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Here Come The Marines

 

Möge der Blitz alle Moskitos von Kinshasa erschlagen. Denn es war eine Hauptstadtmücke, die mir die Malaria verpasst hat. „C’est positif“, sagt der Laborant in Bukavu und drückt mir das Testergebnis in die Hand: Malaria Tropica, im Volksmund „le palu“ genannt. Ein sehr freundlich klingender Spitzname für dieses Biest.
Das Gefühl müder Knochen vor zwei Tagen hatte ich noch als normale Begleiterscheinung einer Kongo-Reise abgetan, das Fieber und die Gliederschmerzen in der vergangenen Nacht sind eindeutige Symptome. Meiner Interviewpartnerin für den nächsten Morgen sage ich mit kläglicher Stimme ab, worauf diese mir nicht nur gute Besserung wünscht, sondern spontan erklärt: „In einer Viertelstunde hole ich Sie ab und bringe Sie ins Labor.“ Mein Glücksfall heisst Ursula Mesmer, Krankenschwester aus Zürich und Mitarbeiterin von Malteser International in Bukavu, die nicht nur ein Auto hat, sondern auch die richtige Adresse weiß: „Biosadec“, ein Gesundheitszentrum an der Ausfallstrasse zur ruandischen Grenze. Abgesehen davon, dass die Zimmerdecken vom Regen durchweicht sind, läuft hier alles sauber und effizient ab. Der Bluttest kostet einen Dollar. Das können sich auch manche Kongolesen leisten. Der Preis für die Anti-Malariamittel in meiner Reiseapotheke hingegen entspricht hier sechs Monatsgehältern. Die nächsten drei Tage fahre ich das gesamte Arsenal auf: täglich vier Tabletten hinunterkippen und „Here come the Marines“ hinterherrufen.
Nach zwei Tagen sind Fieber und Gliederschmerzen verschwunden, in der dritten Nacht träume ich von Schokolade, am dritten Morgen bin ich wieder auf den Beinen, wenn auch im Tempo einer Greisin. „1:0 für die Marines“, denke ich und fliege weiter nach Bunia im Nordosten des Kongo, wo mich nachts ein Hustenanfall nach dem anderen durchrüttelt.
Also sitze ich am nächsten Morgen im Wartezelt des Hospitals von „Medecins Sans Frontieres“ und werde von Dutzenden kongolesischer Mütter gemustert, die mit ihren Kindern auf den Arzt warten, und sich vermutlich denken: „Seit wann werden hier die Weissen krank?“
„Husten?“ fragt kurz darauf der Arzt. „Das ist eine Nebenwirkung der Malaria-Tabletten. Machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Ich schleiche halb erleichtert halb beschämt wie ein ertappter Hypochondrier zum Ausgang, wo sonnenbebrillte Jugendliche mit Motorradtaxis auf Kunden warten.
Viele sind ehemalige Milizionäre, die noch vor ein paar Jahren die Stadt in Schutt und Asche gelegt haben. Das Taxigeschäft ist ihr Wiedereinstieg in ein Leben ohne Kalaschnikow. „Gegen Malaria weiss ich was“, sagt John, der ein chinesisches „Senke“-Motorrad fährt und eine Mütze mit Kabila-Aufkleber trägt, was mein müdes Hirn daran erinnert, dass hier Wahlen stattgefunden haben. „Nehmen Sie Chinin, bis Ihnen so richtig schlecht wird. Dann ist das alles kein Problem.“ Ich bedanke mich für den Tip und gebe ihm Trinkgeld.

 

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