{"id":9841,"date":"2011-07-11T15:31:36","date_gmt":"2011-07-11T13:31:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=9841"},"modified":"2011-07-11T15:35:24","modified_gmt":"2011-07-11T13:35:24","slug":"abhangen-macht-schlau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2011\/07\/11\/abhangen-macht-schlau_9841","title":{"rendered":"Abh\u00e4ngen macht schlau!"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_9904\" aria-describedby=\"caption-attachment-9904\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/07\/kinder-540x322.jpg\" alt=\"\" title=\"kinder\" width=\"540\" height=\"322\" class=\"size-large wp-image-9904\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/07\/kinder-540x322.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/07\/kinder-300x179.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/07\/kinder.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9904\" class=\"wp-caption-text\">Diese vier h\u00e4ngen in den Ferien zu richtig ab und tun nichts!\/ \u00a9 Silke Weinsheimer<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Wenn wir nichts tun, wie jetzt in der Ferienzeit, arbeitet unser Gehirn auf Hochtouren: Es ordnet, sortiert und spuckt die besten Ideen aus<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Silke Stuck (Mitarbeit: Magdalena Hamm und Katrin H\u00f6rnlein)<\/em><\/p>\n<p>So, wie auf dem Bild, h\u00e4ngt man richtig rum! Aber Achtung: Unsere Fotografin <a href=\"http:\/\/www.silkeweinsheimer.de\">Silke Weinsheimer<\/a> hat getrickst. Nicht nachmachen!<!--more--><\/p>\n<p>He, Du! Ja, Du! Hast Du mal kurz Zeit? Vielleicht so zehn Minuten. Wie, das ist Dir zu lange? Du willst stattdessen lieber kurz den Fernseher einschalten? Mal eben einen Freund anrufen? Oder zehn Minuten abh\u00e4ngen? Okay, abh\u00e4ngen lassen wir gelten. Hier geht es n\u00e4mlich um Zeit. Besser gesagt ums Zeithaben. Ums Viel-Zeit-Haben. So wie Du gerade (oder sehr bald) in den gro\u00dfen Ferien. Eine Masse freie Minuten und Stunden und Tage.<\/p>\n<p>Falls Du oder Deine Eltern oder Lehrer Angst haben sollten, dass Du in den Ferien alles vergisst, was Du im vergangenen Schuljahr gelernt hast, kannst Du sie beruhigen. Denn in den n\u00e4chsten Wochen passiert in Deinem Gehirn mehr, als Du Dir vorstellen kannst. Und zwar genau dann, wenn Du am allerwenigsten tust. Deshalb solltest Du auf keinen Fall die Ferien mit Vokabelwiederholen und Matheformelpauken vollstopfen.<\/p>\n<p>Dein Gehirn r\u00e4umt in der freien Zeit n\u00e4mlich richtig auf. Es tut etwas \u00c4hnliches wie Deine Eltern, wenn sie liegen gebliebene Papierberge auf ihrem Schreibtisch ordnen. Dann kannst Du einen gesch\u00e4ftigen Elternteil zwischen vielen Papierstapeln, Lochern und Aktenordnern beobachten. Ist alles wegger\u00e4umt, hat der flei\u00dfige Sortierer meist ziemlich gute Laune, weil endlich wieder alles an seinem Platz ist und nicht ewig gesucht werden muss.<\/p>\n<p>Wenn Du Deinem Gehirn eine Pause g\u00f6nnst, ordnet es auch \u2013 all die Dinge, die den ganzen Tag auf Dich einprasseln. Manchmal sortiert es sie um, packt sie an einen besseren Platz, wo Du sie besser wiederfindest, also erinnerst. Das k\u00f6nnen Englischvokabeln genau so sein wie ein neuer Skateboard-Trick. Vieles davon macht das Gehirn im Schlaf, aber bei all dem, was Du am Tag so lernst und erf\u00e4hrst, lohnt es sich, dem Kopf mehr Auszeiten zu g\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass unser Gehirn genau dann sehr gesch\u00e4ftig ist, haben Wissenschaftler vor zehn Jahren \u00fcbrigens durch Zufall herausgefunden. Der US-amerikanische Hirnforscher Marcus Raichle hatte sich damals Freiwillige in sein Labor eingeladen, um ihre Hirnaktivit\u00e4t zu messen, w\u00e4hrend sie zum Beispiel Aufgaben l\u00f6sen sollten. Raichle wollte wissen, welche Teile des Gehirns dann arbeiten \u2013 das erkennt man daran, welche Hirnregion besonders stark durchblutet wird. Zun\u00e4chst sollten die Freiwilligen an gar nichts denken. Raichle ging davon aus, dass im Hirn dann nicht viel passiert. Aber von wegen, da geschah eine Menge: Etliche Teile des Gehirns wurden stark durchblutet, waren also flei\u00dfig bei der Arbeit.<\/p>\n<p>Allerdings waren es andere Hirnregionen, als die, die beim Aufgabenl\u00f6sen aktiv sind. \u00c4hnliches kannten Wissenschaftler bis dahin nur aus der Schlafforschung. Was tut unser Gehirn also, wenn wir vermeintlich nichts tun? Vermutlich dasselbe, wie wenn wir schlafen: Es ordnet, sortiert, r\u00e4umt auf.<\/p>\n<p>Aber wann macht man das eigentlich, so richtig chillen? Schau doch mal auf Deinen Stundenplan vom letzten Schuljahr. Und zwar auf die unteren Spalten, die f\u00fcr die Nachmittage. Was war da bei Dir los? Gitarre-Hockey-Tennis-Schwimmen-Kunstkurs-Holzarbeit-Judo-Englisch-Trommeln-Ballett-Chinesisch? So was in der Art? Oder steht da auch mal Nichtstun-Zeit? Im Garten rumliegen und L\u00f6cher in die Luft starren? Rumh\u00e4ngen wie ein Faultier (zumindest fast, denn die k\u00f6nnen bis zu 14 Stunden im Baum h\u00e4ngen, ohne sich zu r\u00fchren)?<\/p>\n<p>Eine Art Faultiertag gab es in den USA Anfang dieses Jahres: Am \u00bbNationalen Nichtstun-Tag\u00ab durften die Leute essen, trinken, schlafen und auf die Toilette gehen. Mehr nicht, nicht einmal viel nachdenken. Wenn Du das mal ausprobierst, wirst Du merken, dass es nicht leicht ist, solch einen Tag herumzukriegen. Oder kannst Du gut einfach die Zeit verstreichen lassen? Rufst Du nicht schnell: \u00bbMir ist so langweilig!\u00ab?<\/p>\n<p>Denn das ist das Bl\u00f6de am Nichtstun, oft hat es die Langeweile im Gep\u00e4ck \u2013 und die ist wohl bei niemandem sehr beliebt. Es ist ja auch kein sch\u00f6nes Gef\u00fchl, wenn es einen pl\u00f6tzlich \u00fcberf\u00e4llt. Man wird ganz zappelig. Und ausgerechnet dann ist meistens kein Freund da, kein spannendes Buch, es kommt nichts im Fernsehen, wahrscheinlich hast Du auch gerade jetzt noch Computerverbot. Der Rest der Familie ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n besch\u00e4ftigt. Nur Du steckst in einer Zeitblase, die einfach nicht platzen will. Unertr\u00e4glich!<\/p>\n<p>Unertr\u00e4glich gut! Das w\u00fcrde jedenfalls Manfred Spitzer sagen. Er ist Gehirnforscher an der Universit\u00e4tsklinik in Ulm und sagt: Abh\u00e4ngen macht sogar schlau. Immer dann n\u00e4mlich, wenn man an nichts denkt oder nichts tut, macht das Gehirn sich fit, um mehr leisten zu k\u00f6nnen. Das bedeutet zugleich, dass, wenn wir zu viel tun, unser Gehirn zwar funktioniert, logisch, allerdings nicht optimal. Und: \u00bbWenn wir uns gelangweilt f\u00fchlen, arbeiten im Gehirn auch Bereiche, die f\u00fcr Kreativit\u00e4t und Intelligenz zust\u00e4ndig sind\u00ab, sagt Spitzer. Vielleicht kennst Du das ja: Gerade langweilst Du Dich noch elendig herum, und pl\u00f6tzlich kommen Dir ganz tolle Gedanken, Du malst, schreibst oder bastelst irre Sachen.<\/p>\n<p>Viele gro\u00dfartige Erfindungen sind so entstanden, und nicht etwa, weil irgendein Forscher stundenlang in seinem Labor oder B\u00fcro vor sich hin br\u00fctete. Dem Chemiker Friedrich Kekul\u00e9 ist die lange gesuchte Formel f\u00fcr eine chemische Verbindung im Schlaf eingefallen. Und dem ber\u00fchmten franz\u00f6sischen Philosophen Ren\u00e9 Descartes kamen die besten Einf\u00e4lle morgens, wenn er noch halb verschlafen im Bett lag.<\/p>\n<p>Wissenschaftler, die sich mit Kreativit\u00e4t (also mit ungew\u00f6hnlichen Ideen und guten Einf\u00e4llen) besch\u00e4ftigen, raten deshalb, sich in einen Zustand der Leere zu versetzen. Dann k\u00e4men dem Menschen die besten Ideen. Den langweiligen Zustand davor, den muss man einfach aushalten.<\/p>\n<p>Genau das ist aber gar nicht so einfach. Wir alle lernen, dass es erstrebenswert ist, viel zu tun, flei\u00dfig zu sein, st\u00e4ndig etwas zu erledigen. Besonders Eltern muss man manchmal bremsen. Gut, dass Du nun wei\u00dft: M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger sind die schlaueren Menschen. Das solltest Du allen gestressten Leuten weitersagen.<\/p>\n<p>Ein gutes Vorbild gibt es im S\u00fcden Deutschlands. In der Kleinstadt Villingen-Schwenningen hat sich eine Grundschule intensiv mit Zeit besch\u00e4ftigt. Die Lehrer dort haben verstanden, dass Sch\u00fcler besser lernen, wenn es weniger stressig zugeht. Eine Aufgabe unter Druck l\u00f6sen? Sich als Erster melden, damit man drangenommen wird? Das gibt es dort nicht. Stattdessen soll jedes Kind die Zeit f\u00fcr seine Aufgaben bekommen, die es braucht.<\/p>\n<p>\u00bbDas hei\u00dft aber nicht, dass unsere Sch\u00fcler sich hier f\u00fchlen wie im Urlaub\u00ab, sagt Schulleiter Manfred Molicki. Doch sie lernten anders, wenn man sie nicht hetze. \u00bbSie huschen nicht \u00fcber irgendwas hinweg, nur um schnell fertig zu sein\u00ab, sagt der Rektor. Wichtig sei, dass auch die Lehrer selbst sich an Zeit-Regeln hielten. Deshalb hat Molicki Pausen verordnet. \u00bbDa schotten wir Lehrer uns ab, h\u00f6ren klassische Musik und reden \u00fcber alles, nur nicht \u00fcber die Schule.\u00ab<\/p>\n<p>Und wenn man nun nicht das Gl\u00fcck hat, auf die Grundschule von Herrn Molicki zu gehen? Wo bleibt sie denn, die Zeit zum Abh\u00e4ngen, wenn man zwischen Ganztagsschule, Hort, Sportverein und Klavierunterricht hin- und herhetzt? Man muss sie sich nehmen. Zwischendurch mal die Pausetaste dr\u00fccken. Und daf\u00fcr ist es wichtig, erst einmal \u00fcbers Zeithaben nachzudenken. Molicki nennt das \u00bbZeitforscher werden\u00ab \u2013 in der Schule, zu Hause, bei Freunden. Frag Deine Gro\u00dfeltern zum Beispiel, warum sie meist viel Zeit haben. Verlang von Deinen Eltern eine Erkl\u00e4rung, warum sie sich (und Dich) oft so hetzen. Und \u00fcberleg Dir selbst, wann Du mal gar nichts tust. Anfangen kannst Du damit jetzt, in den Ferien, wo es so viel freie Zeit gibt.<br \/>\nAber denk dran \u2013 alles ganz in Ruhe!<\/p>\n<p>Und was sagen die Kinder auf dem Foto dazu, wie sie am liebsten abh\u00e4ngen? (Von links nach recht.)<\/p>\n<p>\u00bb Rumlaufen und Fu\u00dfball spielen \u2013 so h\u00e4nge ich ab \u00ab Gregor, 10 Jahre <\/p>\n<p>\u00bb Ich brauche zum Abh\u00e4ngen auf jeden Fall meine Freunde \u00ab Salome, 11 Jahre <\/p>\n<p> Abh\u00e4ngen hei\u00dft f\u00fcr mich, nur das zu machen, worauf ich Lust habe \u00ab Emil, 10 Jahre<\/p>\n<p>\u00bb Wenn ich abh\u00e4nge, sitze ich einfach rum, ganz ohne Hektik \u00ab Anna, 12 Jahre <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir nichts tun, wie jetzt in der Ferienzeit, arbeitet unser Gehirn auf Hochtouren: Es ordnet, sortiert und spuckt die besten Ideen aus Von Silke Stuck (Mitarbeit: Magdalena Hamm und Katrin H\u00f6rnlein) So, wie auf dem Bild, h\u00e4ngt man richtig rum! Aber Achtung: Unsere Fotografin Silke Weinsheimer hat getrickst. 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