{"id":10,"date":"2006-08-03T17:15:40","date_gmt":"2006-08-03T15:15:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=10"},"modified":"2006-08-03T17:15:40","modified_gmt":"2006-08-03T15:15:40","slug":"bemba-kabila-und-jesus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2006\/08\/03\/bemba-kabila-und-jesus\/","title":{"rendered":"Bemba, Kabila und Jesus"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nicht klar, wie viele Parlamente es in Kinshasa gibt. Da ist nat\u00fcrlich das offizielle Parlamant, in dem, wenn alles gut geht, demn\u00e4chst 500 gew\u00e4hlte Abgeordnete Platz nehmen werden. Aber noch wird gez\u00e4hlt und gerechnet und bis dahin tagen umso lauter die <em>\u201eparlements debouts\u201c<\/em>, die \u201eParlamente ohne Sitze\u201c. Das sind Debattier- und Streitclubs unter freiem Himmel, wo die Kinois zwischen Schlammpf\u00fctzen und kokelnden Abfallhaufen in dichten Menschentrauben die neusten politischen Ereignisse diskutieren. Wie zum Beispiel im Stadtteil Matonge am Place de la Victoire, gleich neben einer schrottreifen Tankstelle.<br \/>\nGenauer gesagt: die M\u00e4nner diskutieren. Sie beschw\u00f6ren mit theatralischen Gesten und anschwellenden Halsadern abwechselnd Untergang und Auferstehung ihres Landes, beschimpfen mal den kongolesischen Pr\u00e4sidenten, mal die Vereinten Nationen, mal die Stadtverwaltung, weil diese weder etwas gegen den Stra\u00dfenm\u00fcll unternehme noch gegen die nigerianischen Immigranten, die in Matonge den Handel mit Autoreifen monopolisiert haben. \u201eWir sind die Stimme des Volkes\u201c sagen die \u201eParlamentarier ohne Sitze\u201c.<br \/>\n\u201eWo sind dann die Frauen\u201c, m\u00f6chte ich wissen und ernte verbl\u00fcffte Blicke. Welch dumme Frage. Wo sollen sie schon sein:<br \/>\n\u201eAuf dem Markt, Maniok verkaufen.\u201c<br \/>\n\u201eDaheim mit den Kindern. Sie n\u00e4ht f\u00fcr die Nachbarn.\u201c<br \/>\n\u201eAuf dem Feld, Essen organisieren\u201c (Es gibt auf dem Brachland der Stadt kommunale G\u00e4rten, in denen Obst und Gem\u00fcse angebaut wird)<br \/>\n\u201eIhre Frauen verdienen also Geld und Sie reden den ganzen Tag \u00fcber Politik?\u201c<br \/>\nJetzt werden die Blicke emp\u00f6rt. \u201eAber Madame, es gibt doch keine Arbeit in dieser Stadt&#8230;\u201c Und schon sind sie mitten in der n\u00e4chsten Tirade gegen die korrupte Regierung, die satten, faulen internationalen Helfer, den unf\u00e4higen B\u00fcrgermeister.<br \/>\nDas <em>\u201eparlement debout\u201c<\/em> in Matonge am Place de la Victoire ist fest in der Hand von Anh\u00e4ngern des Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Jean-Pierre Bemba. Sympathisanten von Etienne Tshisekedi, dem ewigen Oppositionellen der kongolesischen Politik, sind ebenfalls willkommen. Anh\u00e4nger des amtierenden Pr\u00e4sidenten Kabila sollten sich besser nicht blicken lassen. Was ausl\u00e4ndische Journalisten betrifft, so sch\u00e4tzt die \u201eStimme des Volkes\u201c in Matonge weder Belgier noch Franzosen, deren Regierungen als Kabila-freundlich verschrieen sind. Die Auskunft, aus Deutschland zu kommen, wirkt hingegen deeskalierend. \u201eKein Problem, Madame, wir haben ja nichts gegen Wei\u00dfe. Aber Sie m\u00fcssen folgendes schreiben: Wir wissen l\u00e4ngst, dass Bemba gesiegt hat\u201c, sagt ihr Wortf\u00fchrer und reicht mir einen Zettel mit den handgeschriebenen Ergebnissen aus den Wahllokalen von Matonge, in denen Bemba angeblich mit zwei Dritteln aller Stimmen gewonnen hat. Nur besteht der Kongo eben nicht nur aus Matonge. \u201eUnd wenn Kabila die Wahl stiehlt und Europa ihm dabei hilft, dann erobern wir die Stra\u00dfe, dann gibt es wieder Gewalt. Und Europa ist dann schuld. Das m\u00fcssen Sie schreiben, Madame. Und dann d\u00fcrfen Sie es zuhause nicht wegwerfen, sondern m\u00fcssen es auch ver\u00f6ffentlichen.\u201c Was hiermit geschehen ist.<br \/>\nIm Kongo hat sich nun wirklich keiner der aussichtsreichen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten als Lichtgestalt pr\u00e4sentiert. Entweder haben sie als ehemalige Kriegsherren Blut an den H\u00e4nden, oder als Teil des \u201eGro\u00dfgem\u00fcses\u201c, wie die Kinois die Elite des Landes nennen, die Arme bis zu den Ellbogen in der Staatskasse. Oder auch beides.<br \/>\nJean-Pierre Bemba, Sohn eines Mobutu-Ministers, Vize-Pr\u00e4sident der \u00dcbergangsregierung und ehemaliger Kriegsherr, dessen Truppen alle m\u00f6glichen Verbrechen bis hin zu Kannibalismus vorgeworfen werden, wirft aber besonders finstere Schatten, weshalb mich seine Popularit\u00e4t in Kinshasa wundert. Also wage ich in der Menge verschwitzter M\u00f6chtegern-Politiker einen zaghaften Einwand:<br \/>\n\u201eMan sagt, Bembas K\u00e4mpfer h\u00e4tten w\u00e4hrend des Krieges besonders schlimme Verbrechen begangen\u2026\u201c<br \/>\n\u201eKrieg ist Krieg,\u201c antwortet \u201edie Stimme des Volkes\u201c. \u201eDa muss man H\u00e4rte zeigen. Alle anderen waren genauso schlimm.\u201c<br \/>\nAlso ein zweiter Versuch:<br \/>\n\u201eManche sagen auch, Bemba habe sich in der \u00dcbergangzeit bereichert und das Volk bestohlen\u2026\u201c<br \/>\nJetzt reagiert die \u201eStimme des Volkes\u201c eher nachsichtig als aggressiv: \u201eMadame, da hat man Sie belogen. Bemba ist f\u00fcr die kleinen Leute. Er arbeitet hart, er ist ein echter Kongolese, ein richtiger Kerl\u2026.\u201c Von allen Seiten prasseln jetzt die Vorz\u00fcge dieses Mannes auf mich ein, die ganz offenbar viel mit seiner K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, seinem massigen K\u00f6rper und seinem J\u00e4hzorn zu tun haben. In den Augen der \u201eParlamentarier\u201c von Matonge ist Bemba ein \u201eechter Kerl\u201c und F\u00fchrer \u2013 im Gegensatz zu dem kleineren, ewig schl\u00e4frig dreinblickenden Kabila, der hier als tumber Handlanger ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte verachtet wird.<br \/>\n\u201eSehen Sie Madame, das ist unser Zeichen,\u201c sagt einer und deutet auf das Wahlkampf-T-Shirt seines Nachbarn. \u201eMit Gott werden wir siegen\u201c, heisst es da \u00fcber einer schwarzen Ameise. \u201eAmeisen k\u00f6nnen Armeen bilden. Sie k\u00f6nnen Gigantisches leisten\u2026\u201c Mir reicht diese Kostprobe des kongolesischen Freiluft-Parlamentarismus. Ich bedanke mich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch. Die \u201eParlamentarier ohne Sitze\u201c bahnen mir mit formvollendeter H\u00f6flichkeit einen Weg durch Schlamm und M\u00fcll. Hinter mir schwillt sofort wieder das dramatisches Geschrei der Redner an \u2013 jetzt nicht mehr auf Franz\u00f6sisch, sondern auf Lingala. Ich kann nur drei Worte heraush\u00f6ren: \u201eBemba\u201c, \u201eKabila\u201c und \u201eJesus\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht klar, wie viele Parlamente es in Kinshasa gibt. Da ist nat\u00fcrlich das offizielle Parlamant, in dem, wenn alles gut geht, demn\u00e4chst 500 gew\u00e4hlte Abgeordnete Platz nehmen werden. Aber noch wird gez\u00e4hlt und gerechnet und bis dahin tagen umso lauter die \u201eparlements debouts\u201c, die \u201eParlamente ohne Sitze\u201c. 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