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Der „Händler des Todes“ kommt vor Gericht – Viktor Bout in die USA ausgeliefert

 

Es war wohl das erste Mal, dass der begeisterte Flieger Victor Bout nicht freiwillig in ein Flugzeug gestiegen ist. Am Montag schleppten thailändische Sicherheitskräfte Bout, einen der weltweit größten Waffenschmuggler, in Handschellen und schusssicherer Weste in eine Maschine, die ihn in die USA brachte. Dort soll dem Russen nun wegen Waffenschmuggels und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung der Prozess gemacht werden.

Im März 2008 war Bout, Spitzname „Händler des Todes“, in Bangkok zwei amerikanischen Undercover-Agenten auf den Leim gegangen, die sich als Waffenkäufer der kolumbianischen FARC-Rebellen ausgegeben hatten. Die FARC wiederum steht in den USA auf der Liste terroristischer Vereinigungen. In Washington dürfte man erfreut sein, dass die thailändische Regierung dem Auslieferungsantrag nach über zwei Jahren diplomatischem und juristischen Hickhack entsprochen hat. Die russische Regierung ist empört.

Bout, Absolvent einer sowjetischen Militärakademie und bis zum Ende des Kalten Krieges Offizier bei der Luftwaffe, hat in seinem zweiten Leben als Händler auf dem freien Weltmarkt so ziemlich jeden mit so ziemlich allem beliefert. Der Mann fing klein an, mit dem Export von südafrikanischen Schnittblumen in zwei alten Militärmaschinen, erweiterte seine Produktpalette um tief gefrorenes Hühnerfleisch und begriff schnell, dass sich in den 90er Jahren mit dem Handel und Transport von Waffen weit mehr verdienen ließ.

Aus den ehemaligen sowjetischen Arsenalen floss ein gigantisches Angebot von Kalaschnikows, Maschinengewehre, Handgranaten, Mörser und Panzerfäusten auf den Markt – und traf auf eine ebenso gigantische Nachfrage in den Kriegsgebieten von Angola, Liberia, Sierra Leone, dem Kongo, Afghanistan, Bosnien. Um internationale Waffenembargos zu unterlaufen, brauchten Rebellengruppen, Regierungen und Kriegsherren agile Geschäftsleute wie Bout, die liefern konnten, (fast) ohne Spuren zu hinterlassen. Kleinwaffen sind so zu den tödlichsten Rüstungsgütern geworden.

Bouts Wege und Geschäfte führten immer wieder auch in und durch den Kongo. Zu Zeiten Mobutus, mit dessen Hilfe Bout Waffenlieferungen an die angolanischen Unita-Rebellen abwickelte (Bout lieferte übrigens auch an die Gegenseite, die damals sozialistische angolanische Regierung). Dann während des Kongo-Krieges, als er Hilfsgüter einflog oder seine Kunden mit Waffen belieferte. Zu diesen zählten Jean Pierre Bemba, Ex-Rebellenführer, dann Vizepräsident der Übergangsregierung, nun Angeklagter vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, sowie offenbar auch Ruandas Präsident Paul Kagame.

Überhaupt taucht Bouts Name immer wieder in Haager Gerichtsverfahren auf. Er gilt als einer der wichtigen Waffenlieferanten des ehemaligen Präsidenten Liberias, Charles Taylor, in dessen Prozess wegen Kriegsverbrechen voraussichtlich Anfang nächsten Jahres ein Urteil ergehen wird. Bouts Geschäfte mit Taylor – Waffen gegen Tropenhölzer – wurden von Ermittlern der UN dokumentiert, die ihrerseits 2001 Sanktionen gegen Bout verhängten. 2002 folgte ein Haftbefehl der belgischen Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Geldwäsche und Diamantenschmuggel. Bout setzte sich für’s erste nach Moskau ab.

Warum nun fürchtet die russische Regierung Bouts Überstellung in die USA so sehr, dass sie Töne wie im Kalten Krieg anschlägt? Der amerikanische Journalist Douglas Farah, Ko-Autor des Buches Merchant of Death, ließ sich dazu in einem Beitrag für Foreign Policy aus: Im Zuge der Putinschen Konsolidierung der arg zerrupften Geheimdienste, so argumentiert Farah, sei Bout in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Akteur im russischen Waffennetzwerk geworden. Europäische Nachrichtendienste hätten ihn 2005 im Iran und 2006 im Libanon geortet, wo er der Hisbollah Waffen für ihren Krieg gegen Israel geliefert habe.

Sollte sich Bout in den USA also auf einen Geständnishandel einlassen, könnte er, um Strafmilderung zu erwirken, den amerikanischen Geheimdiensten so einiges erzählen: über „russisch geführte Netzwerke, die weiterhin Dschihad-Gruppen in Somalia und im Jemen unterstützen.“ Vielleicht auch über die Innenansichten der russischen Geheimdienst- und Rüstungsstrukturen und „ihrer Interessen vom Iran über Venezuela bis sonst wohin“.

Bout selbst bestreitet, irgendetwas Illegales getan zu haben. Auf einer für ihn eingerichteten Website lässt der sich als „geborenen Verkäufer mit einer unsterblichen Liebe zur Luftfahrt und einem ewigen Drang zum Erfolg“ darstellen, der das Opfer einer amerikanischen Hexenjagd geworden sei. In einem Interview mit dem Spiegel, geführt während seiner Auslieferungshaft in Bangkok, räumt er erstaunlich viele Waffengeschäfte ein – und beschuldigt seine Verfolger der Heuchelei.

Was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Bout war in früheren Zeiten nicht nur Rebellen nützlich sondern auch westlichen Regierungen. Seine Flugzeuge transportierten UN-Blauhelme nach Somalia, britische Soldaten ins Kosovo und 2003 Nachschub für die US-Armee in den Irak, als die gerade nicht ausreichend Transport-Kapazität hatte. Die Unita-Rebellen, so Bout, seien noch zu Zeiten des Kalten Krieges von Washington hoch gerüstet worden. Ebenso die Taliban, mit denen er ebenfalls Geschäfte gemacht haben soll. Womit er Recht hat. Was nichts daran ändert, dass er endlich auf eine Anklagebank gehört.