{"id":8557,"date":"2011-02-10T11:00:15","date_gmt":"2011-02-10T10:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=8557"},"modified":"2011-02-08T22:54:28","modified_gmt":"2011-02-08T21:54:28","slug":"lesestunde-in-der-wuste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2011\/02\/10\/lesestunde-in-der-wuste_8557","title":{"rendered":"Lesestunde in der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_8560\" aria-describedby=\"caption-attachment-8560\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/02\/Kamel_Kenia_Kinder1-540x528.jpg\" alt=\"\" title=\"Kamel_Kenia_Kinder1\" width=\"540\" height=\"528\" class=\"size-large wp-image-8560\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/02\/Kamel_Kenia_Kinder1-540x528.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/02\/Kamel_Kenia_Kinder1-300x293.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/02\/Kamel_Kenia_Kinder1.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8560\" class=\"wp-caption-text\">Begeistert schm\u00f6kern die Kinder in der Lesestunde in den B\u00fcchern, die die Bibliothekare in die W\u00fcste gebracht haben<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>In Kenia gibt es eine besondere Bibliothek: Kamele bringen B\u00fccher zu Kindern, die in abgelegenen D\u00f6rfern wohnen<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Nicola Meier mit Fotos von <a href=\"http:\/\/www.mariairl.de\">Maria Irl<\/a><\/em><\/p>\n<p>Khalif liebt B\u00fccher. Bilderb\u00fccher. M\u00e4rchenb\u00fccher. Sogar Schulb\u00fccher. Hauptsache, er kann etwas lesen. W\u00fcrde der 13-<br \/>\nJ\u00e4hrige in Deutschland leben, h\u00e4tte er wahrscheinlich ein richtig volles B\u00fccherregal. Aber Khalif wohnt nicht in Deutschland, sondern in Kenia. Und er besitzt nicht ein einziges Buch. Doch alle zwei Wochen kommt ein Kamel und bringt ihm Lesestoff.<!--more--><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_8562\" aria-describedby=\"caption-attachment-8562\" style=\"width: 140px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/02\/khalif.jpg\" alt=\"\" title=\"khalif\" width=\"140\" height=\"153\" class=\"size-full wp-image-8562\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8562\" class=\"wp-caption-text\">Khalif lebt in Kenia<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Khalif lebt in einer Nomadenfamilie. Nomaden sind wandernde Viehh\u00fcter. Sie wohnen nicht an einem festen Ort, sondern ziehen mit ihren Tieren umher und bleiben immer dort, wo es Futter f\u00fcr ihr Vieh gibt. Manchmal bleiben Nomadenfamilien Monate an einem Ort, manchmal nur einige Wochen. Khalifs Familie lebt derzeit in der N\u00e4he von Maramtu, einem kleinen Dorf im Osten des afrikanischen Landes Kenia.<\/p>\n<p>In dieser Region ziehen viele Nomadenfamilien umher. Sie wohnen in runden H\u00fctten, die ein bisschen aussehen wie Iglus aus Lehm und Bast. An einem Tag k\u00f6nnen sie sich ihre H\u00fctten bauen. Nomaden haben wenig Geld, wenig Besitzt\u00fcmer, und B\u00fccher k\u00f6nnen sie sich meist nicht leisten. Damit Kinder wie Khalif trotzdem lesen k\u00f6nnen, wurde in der Stadt Garissa vor 15 Jahren eine ganz besondere Bibliothek gegr\u00fcndet: Viermal in der Woche ziehen Bibliothekare mit Kamelen durch die W\u00fcste und bringen B\u00fccher zu den Nomaden.<\/p>\n<p>Abdullahi Osman und Abdirahman Bashir, zwei Mitarbeiter der normalen Bibliothek von Garissa, stehen morgens zwischen den hohen Regalen mit Kinderb\u00fcchern und packen eine Auswahl in zwei gro\u00dfe Holzkisten. Die schleppen sie auf den Hof und hieven sie auf den R\u00fccken eines Kamels. Es hei\u00dft Gafane und ist eines von zwei B\u00fccherkamelen der Bibliothek. Die Tiere wechseln sich bei den M\u00e4rschen ab. Zus\u00e4tzlich laufen drei Jungkamele mit, die sich schon mal an die W\u00fcstentouren gew\u00f6hnen sollen. Auch zwei Kamelf\u00fchrer sind dabei. Es ist also eine richtige Karawane, mit der Osman und Bashir losziehen. <\/p>\n<p>Mehrere Stunden laufen sie durch Hitze und Staub zu den Nomadensiedlungen. Heute bringen sie die B\u00fccher zur Grundschule in Maramtu, wo Khalif in die vierte Klasse geht. Fast 300 Kinder werden hier unterrichtet. Sie kommen zum Unterricht, solange sie mit ihren Familien in der N\u00e4he wohnen. Als sich die Kamele und ihre Begleiter am sp\u00e4ten Vormittag n\u00e4hern, stehen die Sch\u00fcler schon an den Fenstern. Eigentlich ist gerade Englischstunde, und die Kinder sollen den Unterschied zwischen this und these lernen. Aber auf die Worte an der Tafel kann sich niemand mehr konzentrieren.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_8563\" aria-describedby=\"caption-attachment-8563\" style=\"width: 140px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/02\/buecherkamele.jpg\" alt=\"\" title=\"buecherkamele\" width=\"140\" height=\"155\" class=\"size-full wp-image-8563\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8563\" class=\"wp-caption-text\">Kamele tragen die schweren B\u00fccherkisten in die W\u00fcste<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>\u00bbIch bin immer ganz aufgeregt, wenn die Kamele kommen\u00ab, sagt Khalif. Die Bibliothekare Osman und Bashir breiten die B\u00fccher auf drei Bastmatten unter einem Akazienbaum vor der Schule aus. Viele Exemplare sind zerlesen, einige vergilbt. Diesem fehlt der Einband, bei jenem ist ein Buchr\u00fccken geklebt. Aber f\u00fcr die Kinder sind all diese B\u00fccher ungemein kostbar. Einige Geschichten sind auf Kisuaheli, das ist eine afrikanische Sprache, die meisten aber auf Englisch, der zweiten Landessprache Kenias. <\/p>\n<p>Momo von Michael Ende ist dabei, Charles Dickens\u2019 David Copperfield und Anna Sewells Geschichte von Black Beauty. Auch Schulb\u00fccher liegen auf den Matten, mit Mathe\u00fcbungen und Vokabeltraining. Jeder Sch\u00fcler darf sich f\u00fcr die Lesestunde ein Buch aussuchen. Khalif greift sich an diesem Vormittag eine afrikanische Geschichte mit bunten Bildern und setzt sich zu seinen Mitsch\u00fclern auf die Erde. Ganz still ist es. Die Kinder haben die K\u00f6pfe \u00fcber die Seiten gebeugt, einige bewegen ihren Zeigefinger unter den Buchstabenreihen entlang, manche murmeln leise Worte vor sich hin.<\/p>\n<p>Dass die Jungen und M\u00e4dchen \u00fcberhaupt lesen k\u00f6nnen, ist f\u00fcr sie etwas Besonderes. Nicht alle Eltern in dieser Region schicken ihre Kinder zur Schule. Es ist zwar eigentlich ihre Pflicht, aber ob sie sich daran halten, wird nicht genau \u00fcberpr\u00fcft. Vielen Nomadeneltern ist Bildung nicht so wichtig, weil sie selber nie zur Schule gegangen sind. Vier von f\u00fcnf Menschen in diesem Teil Kenias sind Analphabeten, das hei\u00dft, sie k\u00f6nnen nicht lesen und nicht schreiben. Die Bibliothekare hoffen, dass sich die Menschen durch ihre Besuche mehr f\u00fcr B\u00fccher interessieren \u2013 vielleicht sogar die Nomaden, die nie lesen gelernt haben.<\/p>\n<p>Und die Kinder sollen den Spa\u00df am Lesen entdecken. F\u00fcr Osman und Bashir ist diese Arbeit zwar ganz sch\u00f6n anstrengend, schlie\u00dflich m\u00fcssen sie bei 30 bis 40 Grad lange Strecken durch die W\u00fcste laufen. Aber sie sind stolz auf das, was sie tun. \u00bbEs ist toll, die Kinder lesen zu sehen \u00ab, sagt Osman. \u00bbKenia ist ein Land, das immer mehr liest. Und wir tragen unseren Teil dazu bei.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr Khalif und seine Mitsch\u00fcler ist der Lesespa\u00df nach einer Stunde und 15 Minuten vorbei \u2013 viel zu schnell, finden die Kinder. Sie w\u00fcrden gern noch l\u00e4nger schm\u00f6kern. B\u00fccher ausleihen und mit nach Hause nehmen, das d\u00fcrfen sie nur selten. Es sind schon h\u00e4ufig B\u00e4nde verschwunden, weil die Kinder mit ihren Familien weitergezogen waren \u2013 und die B\u00fccher mit ihnen. Deshalb muss man sich nun f\u00fcr Ausleihtage anmelden.<\/p>\n<p>Die Bibliothekare und die Kamele machen sich am Nachmittag auf den R\u00fcckweg nach Garissa. Es wird mindestens zwei Wochen dauern, bis sie wieder nach Maramtu kommen. In der Zwischenzeit besucht die wandernde Bibliothek andere Siedlungen, in denen andere Kinder warten. Khalif muss sich gedulden, bis er das n\u00e4chste Mal lesen darf. Aber dann wird er ein Buch ausleihen, daf\u00fcr hat er sich angemeldet. Wenn die Kamele das n\u00e4chste Mal kommen, wird er zum ersten Mal ein Buch mit nach Hause nehmen. Und dann kann er so lange lesen, wie er will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kenia gibt es eine besondere Bibliothek: Kamele bringen B\u00fccher zu Kindern, die in abgelegenen D\u00f6rfern wohnen Von Nicola Meier mit Fotos von Maria Irl Khalif liebt B\u00fccher. Bilderb\u00fccher. M\u00e4rchenb\u00fccher. Sogar Schulb\u00fccher. Hauptsache, er kann etwas lesen. W\u00fcrde der 13- J\u00e4hrige in Deutschland leben, h\u00e4tte er wahrscheinlich ein richtig volles B\u00fccherregal. 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