{"id":580,"date":"2010-03-08T11:08:58","date_gmt":"2010-03-08T10:08:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=580"},"modified":"2010-03-08T11:08:58","modified_gmt":"2010-03-08T10:08:58","slug":"nicht-nur-weil-heute-frauentag-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2010\/03\/08\/nicht-nur-weil-heute-frauentag-ist\/","title":{"rendered":"Nicht nur, weil heute Frauentag ist&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;stelle ich Sophie Miblisi vor. Mitte zwanzig, wohnhaft in Kamituga, ledig, besch\u00e4ftigt als Klempnerin im st\u00e4dtischen Hospital. Und damit &#8211; so nehme ich an \u2013 eine der wenigen Frauen, wenn nicht die einzige in der ganzen Provinz S\u00fcd-Kivu, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, Rohre zu verlegen und Wasserh\u00e4hne zu montieren.<br \/>\nDie m\u00e4nnlichen Kollegen, sagt Miblisi, h\u00e4tten etwas Zeit gebraucht, sich an diesen Anblick zu gew\u00f6hnen.<br \/>\nMiblisis Geschichte ist ungew\u00f6hnlich genug. Sie wurde noch ungew\u00f6hnlicher, als ihre Arbeitgeber,\u00a0 die kongolesische Krankenhausleitung und die Mitarbeiter der deutschen NGO <a href=\"http:\/\/www.cap-anamur.org\/\">Cap Anamur<\/a>, entdeckten, dass sie Psychologie studiert hat. Weswegen Miblisi pl\u00f6tzlich einen zweiten Job aus\u00fcbte, als eines Tages im Sp\u00e4tsommer eine Karawane der \u00dcberlebenden im Hospital auftauchte &#8211; \u00dcberlebende des andauernden Krieges gegen Frauen.<\/p>\n<p>\u00dcber 40 M\u00fctter, Gro\u00dfm\u00fctter, M\u00e4dchen, B\u00e4uerinnen, H\u00e4ndlerinnen aus dem Hinterland, alle Opfer von Vergewaltigungen und anderen Gr\u00e4ueltaten, hatten sich in den W\u00e4ldern unweit Kamitugas gesammelt, um gemeinsam im Krankenhaus Hilfe zu suchen. Die meisten waren offenbar Opfer von Hutu-Rebellen der FDLR geworden, hatten zum Teil schwere k\u00f6rperliche Verletzungen und seelische Traumata erlitten. Was genau eine Psychologin macht, war ihnen nicht klar. \u201eIch habe ihnen gesagt, dass ich f\u00fcr das hier zust\u00e4ndig bin,\u201c sagt Miblisi und legt ihre Hand auf ihr Herz. \u201eUnd f\u00fcr ihren Kopf, f\u00fcr die Angst und die schlimmen Tr\u00e4ume.\u201c<\/p>\n<p>Dann h\u00e4tte sie einfach angefangen, mit den Frauen zu reden, sie einfach weinen oder beten oder erz\u00e4hlen zu lassen. Von der Vergewaltigung, von den T\u00e4tern, von der Schande und der Verachtung oder manchmal auch der Hilfe durch die Dorfgemeinde. \u201eEs ist ja nicht nur der K\u00f6rper, der leidet,\u201c sagt Miblisi. Richtige Therapie sei das nat\u00fcrlich nicht gewesen, sie habe wenig Zeit gehabt, denn die meisten Frauen sind nach der medizinischen Behandlung wieder zur\u00fcck. Und ihr selbst fehle es eben noch an Schulung, an Fortbildung durch erfahrene Therapeuten und Therapeutinnen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit Miblisi fand im Dezember statt. Dass man in Kamituga den Vergewaltigten \u00fcberhaupt helfen konnte, verdankt sich, wie fr\u00fcher schon berichtet, einem joint venture zwischen Provinzverwaltung, der Hilfsorganisation Cap Anamur und der \u00f6rtlichen Krankenhausleitung. Innerhalb von gut zwei Jahren hat sich dieses Hospital von einer durch Krieg und Verfall zerr\u00fctteten Siechenanstalt in ein funktionierendes Hospital verwandelt \u2013 das erste au\u00dferhalb der Provinzhauptstadt Bukavu.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Wiederauferstehung k\u00f6nnten die Mitarbeiter von Cap Anamur inzwischen Romane schreiben. Kleinere Fl\u00fcchtlingskatastrophen waren zu bew\u00e4ltigen, D\u00e4cher zu decken, Bettengestelle neu zu verschwei\u00dfen. Einen Sack Zement bekommt man im Kongo nicht auf dem Baumarkt, sondern erst nach kompliziertem logistischem Aufwand, die Zollbefreiung ebenso. Die Einstellung eines Krankenwagenfahrers endete zun\u00e4chst mit der Testfahrt eines Bewerbers an einer neuen Mauer, und der OP-Saal sah bei meinem letzten Besuch im Dezember auch noch renovierungsbed\u00fcrftig aus.<\/p>\n<p>Aber inzwischen funktioniert die Bezahlung des Personals, die Behandlungskosten sind auf ertr\u00e4gliche Raten gesenkt worden, und das einheimische Chirurgenteam kann Notoperationen durchf\u00fchren, wenn sich, wie unl\u00e4ngst geschehen, ein Soldat der notorisch schlecht ausgebildeten Armee beim Reinigen des Gewehrs eine Kugel in den Kiefer jagt. Die deutschen Cap Anamur-\u00c4rzte hatten in den ersten Monaten ihres Wirkens so gro\u00dfen Eindruck hinterlassen, dass sich die PatientInnen nur noch von Wei\u00dfen behandeln lassen wollte. Aber, sagt Gilbert Kibala, Chefchirurg und j\u00fcngerer Bruder des Vize-Gouverneurs, \u201edas haben wir den Leuten schnell wieder abgew\u00f6hnt.\u201c<\/p>\n<p>Inmitten dieser kleinen und gro\u00dfen Fortschritte gegen alle Widrigkeiten platzen dann wieder Meldungen wie jene mit dem Aktenzeichen NI\/OSMR\/150210 der UN-Mission im Kongo. Am 12. Februar haben demnach Angeh\u00f6rige der FDLR bei einem Angriff auf das Dorf Bisembe (rund 30 Kilometer von Kamituga) 15 Frauen entf\u00fchrt. Acht konnten fliehen, die sieben anderen wurden ermordet aufgefunden.<\/p>\n<p>Sophie Miblisi hat ihre Fortbildung inzwischen hoffentlich erhalten. An Patientinnen wird es ihr, so steht zu bef\u00fcrchten, in absehbarer Zukunft nicht mangeln. Die Gewalt gegen Frauen im Kongo ist nach wie vor eine Epidemie. Und trotz m\u00fchsamer kleiner Erfolge im Kampf gegen die Straflosigkeit gehen die meisten T\u00e4ter \u2013 egal ob Rebellen, Soldaten oder Zivilisten &#8211; weiterhin straffrei aus. Das hat wieder einmal die \u201eInternational Federation for Human Rights\u201c (FIDH) festgestellt, die anl\u00e4sslich des Internationalen Frauentags ein <a href=\"http:\/\/www.fidh.org\/Nous-exigeons-le-respect-des-droits-des-femmes-en\">lesenswertes Dossier<\/a> zum Stand der Frauenrechte in afrikanischen L\u00e4ndern herausgebracht hat. Demnach hat es im Kongo in den vergangenen Jahren nennenswerte gesetzgeberische Fortschritte gegeben \u2013 und eben auch ein horrendes Defizit bei der Durchsetzung und Implementierung.<\/p>\n<p>Immerhin haben die Staatsanw\u00e4lte von Katanga, der Nachbarprovinz S\u00fcd-Kivus, nun <a href=\"http:\/\/www.iwpr.net\/?p=acr&amp;s=f&amp;o=360563&amp;apc_state=henpacr\">geschworen<\/a>, verurteilte Vergewaltiger nicht mehr vorzeitig zu entlassen und Haftstrafen nicht mehr zur Bew\u00e4hrung auszusetzen. Auf Vergewaltigung steht derzeit eine H\u00f6chststrafe von 25 Jahren nach kongolesischem Recht.<\/p>\n<p>Der Vorsatz klingt gut, allerdings st\u00f6\u00dft er auf zwei gigantische Hindernisse: Korruption im Justizapparat und verheerende Zust\u00e4nde in den Haftanstalten. Der Kongo braucht nicht nur dringend halbwegs funktionierende Krankenh\u00e4user, er braucht auch dringend halbwegs funktionierende Gef\u00e4ngnisse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;stelle ich Sophie Miblisi vor. Mitte zwanzig, wohnhaft in Kamituga, ledig, besch\u00e4ftigt als Klempnerin im st\u00e4dtischen Hospital. Und damit &#8211; so nehme ich an \u2013 eine der wenigen Frauen, wenn nicht die einzige in der ganzen Provinz S\u00fcd-Kivu, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, Rohre zu verlegen und Wasserh\u00e4hne zu montieren. 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