w\u00fcrde ihm sagen: Du hast wohl einen Vogel! Lern erst mal einen anst\u00e4ndigen Beruf, und \u00fcbe ihn aus, vorher kommt das nicht infrage! Es ist ganz wichtig, dass jemand, der sich f\u00fcr eine Zeit lang in ein Amt w\u00e4hlen l\u00e4sst, hinterher einen Beruf hat, in den er zur\u00fcckkehren kann. Bei den Jugendorganisationen der Parteien kann er aber gern schon fr\u00fcher mitmachen \u2013 wenn es die noch gibt!<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT: <\/strong>Von 1974 bis 1982 waren Sie Bundeskanzler. Ist der Bundeskanzler der m\u00e4chtigste Mann des Landes?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> Der m\u00e4chtigste? Das kann man nicht sagen: M\u00e4chtiger sind die 614 Menschen im Bundestag \u2013 die Abgeordneten. Wenn von denen 308 sagen: Dies Gesetz will ich nicht, dann kommt es nicht zustande. Daraus ergibt sich auch etwas Wichtiges, was ein Bundeskanzler k\u00f6nnen muss: Kompromisse schlie\u00dfen. Das hei\u00dft, er muss sich mit anderen einigen, muss in manchen Punkten nachgeben.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Was muss man noch gut k\u00f6nnen als Bundeskanzler?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> Man muss zum Beispiel das, was man will, gut erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, damit m\u00f6glichst viele Menschen es verstehen. Man muss gut zuh\u00f6ren k\u00f6nnen \u2013 auch die Sachen, die einem falsch vorkommen, muss man sich anh\u00f6ren! Und dann gibt es Tugenden, die eigentlich jeder B\u00fcrger haben sollte, aber ein Politiker ganz besonders: Man darf die Schuld nicht auf andere schieben. Man muss tapfer sein. Man muss wirklich sagen, was man meint \u2013 und nicht das, wovon man glaubt, die Leute wollten es gerne h\u00f6ren. Und noch ein paar ganz praktische Punkte: Politiker m\u00fcssen mindestens zwei fremde Sprachen sprechen, damit sie sich mit den Vertretern anderer L\u00e4nder verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Vor allem Englisch, aber Spanisch, Russisch oder Chinesisch sind auch sehr wichtig.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Wir sitzen hier in Ihrem Arbeitszimmer. Sie arbeiten sehr viel, obwohl Sie schon 91 Jahre alt sind. Warum tun Sie das?<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Wenn ich nicht arbeiten w\u00fcrde, w\u00e4re ich tot! Aber es ist nat\u00fcrlich ein Unterschied, ob man vor allem am Schreibtisch arbeitet oder ob man sich k\u00f6rperlich sehr anstrengen muss. Ein Dachdecker kann nicht auf dem Dach herumturnen, bis er 68 Jahre alt ist. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass wir, was ja sehr erfreulich ist, alle immer \u00e4lter werden. Das hei\u00dft schon, dass alle sich ein bisschen l\u00e4nger anstrengen m\u00fcssen, denn die Renten werden ja von dem Geld bezahlt, das die arbeitenden Menschen verdienen.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT: <\/strong>Und wenn Sie sich doch einmal etwas Mu\u00dfe g\u00f6nnen: Was tun Sie dann?<\/p>\n<p><strong>Schmidt:<\/strong> Ach, das ist ziemlich traurig. Mein ganzes Leben lang habe ich mich dann ans Klavier gesetzt und gespielt. Aber seit 15 Jahren h\u00f6re ich so schlecht, dass ich nicht mehr spielen kann. Ich kann \u00fcberhaupt keine Musik mehr h\u00f6ren. Also lese ich dann meistens. Faulenzen f\u00e4llt mir schwer. Das konnte ich nur richtig gut in unserem Ferienh\u00e4uschen am Brahmsee.<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT:<\/strong> Fernsehen m\u00f6gen Sie nicht besonders. Als Sie Bundeskanzler waren, haben Sie sogar einen fernsehfreien Tag pro Woche vorgeschlagen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Ich fand, es sei eine gute Idee, wenn Familien an diesem Tag gemeinsam etwas unternehmen, etwas spielen, miteinander reden, statt stumm vor einem Bildschirm zu sitzen. Aber die Journalisten hielten das f\u00fcr einen ganz furchtbaren Vorschlag. Vor allem die Fernsehjournalisten!<\/p>\n<p><strong>KinderZEIT: <\/strong>Sehen Sie selbst heute fern zur Zerstreuung?<\/p>\n<p><strong>Schmidt: <\/strong>Nur wenn ich nicht schlafen kann. Dann schalte ich manchmal den Fernsehapparat an, lasse ihn ohne Ton laufen und rate, was die da wohl reden.<\/p>\n<p>Die Fragen stellten Susanne Gaschke und Katrin H\u00f6rnlein, die Fotos sind von Vera Tammen<\/p>\n<p><strong>Nachtrag:<\/strong> Loki Schmidt, die Frau von Helmut Schmidt, ist in der Nacht zum Donnerstag in ihrem Haus in Hamburg gestorben. Sie wurde 91 Jahre alt, das Paar war 68 Jahre verheiratet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Helmut Schmidt: \u00dcber Kindheit vor 90 Jahren \u2013 und die Frage, was ein Bundeskanzler k\u00f6nnen muss KinderZEIT: Sie wurden am 23. Dezember 1918 geboren, da war gerade ein schrecklicher Krieg, der Erste Weltkrieg, zu Ende gegangen. 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