{"id":43,"date":"2007-05-25T13:41:20","date_gmt":"2007-05-25T11:41:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=43"},"modified":"2007-05-25T13:41:20","modified_gmt":"2007-05-25T11:41:20","slug":"die-golddealer-mit-den-blauen-helmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2007\/05\/25\/die-golddealer-mit-den-blauen-helmen\/","title":{"rendered":"Die Golddealer mit den blauen Helmen"},"content":{"rendered":"<p>Neuigkeiten aus dem Kongo. Leider mal wieder unerfreuliche, was dieses Mal den &#8211; nein: einigen &#8211; Blauhelmen der UN zu verdanken ist. Wie die BBC berichtet, sollen pakistanische Blauhelme im kriegszerr\u00fctteten ostkongolesischen Bezirk Ituri am illegalen Goldhandel beteiligt gewesen sein und &#8211; schlimmer noch &#8211; eine der B\u00fcrgerkriegsmilizen mit Waffen ausgestattet haben. Die Vorw\u00fcrfe betreffen ein pakistanisches Battalion, das im Jahr 2005 in der Goldgr\u00e4berstadt Mongwbalu stationiert war. Die Goldminen von Mongwbalu waren das gr\u00f6\u00dfte Beutest\u00fcck in einem ethnisierten Krieg zwischen Milizen der Hema und der Lendu. Zur Erinnerung: Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wartet derzeit Thomas Lubanga, ehemals Chef der Hema-Partei &#8222;Union des Patriotes Congolais&#8220; (UPC) und ihrer Miliz, auf seinen Prozess wegen Rekrutierung von Kindersoldaten.<br \/>\nDie pakistanischen Blauhelme sollen nun vor zwei Jahren mit Lubangas Gegnern von der &#8222;Front Nationaliste Int\u00e9grationiste&#8220; (FNI) Gesch\u00e4fte gemacht haben. Die kontrollierten 2005 die Goldminen, erpressten &#8222;Schutzgelder&#8220; und tyrannisierten die Bewohner. Nach Angaben von Human Rights Watch (HRW) und kongolesischen Menschenrechtsorganisationen sind pakistanische Offiziere in das Goldgesch\u00e4ft eingestiegen. Unter ihrer Beteiligung soll Gold im Wert von mindestens zwei Millionen Dollar aus dem Land geschmuggelt worden sein. Damit nicht genug: Um die Beziehungen zu den lokalen Warlords zu f\u00f6rdern, sollen die Blauhelme den Milizion\u00e4ren jene Waffen zur\u00fcckgegeben haben, die diese zuvor bei bei Demobilisierungsprogrammen der UN abgeliefert hatten. Gesch\u00e4ftspartner der Pakistanis waren demnach zwei lokale Kriegsherren mit den Spitznamen &#8222;Kung Fu&#8220; und &#8222;Dragon&#8220;<br \/>\nIm UN-Hauptquartier waren diese Vorw\u00fcrfe offenbar bekannt. Im August 2006 traf ein UN-Ermittlerteam in Mongbwalu ein, um die Vorf\u00e4lle zu untersuchen. Die pakistanischen Offiziere gaben sich zun\u00e4chst kooperationswillig, was sich schlagartig \u00e4nderte, als die UN-Beamten die Festplatte eines Computers beschlagnahmen wollten. Da fuhren nach Recherchen der BBC pl\u00f6tzlich UN-Panzerfahrzeuge vor dem Quartier der Ermittler auf, die sich daraufhin &#8222;gr\u00fcndlich eingesch\u00fcchtert&#8220; sofort ausfliegen liessen. Seitdem d\u00fcmpelt die Untersuchung vor sich hin.<br \/>\nHier nun eine Auswahl von Stellungnahmen der Betroffenen.<br \/>\n&#8222;Der Untersuchungsbericht ist noch nicht fertig. Aber ich streite mit aller Entschiedenheit ab, dass Blauhelme die Milizen wiederbewaffnet haben.&#8220; (William Swing, Leiter der UN-Mission im Kongo)<br \/>\n&#8222;Da waren auch Truppen aus anderen L\u00e4ndern im Kongo. Warum pickt die BBC unsere Soldaten heraus? Die UN k\u00f6nnen untersuchen, was sie wollen. Soweit wir wissen, haben sie bislang nichts gegen uns vorgebracht.&#8220; (Generalmajor Wahid Arshad, Pressesprecher der pakistanischen Streitkr\u00e4fte)<br \/>\n&#8222;Die UN haben eine Menge Informationen von Human Rights Watch erhalten, und 18 Monate sp\u00e4ter ist immer noch nichts passiert. Es sieht so aus, als ob da was unter den Teppich gekehrt wird.&#8220; (Anneke Van Woudenberg, Kongo-Expertin von Human Rights Watch)<br \/>\n&#8222;Sollte der Untersuchungsbericht ergeben, dass es hier zu Verst\u00f6\u00dfen und Vergehen gekommen ist, wird der Generalsekret\u00e4r Ban Ki-Moon die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.&#8220; (Michele Montas, Pressesprecherin der UN in New York)<br \/>\nDas Problem ist: Ban Ki-Moon hat \u00fcber die pakistanischen Soldaten ungef\u00e4hr so viel Einfluss wie \u00fcber die Klimaerw\u00e4rmung. Im Rahmen der UN gibt es kein Gremium, das Blauhelme f\u00fcr Verbrechen und Vergehen bestrafen, die sie w\u00e4hrend ihrer Eins\u00e4tze begehen. Das liegt allein in der Verantwortung der Entsendel\u00e4nder, und die k\u00fcmmern sich in der Regel einen feuchten Kehricht um Straftaten, die ihre Soldaten bei UN-Eins\u00e4tzen begangen haben. Das war &#8211; und ist &#8211; zu beobachten, bei den Vorw\u00fcrfen gegen UN-Soldaten wegen sexuellen Mi\u00dfbrauchs von Frauen und M\u00e4dchen in Bosnien, Mozambique oder dem Kongo. Das wird auch jetzt gelten, sollten sich die Vorw\u00fcrfe gegen die pakistanischen Blauhelme best\u00e4tigen. Zumal Ban Ki-Moon wie schon seine Vorg\u00e4nger in einem zus\u00e4tzlichen Dilemma stecken: es ist unendlich schwierig, f\u00fcr Friedenseins\u00e4tze gen\u00fcgend UN-Truppen zu finden. Den westlichen L\u00e4nder sind ihre Soldaten f\u00fcr solche Missionen zu schade. Und aus dem Rest der Welt kommt nicht immer das professionellste Personal, um es milde auszudr\u00fccken. Mit Ausnahme von L\u00e4ndern wie Indien und eben Pakistan, deren Truppen bei der UN in New York heiss begehrt sind. Schon allein deswegen wird Ban Ki-Moon nichts weiter tun k\u00f6nnen, au\u00dfer ein paar rhetorischen Floskeln der Emp\u00f6rung und Betroffenheit in die Welt zu setzen.<br \/>\nAlso alles wie gehabt? Nein, nicht ganz. Berichterstattung \u00fcber Skandale bedeutet immer auch Besch\u00e4mung der Verantwortlichen. Pakistan wird derzeit von Pervez Musharraf, einem General, regiert, der bekannterma\u00dfen derzeit reichlich innenpolitische Probleme hat. Die internationale Blo\u00dfstellung seiner Soldaten ist das letzte, was er derzeit brauchen kann. Bleiben also zwei denkbare Optionen: Entweder versucht die pakistanische Milit\u00e4rf\u00fchrung nun erst recht, alles unter den Teppich zu kehren. Oder sie tritt die heilsame Flucht nach vorn an und ermittelt selbst gegen die Beschuldigten. Was die UN-Mission im Kongo angeht: die w\u00e4re gut damit bedient, den Untersuchungsbericht, der nun pl\u00f6tzlich innerhalb von drei Wochen fertig sein soll, als erstes den Menschen in Ituri vorzulegen. Die werden sich einiges dazu zu sagen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuigkeiten aus dem Kongo. 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