{"id":9554,"date":"2011-05-26T12:00:50","date_gmt":"2011-05-26T10:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=9554"},"modified":"2011-05-27T15:49:07","modified_gmt":"2011-05-27T13:49:07","slug":"papa-papi-kind-und-kind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2011\/05\/26\/papa-papi-kind-und-kind_9554","title":{"rendered":"Papa, Papi, Kind und Kind"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_9565\" aria-describedby=\"caption-attachment-9565\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/KinderZEIT\/2011\/22\/familie\/familie-540x395.jpg\" alt=\"\" title=\"regenbogenfamilie\" width=\"540\" height=\"395\" class=\"size-large wp-image-9565\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9565\" class=\"wp-caption-text\">Papi Tobias (links), Papa Georg (rechts) mit Max und Ramona\/ \u00a9 Vera Tammen<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Von \u00bbRegenbogenfamilien\u00ab spricht man, wenn Kinder bei zwei M\u00fcttern oder zwei V\u00e4tern aufwachsen. Das klingt ungew\u00f6hnlich, im Alltag ist es aber ziemlich normal<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Jenni Roth<\/em><\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltig schneidet Max ein Herz aus Papier, malt es mit Buntstiften an und klebt ein Foto von sich in die Mitte. Er bastelt zum Muttertag \u2013 f\u00fcr seinen Vater.<\/p>\n<p>Nein, Max* hat nichts verwechselt. Der Siebenj\u00e4hrige hat nicht einen Vater und eine Mutter. Sondern zwei V\u00e4ter: Papi Tobias und Papa Georg. Au\u00dfer Max lebt noch die vierj\u00e4hrige Ramona in dieser \u00bbRegenbogenfamilie\u00ab \u2013 das sagt man, wenn zwei V\u00e4ter oder zwei M\u00fctter zusammen Kinder aufziehen.<\/p>\n<p>Max\u2019 Papierherz h\u00e4ngt nun fast ein Jahr lang an der Terrassent\u00fcr in Offenbach bei Frankfurt. Es ist Freitagmorgen, in einer halben Stunde f\u00e4ngt die Schule an \u2013 und Max sitzt im Schlafanzug auf dem K\u00fcchenboden und spielt mit seiner Lego-Garage. \u00bbWir sind gut in der Zeit\u00ab, sagt Papa und sch\u00e4lt weiter \u00c4pfel f\u00fcrs M\u00fcsli. Da kommt Papi herein.<!--more--><\/p>\n<p>Papa, Papi, Max, Ramona \u2013 eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Familie. Max und Ramona sind zwei von vermutlich 1000 Kindern in Deutschland, die mit zwei V\u00e4tern aufwachsen. Ungef\u00e4hr 18000 Kinder leben mit zwei M\u00fcttern. Vielleicht sind es aber auch mehr. Denn manche Schwule (so nennt man M\u00e4nner, die einander lieben) oder Lesben (Frauen, die Frauen lieben) halten geheim, dass sie mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zusammenleben \u2013 aus Angst, von Nachbarn oder Kollegen abgelehnt zu werden.<\/p>\n<p>Irgendwie schafft Max es, angezogen zu sein, als es 20 Minuten sp\u00e4ter klingelt. Vor der T\u00fcr stehen Lea und Alex. Jeden Morgen holen sie Max ab, um gemeinsam zur Schule zu gehen. Max wirft das Gartentor hinter sich zu, an das Papa ein Klingelschild geschraubt hat, \u00bbStaub und Vogel\u00ab steht da. Dabei hat die Familie eigentlich vier Nachnamen: Georg Staub und Tobias Vogel sind zwar verheiratet, haben aber ihre alten Namen behalten. Die Kinder tragen die Namen ihrer leiblichen Eltern \u2013 auch wenn sie die kaum kennen. \u00bbIch habe keine Mama mehr\u00ab, sagt Max. Seine Mutter lebt zwar noch, aber sie war bei der Geburt erst 16 Jahre alt, zu jung, um ihn aufzuziehen. Sein leiblicher Vater ist bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Papa und Papi sind seine Pflegeeltern. Ramona ist auch nicht mit Max verwandt. Aber f\u00fcr ihn ist sie trotzdem seine Schwester, ganz einfach.<\/p>\n<p>Ganz so einfach war es f\u00fcr die beiden V\u00e4ter am Anfang allerdings nicht. Vor neun Jahren wurde ihnen klar, dass sie eine Familie gr\u00fcnden wollten. Sie meldeten sich beim Jugendamt. Dort mussten sie viele Formulare ausf\u00fcllen, viele Fragen beantworten und viele Seminare besuchen \u2013 zwei Jahre lang. Dann endlich kam der Anruf: ob sie Max kennenlernen wollten, 14 Monate alt. Die beiden schlossen das Baby sofort ins Herz. Als auch der Chef des Jugendamtes einverstanden war, konnten sie Max mit nach Hause nehmen.<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter kam Ramona dazu, nur f\u00fcnf Wochen alt. K\u00fcrzlich hat sie ihren vierten Geburtstag gefeiert \u2013 ohne Mutter. \u00bbIch hab schon eine Mama\u00ab, sagt Ramona, \u00bbaber nicht so richtig.\u00ab Ihre leibliche Mutter sieht sie alle paar Monate f\u00fcr eine Stunde, ihre Geschwister nie \u2013 obwohl sie f\u00fcnf hat. Aber alle leben bei Pflegefamilien.<\/p>\n<p>\u00bbHast du keine Mutter?\u00ab, hat eine Freundin Ramona einmal gefragt. \u00bbDoch, aber die wohnt nicht bei uns\u00ab, hat Ramona geantwortet. \u00bbFast wie bei uns, mein Vater ist auch nur selten da\u00ab, sagte die Freundin. Ramonas Papi dagegen ist eigentlich immer da. Weil Papa Georg oft gesch\u00e4ftlich unterwegs ist, kauft Papi Tobias ein, hilft bei den Hausaufgaben, kocht, putzt, w\u00e4scht und bringt Ramona zum Kindergarten.<\/p>\n<p>Heute ist das gar nicht so einfach. Ramona mag pl\u00f6tzlich ihr Lieblingskleid nicht mehr. Ihre Locken sind verknotet. Laufen will sie auch nicht. Papi hebt sie hoch in die Luft und setzt sie auf seine Schultern. Im Kindergarten l\u00e4uft ihnen Ramonas bester Freund entgegen. Dem ist es egal, dass sie zwei V\u00e4ter hat. Trotzdem ist Ramona ein bisschen neidisch auf ihre Freunde \u2013 deren M\u00fctter haben n\u00e4mlich \u00bbKlackerschuhe\u00ab.<\/p>\n<p>Vormittags ist es ruhig im Haus der Regenbogenfamilie. Papi Tobias sch\u00fcttelt die Betten auf, r\u00e4umt das Geschirr weg, klappt ein Kochbuch auf. Couscous mit H\u00e4hnchen soll es heute geben. Mit dem Fahrrad f\u00e4hrt Papi zum Wochenmarkt, nur frische Sachen kommen auf den Tisch. Den Kindern soll es gut gehen, gerade weil es \u00bbnur\u00ab Pflegekinder sind. Georg und Tobias w\u00fcrden Ramona und Max gern adoptieren. Aber es gibt ein Problem: Obwohl die M\u00e4nner verheiratet sind, d\u00fcrfen sie das nicht. In Spanien oder Schweden w\u00e4re es anders. In Deutschland aber ist gleichgeschlechtlichen Paaren eine Adoption nicht erlaubt.<\/p>\n<p>Gleich ist es ein Uhr. Bevor Papi Ramona aus dem Kindergarten und Max von der Schule abholt, schneidet er Paprika, w\u00e4scht Salat und deckt den Terrassentisch. Aber als die Kinder nach Hause st\u00fcrmen, interessiert sie das Essen wenig. \u00bbHey, was macht ihr da?\u00ab, ruft Papi in den Garten. Die Kinder haben die Gie\u00dfkanne vollgef\u00fcllt, und Max sch\u00fcttet sich jetzt das eiskalte Wasser \u00fcber den Kopf. Sein Fu\u00dfballshirt klebt klatschnass am K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Fu\u00dfball ist Max\u2019 neues Hobby. Papi seufzt. Er interessiert sich nicht f\u00fcr Fu\u00dfball, und: \u00bbDann m\u00fcssen wir die ganze Zeit die schmutzigen Trikots waschen.\u00ab Aber das tun die Eltern der andern Kinder schlie\u00dflich auch. Was sagen sie \u00fcberhaupt dazu, dass Max zwei V\u00e4ter hat? \u00bbNichts\u00ab, sagt Max. Papi und Papa wissen, dass das noch kommen kann. \u00bbKinder k\u00f6nnen ganz sch\u00f6n gemein sein\u00ab, sagen sie. Und Schwule sind nicht \u00fcberall beliebt. Regenbogenfamilien auch nicht. Aber Georg und Tobias bleiben dabei, dass sie eine ganz normale Familie sind: \u00bbF\u00fcr uns ist die Familie da, wo die Kinder sind.\u00ab<\/p>\n<p>*Namen der Kinder ge\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von \u00bbRegenbogenfamilien\u00ab spricht man, wenn Kinder bei zwei M\u00fcttern oder zwei V\u00e4tern aufwachsen. 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