{"id":20,"date":"2006-10-31T16:54:20","date_gmt":"2006-10-31T14:54:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=20"},"modified":"2006-10-31T16:54:20","modified_gmt":"2006-10-31T14:54:20","slug":"bei-null-wieder-anfangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2006\/10\/31\/bei-null-wieder-anfangen\/","title":{"rendered":"&#8222;Bei Null wieder anfangen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Monsieur Vicky, mein Taxifahrer, hatte mich gestern zu sich nach Hause eingeladen. Seine beiden T\u00f6chter, sagte er, wollten endlich mal eine Weisse sehen.<br \/>\nMonsieur Vicky, der mit vollem Namen Vicky Miondo-Kamalandwa heisst, wohnt in Bumbu, was in Kinshasa nicht das schlechteste Viertel ist. Die Nachbarschaft k\u00f6nnte man als kongolesische untere Mittelschicht beschreiben. Hier wohnen Taxifahrer, Schneiderinnen, Schrotth\u00e4ndler, Friseusinnen und Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter in gemauerten, verru\u00dften Zwei-Zimmer-Quadern mit Wellblechd\u00e4chern, 15 bis 20 Quadratmeter gross, ohne K\u00fcche und flie\u00dfend Wasser, aber manchmal mit Strom, was die Anschaffung eines Fernsehers lohnt.<br \/>\nMit einer braunen Couchgarnitur, einem K\u00fcchenregal, einem kitschigen Wandkalender, einem gro\u00dfen Hochzeitfoto und einer Bibel ist Monsieur Vickys Wohnung auch schon voll. Sowohl die Couch als auch der Fernseher haben die Regenflut vom Sonntag \u00fcberstanden. Dieses Mal ist auch keine schlammige Kloake durch die T\u00fcr gekrochen. Nur die Trampelpfade im Viertel haben sich in schwimmende M\u00fcllhalden verwandelt.<br \/>\nMonsieur Vicky und seine Frau, die Schneiderin ist, haben ihr Erspartes in verschiedenen Kistchen und Fotoalben versteckt. Jeder Einbruch w\u00fcrde sie und ihren Traum um Jahre zur\u00fcckwerfen: Monsieur Vicky m\u00f6chte irgendwann mit 1000 Dollar in der Tasche zum Grosshafen nach Matadi fahren und sich ein gebrauchtes Auto kaufen. Dann w\u00e4re er nicht mehr Taxifahrer f\u00fcr seinen Boss, sondern Taxiunternehmer und k\u00f6nnte 100 statt 30 Prozent seiner Tageseinnahmen behalten. Dann k\u00f6nnte er irgendwann in ein Viertel umziehen, wo das Dach nicht alle paar Wochen leckt und der Strom nicht alle paar Tage ausf\u00e4llt.<br \/>\nIm Moment stehen die Zeichen nicht g\u00fcnstig. Seit im Kongo der Marathon der Pr\u00e4sidentschaftswahlen begonnen hat, ist das Leben in der Hauptstadt deutlich teurer geworden. F\u00fcr den Liter Benzin bezahlt man jetzt 490 kongolesiche Francs statt 350, f\u00fcr einen 25-Kilo-Sack Reis 8500 statt 5000 Francs. Die Inflationsrate ist angestiegen: Ein US-Dollar kostet jetzt 520 Francs statt 450. Bei der Verkehrspolizei sind die Preise geradezu explodiert. Seit sie sich \u201ereformiert\u201c hat, halten die Uniformierten nicht mehr einfach die Hand durchs Fenster und geben sich mit ein paar hundert Francs zufrieden. Nein, jetzt gibt es eine Geb\u00fchrenordnung, wonach f\u00fcr die \u201eMissachtung eines Verkehrschildes\u201c bis zu 30 Dollar zu bezahlen sind \u2013 nat\u00fcrlich auch dann, wenn sich am Tatort kein Verkehrsschild befindet. Monsieur Vicky hat deshalb vor einigen Wochen zusammen mit tausenden anderer Taxifahrer gestreikt. 30 Dollars, das ist das t\u00e4gliche Minimum, das Monsieur Vicky beim Besitzer seines schrottreifen Taxis abgeben muss.<br \/>\nGeholfen hat der Streik offenbar nicht. Auf dem Weg nach Bumbu hatten sich die Verkehrspolizisten mit ihren gelben Hemden und Helmen mitten auf der breiten Avenue Kasa Vubu postiert, um Autos herauszuwinken. Der Fahrer eines VW-Bus-Taxis, dessen Heckklappe durch ein Seil ersetzt war, um die gesch\u00e4tzten 20 Passagiere am Herausfallen zu hindern, sah wohl seine Tageseinnahmen verschwinden, dr\u00fcckte auf\u2019s Gaspedal und hielt direkt auf den Polizisten zu. Der machte einen kleinen Schritt zu Seite und schlug dem Bus den ohnehin schon baumelnden Seitenspiegel von der T\u00fcr wie einen lockeren Zahn.<br \/>\nSolche Szenen verst\u00f6ren Monsieur Vicky mehr, als die Schiesserei zwischen den Privatarmeen der beiden Pr\u00e4sidentschaftskandidaten im August. Die passierte weit weg von seiner Wohnung im Diplomatenviertel Gombe. Den Strassenkampf mit den Beh\u00f6rden erlebt er jeden Tag. \u201eMadame\u201c, sagte er, \u201edieses Land muss bei Null wieder anfangen.\u201c<br \/>\nVor der Stichwahl am Sonntag war er noch einmal in sich gegangen und hatte als Wahlhilfe seine ganz pers\u00f6nliche V\u00f6lkerkunde zu Rate gezogen. Demnach gibt es im Kongo zwar hunderte von Ethnien aber nur drei relevante Gruppen: \u201eDie Leute aus Katanga\u201c, sagt Monsieur Vicky, \u201eerkennt man daran, dass sie zuviel trinken, den Weibern und dem Geld hinterhersteigen. Die Leute aus Equateur sind geradeheraus, j\u00e4hzoring und manchmal brutal. Und die Menschen aus Bas Congo geh\u00f6ren zu den ruhigen Typen, beten viel und wollen mit niemandem Problem.\u201c<br \/>\nMonsieur Vicky, der Kirchenchors\u00e4nger aus dem Bas Congo, hat am vergangenen Sonntag die Seiten gewechselt, und seine Stimme nicht mehr dem phlegmatischen \u201eKatanga Boy\u201c Joseph Kabila gegeben, sondern dem ehemaligen Warlord und Mobutu-Z\u00f6gling Jean-Pierre Bemba aus der Provinz Equateur. \u201eSehen Sie, Madame, nachdem wir zum zweiten Mal an diesem Tag im Kloakenschlamm von Kinshasa steckengeblieben waren, sehen Sie: Einer muss hier mal richtig aufr\u00e4umen.\u201c<br \/>\nJoseph Kabila gilt in den Vorhersagen, was immer sie in diesem Land wert sein m\u00f6gen, immer noch als Favorit. Aber man geht inzwischen von einem knappen Ergebnis aus \u2013 \u00dcberraschung nicht ausgeschlossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monsieur Vicky, mein Taxifahrer, hatte mich gestern zu sich nach Hause eingeladen. 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