{"id":17,"date":"2006-10-11T17:50:00","date_gmt":"2006-10-11T15:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=17"},"modified":"2006-10-11T17:50:00","modified_gmt":"2006-10-11T15:50:00","slug":"150-000-kampfer-30-000-kindersoldaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2006\/10\/11\/150-000-kampfer-30-000-kindersoldaten\/","title":{"rendered":"150 000 K\u00e4mpfer, 30 000 Kindersoldaten"},"content":{"rendered":"<p>Der Kongo-Blog meldet sich zur\u00fcck \u2013 rechtzeitig zum Countdown f\u00fcr die Stichwahl der Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 29. Oktober.<br \/>\nKrisenplanung heisst das Wort der Stunde in Kinshasa: bei der UN-Mission, in den Botschaften, EU-B\u00fcros und bei den Hilfsorganisationen bereitet man sich auf alle denkbaren Szenarien vor \u2013 auch auf einen neuen Gewaltausbruch nach der Stichwahl zwischen Joseph Kabila und Jean-Pierre Bemba. Zur Erinnerung: Nach Bekanntgabe des vorl\u00e4ufigen Wahlergebnisses am 20. August war es zu schweren K\u00e4mpfen zwischen Kabilas Pr\u00e4sidentengarde und Bembas Privatarmee gekommen, in deren Verlauf mindestens 20 Kongolesen get\u00f6tet wurden und auch ausl\u00e4ndische Botschafter sowie der UN-Missionschef William Swing ins Kreuzfeuer gerieten.<br \/>\nNach wochenlangen Drohgeb\u00e4rden und Hasstiraden in ihren jeweiligen loyalen Medien haben sich die beiden Kampfh\u00e4hne dann am 13. September endlich zu einem pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch getroffen, sich die Hand gesch\u00fcttelt und versichert, dass sie sich nicht gegenseitig umbringen wollen. Einen friedlichen Verlauf der Stichwahl in knapp drei Wochen garantiert das noch nicht. Weder Kabila noch Bemba sind bereit, ihre Milizen in Kinshasa zu reduzieren oder gar zu entwaffnen.<br \/>\nWomit wir bei der Wurzel des Problems w\u00e4ren: Die Reform des Sicherheitssektors samt Demobilisierung von Kriegsparteien und Aufbau einer regul\u00e4ren Armee war die zentrale Aufgabe der kongolesischen \u00dcbergangsregierung und der internationalen Geberl\u00e4nder. Doch ausgerechnet in diesem Punkt haben alle Beteiligten kl\u00e4glich versagt. 150.000 K\u00e4mpfer, darunter 30.000 Kindersoldaten, sollten entwaffnet und in das Zivilleben zur\u00fcckgef\u00fchrt, weitere 150.000 K\u00e4mpfer in eine neue nationale Armee integriert werden \u2013 eine gigantische Aufgabe, gewiss. Trotzdem ist das Ergebnis nach drei Jahren kl\u00e4glich, wie jetzt amnesty international konstatiert hat: die ehemaligen Kriegsherren behielten einen signifikanten Teil ihrer Privatarmeen unter ihrem Kommando. Die Demobilisierungsprogramme versanken im Chaos. Unz\u00e4hlige K\u00e4mpfer liessen sich offiziell demobilisiern, kassierten die 110 Dollar Wiedereingliederungshilfe \u2013 und schlossen sich postwendend der n\u00e4chsten Miliz an. Die bislang ausgebildeten Brigaden der kongolesischen Armee sind erb\u00e4rmlich ausger\u00fcstet, erhalten oft monatelang keinen Sold und terrorisieren in vielen F\u00e4llen die Zivilbev\u00f6lkerung, die sie eigentlich sch\u00fctzen sollen. Von den 30.000 Kindersoldaten sind h\u00f6chstens 19.000 demobilisiert worden. Mindestens 11.000 marschieren wahrscheinlich immer noch mit Milizen \u2013 darunter mehrere tausend M\u00e4dchen, die von K\u00e4mpfern als \u201eKriegsbr\u00e4ute\u201c oder \u201eKriegsbeute\u201c mitgef\u00fchrt werden.<br \/>\nDamit nicht genug: Im Juli 2006 hat die staatliche Demobilisierungsbeh\u00f6rde CONADER, die selbst wahrlich kein Vorbild an Effizienz und Elan ist,  aus Geldmangel s\u00e4mtliche Aufnahmezentren f\u00fcr demobiliserte Soldaten geschlossen. Also just zu jenem Zeitpunkt, als die politischen Spannungen im Kongo durch die Pr\u00e4sidentschaftswahlen wieder sp\u00fcrbar wuchsen.<br \/>\nInzwischen versuchen UN-Blauhelme und kongolesische Polizei, wenigstens die Hauptstadt Kinshasa zu einer \u201eStadt ohne Waffen\u201c zu machen. Aber den paar Kalaschnikows, die sie hin und wieder einsammeln, stehen glaubhafte Ger\u00fcchte gegen\u00fcber, wonach sich sowohl das Lager von Kabila als auch das von Bemba mit weiteren Schusswaffen eingedeckt haben.<br \/>\nHilfreich w\u00e4re jetzt nicht nur diplomatischer Druck. Den kriegen die beiden Kontrahenten deutliche von allen Seiten zu sp\u00fcren: Aus Br\u00fcssel, aus New York, aus Pretoria. Hilfreich w\u00e4re jetzt vor allem eine massive milit\u00e4rische Pr\u00e4senz von UN und EU. Doch die Blauhelme sind mehrheitlich im Osten des Landes damit besch\u00e4ftigt, kleinere Rebellengruppen in Schach zu halten. Und ein gro\u00dfer Teil der Kampftruppen der EUFOR hockt immer noch \u201eauf Abruf\u201c in Gabun, anstatt in Kinshasa Streife zu fahren. Ansonsten sp\u00fcren die Kinois die Anwesenheit dieser Tage eher auf schmerz- und schreckhafte Weise.<br \/>\nAm Dienstag vergangener Woche st\u00fcrzte unbemannte Drohne der EUFOR \u00fcber der Hauptstadt ab, wobei ein Mensch get\u00f6tet und zwei verletzt wurden. Dann ert\u00f6nten abends Explosionen aus dem Botschaftsviertel. So mancher Einwohner w\u00e4hnte sich bereits in der n\u00e4chsten Runde des Strassenkampfes zwischen Kabila und Bemba. Was war passiert? Dienstag war der 3. Oktober, Tag der deutschen Einheit, den die deutsche Botschaft unbedingt mit einem Feuerwerk feiern musste. Kein Wunder, dass die Kongolesen zunehmend Zweifel an den Absichten und der Kompetenz der Europ\u00e4er haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kongo-Blog meldet sich zur\u00fcck \u2013 rechtzeitig zum Countdown f\u00fcr die Stichwahl der Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 29. Oktober. 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