{"id":13,"date":"2006-08-28T09:51:16","date_gmt":"2006-08-28T07:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=13"},"modified":"2006-08-28T09:51:16","modified_gmt":"2006-08-28T07:51:16","slug":"eisige-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2006\/08\/28\/eisige-ruhe\/","title":{"rendered":"Eisige Ruhe"},"content":{"rendered":"<p>Es wird \u2013 bis auf weiteres \u2013 nicht mehr geschossen in Kinshasa. Sagt Monsieur Vicky, mein Taxifahrer, am Telefon. Letzterer hat aufgeh\u00f6rt zu beten, was er in unruhigen Zeiten in Kinshasa immer tut, \u201eweil alles andere ja nicht hilft\u201c. Drei Tage hat er sich wie fast alle unbewafffneten Bewohner Kinshasas zuhause eingeschlossen. \u201cMadame\u201c, sagt er, \u201esowas kann sich unsereins nicht leisten.\u201c Also f\u00e4hrt er wieder durch Gombe, dem Diplomaten-und Regierungsviertel, wo von Sonntag bis Montag die K\u00e4mpfe tobten. Inzwischen hat man die Leichen von den Strassen geholt, die Anwohner bessern zerschossene Scheiben aus, inspizieren die Einschussl\u00f6cher und in b\u00f6ser Vorahnung das Aufgebot an Feuerkraft, das jetzt \u00fcberall herumsteht. Der am Dienstag vereinbarte Waffenstillstand zwischen den Herren Kabila und Bemba h\u00e4lt zwar vorerst an, doch in Kinshasas Strassen patrouillieren nicht nur EUFOR, UN-Blauhelme und kongolesische Polizei, sondern auch, in voller Montur, die Kampfparteien: Kabilas Pr\u00e4sidentengarde (zu erkennen an roten M\u00fctzen) und Bembas Truppe (zu erkennen an roten Halst\u00fcchern). Nach Deeskalation und \u201eNormalisierung\u201c sieht das nicht aus. <\/p>\n<p>Wer den ersten Schuss abgegeben hat, wird sich wom\u00f6glich nie rekonstruieren lassen. Fest steht nur soviel: Die Sympathiebekundungen westlicher Diplomaten f\u00fcr Joseph Kabila haben sich als b\u00f6se Fehleinsch\u00e4tzung erwiesen. Erstens hat man seine Unbeliebtheit im Westen des Landes untersch\u00e4tzt. Im kriegszerr\u00fctteten Osten mag er als der Mann gelten, der den Frieden gebracht hat. In Kinshasa gilt er als Gallionsfigur der \u201eKatanga Boys\u201c, einer Machtclique aus der rohstoffreichsten Provinz, die Millionen in die eigene Taschen gewirtschaftet hat, w\u00e4hrend die Hauptstadt weiter vor sich hinrottet.<\/p>\n<p>Aber so wurde Kabila in den Augen der Kinois zum \u201eMann des Auslands\u201c \u2013 und damit auch zur Zielscheibe seiner Propaganda, wonach Kabila von UN und EU samt ihrer Soldaten ins Amt gehoben werden soll. Mit dieser Kampagne hat er im ersten Durchgang 20 Prozent erhalten und, wichtiger noch, Kabila um die absolute Mehrheit gebracht. <\/p>\n<p>Der wiederum wollte anfang der Woche in Kinshasa offenbar ein Exempel statuieren und  Bembas Truppen entwaffnen. Das eskalierte am vorigen Montag zu jener Schlacht, in deren Verlauf Bembas Residenz unter Artilleriebeschuss geriet \u2013 just in dem Moment, als sich dort 14 Botschafter und der Chef der UN-Mission aufhielten, um die K\u00e4mpfe zu stoppen. Kofi Annan musste in New York zum Telefon greifen und Kabila auffordern, seine Pr\u00e4sidentengarde zur\u00fcckzupfeifen. <\/p>\n<p>Die Folge: ausgerechnet Bemba, dem der Ruch des Kriegsverbrechers anh\u00e4ngt, wird nun von Blauhelmen gesch\u00fctzt; Kabila wiederum d\u00fcrfte seine Siegeschancen im zweiten Wahlgang drastisch reduziert haben. Schon seit Monaten kursiert im Kongo ein K\u00fcrzel f\u00fcr die Koalition, die sich vor dem zweiten Wahlgang gegen den amtierenden Pr\u00e4sidenten bilden soll: TSK \u2013 \u201eTous sauf Kabila, alle au\u00dfer Kabila\u201c. Das wird vermutlich der Schlachtruf der n\u00e4chsten Wochen.<\/p>\n<p>Blo\u00df mag man sich die Stichwahl, so sie denn stattfindet, lieber gar nicht vorstellen. Beide Seiten haben ihre Gewaltbereitschaft hinreichend demonstriert und sind offenbar nicht gewillt, eine Niederlage zu akzeptieren. Kabila, kann auf 10.000 bis 15.000 Gardisten zur\u00fcckgreifen, Bemba auf eine zur Privatarmee hochger\u00fcstete \u201eLeibwache\u201c \u2013 und auf tausende von jungen, m\u00e4nnlichen Anh\u00e4ngern in den Armenvierteln von Kinshasa, die er per Flugzettel, Radio und Fernsehen in den letzten Wochen geh\u00f6rig aufgeheizt hat. <\/p>\n<p>Wie immer im Kongo l\u00e4uft auch dieser Konflikt nat\u00fcrlich nicht ohne ausl\u00e4ndische Hinterm\u00e4nner ab: Bemba, dessen Rebellengruppe einst von Uganda finanziert und hochger\u00fcstet wurde, d\u00fcrfte immer noch gute Dr\u00e4hte nach Kampala haben. Kabila wiederum ist der erkl\u00e4rte Favorit Angolas, das sich in der Gegend als Regionalmacht versteht, Milit\u00e4rausbilder in den Kongo geschickt hat und einigen Einfluss in der Pr\u00e4sidentengarde besitzt. F\u00fcr die Petro-Kleptokraten in Luanda ist Joseph Kabila Garant f\u00fcr ungehinderten Zugang zu den reichen Rohstoffvorkommen des Kongo. <\/p>\n<p>Wie es jetzt weitergehen wird, weiss niemand so recht. Die UN versucht bislang ohne Erfolg, Kabila und Bemba an den Verhandlungstisch zu zwingen. Ihre Kampftruppen zu entwaffnen, ist vermutlich ein aussichtloses, weil zu gef\u00e4hrliches Unterfangen. Vielleicht kann man ihnen zumindest einen Teilabzug ihrer K\u00e4mpfer aus der Hauptstadt abhandeln. MONUC wird Einheiten aus dem Osten nach Kinshasa verlegen, EUFOR wohl bis n\u00e4chstes Jahr bleiben m\u00fcssen \u2013 und zwar mit Verst\u00e4rkung und robusterem Mandat. Und den beiden Pr\u00e4sidentschaftsanw\u00e4rtern, die sich anschicken, die Zukunft ihres Landes in Grund und Boden zu schie\u00dfen, k\u00f6nnte man wenigstens mit Sanktionen drohen, mit Sperrung ihrer Konten, Einreiseverbot in Europa und den USA.<br \/>\n\u201eDas sind ganz miese Zeiten\u201c, hat Freddy Tsimba in einer e-mail geschrieben. Freddy Tsimba, das ist der Bildhauer aus Kinshasa, der Skulpturen aus Munitionsresten zusammenschwei\u00dft. Um Patronenh\u00fclsen zu sammeln, muss er jetzt nicht mehr nach Kisangani ins ehemalige Kriegsgebiet fahren. Die findet er seit dieser Woche auch in den Strassen von Kinshasa. \u201eIch habe einen ganzen Sack gesammelt. Es h\u00f6rt einfach nie auf.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird \u2013 bis auf weiteres \u2013 nicht mehr geschossen in Kinshasa. Sagt Monsieur Vicky, mein Taxifahrer, am Telefon. 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