{"id":7931,"date":"2010-12-09T11:00:37","date_gmt":"2010-12-09T10:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=7931"},"modified":"2010-12-07T22:46:34","modified_gmt":"2010-12-07T21:46:34","slug":"so-wuchs-die-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2010\/12\/09\/so-wuchs-die-stadt_7931","title":{"rendered":"So wuchs die Stadt"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_7934\" aria-describedby=\"caption-attachment-7934\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/12\/stadtwachstum-540x355.jpg\" alt=\"\" title=\"stadtwachstum\" width=\"540\" height=\"355\" class=\"size-large wp-image-7934\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/12\/stadtwachstum-540x355.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/12\/stadtwachstum-300x197.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2010\/12\/stadtwachstum.jpg 856w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7934\" class=\"wp-caption-text\">Ein historischer Stadtkern mit Dom, Marktplatz und Stadtmauer\/ Illustration Birgit Lang<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Warum sehen sich viele Orte in Deutschland so \u00e4hnlich? Warum stehen Burg oder Dom oft im Zentrum? Ein Streifzug mit der Architektin Uta Winterhager<\/p>\n<p>In einer fremden Stadt kann man sich leicht verlaufen. H\u00e4user, Stra\u00dfen, Autos \u2013 alles ist unbekannt. Doch viele St\u00e4dte in Deutschland haben mehr gemeinsam, als man denkt, wenn man im Stra\u00dfengewirr steht und sich ein bisschen verloren f\u00fchlt. Unsere St\u00e4dte sind \u00e4hnlich aufgebaut, so als g\u00e4be es einen Plan, der f\u00fcr alle Orte gilt. Das liegt an ihrer Entstehungsgeschichte. <!--more--><\/p>\n<p>Die beginnt meistens in der Mitte, dort, wo wir in diesen Tagen den Weihnachtsmarkt finden. H\u00e4ufig stehen die Marktbuden auf einem Platz vor der gr\u00f6\u00dften Kirche des Ortes, auch wenn es dort eng ist. Auf dem Parkplatz eines M\u00f6belhauses am Rande der Stadt w\u00e4re mehr Platz, aber die Stimmung in einem Gewerbegebiet w\u00e4re viel weniger festlich. Auch nach Weihnachten ist der Platz um die Kirche, den Dom oder um eine Burg herum ein besonderer Ort. Er wird \u00bbStadtkern\u00ab genannt. Wie bei einer Frucht aus dem Kern eine neue Pflanze sprie\u00dft, ist dies die Stelle, von der aus die Stadt gewachsen ist.<\/p>\n<p>Ganz klein fing es an, meist im Mittelalter: Ein F\u00fcrst w\u00e4hlte vielleicht einen Platz aus, weil er verkehrsg\u00fcnstig an einem Fluss lag. Oder ein Bischof lie\u00df eine Kirche an einem Ort bauen, wo es heilendes Wasser gab. Der Bischof und der F\u00fcrst waren nat\u00fcrlich nicht allein. Sie hatten Handwerker, Diener und viele andere Menschen, die f\u00fcr sie arbeiteten. Kein hoher Herr buk sein Brot selbst, kein Bischof beschlug eigenh\u00e4ndig seine Pferde. So wuchsen, dicht gedr\u00e4ngt rund um die Burg oder die Kirche, viele kleine H\u00e4user. Manchmal standen sie so dicht, dass die Menschen einander aus ihren Fenstern heraus \u00fcber die Gasse hinweg die Hand sch\u00fctteln konnten.<\/p>\n<p>Es war in den mittelalterlichen St\u00e4dten so eng, weil sie von einer hohen Mauer umgeben waren, die sie vor Angriffen sch\u00fctzen<br \/>\nsollte. Aber diese Stadtmauer verhinderte auch, dass die Stadt sich nach au\u00dfen ausdehnen konnte. Ungesch\u00fctzt vor den Toren wollte niemand freiwillig wohnen.<\/p>\n<p>So wurde es um Kirche oder Burg immer voller und dichter. In einigen St\u00e4dten gibt es die schmalen Gassen und die kleinen H\u00e4user noch heute \u2013 die \u00bbAltstadt\u00ab. Dort f\u00fchlt man sich ein wenig wie im Museum, und gern kommen Touristen und schlendern umher. Dass die Altstadt nicht \u00fcberall so aussieht wie vor Jahrhunderten, liegt daran, dass Br\u00e4nde oder Bomben die historischen Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt haben. Auch Teile der alten Stadtmauer kann man an vielen Orten noch entdecken \u2013 allerdings findet man sie heute mitten in den St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Eine seltsame Vorstellung, dass dies einmal die Grenze war und dahinter nur Felder und Wiesen lagen. Im Laufe der Jahrhunderte wuchsen die St\u00e4dte langsam. Eine riesige Ver\u00e4nderung erlebten die Menschen vor etwa 200 Jahren: Fabriken mit Maschinen wurden gebaut und dazu Wohnungen f\u00fcr die vielen Arbeiter, die vom Land kamen. Jede Stadt brauchte einen Bahnhof, denn die Eisenbahn war erfunden worden. Universit\u00e4ten, Schulen, Krankenh\u00e4user und prunkvolle Villen wurden errichtet. So entstanden neue Viertel und legten sich wie ein Ring um das alte Zentrum herum. Bis heute hei\u00dfen diese Viertel oft \u00bbNeustadt\u00ab, \u00bbS\u00fcdstadt\u00ab oder \u00bbNordstadt\u00ab.<\/p>\n<p>Aber in ihrer Begeisterung \u00fcber all das Neue dachten die Menschen nicht immer daran, die St\u00e4dte klug zu planen \u2013 und alles wucherte wild durcheinander. Das war nicht gut: Der Schmutz aus einer neuen Fabrik machte zum Beispiel die Menschen krank, die direkt daneben wohnten. Viele Jahrzehnte lebte man in solch ungesunden, vollgestopften St\u00e4dten, in denen Schule neben Fabrik neben Wohnhaus stand. Vor etwa 50 Jahren kamen Stadtplaner dann auf die Idee, alles, was in der Stadt durcheinanderlag, voneinander zu trennen. Um die St\u00e4dte herum gab es schlie\u00dflich reichlich Bauland.<\/p>\n<p>Also sortierten sie dort noch einmal neu: Wohnen hier, in Siedlungen mit Reihenh\u00e4usern oder gro\u00dfen Hochhaust\u00fcrmen. Fabriken woanders, mit ausreichend Abstand zu den Wohnungen der Menschen. Ein Einkaufszentrum wieder an anderer Stelle und irgendwo noch ein Flughafen oder eine M\u00fcllverbrennungsanlage. Diesen neuen gro\u00dfen Ring um die Stadt nennt man \u00bbZwischenstadt \u00ab \u2013 weil er nicht richtig st\u00e4dtisch ist, aber auch nicht richtig l\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Viele Kinder, die in der Zwischenstadt wohnen, m\u00fcssen \u00fcberall mit dem Auto hingefahren werden, zum Beispiel weil es in ihrem Wohngebiet<br \/>\nkeine Schule gibt. Die Entfernungen sind zu gro\u00df, als dass sie mit dem Fahrrad fahren oder zu Fu\u00df gehen k\u00f6nnten. Das Autofahren in<br \/>\nder Zwischenstadt ist f\u00fcr die Eltern aber weniger stressig als der Verkehr im Stadtkern, denn die Stra\u00dfen weiter drau\u00dfen sind mehrspurig, oft gibt es gro\u00dfe Parkfl\u00e4chen.<\/p>\n<p>Immer noch w\u00e4chst dieser \u00e4u\u00dfere Stadtring, wird gr\u00f6\u00dfer, aber auch dichter, sodass weniger gr\u00fcner Zwischenraum bleibt. In der Innenstadt dagegen, wo es immer schon eng war, bessern Stadtplaner heute eher M\u00e4ngel aus. Sie legen Stra\u00dfen so, dass es weniger Staus gibt. Sie wandeln eine alte Fabrik in eine Kletterhalle um. Vielleicht rei\u00dfen sie auch zehn kleine Geb\u00e4ude ab, um Platz f\u00fcr ein gro\u00dfes Kaufhaus zu schaffen. Wer richtig viel Platz braucht, hat in der Innenstadt nur eine Chance: in die H\u00f6he zu bauen. Allerdings darf nicht jeder \u00fcberall ein Hochhaus hinstellen. Immer wird gepr\u00fcft, ob ein solches Geb\u00e4ude die Sicht zum Beispiel auf die Kirche oder die Burg versperren w\u00fcrde. Diese Geb\u00e4ude sollen schon aus der Ferne als Wahrzeichen erkannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn ihr demn\u00e4chst an einem dunklen Abend mit Euren Eltern aus der Stadt fahrt, schaut doch mal aus dem Fenster. Gerade wenn Ihr denkt, dass die Stadt wirklich zu Ende ist, wenn Weihnachtsmarkt, Dom, Kaufh\u00e4user, Hochh\u00e4user und Reihenh\u00e4user l\u00e4ngst hinter Euch liegen, dann leuchtet vielleicht ein Weihnachtsbaum auf dem Dach der M\u00fcllverbrennungsanlage. Auch die geh\u00f6rt zu Eurer Stadt, und auch hier ist ein bisschen Weihnachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum sehen sich viele Orte in Deutschland so \u00e4hnlich? Warum stehen Burg oder Dom oft im Zentrum? Ein Streifzug mit der Architektin Uta Winterhager In einer fremden Stadt kann man sich leicht verlaufen. H\u00e4user, Stra\u00dfen, Autos \u2013 alles ist unbekannt. 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