{"id":63,"date":"2007-09-06T14:40:47","date_gmt":"2007-09-06T12:40:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=63"},"modified":"2007-09-06T14:40:47","modified_gmt":"2007-09-06T12:40:47","slug":"die-boxerinnen-von-kabul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2007\/09\/06\/die-boxerinnen-von-kabul\/","title":{"rendered":"Die Boxerinnen von Kabul"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" id=\"image62\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/files\/2007\/09\/20070906_aboehm_boxerin.png\" alt=\"20070906_aboehm_boxerin.png\" style=\"border: 1px black solid;\" \/><\/p>\n<p>Die meisten ausl\u00e4ndischen Journalisten in Afghanistan \u2013 mich eingenommen \u2013 sind sprachbehindert und k\u00f6nnen auf Dari oder Pashto gerade mal \u201edanke\u201c und \u201eAuf Wiedersehen\u201c sagen. Wie Blinde auf ihren Blindenhund sind wir auf unsere \u00dcbersetzer angewiesen \u2013 meist Studenten, die gut Englisch sprechen, einen Handyspeicher voller wichtiger Telefonnummern haben und irgendwo schnell ein Auto auftreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mein \u00dcbersetzer hei\u00dft Maiwand, ist 26 Jahre alt, studiert Ingenieurswissenschaften an der Universit\u00e4t Kabul und spart f\u00fcr seine Hochzeit mit einer Jurastudentin. Maiwand hat die Manieren eines Gentleman und einen Fahrstil, der selbst Ungl\u00e4ubige zum Beten zwingt. Wann immer sich hundert Meter freie Strecke vor ihm auftun, n\u00e4hert sich die Tacho-Nadel der 80Kmh-Marke. \u201eMaiwand, ich w\u00fcrde gern am Leben bleiben\u201c, sage ich dann, worauf er mit einem reum\u00fctigen \u201eSo sorry \u201c den Fu\u00df vom Gaspedal nimmt.<\/p>\n<p>Mit dieser Variante des Stop-and-Go landen wir vor dem Kabuler Sportstadion, einem ockerfarbenen Klotz mit einer horrenden Geschichte. Am Eingang lungern Kriegsveteranen herum, manche in Rollst\u00fchlen, andere auf Kr\u00fccken. In einer kleinen Halle machen sich Judoka warm, auf dem gr\u00fcn-braunen Rasen trainieren Fu\u00dfballer. Die Schaulustigen sind in Feierlaune: Afghanistan hat Pakistan in einem Freundschaftspiel geschlagen \u2013 und das, obwohl das afghanische Team in Islamabad bei 40 Grad im Schatten in langen Hosen spielen musste, w\u00e4hrend die Gegnerinnen in Shorts antreten durften.<\/p>\n<p>Jawohl, richtig gelesen: es war ein Match der beiden Frauennationalmannschaften. Aber ein Sieg gegen das verhasste Pakistan schmeckt immer s\u00fc\u00df \u2013 auch dann, wenn ihn \u201enur die M\u00e4dchen\u201c errungen haben.<\/p>\n<p>Maiwands Leidenschaft f\u00fcr Fu\u00dfball ist seit der Zeit der Taliban deutlich abgek\u00fchlt. Pamir Kabul und Jami Herat waren in jenen Jahren die Top-Mannschaften. Wann immer sie aufeinandertrafen, stand Maiwand mit seinen Kumpels unter den Zuschauern \u2013 den Turban auf dem Kopf und so viel Barthaar wie m\u00f6glich im Gesicht, um sich keine Hiebe einzufangen.<\/p>\n<p>Als die Taliban eines Tages in der Halbzeitpause zwei Diebe aufs Spielfeld fuhren, um ihnen gem\u00e4\u00df der Scharia die Hand abzuschlagen, sei er noch rechtzeitig durch den Ausgang entwischt, sagt Maiwand. Einige Wochen sp\u00e4ter, bei der Exekution einer Frau, hatten die Taliban die Stadiontore verschlossen. Da habe er sich nur wegdrehen und auf den Schuss warten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Maiwand spielt seither lieber Volleyball, soweit sein R\u00fccken das zul\u00e4\u00dft, in dem immer noch eine Gewehrkugel steckt. \u201eEin Quereschl\u00e4ger\u201c, sagt er. Ein Souvenir des Bruderkrieges der neunziger Jahre, als diverse Fraktionen der Mudschahedin Kabul in Schutt und Asche legten, bis schlie\u00dflich die Taliban die Warlords besiegten und ihre Version von Gesetz und Ordnung einf\u00fchrten.<\/p>\n<p>So ist das in Kabul: In jedes Gespr\u00e4ch schleicht sich beil\u00e4ufig der Alptraum der vergangenen Jahre ein \u2013 und wird im n\u00e4chsten Moment wieder verdr\u00e4ngt. Aus einem der Kellerr\u00e4ume des Stadions dringen englische Kommandos. \u201eFight! Stop! Fight!\u201c In einem Trainingsraum t\u00e4nzeln vierzehn M\u00e4dchen, die H\u00e4nde in roten Boxhandschuhen, und schlagen entweder auf einen Sandsack oder auf einander ein. \u201eAWBA\u201c steht auf ihren durchgeschwitzen Hemden. Das steht f\u00fcr \u201eAfghan Women Boxing Association\u201c. Der Coach an diesem Nachmittag ist ein d\u00fcnnes Kerlchen mit Glatze und d\u00fcnnem Schnauzbart. Mohammed Saber war vor 25 Jahren mal Landesmeister von Afghanistan und Silbermedaillen-Gewinner bei den pan-asiatischen Spielen in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm. Heute trainiert er drei mal die Woche eine Truppe von Sch\u00fclerinnen, die als Fl\u00fcchtlingskinder im Iran und Pakistan Boxen gelernt haben. In einigen Monaten, glaubt Saber, sind sie reif f\u00fcr das erste Mini-Turnier, vielleicht gegen eine M\u00e4dchenmannschaft aus dem Iran.<\/p>\n<p>Das wird wahrscheinlich mit bitterer Entt\u00e4uschung enden. Farzanah l\u00e4\u00dft zu oft die Deckung sinken, Shala ist zu st\u00fcrmisch, Shukria heult zu schnell, wenn sie eine Gerade auf die Nase bekommt, und in Sachen Kondition ist auch noch einiges zu tun. Aber irgendwann m\u00fcssen sie das erste Lehrgeld zahlen. Schlie\u00dflich, sagt Saber, trainierten vor unseren Augen gerade die Pionierinnen einer zuk\u00fcnftigen Frauen-Nationalmannschaft.<\/p>\n<p>Nicht alle Eltern waren von dieser Idee begeistern, aber Saber hat schlie\u00dflich die V\u00e4ter davon \u00fcberzeugt, dass ihre T\u00f6chter nicht Schimpf und Schande, sondern irgendwann Ruhm und Ehre \u00fcber die Familie bringen werden.<\/p>\n<p>Fragt man die Pionierinnen nach ihrem Berufswunsch, dann antworten sie: \u201eProfiboxerin\u201c. Die eine oder andere streut als Alternative noch \u201e\u00c4rztin\u201c oder \u201eLehrerin\u201c ein. Fragt man sie nach ihrem Vorbild, antworten sie unisono: \u201eLeila Ali\u201c, die boxende Tochter des \u201eGr\u00f6\u00dften aller Zeiten\u201c, Muhammad Ali. Fragt man sie nach den Taliban und der Geschichte dieses Sportstadions, dann zucken sie mit den Schultern. Sie waren Kinder, als auf dem Fu\u00dfballfeld Menschen ermordet wurden. Sie sind jetzt f\u00fcnfzehn oder sechzehn Jahre alt. Der Wahnsinn der vergangenen Jahre hat sie als Fl\u00fcchtlingskinder gestreift, aber nie ganz erfasst. Der Krieg und die Taliban-\u00c4ra \u2013 das ist die Geschichte ihrer Eltern. Nicht die ihre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten ausl\u00e4ndischen Journalisten in Afghanistan \u2013 mich eingenommen \u2013 sind sprachbehindert und k\u00f6nnen auf Dari oder Pashto gerade mal \u201edanke\u201c und \u201eAuf Wiedersehen\u201c sagen. 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