{"id":1161,"date":"2012-01-09T15:26:27","date_gmt":"2012-01-09T14:26:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=1161"},"modified":"2012-01-09T19:10:51","modified_gmt":"2012-01-09T18:10:51","slug":"sudsudan-ein-blutiges-jahr-eins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2012\/01\/09\/sudsudan-ein-blutiges-jahr-eins\/","title":{"rendered":"S\u00fcdsudan: ein blutiges Jahr eins"},"content":{"rendered":"<p>Man w\u00fcrde das neue Jahr gern mit Erfreulicherem beginnen als mit Schlagzeilen wie <a href=\"http:\/\/http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2012-01\/massentoetungen-unruhen-suedsudan\">&#8222;S\u00fcdsudan: Tausende Menschen sterben bei Stammesk\u00e4mpfen&#8220;<\/a> oder &#8222;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,807587,00.html\">Die blutige Rache der Lou Nuer&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p>Die ersten Meldungen liefen kurz nach Jahreswechsel \u00fcber die Agenturen: In Jonglei, einem der Einzelstaaten des S\u00fcdsudan, hat eine Miliz von rund 6.000 jugendlichen Angeh\u00f6riger der Lou Nuer einen Angriff auf die Stadt Pibor ver\u00fcbt, die \u00fcberwiegend von der Volksgruppe der Murle bewohnt wird. Beide Gruppen liefern sich seit L\u00e4ngerem einen Konflikt um Vieh und Weideland. Von 3.000 Toten war in den Medien die Rede. Es w\u00e4re eines der schlimmsten Massaker in der Geschichte des (S\u00fcd-)Sudans \u2013 und eines der schlimmsten weltweit in den vergangenen zehn Jahren.<\/p>\n<p>Nach den vorliegenden Informationen l\u00e4sst sich Folgendes sagen: Es gab zahlreiche Tote unter den Murle. Es gibt bislang keine verl\u00e4sslichen Zahlen \u00fcber die Anzahl der Toten. Die Angabe von rund 3.000 ermordeten Murle stammt vom <a href=\"http:\/\/www.radiomiraya.org\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=7588:pibor-official-more-dead-bodies-found-&amp;catid=85:85&amp;Itemid=278\">Verwaltungschef des Landkreises Pibor,<\/a> einem Murle, der den Vorwurf des Genozids erhoben hat. Nach ersten Recherchen der UN ergeben sich aber daf\u00fcr (noch) keine Anhaltspunkte.<\/p>\n<p>Die Lage, wie sie die Leiterin der UN-Mission im S\u00fcdsudan, Hilde Johnson, beschreibt, ist auch so schlimm genug. Offensichtlich haben die Lou Nuer auch mehrere Tausend H\u00e4user und H\u00fctten gepl\u00fcndert und angez\u00fcndet. Ein gro\u00dfer Teil der Zivilbev\u00f6lkerung war kurz vor dem Angriff aus Pibor geflohen. Einheiten der UN-Blauhelme und der s\u00fcdsudanesischen Armee (SPLA) lieferten sich Feuergefechte mit den Angreifern.<\/p>\n<p>&#8222;Die Leute haben kein Dach \u00fcber dem Kopf&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.google.com\/hostednews\/afp\/article\/ALeqM5ipP5z9e_OZaWy96RxgpX9XpOmqiQ?docId=CNG.085b05037e29cfd329a05eb0a261daf4.331\">sagte<\/a> Johnson nach einem Besuch in Pibor, &#8222;ihr Vieh wurde geraubt und damit auch ihre Lebensgrundlage.&#8220; Kurzum: ein humanit\u00e4res Desaster \u00a0\u2013 und zwar genau zum Jahrestag des gefeierten Referendums, mit dem die S\u00fcdsudanesen im Januar 2011 die Sezession vom Norden beschlossen hatten.<\/p>\n<p>So schlimm es klingt: Nichts davon ist \u00fcberraschend. Das gr\u00f6\u00dfte Problem f\u00fcr den jungen Staat ist l\u00e4ngst nicht mehr der gro\u00dfe Feind im Norden, das Regime in Khartum, sondern eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/02\/Suedsudan-Unabhaengigkeit\">Gemenge-Lage<\/a> von Konflikten im eigenen Land. Eine Vielzahl ethnischer Gruppen mit zum Teil archaischen Traditionen konkurriert um knappe Ressourcen in einer vom Unabh\u00e4ngigkeitskrieg zerr\u00fctteten Gesellschaft. Die t\u00f6dlichste Zutat in diesem Gemisch ist die hohe Dichte an Schnellfeuerwaffen.<\/p>\n<p>Auch der Krieg zwischen Luo Nuer und Murle hat sich aus einem scheinbar profanen Grund hochgeschaukelt: Viehdiebstahl. Die Mehrheit der S\u00fcdsudanesen leben von Viehzucht, Rinder sind sowohl Zahlungsmittel als auch soziales Statussymbol und Brautpreis. Nur wer gen\u00fcgend Rinder aufbringt, kann eine Familie gr\u00fcnden. Viehdiebstahl mit anschlie\u00dfenden Racheaktionen der Bestohlenen haben folglich eine lange Tradition. Nur werden die Aktionen inzwischen nicht mehr mit Speeren und Messern ausgef\u00fchrt, sondern mit Kalaschnikows \u2013 ein Erbe des jahrzehntelangen B\u00fcrgerkriegs gegen das Regime in Khartum.<\/p>\n<p>Dessen Frontlinien sind auch in den anhaltenden Kleinkriegen in Jonglei auszumachen. Dass <em>die <\/em>christlichen S\u00fcdsudanesen geschlossen gegen <em>den <\/em>muslimischen Norden gek\u00e4mpft h\u00e4tten, ist eine der Legenden der internationalen Berichterstattung und des Bed\u00fcrfnisses nach klaren &#8222;Gut-gegen-B\u00f6se&#8220;-Verh\u00e4ltnissen. Tats\u00e4chlich waren die Fronten immer wieder verworren. Die von Dinka und Nuer dominierte Befreiungsarmee SPLA galt und gilt manchen anderen Bev\u00f6lkerungsgruppen im S\u00fcden eher als Okkupationsmacht. Gruppen der Murle k\u00e4mpften phasenweise auf Seiten der SPLA, andere auf Seiten Khartums. Letzteres hat sie bei der politisch-milit\u00e4rischen Elite des Landes nicht eben beliebt gemacht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Murle kommt besonders erschwerend hinzu, dass sie im s\u00fcdsudanesischen Vielv\u00f6lkerstaat als r\u00fcckst\u00e4ndige Au\u00dfenseiter gelten und oft als S\u00fcndenbock f\u00fcr Missernten und sonstige Unbill herhalten m\u00fcssen. Was nicht hei\u00dft, dass sie nur Opfer w\u00e4ren: Ihre Jungm\u00e4nner haben in den Gebieten der Luo Nuer ebenfalls geraubt, get\u00f6tet und gepl\u00fcndert.<\/p>\n<p>Bevor nun der \u00fcbliche pawlowsche Reflex einsetzt und die UN des Versagens bezichtigt werden: Blauhelme k\u00f6nnen einen vereinbarten Waffenstillstand oder Frieden zwischen Kriegsparteien sichern, sie k\u00f6nnen inzwischen auch in vielen F\u00e4llen Zivilisten vor Rebellengruppen sch\u00fctzen. Aber sie k\u00f6nnen keine inner- oder intraethnischen Konflikte um Viehbest\u00e4nde, Stammesehre und Brautpreise eind\u00e4mmen. Und man sollte es auch gar nicht erst von ihnen erwarten. (Es sei denn, man pl\u00e4diert f\u00fcr eine hoch professionelle, bestens ausger\u00fcstete Eingreiftruppe, die in diesem Fall 6.000 bewaffnete M\u00e4nner in Pogrom-Stimmung h\u00e4tte aufhalten m\u00fcssen. F\u00fcr eine solche Truppe br\u00e4uchte es dann aber auch Soldaten und Spezialisten aus den USA und Europa. Freiwillige vor!)<\/p>\n<p>Was bleibt, sind einige ebenso bittere wie heilsam ern\u00fcchternde Einsichten: Das wird nicht der letzte &#8222;Rinderkrieg&#8220; gewesen sein, denn die Republik S\u00fcdsudan ist weit entfernt von einem staatlichen Gewaltmonopol und der damit einhergehenden Entwaffnung ihrer B\u00fcrger. Der junge Staat ist ebenso weit davon entfernt, solche Gr\u00e4ueltaten fl\u00e4chendeckend aufzukl\u00e4ren und vor Gericht zu ahnden. Aber bei aller Begrenztheit ihrer Mittel muss die Regierung in Juba jetzt klarmachen, dass solche Fehden nicht hinnehmbar sind. Und man kann nur hoffen, dass sie zu diesem Zweck nicht die eigene Armee zu einer Strafaktion losschickt, sondern zun\u00e4chst zusammen mit Kirchen und lokalen F\u00fchrern die Kampfparteien in einen Friedensprozess zwingt. Der beginnt zun\u00e4chst einmal mit der gegenseitigen Freilassung von Entf\u00fchrten und der R\u00fcckgabe gestohlener Rinder.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt werden in den n\u00e4chsten Jahren Netzwerke von Kirchenvertretern, lokalen NGOs (darunter auch Frauengruppen), \u00c4ltestenr\u00e4ten und lokalen Verwaltungschefs immer wieder als pr\u00e4ventive Feuerwehr einschreiten m\u00fcssen. Die schlichten jetzt schon Landstreitigkeiten, verhandeln Weiderechte und Wasserversorgung und versuchen, junge M\u00e4nner aus einem Teufelskreis von Rache und Ehre herauszuholen. All das ist fragil genug und soll wahrlich nicht als Loblied auf die Zauberkr\u00e4fte der Zivilgesellschaft verstanden werden. Aber man darf davon ausgehen, dass auf diese Weise bereits einige <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/28\/Sudan\">Konflikte gel\u00f6st<\/a> oder zumindest Schlimmes wie in Pibor verhindert worden ist.<\/p>\n<p>Bis auf Weiteres f\u00e4ngt Konfliktpr\u00e4vention im S\u00fcdsudan &#8222;ganz unten&#8220; an \u2013 und sieht jedes Mal anders aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man w\u00fcrde das neue Jahr gern mit Erfreulicherem beginnen als mit Schlagzeilen wie &#8222;S\u00fcdsudan: Tausende Menschen sterben bei Stammesk\u00e4mpfen&#8220; oder &#8222;Die blutige Rache der Lou Nuer&#8220;. 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