{"id":60,"date":"2007-08-30T12:38:36","date_gmt":"2007-08-30T10:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=60"},"modified":"2007-08-30T12:38:36","modified_gmt":"2007-08-30T10:38:36","slug":"malt-euch-den-satz-%e2%80%9aich-bin-ein-deutscher%e2%80%99-auf%e2%80%99s-hemd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2007\/08\/30\/malt-euch-den-satz-%e2%80%9aich-bin-ein-deutscher%e2%80%99-auf%e2%80%99s-hemd\/","title":{"rendered":"&#8222;Entf\u00fchrt und in Geld aufgewogen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Mit weltbewegenden Nachrichten ist das in Kabul so eine Sache: Wenn man zwischen Eselskarren, UN-Gel\u00e4ndewagen, Taxis und sinnlos fuchtelnden Verkehrspolizisten im Stau steckt, oder in irgendeinem Amtszimmer verbiesterten Vorzimmerdamen Genehmigungen aller Art abzuringen versucht, dann k\u00f6nnen die Marsmenschen mitsamt den Taliban einmarschiert sein \u2013 und man merkt es nicht.<\/p>\n<p>Kabul ist eine Stadt, deren Bewohner (Kurzzeitbesucher wie zum Beispiel Journalisten eingeschlossen) vollauf mit den banalen M\u00fchen des Alltags besch\u00e4ftigt sind. Folglich sickerte die Nachricht nur langsam durch, dass die Taliban die ersten zw\u00f6lf der 19 koreanischen Geiseln freigelassen haben \u2013 und in die Erleichterung mischte sich schnell Stirnrunzeln. \u201eFrei? Na Gott sei Dank\u201c, sagt Manisha, die in der Hauptstadt ein Frauenhaus und ein B\u00fcro f\u00fcr Familienberatung leitet. \u201eAber wie kann man so bl\u00f6d sein, mit einem Haufen Leute, die auf hundert Meter als Ausl\u00e4nder zu erkennen sind, in einem Reisebus nach Kandahar zu fahren?\u201c<\/p>\n<p>Das h\u00f6rt sich nach klassischem Selbstschutzreflex an: die anderen werden Opfer, weil sie Risiken eingehen, die man selbst nie eingehen w\u00fcrde \u2013 eine rein subjektive Sichtweise, die aber die Nerven beruhigt.<\/p>\n<p>Andererseits ist der Leichtsinn der Missionare aus Seoul kaum zu \u00fcberbieten. Am 19. Juli waren sie mit dem infantilen Frohsinn einer Touristengruppe den Taliban in die Arme gerollt. \u00dcber diesen Wahnwitz fluchen auch die afghanischen Beh\u00f6rden. Die haben sich zwar offenbar geweigert, die Koreaner gegen acht prominente Taliban-Gefangenen auszutauschen. Aber sie konnten den \u201ebilateralen Deal\u201c der Taliban mit der s\u00fcdkoreanischen Regierung nicht verhindern. Letztere hat den Geiselnehmern zugesichert, s\u00e4mtliche koreanische Soldaten und Missionare nach Hause zu holen. Der Abzug der 200 Milit\u00e4rs bis zum Jahresende ist zwar in Seoul l\u00e4ngst beschlossene Sache. Aber dieses Detail \u00e4ndert nichts an der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung in Afghanistan, dass die Taliban ausl\u00e4ndische Regierungen in die Kniee zwingen und dabei auch ordentlich melken k\u00f6nnen. Von L\u00f6segeld ist in der Vereinbarung zwischen S\u00fcdkoreas Regierung und den Radikalislamisten zwar keine Rede. Aber niemand in Kabul bezweifelt, dass Seoul an die Taliban gezahlt hat \u2013 und diese nun mit ein paar Geldkoffern f\u00fcr ihren Dschihad einkaufen gehen.<\/p>\n<p>Das ist der zweite gro\u00dfe Kidnapping-Coup der Taliban. Im Fr\u00fchjahr hatten sie mit der Geiselnahme des italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo die Freilassung f\u00fcnf prominenter Kampfgenossen aus afghanischer Haft erpresst. Pr\u00e4sident Hamid Karsai hatte sich erst vehement gegen diesen Erpressungsversuch gewehrt, dann aber dem Druck der italienischen Regierung nachgegeben. Die soll sogar mit dem Abzug ihrer 2000 Soldaten gedroht haben, falls Mastrogiacomo nicht freigelassen w\u00fcrde. F\u00fcr dessen afghanischen Fahrer sowie f\u00fcr den \u00dcbersetzer und Journalistenkollegen Ajmal Naqshbandi gab es keine m\u00e4chtige Lobby. Sie wurden beide von den Taliban ermordet. \u201eIhr werdet entf\u00fchrt und in Geld aufgewogen\u201c, sagt dazu lakonisch der Leiter einer afghanischen Hilfsorganisation in Kabul. \u201eWir werden meistens gleich umgebracht.\u201c<\/p>\n<p>Was nicht immer stimmt. Zwei der s\u00fcdkoreanischen Missionare wurden erschossen, ebenso einer der beiden  im Juli entf\u00fchrten deutschen Ingenieure, dessen Kollege immer noch in Gewalt der Taliban ist.<\/p>\n<p>All das hindert am Abend in einem der wohl bewachten Kabuler Restaurants zwei sturzbetrunkene afghanische Gesch\u00e4ftsleute nicht daran, die kollektive Sympathie ihres Landes mit den Deutschen hochleben zu lassen. \u201eWir Afghanen lieben alle Deutschen\u201c, ruft der eine in den Kabuler Nachthimmel. \u201eMalt Euch den Satz \u201aIch bin ein Deutscher\u2019 auf\u2019s Hemd und lauft durch die Stra\u00dfen. Jeder wird Euch mit offenen Armen empfangen.\u201c Wir lehnen den Vorschlag dankend ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit weltbewegenden Nachrichten ist das in Kabul so eine Sache: Wenn man zwischen Eselskarren, UN-Gel\u00e4ndewagen, Taxis und sinnlos fuchtelnden Verkehrspolizisten im Stau steckt, oder in irgendeinem Amtszimmer verbiesterten Vorzimmerdamen Genehmigungen aller Art abzuringen versucht, dann k\u00f6nnen die Marsmenschen mitsamt den Taliban einmarschiert sein \u2013 und man merkt es nicht. 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