{"id":771,"date":"2011-01-09T22:17:15","date_gmt":"2011-01-09T21:17:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=771"},"modified":"2011-01-09T22:17:15","modified_gmt":"2011-01-09T21:17:15","slug":"neubeginn-auf-dem-drahtseil-%e2%80%93-der-sudsudan-vor-der-unabhangigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2011\/01\/09\/neubeginn-auf-dem-drahtseil-%e2%80%93-der-sudsudan-vor-der-unabhangigkeit\/","title":{"rendered":"Neubeginn auf dem Drahtseil \u2013 der S\u00fcdsudan vor der Unabh\u00e4ngigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Seit Sonntag Morgen wird abgestimmt \u2013 und alles deutet daraufhin, dass das Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit des S\u00fcdsudan friedlich ablaufen wird. Fast vier Millionen S\u00fcdsudanesen haben sich f\u00fcr dieses historische Votum registrieren lassen. Die Prognosen lassen eigentlich nur ein Ergebnis zu: Sezession.<br \/>\nSieben Tage lang bleiben die Wahllokale offen, die Ausz\u00e4hlung dauert bis Anfang Februar. Im erwarteten Fall der Unabh\u00e4ngigkeit wird am 9. Juli 2011 ein neuer Staat aus der Taufe gehoben. Und dann?<br \/>\nDann hat die internationale Staatengemeinschaft einen neuen <a href=\"http:\/\/www.time.com\/time\/magazine\/article\/0,9171,1978708-1,00.html\">Versorgungsfall<\/a> am Tropf. So warnt ein ganzer Chor von Experten.<\/p>\n<p>Lassen wir die Katastrophenszenarien einmal beiseite. Sie verdecken, was es unmittelbar zu w\u00fcrdigen und respektieren gilt: Den offensichtlichen Willen der S\u00fcdsudanesen, nach Jahrzehnten des Krieges unabh\u00e4ngig zu werden. Kaum eine Bev\u00f6lkerung in Afrika hat so viel Gewalt und Elend durchgemacht wie die s\u00fcdsudanesische \u2013 und das will auf diesem Kontinent etwas hei\u00dfen. Bombardements durch die sudanesische Luftwaffe, Hungersn\u00f6te,\u00a0 Belagerungen, monatelange Fl\u00fcchtlingsm\u00e4rsche, Reitermilizen, die im Auftrag Khartums pl\u00fcnderten, brandschatzten und Sklaven nahmen. All die Gr\u00e4ueltaten, die man heute mit Darfur verbindet, haben die S\u00fcdsudanesen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs ungleich l\u00e4nger und schlimmer erlitten. Das d\u00fcrfte Erkl\u00e4rung genug sein, warum so viele S\u00fcdsudanesen die Unabh\u00e4ngigkeit wie eine Erl\u00f6sung herbeisehnen. Und warum sie f\u00fcr\u2019s erste auch jene <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2010\/12\/05\/magazine\/05sudan-t.html?pagewanted=2\">Kriegsverbrechen<\/a> verdr\u00e4ngen, die von der eigenen Seite, der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM), <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/world-africa-11135426\">ver\u00fcbt<\/a> worden sind, die nun den neuen Staat <a href=\"http:\/\/www.goss-online.org\/\">regieren<\/a> wird.<\/p>\n<p>Womit man wieder bei der Frage angekommen ist: was kommt nach der gro\u00dfen Feier?<br \/>\nZun\u00e4chst einmal z\u00e4he Verhandlungen mit dem neuen Nachbarn, dem sudanesischen Regime in Khartum. Das Referendum markiert den Schlusspunkt des <a href=\"http:\/\/unmis.unmissions.org\/Default.aspx?tabid=515\">Comprehensive Peace Agreement (CPA)<\/a>, das 2005 den B\u00fcrgerkrieg beendet, ein System der Machtbeteiligung in Khartum, Teilautonomie f\u00fcr den S\u00fcden, beidseitige Programme zur Demobilisierung und andere Fragen geregelt hat.<br \/>\nNun aber m\u00fcssen zwei souver\u00e4ne Staaten und ehemalige Kriegsgegner ihre prek\u00e4re Nachbarschaft <a href=\"http:\/\/www.swp-berlin.org\/de\/produkte\/swp-studien\/swp-studien-detail\/article\/auf-dem-weg-zur-unabhaengigkeit-des-suedsudan.html?tx_ttnews[mode]=single\">neu bestimmen<\/a>. Genauer gesagt: sie m\u00fcssen schnell die gef\u00e4hrlichsten Konflikte entsch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><em>Die Grenze:<\/em> Deren Verlauf ist noch unklar. Umstritten ist vor allem die Region <a href=\"http:\/\/www.irinnews.org\/Report.aspx?ReportId=85384\">Abyei<\/a>, deren Bewohner eigentlich in einem eigenen Referendum dar\u00fcber abstimmen sollen, ob sie zum S\u00fcden oder zum Norden geh\u00f6ren wollen. In Abyei befinden sich \u00d6lvorkommen. Au\u00dferdem stehen sich hier Dinka und Misseriya gegen\u00fcber \u2013 erstere geh\u00f6ren traditionell zur Machtbasis der (SPLM), letztere stellten im Krieg Reitermilizen f\u00fcr den Norden. Dass beide Seiten weiterhin gut bewaffnet sind, macht die Sache nicht einfacher. Umstritten ist der Grenzverlauf auch weiter westlich, wo sich beide Seiten um Territorien mit m\u00f6glichen Kupfer-und Uranvorkommen streiten.<\/p>\n<p><em>Das \u00d6l<\/em>: Die Gier nach Erd\u00f6l gilt gemeinhin als Krieg f\u00f6rdernd. Im zuk\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zwischen den beiden sudanesischen Staaten k\u00f6nnte sie jedoch befriedend wirken. Der Sudan f\u00f6rderte bislang 0,6 Prozent des weltweiten Erd\u00f6lbedarfs. Klingt nicht sehr beeindruckend, doch f\u00fcr die Herrschenden in Khartum und\u00a0 Juba sind die Einnahmen aus dem \u00d6lexport lebenswichtig. Laut CPA m\u00fcssen die Exporterl\u00f6se zwischen dem Norden und dem S\u00fcden je zur H\u00e4lfte <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/global-development\/poverty-matters\/2011\/jan\/07\/sudan-referendum-oil-sharing-agreement\">aufgeteilt <\/a>werden. Doch das CPA gilt demn\u00e4chst nicht mehr.<\/p>\n<p>Im Fall der Sezession wird der S\u00fcdsudan die volle Kontrolle \u00fcber drei Viertel der \u00d6lproduktion bekommen, was ihm allein wenig n\u00fctzt, weil er auf die Pipeline in den Norden nach Port Sudan angewiesen ist. Soll hei\u00dfen: der S\u00fcden hat den gr\u00f6\u00dften Teil des Rohstoffs, der Norden die Infrastruktur. Die Frage ist nun: wie und wie schnell finden beide Seiten einen Kompromiss in einem Klima anhaltenden gegenseitigen Misstrauens? Welche Rolle werden ausl\u00e4ndische Nationen spielen ? (China, Japan und Malaysia \u2013 die Hauptinvestoren im sudanesischen \u00d6lmarkt; Norwegen, der inoffizielle \u201eErd\u00f6lberater\u201c des S\u00fcdsudans; die Afrikanische Union, deren f\u00fchrende Nationen es gern s\u00e4hen, dass der S\u00fcden in Zukunft weniger und der Norden mehr aus den \u00d6leinnahmen erh\u00e4lt. Warum? Weil man in Afrika diese neue Staatsgr\u00fcndung mit einem m\u00f6glichst hohen Preisschild f\u00fcr die Sezessionisten versehen will, um potenzielle Nachahmer in anderen L\u00e4ndern abzuschrecken.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.foreignpolicy.com\/articles\/2010\/11\/24\/why_a_free_southern_sudan_is_bad_news_for_darfur\">Darfur<\/a>:<\/em> Die Konfliktregion geh\u00f6rt weiterhin zum (Nord)Sudan und wird im Fall der Sezession des S\u00fcdens einen Teil der Grenze bilden. Khartum hegt nicht zu Unrecht den Verdacht, dass darfurische Rebellen nun den neuen Nachbarstaat als R\u00fcckzugs-und Nachschubgebiet nutzen werden. Einige Rebellenf\u00fchrer aus Darfur logieren inzwischen in Juba. Die Sympathien der SPLM f\u00fcr deren Sache sind bekannt: Die Ausbeutung und Verelendung der Randprovinzen durch Khartums Politik war der Ausl\u00f6ser der Rebellion im S\u00fcden wie der in Darfur.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe F\u00fchrungsfigur der SPLM, <a href=\"http:\/\/news.bbc.co.uk\/2\/hi\/africa\/2134220.stm\">John Garang<\/a>, tr\u00e4umte eigentlich von einem vereinten Sudan, in dem Verfassungs- und Staatsreformen schlie\u00dflich zum Regimewechsel in Khartum und zu einer Teilhabe der Peripherie an der Macht im Zentrum f\u00fchren w\u00fcrde. Garang starb kurz nach Verabschiedung des CPA bei einem Hubschrauber-Absturz, und mit ihm starb auch die Vision vom neuen Sudan. Mit seinem Nachfolger <a href=\"http:\/\/news.bbc.co.uk\/2\/hi\/4738295.stm\">Salva Kiir Mayardit<\/a> wurden die Weichen auf Sezession gestellt. In Khartum w\u00e4chst nun die Angst, dass der Zerfall des Landes erst begonnen hat. Darfur und andere Unruheprovinzen k\u00f6nnten folgen. Womit man bei Problem Nummer vier w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p><em>Omar-al Bashir und die im Norden herrschende National Congress Party (NCP): <\/em>Dass die Sezession des S\u00fcdens auch mit milit\u00e4rischen Mitteln nicht mehr zu verhindern ist, hat das Regime in Khartum begriffen. Wom\u00f6glich reagiert es nun im verbleibenden Staatsgebiet mit religi\u00f6ser Radikalisierung. Ende Dezember hatte al-Bashir in einer Fernsehansprache im Fall der Abspaltung des S\u00fcdens die Scharia als Grundlage der Staatsform f\u00fcr den Norden <a href=\"http:\/\/www.csmonitor.com\/World\/Africa\/Africa-Monitor\/2011\/0107\/As-Sudan-referendum-nears-the-south-isn-t-only-place-facing-changes\">angek\u00fcndigt<\/a>. Noch gilt f\u00fcr das ganze Land die Interimverfassung im Rahmen des CPA, die dem Sudan einen \u201emulti-ethnischen, multi-religi\u00f6sen\u201c Charakter zuschreibt.<\/p>\n<p>Sollte es zu einer neuen Welle der Islamisierung kommen, h\u00e4tte das wom\u00f6glich dramatische Folgen f\u00fcr die moderate oder s\u00e4kulare Opposition im Norden, f\u00fcr einen erheblichen Teil der <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/world-africa-11812926\">Kulturszene<\/a>, f\u00fcr progressive Frauengruppen, die seit langem gegen die Anwendung der Scharia k\u00e4mpfen. Und es h\u00e4tte Folgen f\u00fcr die Hunderttausenden S\u00fcdsudanesen, die als Dauerfl\u00fcchtlinge des Krieges immer noch im Norden leben und in diesem Fall fluchtartig die R\u00fcckkehr in ihren wackeligen neuen Staat antreten w\u00fcrden, der schon die vorhandene Bev\u00f6lkerung kaum versorgen kann.<\/p>\n<p>Das sind \u2013 in sehr groben Z\u00fcgen \u2013 die Startschwierigkeiten des s\u00fcdsudanesischen Staates in spe. Der hat bereits eine Fahne und eine Nationalhymne, aber noch keinen offiziellen Namen. <em>Against all odds<\/em> w\u00e4re zumindest ein passender Spitzname.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Sonntag Morgen wird abgestimmt \u2013 und alles deutet daraufhin, dass das Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit des S\u00fcdsudan friedlich ablaufen wird. Fast vier Millionen S\u00fcdsudanesen haben sich f\u00fcr dieses historische Votum registrieren lassen. Die Prognosen lassen eigentlich nur ein Ergebnis zu: Sezession. Sieben Tage lang bleiben die Wahllokale offen, die Ausz\u00e4hlung dauert bis Anfang Februar. 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