{"id":587,"date":"2010-03-24T20:32:28","date_gmt":"2010-03-24T19:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=587"},"modified":"2010-03-25T16:30:52","modified_gmt":"2010-03-25T15:30:52","slug":"rock-the-vote-auf-sudanesisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2010\/03\/24\/rock-the-vote-auf-sudanesisch\/","title":{"rendered":"Rock the vote auf sudanesisch"},"content":{"rendered":"<p>Hip Hop und Kabarett sind nicht unbedingt das erste, was einem zum Sudan einf\u00e4llt. Und Namen wie Tariq Amin, Sister Dee oder Yobu Annet sind in Deutschland unbekannt. Im Sudan versuchen diese K\u00fcnstler derzeit etwas sehr Ungew\u00f6hnliches: Sie mobilisieren vor allem junge Landsleute f\u00fcr die bevorstehenden Wahlen. <em>Rock the vote<\/em> auf sudanesisch.<\/p>\n<p>Am 11. April w\u00e4hlen die Sudanesen einen Pr\u00e4sidenten,\u00a0 ein neues Nationalparlament und neue Parlamente in den Bundesstaaten. Es sind die ersten Mehrparteienwahlen seit \u00fcber zwanzig Jahren.<br \/>\nDass sie wirklich frei und fair ablaufen werden, glaubt niemand. Der Sieg des Amtsinhabers Omar al-Bashir \u2013 vom Internationalen Strafgerichtshof\u00a0 wegen Kriegsverbrechen in Darfur mit Haftbefehl gesucht &#8211; gilt als sehr wahrscheinlich. Erstens, weil Bashirs \u201eNational Congress Party\u201c vorab offenbar geschickt manipuliert hat. Zweitens, weil der Pr\u00e4sident durchaus Popularit\u00e4t genie\u00dft. Nicht zuletzt aufgrund des Haftbefehls, hinter dem viele Sudanesen im Norden eine \u201ewestliche Verschw\u00f6rung\u201c vermuten.<\/p>\n<p>Wozu dann mit enormem Aufwand Wahlen organisieren in einem Land, dessen Infrastruktur in weiten Teilen erb\u00e4rmlich ist und in dem gesch\u00e4tzte 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung nicht lesen und schreiben k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Nun, weil es erstens manchmal anders kommen kann als man denkt. Und weil die Wahlen Teil eines international begleiteten Friedensabkommen sind, das 2005 den Konflikt zwischen dem muslimischen Norden und dem christlich-animistischen S\u00fcden beendete. Afrikas l\u00e4ngster B\u00fcrgerkrieg zog sich \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnte hin, wurde zeitweise genauso brutal gef\u00fchrt wie der Krieg in Darfur und hat mit 1,5 Millionen Toten weit mehr Opfer gefordert.<\/p>\n<p>Der S\u00fcdsudan genie\u00dft seit dem Abkommen einen autonomen Status und wird sich voraussichtlich in einem <a href=\"http:\/\/www.swp-berlin.org\/produkte\/swp_aktuell_detail.php?id=11787&amp;PHPSESSID=93cb9fcff9169a3a6c3a1e5f9cdf3293\">Referendum<\/a> n\u00e4chstes Jahr f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4ren, in Khartum amtiert seit 2005 eine \u201eRegierung der nationalen Einheit\u201c mit Vertretern der NCP, der s\u00fcdsudanesischen SPLM und kleineren Parteien. Die Macht aber ist bei der NCP und bei Bashir geblieben.<\/p>\n<p>Der Urnengang wird dessen Pr\u00e4sidentschaft voraussichtlich nicht beenden. Er k\u00f6nnte aber sehr wohl die \u00dcbermacht seiner Partei schm\u00e4lern, ein st\u00e4rkeres, widerspenstigeres Parlament und eigenwilligere Gouverneure in den Bundesstaaten hervorbringen. Kurzum, es k\u00f6nnten neue politische Freir\u00e4ume entstehen \u2013 auch, was eine Kultur politischer Teilhabe betrifft. \u201eUnd die muss man nutzen\u201c, sagt Tariq Amin.<\/p>\n<p>Amin ist kein Politiker, sondern einer der bekanntesten Musiker und Kabarettisten im Land. Sein <em>House of Arts<\/em> in Khartum ist ein Multi-Media-Zentrum mit Freiluft-B\u00fchne, Aufnahme-Studio, Ateliers und dem f\u00fcr K\u00fcnstler \u00fcblichen Chaos aus halbleeren Farbt\u00f6pfen, vollen Aschenbechern und zerbeulten Cola-Dosen. Hier treffen sich politisch renitente Poeten, Rapper, Theatergruppen und einige der besten Instrumentalisten auf der <em>Oud<\/em>, der Laute. Was sie eint, ist eine ausgepr\u00e4gte Abneigung gegen Milit\u00e4runiformen, Sharia und Islamisten \u2013 vulgo: \u201eVollbarttr\u00e4ger\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2010\/03\/Hela-Hop.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-588\" title=\"Hela Hop\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2010\/03\/Hela-Hop-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2010\/03\/Hela-Hop-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2010\/03\/Hela-Hop.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Amin (3 v.l. bei einem Auftritt im House of Arts) hat fr\u00fcher einmal Jura studiert, dann auf Kunst umgesattelt. Seine Musik-, Kabarett-und Theatergruppe <em>Hela Hop<\/em> ist weit \u00fcber Khartum hinaus bekannt. Zusammen mit elf anderen Musikern ist er nun auf einem Album mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.sudanvotes.com\/articles\/?id=38\"><em>Sudan Votes Music Hopes<\/em> <\/a>vertreten, das im Sudan seit einigen Wochen als Kassette im Umlauf ist (CDs sind in einem Land mit vielen Sandst\u00fcrmen kein geeigneter Tontr\u00e4ger) und jetzt auch \u00fcber\u2019s Internet <a href=\"http:\/\/www.sudanvotes.com\/musichopes\/\">geh\u00f6rt<\/a> werden kann.<\/p>\n<p><em>Sudan Votes Music Hopes<\/em> ist mit deutscher Hilfe entstanden: namentlich der Berliner Organisation <a href=\"http:\/\/www.mict-international.org\/about.html\">\u201eMedia in Cooperation and Transition\u201c<\/a> (MICT), die in Konfliktgebieten im Mittleren Osten und Nordafrika Journalisten und Medienprojekte unterst\u00fctzt &#8211; f\u00fcr den Sudan unter anderem die exzellente Website <a href=\"http:\/\/www.sudanvotes.com\/pages\/resources.php\">sudanvotes.com<\/a>. Der deutsche Rapper <a href=\"http:\/\/www.nesola.de\/NEU_MAX\/\">Max Herre<\/a>, (nicht nur) bekannt durch die Gruppe <em>Freundeskreis<\/em>, hat die zw\u00f6lf Songs mit ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Immerhin einer der zw\u00f6lf Musikern auf dem Album hat bereits im Westen Furore gemacht. <a href=\"http:\/\/www.emmanueljal.org\/#\/\">Emmanuel Ja<\/a>l, 30 Jahre alt, von Altstar Peter Gabriel als \u201ezweiter Bob Marley\u201c gehandelt, wurde im Alter von sieben Jahren Kindersoldat auf Seiten der s\u00fcdsudanesischen Rebellen. Als neunj\u00e4hriger K\u00e4mpfer verst\u00fcmmelte er mit einer Machete die Gesichter vermeintlicher Feinde. Mit elf floh er drei Monate zu Fu\u00df aus dem Kriegsgebiet und gelangte schlie\u00dflich mit Unterst\u00fctzung einer britischen Nothelferin nach Kenia, wo er zur Schule ging. Er begann, Musik zu machen, landete 2005 mit dem Song <em>Gua<\/em> einen Hit. Im selben Jahr ver\u00f6ffentlichte er ein Album mit dem nordsudanesischen Musiker <a href=\"http:\/\/www.gatewayofafrica.com\/artists\/biography\/214.html\">Abdel Gadir Salim<\/a>, was damals ungef\u00e4hr so selbstverst\u00e4ndlich war wie ein gemeinsames Konzert israelischer und pal\u00e4stinensischer Musiker. Der Dokumentarfilm <em>War Child<\/em>, benannt nach Jals Autobiografie, lief 2008 auf der Berlinale.<br \/>\nAbgesehen von diesem Lebenslauf macht der Emmanuel Jal einfach gute Musik.<\/p>\n<p><em>Sudan Votes Music Hopes<\/em> appelliert nicht nur an Jungw\u00e4hler, m\u00f6glichst zahlreich ihre Stimmen abzugeben. Es dr\u00fcckt auch die Hoffnung auf einen friedlichen Ablauf der Wahlen aus. Die Angst vor den Sicherheitskr\u00e4ften ist in Khartum und anderswo durchaus zu sp\u00fcren \u2013 auch wenn die politische Repression in den vergangenen Jahren sp\u00fcrbar zur\u00fcckgegangen ist. Ebenso gro\u00df ist die Furcht vor einem \u201ekenianischen Szenario\u201c. (In <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2009\/11\/06\/world\/africa\/06kenya.html\">Kenia <\/a>war es nach massiven und offensichtlichen F\u00e4lschungen bei den Wahlen zu schweren K\u00e4mpfen gekommen.)<\/p>\n<p>Im <em>House of Arts<\/em> testet Tariq Amin unterdessen weiter die Grenzen aus. Er hat s\u00e4mtliche Pr\u00e4sidentschaftsanw\u00e4rter aufgefordert, sich in seinem Haus einer Live-Diskussion mit W\u00e4hlern \u00fcber die Freiheit der Kunst zu stellen. Omar al-Bashir wird wohl nicht kommen. Aber andere Kandidaten, darunter einige politische Schwergewichte aus fr\u00fcheren Zeiten, sind bereits angetreten. Abgerundet wird jeder Kandidaten-Auftritt durch einen Auftritt von <em>Hela Hop<\/em>. Dank guter Lautsprecher beschallt Amin die ganze Nachbarschaft gleich mit.<\/p>\n<p>F\u00fcr sudanesische Verh\u00e4ltnisse sind das ziemlich ungew\u00f6hnliche Vorg\u00e4nge. \u201eFreedom by hand\u201c nennt das Tariq Amin. Freiheiten, die man sich einfach nimmt \u2013 und, wenn irgend m\u00f6glich, nicht mehr hergibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hip Hop und Kabarett sind nicht unbedingt das erste, was einem zum Sudan einf\u00e4llt. Und Namen wie Tariq Amin, Sister Dee oder Yobu Annet sind in Deutschland unbekannt. Im Sudan versuchen diese K\u00fcnstler derzeit etwas sehr Ungew\u00f6hnliches: Sie mobilisieren vor allem junge Landsleute f\u00fcr die bevorstehenden Wahlen. Rock the vote auf sudanesisch. Am 11. 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