{"id":7695,"date":"2010-11-18T11:00:54","date_gmt":"2010-11-18T10:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=7695"},"modified":"2010-11-17T12:21:29","modified_gmt":"2010-11-17T11:21:29","slug":"zum-lesen-verfuhren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/11\/18\/zum-lesen-verfuhren_7695","title":{"rendered":"Zum Lesen verf\u00fchren"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/11\/buchhandlung-540x446.jpg\" alt=\"\" title=\"buchhandlung\" width=\"540\" height=\"446\" class=\"aligncenter size-large wp-image-7698\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/11\/buchhandlung-540x446.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/11\/buchhandlung-300x248.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/11\/buchhandlung.jpg 1570w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Wie entscheidet ein Buchh\u00e4ndler, welche Geschichten er verkaufen will? Und kennt er selbst<br \/>\nalles, was in seinem Laden steht? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Von Claudia Kniess mit einer Illustration von <a href=\"http:\/\/www.birgitlang.de\">Birgit Lang<\/a><\/p>\n<p>Vier Milliarden Euro f\u00fcr 400 Millionen B\u00fccher haben die Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr ausgegeben. W\u00fcrde man diese B\u00fccher auf alle Menschen im Land verteilen, dann h\u00e4tte jeder etwa f\u00fcnf St\u00fcck bekommen. Etwas mehr als die H\u00e4lfte ihrer B\u00fccher kaufen die Deutschen in Buchhandlungen. Dort sitzen, so stellen wir es uns vor, bebrillte, kauzige, aber meist sehr freundliche Buchh\u00e4ndler in gro\u00dfen Ohrensesseln. Umgeben sind sie von wackeligen B\u00fccherstapeln. Ab und an verkaufen sie einigen auserw\u00e4hlten Kunden anspruchsvolle Werke \u2026<!--more--><\/p>\n<p>So ist es nat\u00fcrlich nicht wirklich. Nicht ganz. Es gibt in Deutschland etwa 4000 Buchhandlungen, sehr gro\u00dfe mit Rolltreppen und riesigen Schaufenstern, aber auch ganz kleine. Eine solche kleine Buchhandlung ist die B\u00fccherstube von Irene Menninger in Heppenheim, das liegt zwischen Heidelberg und Darmstadt. F\u00fcr Irene Menninger (bebrillt, freundlich, aber ohne Ohrensessel) ist die Zeit nach Weihnachten und im Juni besonders spannend: Da verraten n\u00e4mlich die Buchverlage, welche neuen Titel erscheinen werden. Irene Menninger bl\u00e4ttert dann neugierig in den Katalogen und in Leseexemplaren. Das sind B\u00fccher, die man noch nicht kaufen kann, die aber f\u00fcr Buchh\u00e4ndler und Journalisten schon ein paarmal gedruckt werden, um so f\u00fcr die Titel zu werben. Irene Menninger muss sich dann entscheiden, welche und wie viele B\u00fccher sie bei den Verlagen einkauft.<\/p>\n<p>\u00bbWir bestellen, was ich und meine Mitarbeiterinnen gelesen haben und m\u00f6gen\u00ab, sagt die Buchh\u00e4ndlerin. \u00bbJeder darf nach seiner Neigung und f\u00fcr einen bestimmten Betrag einkaufen.\u00ab Dabei muss Irene Menninger genau \u00fcberlegen, welche Themen ihre Kunden interessieren \u2013 und sie muss sch\u00e4tzen, wie viele Exemplare sie wohl verkaufen kann.<\/p>\n<p>\u00bbWir reagieren selbstverst\u00e4ndlich auch auf Trends\u00ab, sagt sie. Wenn gerade Geschichten \u00fcber Vampire total gefragt sind, dann w\u00e4re es ja Unfug, nur B\u00fccher \u00fcber Pferde in den Laden zu stellen. Schlie\u00dflich muss Irene Menninger von den B\u00fccherverk\u00e4ufen leben k\u00f6nnen \u2013 und sich gegen die m\u00e4chtige Konkurrenz behaupten. Immer mehr Menschen kaufen inzwischen in den Filialen gro\u00dfer Buchhandelsketten \u2013 oder sie bestellen im Internet. Jedes f\u00fcnfte Buch wird heute online verkauft. \u00bbWir strampeln dagegen an\u00ab, sagt Irene Menninger, \u00bbviele unserer Kunden kommen seit Jahren, wir kennen ihre Lesevorlieben und k\u00f6nnen sie deshalb ganz pers\u00f6nlich beraten.\u00ab<\/p>\n<p>Isabella Merk hingegen kennt ihre Kunden meist nicht pers\u00f6nlich. Das kann sie auch gar nicht. Denn sie arbeitet in einer der gr\u00f6\u00dften Buchhandlungen Deutschlands, der Filiale einer Kette, am M\u00fcnchner Marienplatz. Etwa 100 000 B\u00fccher gibt es in dem Laden \u2013 und jeden Tag kaufen unglaublich viele, unglaublich verschiedene Menschen ein. In einem derart gro\u00dfen Gesch\u00e4ft ist nicht mehr eine Person f\u00fcr alles zust\u00e4ndig. Isabella Merk zum Beispiel leitet die Kinder- und Jugendbuchabteilung. Was sie verkauft, hat sie nur teilweise selbst bei den Verlagen bestellt. Bei gro\u00dfen Buchhandelsketten gibt es Mitarbeiter, die f\u00fcr alle Filialen einkaufen. Weil so eine Kette viel mehr Exemplare eines Titels bestellt als eine einzelne Buchhandlung, kann sie mit den Verlagen besser handeln, bekommt die B\u00fccher g\u00fcnstiger. Da diese aber \u00fcberall zum gleichen Preis verkauft werden m\u00fcssen (das ist durch die \u00bbBuchpreisbindung\u00ab gesetzlich geregelt), erzielen gro\u00dfe Buchhandlungen mehr Gewinn als kleine.<\/p>\n<p>Doch viele B\u00fccher bedeuten auch viel Arbeit. Wenn neue Kisten am Marienplatz ankommen, braucht Isabella Merk Unterst\u00fctzung: In den fr\u00fchen Morgenstunden legen Helfer die B\u00fccher vor die Regale. Frau Merk und ihre Kollegen r\u00e4umen sie sp\u00e4ter ein. Wie sie sortieren, ist enorm wichtig, damit die Kunden sich schnell zurechtfinden: Erz\u00e4hlb\u00e4nde ordnen sie nach Autoren, Sachb\u00fccher nach Verlagen, dazu wird alles farblich nach Altersstufen markiert. Einige B\u00fccher werden zudem auf Tischen ausgelegt. Hier sehen die Kunden sie schneller \u2013 und kaufen mehr. H\u00e4ufig steht schon Monate vorher fest, welche B\u00fccher so hervorgehoben werden: Was ist Trend? Hat ein Verlag ein Jubil\u00e4um, ein Autor Geburtstag? Tags\u00fcber ber\u00e4t ein Buchh\u00e4ndler seine Kunden, versieht die B\u00fccher mit Preisen, sucht alte und kaputte Exemplare aus den Regalen und schickt sie zur\u00fcck (\u00bbremittieren\u00ab nennen Fachleute das) und r\u00e4umt sehr viel auf.<\/p>\n<p>Wenn der Laden schlie\u00dft, ist die Arbeit aber meist nicht getan. Abends und an den Wochenenden lesen diese B\u00fcchermenschen \u2013 zwei bis drei Titel und mehr pro Woche. \u00bbWas ich von Herzen empfehlen m\u00f6chte, muss ich ja kennen\u00ab, sagt Isabella Merk. Besonders Kinder ber\u00e4t sie gern. \u00bbDie sind experimentierfreudig, sie kaufen auch ungew\u00f6hnliche Geschichten. Erwachsene wollen f\u00fcr Kinder oft Klassiker oder B\u00fccher, die in Zeitungen empfohlen werden.\u00ab<\/p>\n<p>Dass viele Kunden dann doch zu Harry Potter oder Twilight greifen und nicht zu einem unbekannten, aber tollen Titel eines kleinen Verlags, \u00e4rgert Isabella Merk nicht. \u00bbHauptsache, wir bringen Lesekultur an die Leute, erst mal egal was f\u00fcr eine\u00ab, sagt sie. Au\u00dferdem k\u00f6nne sie den Erfolg eines Titels ein wenig beeinflussen: Manche B\u00fccher habe sie so h\u00e4ufig empfohlen, dass sie sich ein bisschen mit daf\u00fcr verantwortlich f\u00fchle, dass es Bestseller wurden. Irene Menninger in ihrer kleinen B\u00fccherstube verkauft gar nicht so viele B\u00fccher, dass sie ein einzelnes zu einem Bestseller machen k\u00f6nnte. Aber auch sie zeigt einige Titel besonders verlockend in den Schaufenstern und auf Tischen \u2013 und wei\u00df, was f\u00fcr einen Unterschied das bedeuten kann. \u00bbManchmal steht ein Buch ewig im Regal und keiner will es\u00ab, sagt sie. \u00bbStellt man es an einen guten Platz, findet es oft einen K\u00e4ufer.\u00ab Am allerliebsten verhelfen beide, Isabella Merk und Irene Menninger, ihren Kunden zu einem neuen Lieblingsbuch. Das Wichtigste sei n\u00e4mlich, dass die Menschen erfahren, wie viel Spa\u00df das Lesen machen kann, sagen sie.<\/p>\n<p>Viele Lese-Empfehlungen findest Du im Kinder- und Jugendbuch Spezial in der aktuellen ZEIT ab Seite 55<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie entscheidet ein Buchh\u00e4ndler, welche Geschichten er verkaufen will? Und kennt er selbst alles, was in seinem Laden steht? 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