{"id":1008,"date":"2011-10-25T11:34:08","date_gmt":"2011-10-25T09:34:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=1008"},"modified":"2011-10-25T12:54:08","modified_gmt":"2011-10-25T10:54:08","slug":"in-memoriam-jean-paul-ngongo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2011\/10\/25\/in-memoriam-jean-paul-ngongo\/","title":{"rendered":"In Memoriam Jean Paul Ngongo"},"content":{"rendered":"<p>Der kongolesische Menschenrechtler Jean-Paul Ngongo ist tot. LeserInnen dieses Blogs kennen ihn als Anwalt und Leiter der Organisation VOVOLIB (Voix des sans voix ni libert\u00e9 &#8211; Stimme derer ohne Stimme und Freiheit). Er starb vergangene Woche nach schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Bukavu.<\/p>\n<p>Ich traf Ngongo zum ersten Mal im <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/category\/demokratische-republik-kongo\/page\/4\/\">Sommer 2007<\/a>, zu einem Zeitpunkt, da die Sicherheitslage f\u00fcr Leute wie ihn besonders prek\u00e4r war. Kritische Journalisten erhielten ebenso Todesdrohungen wie Anw\u00e4lte und Aktivisten, die Menschenrechtsverletzungen und\u00a0 Korruption durch M\u00e4chtige anprangerten und das bis dahin Undenkbare wagten: mutma\u00dfliche T\u00e4ter vor Gericht zu bringen.<\/p>\n<p>VOVOLIB geh\u00f6rt zu den kongolesischen Organisationen, die sexualisierte Gewalt dokumentierten, lange bevor westliche Medien das Thema entdeckten. Ihre MitarbeiterInnen befragen Opfer (Frauen wie M\u00e4nner) und benennen Verd\u00e4chtige, auch wenn diese die Uniform der Armee tragen und damit vielerorts immer noch als &#8222;unantastbar&#8220; gelten. Die wenigen Frauen in Bukavu, die 2007 den Mut hatten, gegen Soldaten oder Offiziere vor Gericht auszusagen, wurden von VOVOLIBs Anw\u00e4lten vertreten und von Helfern betreut. Bei <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2009\/04\/03\/sprechstunde-bei-rechtsanwalt-ngongo\/\">unserem ersten Gespr\u00e4ch<\/a> im winzig kleinen B\u00fcro der Organisation berichtete Ngongo \u2013 noch sichtlich unter Schock \u2013 dass wenige Tage zuvor eine seiner Mitstreiterinnen vor ihrem Haus erschossen worden war. Sie hatte eine vergewaltigte Frau im Verfahren gegen einen Offizier begleitet.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1011\" aria-describedby=\"caption-attachment-1011\" style=\"width: 405px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-1011\" title=\"Jean Paul Ngongo 2007 im B\u00fcro von VOVOLIB\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2011\/10\/Jean-Paul-405x540.jpg\" alt=\"\" width=\"405\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2011\/10\/Jean-Paul-405x540.jpg 405w, https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2011\/10\/Jean-Paul-150x200.jpg 150w, https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2011\/10\/Jean-Paul-228x304.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 405px) 100vw, 405px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1011\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul Ngongo 2007 im B\u00fcro von VOVOLIB<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Dass \u00fcber die letzten Jahre in S\u00fcdkivu sp\u00fcrbare, wenn auch immer noch viel zu kleine Fortschritte im Kampf gegen Straflosigkeit zu verzeichnen sind, ist vor allem Leuten wie Ngongo zu verdanken. Die kongolesische Justiz befindet sich immer noch in einem erb\u00e4rmlichen Zustand, aber der ist eben nicht mehr ganz so erb\u00e4rmlich wie 2007. Inzwischen sind in mehreren F\u00e4llen nicht nur Soldaten, sondern auch Offiziere wegen Menschenrechtsverletzungen <a href=\"http:\/\/blog.soros.org\/2011\/05\/congo-justice-where-convicted-rapists-go\/\">verurteilt worden<\/a>.<\/p>\n<p>Zusammen mit anderen NGOs hat VOVOLIB die Verbrechen von Rebellengruppen dokumentiert wie zum Beispiel der Hutu-Milizen der FDLR. Deren politische F\u00fchrungsspitze, die im europ\u00e4ischen Exil operierte, muss sich inzwischen vor der Justiz verantworten \u2013 nicht im Kongo, sondern vor dem <a href=\"http:\/\/www.amnesty-straflosigkeit.de\/Main\/Beobachten\">Oberlandesgericht in Stuttgart<\/a> und dem <a href=\"http:\/\/www.icc-cpi.int\/menus\/icc\/situations%20and%20cases\/situations\/situation%20icc%200104\/related%20cases\/icc01040110\/background%20information\/index?lan=en-GB\">Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag<\/a>.<\/p>\n<p>Ich habe mich \u2013 und ihn \u2013 oft gefragt, wie man das aush\u00e4lt. Wie man \u00fcber anderthalb Jahrzehnte den schlimmsten Tatort von Kriegsverbrechen seit 1945 auf der Suche nach Wahrheit buchst\u00e4blich umgr\u00e4bt, zwischendurch selbst mit der Familie fliehen oder abtauchen muss, nur um nach dem Abzug einer Rebellentruppe sofort wieder mit Stift, Block und Aufnahmeger\u00e4t die angerichtete Verheerung zu dokumentieren. Seine Frau, eine Krankenschwester, hat von dieser Verheerung ebenfalls viel gesehen. &#8222;Manchmal macht es einen m\u00fcde&#8220;, war alles, was er dazu sagte.<\/p>\n<p>Ich selbst verdanke Jean Paul Ngongo lange Gespr\u00e4che, ohne die ich die horrende Geschichte seines Landes nicht ann\u00e4hernd verstanden h\u00e4tte. Auf mehreren Reisen ins Hinterland der Provinz habe ich ihn begleitet. Er war ein ziemlich schlechter Autofahrer und ein unsch\u00e4tzbarer F\u00fchrer und \u00dcbersetzer. Seine Kontakte er\u00f6ffneten mir Gespr\u00e4che mit B\u00e4uerinnen, Dorf\u00e4ltesten, Lehrerinnen, \u00c4rzten, die ich allein oder im Tross einer ausl\u00e4ndischen, wei\u00dfen Delegation nie h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen. Er vermittelte mir Interviews mit Gef\u00e4ngnisinsassen, Polizisten und Richtern, die ich sonst nie bekommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Vor allem aber war er frei von politischer und ethnischer Ideologie, was im Kongo auch in Kreisen von Menschenrechtlern nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Menschenrechte waren f\u00fcr ihn unteilbar und universal.<\/p>\n<p>Jean Paul Ngongo wurde 44 Jahre alt. Er hinterl\u00e4sst Frau und vier Kinder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kongolesische Menschenrechtler Jean-Paul Ngongo ist tot. LeserInnen dieses Blogs kennen ihn als Anwalt und Leiter der Organisation VOVOLIB (Voix des sans voix ni libert\u00e9 &#8211; Stimme derer ohne Stimme und Freiheit). Er starb vergangene Woche nach schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Bukavu. 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