{"id":8121,"date":"2011-01-04T09:00:53","date_gmt":"2011-01-04T08:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=8121"},"modified":"2011-01-03T15:34:18","modified_gmt":"2011-01-03T14:34:18","slug":"von-kindern-fur-kinder-die-blaue-mutze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2011\/01\/04\/von-kindern-fur-kinder-die-blaue-mutze_8121","title":{"rendered":"Von Kindern f\u00fcr Kinder: Die blaue M\u00fctze"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_8123\" aria-describedby=\"caption-attachment-8123\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/01\/fabrik-540x378.jpg\" alt=\"\" title=\"fabrik\" width=\"540\" height=\"378\" class=\"size-large wp-image-8123\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/01\/fabrik-540x378.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/01\/fabrik-300x210.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8123\" class=\"wp-caption-text\">Spielende Kinder vor Fabrikschloten\/ Foto: Christopher Furlong\/ Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Weihnachten ist noch nicht vorbei. Viele Kinder haben noch Ferien, bis zum Dreik\u00f6nigstag steht in vielen H\u00e4usern noch der geschm\u00fcckte Tannenbaum. Passend dazu haben wir f\u00fcr Euch eine weitere Lesegeschichte, die unsere jungen Leser f\u00fcr Euch geschrieben haben. Heute von Greta (14) aus M\u00f6nchengladbach. Greta f\u00fchrt Euch zur\u00fcck in die Zeit der industriellen Revolution, ins englische Manchester. Eine Zeit, in der ein Menschenleben nicht viel wert war, schon die Kinder schwere Arbeit in den Fabriken verrichten mussten und keine Zeit f\u00fcr Ihre Freunde und zum Spielen hatten.<\/em><\/p>\n<p>Wie jeder heut zu Tage wei\u00df, war die Industrielle Revolution von gro\u00dfer Bedeutung. Doch auch gab es Schattenseiten, die vielen Kindern das Leben erschwerten. In dieser Geschichte werdet Ihr \u00fcber einen kleinen Jungen lesen, der zu dieser Zeit lebte und in einer Fabrik in Manchester arbeitete. Vieles wei\u00df und wusste man \u00fcber ihn nicht, da er keine gro\u00dfe oder &#8222;wichtige&#8220; Pers\u00f6nlichkeit war und das Reden w\u00e4hrend der Arbeit hart bestraft wurde. Doch eins muss man erw\u00e4hnen: Was ihm geschah, geschah keinem anderen Menschen auf dieser Welt. Zumindest wurde davon nie berichtet. Sein Tagebuch, der einzige Zeuge dieser Geschichte, wurde zuf\u00e4llig in einer staubigen Kiste einer B\u00e4ckerei gefunden. Der Inhalt war faszinierend:<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Mein liebes Tagebuch,<\/p>\n<p>Ich kann es immer noch kaum fassen&#8230; was ich heute erlebt habe, ist mir ein unerkl\u00e4rliches R\u00e4tsel. Es war bitterkalt und ich ging durch die grauen, mit Schnee bedeckten Stra\u00dfen, um das Scheusaal der Fabrik f\u00fcr eine Zeit nicht zu sehen. Mutig war ich, das stimmt. Denn so eine kleine Flucht ist mehr als gef\u00e4hrlich. Doch mein Plan war geschickt. Nun&#8230; kein Wunder! Ich habe ihn schon ein ganzes Jahr lang \u00fcberlegt, und jetzt eben auch verwirklicht. Die Stra\u00dfen waren leer, weil es kurz vor Weihnachten war. Ich war auf der Suche nach Geld und hoffte auf Gl\u00fcck- aber umsonst. Der einzige Mensch, den ich an diesem Morgen sah, war ein gro\u00dfer, hagerer Mann, der einen seltsamen Monokel und einen rabenschwarzen Zylinder trug. Der Mann verfolgte mich schon die ganze Zeit. Als ich schnell die Flucht ergriff, fragte er mich mit rauer Stimme: &#8222;Wohin so schnell? &#8222;Das Laufen, ein \u00e4u\u00dferst seltsamer Geruch und die Angst machten es mir nach den hungrigen Tagen schwer und ich fiel in Ohnmacht. Ich wei\u00df nicht wie lange ich auf der Stra\u00dfe lag, doch mit einem schweren, schmerzenden Kopf wachte ich auf. Vor mir lag ein Zettel. Er wurde in einer wunderbaren Schrift geschrieben, sodass es f\u00fcr mich, wie ein unbezahlbares Kunstwerk aussah. Aber der Inhalt war be\u00e4ngstigend verfasst.&#8220;<\/p>\n<p>Mitten im Buch lag ein vergilbter Zettel, auf dem etwas in kaligraphischer Schrift stand.<\/p>\n<p>&#8222;Nun, ich hoffe du erinnerst dich noch an mich? Der gro\u00dfe Mann, der den Monokel trug! Der alte Bimbley, dein Vater, sprach mit mir \u00fcber dich. In meinen Gedanken sagte er, dass du dies behalten solltest. Ich glaube es lohnt sich&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Pl\u00f6tzlich merkte ich, dass ich eine M\u00fctze auf meinem Kopf hatte. F\u00fcr einen Moment verga\u00df ich den Mann und suchte weiter nach Geld. Und tats\u00e4chlich! Ich fand ein wenig Geld im Schnee. Nicht viel, aber es reichte f\u00fcr ein Br\u00f6tchen beim B\u00e4cker. Doch dieser gab mir sogar ein ganzes B\u00fcndel voll Brot! Dann ging ich zum Weihnachtsmarkt, der mitten in der Stadt lag. Dort haben sich viele Menschen versammelt, Lieder gesungen und gelacht. Es war ein herrlicher Anblick und ich w\u00e4re wirklich gerne den ganzen Tag lang dort geblieben. Die Leute waren dort so nett zu mir, wie ich es noch nie erlebt habe. Die Lebensfreude war ihnen buchst\u00e4blich in das Gesicht geschrieben. Und ich f\u00fchlte mich zu Hause, auch wenn der Markt drau\u00dfen in der K\u00e4lte stattfand. Mir wurde sogar warmer Punsch angeboten&#8230;. nat\u00fcrlich sagte ich nicht ab. Sp\u00e4ter kam ein Schneider aus seinem Laden und sah, wie ich vor seiner Vitrine stand und zwei Handschuhe ansah. Er bat mich in seinen Laden und schenkte mir diese zwei Handschuhe. Ich war gl\u00fccklich, sch\u00e4mte mich zugleich und verstand nicht, warum mir ausgerechnet heute alle Menschen so freundlich behandelten. Bisher war alles ganz anders. Nur wegen Weihnachten w\u00fcrden mir die H\u00e4ndler doch nie so sch\u00f6ne Geschenke machen? Oder war das die blaue M\u00fctze, welche mir der schaurige Mann \u00fcberreicht hatte? Wenn, ja- ein Vorteil f\u00fcr mich! Vielleicht war es ein Weg aus diesem grauen Haus, in dem ich mein ganzes Leben lang arbeiten muss&#8230;<\/p>\n<p>Als ich wieder zur Fabrik ging, um meine Arbeit fortfahren zu k\u00f6nnen, merkte ich, dass dies doch keinen Sinn mehr machte, wenn ich sowieso von allen Seiten beschenkt werde. Meinen Eltern und meinen vier Geschwistern w\u00fcrde es sicher auch nichts ausmachen, mit kaum Arbeit genug Geld zu ernten. Und genau dies versuchte ich auch am kommenden Tag. Ich ging durch die totenstillen Gassen. Hier und da klopfte ich an den T\u00fcren aller L\u00e4den, mit der Hoffnung beschenkt zu werden. Ich gebe zu- es war ein magischer Moment, zu wissen, dass man diesmal auf eine andere, ja sogar viel interessantere Art, st\u00e4rker ist, als alle anderen. Und f\u00fcr eine Zeit lang genoss ich sogar den Neid und die verwirrten Gesichter der Genossen der Fabrik, die mich st\u00e4ndig fragten, wie ich es zustande brachte, zu l\u00e4cheln und beschenkt zu werden. Aber jeder Genuss verfliegt, wenn man sich ihn zuviel g\u00f6nnt. Und so ertrug ich es nicht mehr, meinen Freunden etwas vorzumachen. Ich teilte bereits nach einigen Stunden alles, was mir gegeben wurde mit meinen Kameraden. Brot, Obst, Kleidung! Nun strahlten sie&#8230; und dankten mir. Ab diesem Zeitpunkt verstand ich, dass man versuchen muss, zu teilen, und nicht Hass der anderen auskosten soll.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei- mit den Ladenbesuchen habe ich nicht aufgeh\u00f6rt und fand immer mehr Spa\u00df daran. Doch zu meiner Entt\u00e4uschung traf wieder der knochige alte Mann in meinen Blickwinkel ein, und schaute auf mich durch sein Monokel. Zornig, aber auch mit einem geheimen L\u00e4cheln schaute er mich genau an. Tief in meine Augen und pl\u00f6tzlich auf meine blaue M\u00fctze. Mit gehobenen Augenbrauen atmete er nach Luft. Schwer war sein Atem und gebildet sein Blick. &#8222;Schlau bist du! Doch sch\u00e4mst du dich nicht?&#8220; Ich trat ein Schritt zur\u00fcck und wusste nicht, was ich dem Herrn antworten sollte. Wie Eis blieb ich stehen und zuckte anschlie\u00dfend nur mit meinen Schultern. Der Mann lachte . &#8222;Sch\u00e4mst du dich wirklich nicht f\u00fcr deine Tat? Du wanderst von Laden zu Laden und wartest, bis man dir etwas gib. Es ist lieb von dir, das Essen mit deinen Kameraden zu teilen. Aber hast du an die H\u00e4ndler gedacht? Auch sie brauchen Geld. Ich sehe, du hast bereits den Sinn dieser M\u00fctze entdeckt. Dank ihr, kannst du alle Menschen dazu bringen, genau das zu tun, was du willst!&#8220; Ich zuckte zusammen und der Mann, der so geheim, wie all diese fantastischen Welten zu sein schien, nahm mir die blaue M\u00fctze vom Kopf und grinste. &#8222;Ich habe sie dir gegeben, weil du sonst verhungern w\u00fcrdest. Was dir geschah, kann man nur als Gl\u00fcck bezeichnen. Ich hoffe du bist ein kluger Junge, der immer aufmerksam bleibt. Denn dann findest du immer einen guten Weg.&#8220; Dies waren seine letzten Worte, die im Gegensatz zu dem Mann, der so schnell im Nebel verschwand, noch tief in meinem Ged\u00e4chtnis lagen. Ganz verloren stand ich auf der schneebedeckten Stra\u00dfe. Zur\u00fcck zu der Fabrik&#8230;? Ich durfte nicht mehr herzlos betteln. Ohne die M\u00fctze h\u00e4tte dies auch keinen Zweck mehr.<\/p>\n<p>Doch der s\u00fc\u00dfe Duft der B\u00e4ckerei machte mich wach. Und eine Idee hatte ich auch&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Es war ein atemberaubender Fund, dieses Tagebuch. Die Seiten waren vergilbt, staubig und etwas gerissen, wie in vielen alten B\u00fcchern. Aber das besondere und mysteri\u00f6se an der ganzen Geschichte war doch nur, wie sich der Junge die Worte des alten Mannes nur so hervorragend merken konnte! Es war ein Geheimnis, doch auf der letzten Seite des Tagebuchs schrieb der Knabe in sch\u00f6nerer Schrift. Anscheinend war er zu dieser Zeit bereits erwachsen, was uns auch das Datum verratet.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe schon zehn Jahre lang nicht mehr geschrieben , weil ich mich f\u00fcr die Arbeit, die ich immer sehr gerne wollte, durchgesetzt habe. Ich habe das Tagebuch einfach vergessen! Doch ich m\u00f6chte mich bei diesem fremden Mann bedanken, der mich zu besseren gelehrt hat. Ich glaube, er hat sogar mein Leben ver\u00e4ndert, denn er hat mir die Augen ge\u00f6ffnet und eine andere Denkweise verliehen. Tats\u00e4chlich ist es schlecht, die Menschen so herzlos auszunutzen, um sich die Arbeit zu erleichtern. Ich habe es auch alleine geschafft meinen Traum als B\u00e4cker zu verwirklichen. Aber ich habe trotz meines Erfolgs nie meine Kindheit in der Fabrik vergessen, so dass jedes Kind, welches mittellos aussah, ein Rosinenbr\u00f6tchen meiner B\u00e4ckerei &#8218;Blueheads&#8216; bekam.<\/p>\n<p>Und \u00fcbrigens: Der Mann, der mir die blaue M\u00fctze auslieh, war der Weihnachtsmann! Ich habe mir ihn wirklich nie so d\u00fcnn vorgestellt, aber er war es! Er besuchte mich gestern in meiner B\u00e4ckerei und erz\u00e4hlte, er w\u00fcrde nicht Geschenke, sondern Erfahrungen austeilen. Aber nur an diejenigen, die es auch nutzen&#8230;<\/p>\n<p>In Erinnerung- Charlie Bimbley&#8220;<\/p>\n<p><em><br \/>\nHat Euch die Geschichte von Greta gefallen? Schreibt Ihr selbst auch Kurzgeschichten? Wir freuen uns \u00fcber Eure Gedanken. Sendet Eure Geschichten oder Gedichte einfach per Mail an kinderzeit@zeit.de. Und wenn Ihr Greta mitteilen m\u00f6chtet, wie Euch Ihre Geschichte gefallen hat, nutzt die Kommentarfunktion unter diesem Artikel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten ist noch nicht vorbei. Viele Kinder haben noch Ferien, bis zum Dreik\u00f6nigstag steht in vielen H\u00e4usern noch der geschm\u00fcckte Tannenbaum. Passend dazu haben wir f\u00fcr Euch eine weitere Lesegeschichte, die unsere jungen Leser f\u00fcr Euch geschrieben haben. 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