{"id":479,"date":"2009-12-03T21:34:21","date_gmt":"2009-12-03T20:34:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=479"},"modified":"2009-12-03T21:34:21","modified_gmt":"2009-12-03T20:34:21","slug":"szenen-aus-kinshasa-der-stuhl-des-leoparden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2009\/12\/03\/szenen-aus-kinshasa-der-stuhl-des-leoparden\/","title":{"rendered":"Szenen aus Kinshasa: Der Stuhl des Leoparden"},"content":{"rendered":"<p>Seit einer Woche wieder auf Besuch in Kinshasa. Es wird h\u00f6chste Zeit, sich endlich einmal die Kulturst\u00e4tten der Hauptstadt anzusehen. Das kongolesische Nationalmuseum liegt auf dem Gel\u00e4nde von Mobutus ehemaligem Amtssitz im Stadtteil Mont Ngaliema. Soldaten \u00f6ffnen das Tor,\u00a0 nicht ohne vorher ausgiebig den Kofferraum des klapprigen Toyota von Monsieur Vicky, meinem Taxifahrer, zu inspizieren. \u201eWie w\u00e4r\u2019 mit einer Spende f\u00fcr eine Cola\u201c, sagt einer, was f\u00fcr einen Mann mit einer Kalaschnikow eine recht bescheidene Forderung ist. \u201eSp\u00e4ter\u201c, sagt Monsieur Vicky.<\/p>\n<p>Die Auffahrt zum Museum f\u00fchrt einen H\u00fcgel hoch, rechts treibt der Kongo-Fluss Richtung Atlantik, links steht ein haushoher runder K\u00e4fig, in dem Mobutu einst Leoparden gehalten haben soll. Sagt Monsieur Vicky im Fl\u00fcsterton. Monsieur Vicky fl\u00fcstert immer, wenn wir uns ehemaligen Pal\u00e4sten oder Amtsitzen Mobutus n\u00e4hern. Monsieur Vicky ist ein gl\u00e4ubiger Christ, was Respekt vor den Geistern der Toten nicht ausschlie\u00dft. Und da Mobutu nicht in seiner Heimat, sondern im marokkanischen Exil beerdigt worden ist, k\u00f6nnen seine Geister unm\u00f6glich ruhen. Also empfiehlt es sich, die Stimme zu senken.<\/p>\n<p>Das Nationalmuseum hat den Charme eines Werkshofes, \u00fcber den eine Schar talentierter Graffiti-Sprayer hergefallen ist. Im Hof rosten die R\u00e4der alter Lokomotiven und ein Kahn, mit dem seinerzeit Henry Morton-Stanley den Kongo-Fluss entlang fuhr. Offenbar hat sich seit l\u00e4ngerem kein Besucher mehr hier blicken lassen, weswegen bei unserem Anblick drei \u00e4ltere, kleine Herren aus einer Baracke st\u00fcrzen, um unsere F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen. Das Rennen macht das M\u00e4nnchen, das sich als \u201eN\u2019kanza Lutayi, secretaire scientifique\u201c, als wissenschaftlicher Sekret\u00e4r, vorstellt, und uns nun mit Hingabe zu den Sch\u00e4tzen des Museums f\u00fchrt: zuerst zu den verbeulten Aktenschr\u00e4nken, in denen auf 45.000 vergilbten Karteikarten jedes Ausstellungsst\u00fcck handschriftlich registriert ist. Dann in eine Wellblechhalle mit einer gesch\u00e4tzten Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent, einem gesch\u00e4tzten Staubgehalt von 50 Prozent sowie \u201e12903 Masken von 413 St\u00e4mmen\u201c. Sagt Herr N\u2019kanza.<\/p>\n<p>Es sind herrliche, bizarre, wuchtige Holzgesichter, deren verschobene Proportionen an kubistische Bilder erinnern. Angefertigt von Maskenschnitzern der Tetela, Chokwe, Yeka, Kuba und anderen, die Gesichter und Grimassen f\u00fcr alle Sorgen, Riten und Lebenslagen entworfen haben: zur Initiation von Jungen und M\u00e4dchen in die Welt der Erwachsenen, zur Beerdigung des Dorfchefs, zur Heilung von Epilepsie, zur Vorbereitung auf Kriegsz\u00fcge und zur Warnung vor Ungl\u00fcck. In der n\u00e4chsten Halle lagern hunderte von Speeren und Lanzen, Schildern, T\u00f6pfen und Trommeln, dazwischen Pirogen und die Strohwand einer traditionellen H\u00fctte. Dazu Musketen und S\u00e4bel, Hinterlassenschaften der europ\u00e4ischen \u201eEntdecker\u201c und Kolonialherren.<\/p>\n<p>Herr N\u2019kanza pr\u00e4sentiert besonders stolz einen eif\u00f6rmigen Helm mit der Aufschrift \u201eGarde de Paris\u201c, als wolle er sagen: \u201aSeht her, Ihr habt nicht nur von uns geklaut. Wir haben auch Troph\u00e4en von Euch.\u2019 Wenn auch sehr rostige. Der Kulturschatz eines ganzen Landes vermodert in dieser nationalen Rumpelkammer. \u201eWir sind im Krieg gegen Feuchtigkeit und Staub,\u201c sagt seufzend Herr N\u2019kanza, \u201eaber uns fehlen die Mittel.\u201c<\/p>\n<p>Monsieur Vicky ist unterdessen unruhig geworden. Er bef\u00fcrchtet, dass uns das Beste vorenthalten werden soll. \u201eFragen Sie nach dem Stuhl von Mobutu\u201c, raunt er. \u201eIrgendwo steht hier der Stuhl von Mobutu.\u201c Prompt fummelt Herr N\u2019Kanza an seinem Schl\u00fcsselbund und \u00f6ffnet die T\u00fcr zum Allerheiligsten, der \u201eAbteilung f\u00fcr Arch\u00e4ologie\u201c. Der Begriff der Arch\u00e4ologie wird im kongolesischen Nationalmuseum offenbar weit gefasst, denn au\u00dfer einigen Speerspitzen und Tonscherben sind hier auch zu besichtigen: Mobutus Jagdtroph\u00e4en, darunter ausgestopfte K\u00f6pfe von Hirschen und Zebras; Haushaltswaren und Kitsch aus Europa, darunter Weinkr\u00fcge aus dem Badischen, Eierbecher aus Frankreich, Porzellan-Pudel aus England. Mittendrin stehen zwei St\u00fchle. Der Linke ist mit abgeschabtem gr\u00fcnen Samt bezogen, auf der R\u00fcckenlehne ist das ehemalige goldene Landeswappen aufgedruckt mit dem Motto \u201eGerechtigkeit, Frieden, Arbeit\u201c, wovon die Kongolesen seit der Gr\u00fcndung ihres Staates so gut wie nichts gesehen haben. Hier pflegte Mobutus Gattin Platz zu nehmen. Der rechte ist aus schwarzem Ebenholz geschnitzt und mit Leoparden-Fell bezogen. Mobutus \u201eThron\u201c.<\/p>\n<p>Wir stehen unschl\u00fcssig vor dem guten St\u00fcck. \u201eFotografieren verboten\u201c steht auf einem Schild. Aber Sekret\u00e4r N\u2019Kanza ist gro\u00dfz\u00fcgig. \u201eSetzen Sie sich ruhig drauf\u201c, sagt er, was ich mir nicht zwei Mal sagen lasse. Monsieur Vicky tritt nerv\u00f6s von einem Fu\u00df auf den anderen.\u00a0 Als ich aufstehe, springt er mit einem Satz in den Stuhl. \u201eSchnell, ein Foto.\u201c<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-482\" title=\"Monsieur Vicky auf Mobutus Stuhl\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2009\/12\/IMG_1284.jpg\" alt=\"Monsieur Vicky auf Mobutus Stuhl\" width=\"240\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2009\/12\/IMG_1284.jpg 240w, https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2009\/12\/IMG_1284-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/> <em>Monsieur Vicky auf dem Stuhl Mobutus<\/em><\/p>\n<p>Siehe da, es sitzt sich gut auf dem Leopardenfell des Diktators. Vicky probiert ein paar Posen, rutscht hin und her, grinst sichtlich \u00fcberrascht \u00fcber die eigene Courage. Zum Teufel mit den Geistern Mobutus, dies ist die sp\u00e4te, kleine Rache eines ehemaligen Untertanen. Ich m\u00f6ge ihm beim n\u00e4chsten Besuch in Kinshasa einen Abzug des Fotos mitbringen, sagt er. So gro\u00df wie irgend m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einer Woche wieder auf Besuch in Kinshasa. Es wird h\u00f6chste Zeit, sich endlich einmal die Kulturst\u00e4tten der Hauptstadt anzusehen. Das kongolesische Nationalmuseum liegt auf dem Gel\u00e4nde von Mobutus ehemaligem Amtssitz im Stadtteil Mont Ngaliema. Soldaten \u00f6ffnen das Tor,\u00a0 nicht ohne vorher ausgiebig den Kofferraum des klapprigen Toyota von Monsieur Vicky, meinem Taxifahrer, zu inspizieren. 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