{"id":962,"date":"2011-10-07T02:18:44","date_gmt":"2011-10-07T00:18:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/?p=962"},"modified":"2011-10-27T23:58:35","modified_gmt":"2011-10-27T21:58:35","slug":"arabischer-fruhling-afrikanischer-herbst-der-kongo-vor-den-nachsten-wahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kongo\/2011\/10\/07\/arabischer-fruhling-afrikanischer-herbst-der-kongo-vor-den-nachsten-wahlen\/","title":{"rendered":"Arabischer Fr\u00fchling, afrikanischer Herbst: Der Kongo vor den n\u00e4chsten Wahlen"},"content":{"rendered":"<p>Am 23. Oktober w\u00e4hlen die Tunesier eine verfassungsgebende Versammlung, am 25. November gehen die Marokkaner an die Wahlurnen, am 28. November die \u00c4gypter. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, welcher Herbst auf den arabischen Fr\u00fchling folgt. In den kommenden Wochen und Monaten wird sich auch zeigen, ob es im Afrika s\u00fcdlich der Sahara einen Herbst der Revolten geben wird. Senegal, Malawi, Guinea-Bissau, Uganda \u2013 all diese L\u00e4nder waren in den vergangenen Wochen <a href=\"http:\/\/www.foreignpolicy.com\/articles\/2011\/07\/28\/dark_rumblings\">Schauplatz<\/a> von Demonstrationen gegen Korruption, gegen Arbeitslosigkeit, gegen Polizeibrutalit\u00e4t und gegen Staatschefs, die auf Biegen und Brechen an ihren \u00c4mtern festhalten wollen \u2013 auch wenn die Verfassung es ihnen verbietet.<\/p>\n<p>Am 28. November sollen auch im Kongo ein neuer Pr\u00e4sident und ein neues Parlament gew\u00e4hlt werden. Gut sieben Wochen also noch bis zu den zweiten Wahlen seit Kriegsende. H\u00f6chste Zeit, der Hauptstadt wieder einen Besuch abzustatten.<\/p>\n<p>&#8222;Willkommen im neuen Kinshasa&#8220;, sagt Monsieur Vicky, mein Fahrer, zur Begr\u00fc\u00dfung am Flughafen. So viel Neues l\u00e4sst sich nach Sonnenuntergang nicht erkennen, aber nach ein paar Kilometern stadteinw\u00e4rts f\u00fchle ich das Neue direkt unter dem Hintern: Kein Schlagloch, keine Sandpisten, keine Schlammwellen. Vickys schrottreifer Toyota Corolla rollt auf glattem Asphalt. Vierspurig in der einen, vierspurig in der anderen Richtung. Kinshasa bekommt geteerte Prachtstra\u00dfen. Dazu gibt es inzwischen Ampeln mit digitaler Zeitanzeige der Gr\u00fcn-und Rotphasen. Alles noch nicht optimal synchronisiert \u2013 manchmal haben die Autofahrer der Hauptverkehrsstra\u00dfe ebenso gr\u00fcnes Licht wie die Fu\u00dfg\u00e4nger, die selbige gerade \u00fcberqueren wollen. &#8222;Made in China&#8220;, sagt Vicky, der sein grunds\u00e4tzliches Misstrauen gegen Chinesen relativiert hat, seit selbige mit Stra\u00dfenwalzen und Teerlastern seinen Job als Taxifahrer erleichtern.<\/p>\n<p>China beruft sich in seiner Au\u00dfenpolitik auf das Prinzip der Nicht-Einmischung in die Angelegenheiten anderer L\u00e4nder. Tats\u00e4chlich mischen Pekings Bauingenieure kr\u00e4ftig in der kongolesischen Innenpolitik mit: Sie sind die vielleicht effektivsten Wahlhelfer des Pr\u00e4sidenten Joseph Kabila, der am 28. November f\u00fcr eine weitere Amtszeit gew\u00e4hlt werden m\u00f6chte. Im Osten, wo er 2006 die meisten Stimmen einfuhr, ist seine Beliebtheit dahin geschmolzen, weil er sein gro\u00dfes Wahlversprechen nicht eingehalten hat: Frieden. Frieden durch die Entwaffnung von Rebellen, Reform und Disziplinierung der Armee, Bestrafung von Kriegsverbrechern.<br \/>\nNicht, dass es \u00fcberhaupt keine Verbesserungen g\u00e4be. Aber f\u00fcr eine derma\u00dfen von Gewalt geplagte Bev\u00f6lkerung wirkt das Schneckentempo des Fortschritts wie ein Hohn, nicht wie ein Segen.<\/p>\n<p>In Kinshasa und dem gesamten Westen des Landes war Kabila noch nie besonders popul\u00e4r. Die anhaltende Armut und die horrende Arbeitslosigkeit haben die Sache f\u00fcr den Amtsinhaber nicht besser gemacht.<br \/>\n&#8222;Und dann&#8220;, sagt Vicky,\u00a0 &#8222;ist da noch das Problem mit den <em>Kuluna<\/em>.&#8220; Bei dem Wort h\u00f6re ich in seiner Stimme etwas, was ich sonst bei Vicky selten h\u00f6re: Angst.<\/p>\n<p>Kinshasa ist, gemessen an den katastrophalen sozialen Verh\u00e4ltnissen, immer noch eine erstaunlich friedliche Stadt. Aber seit einiger Zeit hat sie ein Gang-Problem. Musste man sich fr\u00fcher vor allem vor Polizisten, Soldaten und Geheimdienstlern in Acht nehmen, so machen inzwischen die <em>Kuluneurs<\/em> ganze Viertel unsicher. Der kongolesische Blogger Alex Engwete <a href=\"http:\/\/alexengwete.blogspot.com\/2010\/02\/kuluna-and-kuluneurs-in-kinshasa-low.html\">beschreibt<\/a> sie als milit\u00e4risch organisierte Trupps von Jungm\u00e4nnern (darunter offenbar auffallend viele Angeh\u00f6rige von Kampfsportclubs), die &#8222;nachts oder am helllichten Tag, ausger\u00fcstet mit St\u00f6cken, Messern und Macheten, einen \u00f6ffentlichen Platz besetzen und Passanten wie H\u00e4ndlern alles abnehmen: Geld, Uhren, Handys, Verkaufsware, Kleider, Schuhe, Schmuck. Wer sich wehrt, riskiert Messerstiche, Stock- oder Machetenhiebe.&#8220; <em>Kuluna<\/em> ist f\u00fcr die Bewohner in Kinshasa ein weiteres Synonym f\u00fcr das Versagen der Regierung im Allgemeinen und Kabila im Besonderen. Verlorene W\u00e4hlergunst will Kabila nun mit geteerten Stra\u00dfenkilometern zur\u00fcckgewinnen, weshalb sein schl\u00e4friges Gesicht auf Plakaten an so ziemlich jeder Baustelle zu sehen ist.\u00a0\u00dcberschrift: &#8222;Der Mann der Tat&#8220;.<\/p>\n<p>In einem Nachkriegsland \u2013 so lautet die Einsicht der Experten in Sachen Staatsaufbau und Friedenssicherung \u2013 sind die zweiten Wahlen oft entscheidender als die ersten. Erst nach einer Legislaturperiode l\u00e4sst sich absehen, ob das Prinzip einer (halbwegs) friedlichen und (halbwegs) durch Volkswillen herbeigef\u00fchrten Abl\u00f6sung (oder Best\u00e4tigung) eines Amtsinhabers ansatzweise verankert ist; ob sich im Parlament eine Opposition herausbilden konnte; ob der Staat nicht mehr nur als Selbstbedienungsladen wahrgenommen wird. In Liberia, wo am 11. Oktober gew\u00e4hlt wird, gibt es Anlass zu vorsichtigem Optimismus, wobei die Betonung auf &#8222;vorsichtig&#8220; liegt. Von <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2011\/08\/22\/world\/asia\/22afghan.html?_r=1\">Afghanistan<\/a>, wo sich Staatspr\u00e4sident Hamid Karsai 2009 vor den Augen der internationalen Gemeinschaft eine weitere Amtszeit zurecht <a href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/wp-dyn\/content\/article\/2009\/10\/02\/AR2009100202855.html\">manipuliert<\/a> hat, kann man das nicht behaupten. Und im Kongo?<\/p>\n<p>Zwei gute Nachrichten zuerst: Wahlen sind dem kongolesischen Staat inzwischen einiges Geld wert. 2006 zahlte die internationale Gemeinschaft fast die gesamte Zeche (90 Prozent) f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Wahlen, dieses Mal kommt der kongolesische Staat f\u00fcr zwei Drittel der Kosten selbst auf. Und: Anders als 2006 bestimmen nicht mehr Kriegsherren die politische Szene, sondern Zivilisten. Jean-Pierre Bemba, ehemaliger Milizenf\u00fchrer und vor f\u00fcnf Jahren Kabilas m\u00e4chtigster Gegenspieler, sitzt inzwischen auf der <a href=\"http:\/\/www.icc-cpi.int\/menus\/icc\/situations%20and%20cases\/situations\/situation%20icc%200105\/related%20cases\/icc%200105%200108\/case%20the%20prosecutor%20v%20jean-pierre%20bemba%20gombo\">Anklagebank<\/a> des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag. (Seine Partei, das Mouvement de lib\u00e9ration du Congo (MLC) ist nunmehr ein Scherbenhaufen, was wiederum ein problematischer Nebeneffekt ist).<\/p>\n<p>Kabilas gr\u00f6\u00dfte Kontrahenten sind nun zwei andere: Etienne Tshisekedi, der gro\u00dfe alte Mann der kongolesischen Opposition und F\u00fchrer der Union pour la D\u00e9mocratie et le Progr\u00e8s Social (<a href=\"http:\/\/www.udps.org\/\">UDPS<\/a>). 2006 noch hatte Tshisekedi die Wahlen boykottiert, was ein gewaltiger strategischer Fehler war. Dieses Mal will er Pr\u00e4sident werden. Konkurrenz droht Kabila auch von seinem ehemaligen Weggef\u00e4hrten <a href=\"http:\/\/www.vital-kamerhe.com\/\">Vital Kamerhe<\/a>, der 2006 noch seinen Wahlkampf gemanagt und sich dann mit ihm \u00fcberworfen hatte. W\u00e4hrend Tshisekedis Hochburgen vor allem im Kasai liegen, kann Kamerhe dem Pr\u00e4sidenten in den \u00f6stlichen Kivu-Provinzen gef\u00e4hrlich werden, weswegen seine Partei, die Union pour la Nation Congolaise (UNC), dort auch immer wieder behindert und eingesch\u00fcchtert wird.<\/p>\n<p>Und in Kinshasa? Nun, hier ist es ruhig, sieht man einmal von sich h\u00e4ufenden Reibereien zwischen der Polizei und UDPS-Anh\u00e4ngern und von schwereren Stra\u00dfenk\u00e4mpfen zwischen Anh\u00e4ngern Kabilas und Tshisekedis Anfang September ab. Bei denen haben angeblich auch <em>kuluneurs<\/em> mitgemischt. &#8222;Terroristen&#8220;, nennt sie Vicky, als wir durch die Stadt fahren. Keine besonderen Vorkommnisse, nur der \u00fcbliche Trubel auf den M\u00e4rkten. Die Stra\u00dfen sind besser geworden, es gibt immer mehr Banken und Superm\u00e4rkte, Plakate k\u00fcndigen den Bau von Luxusappartments an. Kinshasa wird demn\u00e4chst <em>gated communities<\/em> haben, die Ungleichheit wird sichtbarer werden. Damit d\u00fcrfte auch das Potenzial f\u00fcr Protest und Wut wachsen, wobei nie absehbar ist, wogegen sie sich richten werden. Ein Konvoi wei\u00dfer Pick-Up-Trucks rast uns pl\u00f6tzlich entgegen, auf den Ladefl\u00e4chen hocken br\u00fcllend und singend und F\u00e4uste sch\u00fcttelnd Dutzende von Jugendlichen. Vicky setzt schon zu einer Schimpftirade auf politische Krawallmacher an, doch der Konvoi erweist sich als Werbeaktion des Mobilfunkanbieters Vodacom.<\/p>\n<p>Vor allem die UDPS verd\u00e4chtigt Kabila lautstark, bereits im Vorfeld der Wahlen durch Manipulation bei der W\u00e4hlerregistrierung, durch Neuziehung von Distriktgrenzen. Da ist sicher etwas dran. Aber im Zweifelsfall wird es sich die Opposition selbst zuzuschreiben haben, sollte Kabila erneut gewinnen. Per Verfassungs\u00e4nderung hatten seine Parteig\u00e4nger schon Anfang des Jahres die \u00c4nderung des Wahlverfahrens durchgesetzt: War bis dahin noch eine Stichwahl vorgesehen, falls keiner der Pr\u00e4sidentschaftskandidaten die absolute Mehrheit im ersten Durchgang erzielt, gewinnt nun, wer sich in der ersten Runde eine einfache Mehrheit sichert \u2013 und sei es nur mit 20 oder 25 Prozent der Stimmen. Nicht gerade die feine Art, aber formal ging bei der Verfassungs\u00e4nderung alles mit (einigerma\u00dfen) rechten Dingen zu. Um Kabila zu schlagen, m\u00fcsste sich die Opposition nun also zusammenschlie\u00dfen und auf einen Spitzenkandidaten einigen. Das aber scheint aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe der Egos der beteiligten Akteure derzeit kaum realistisch.<\/p>\n<p>Also doch wieder Kabila? Prognosen will dieser Tage in Kinshasa kaum jemand wagen. Aber Szenarien werden durchgespielt: Gewinnt Kabila deutlich oder knapp, wird die Opposition Wahlbetrug reklamieren und demonstrieren, was garantiert nicht ganz friedlich ablaufen wird. Verliert Kabila und erkennt er die Niederlage an, w\u00e4re das ein mittleres politisches Wunder. Allerdings mag niemand vorhersagen, dass die mit Waffen gut ausgestattete Garde des Pr\u00e4sidenten eine solche Niederlage still hinnehmen w\u00fcrde. Schlie\u00dflich w\u00e4re sie danach arbeitslos. &#8222;Der 28. November wird ruhig verlaufen&#8220;, sagt Vicky. &#8222;Aber am 6. Dezember m\u00fcssen Sie f\u00fcr uns beten.&#8220; Dann sollen die vorl\u00e4ufigen Wahlergebnisse bekannt gegeben werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Problem der <em>Kuluna<\/em> diskutiert man in Vickys Nachbarschaft im Viertel Bandal inzwischen ganz eigene L\u00f6sungen. &#8222;Den ersten drei Kerlen, die man erwischt, einfach mit der Machete die Hand abschlagen.&#8220; Wir stecken trotz mehrspuriger Fahrbahn im Stau und haben reichlich Zeit, das F\u00fcr und Wider solcher Ma\u00dfnahmen zu debattieren. Weder mein Pl\u00e4doyer gegen Selbstjustiz noch gegen grausame Bestrafung scheinen ihn besonders zu beeindrucken. Einzig mein Argument, dass ansonsten nur islamistische Fundamentalisten Dieben und R\u00e4ubern die Hand abschlagen, bringt ihn ins Wanken. Muslime sind ihm so suspekt wie bis vor kurzem noch Chinesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. Oktober w\u00e4hlen die Tunesier eine verfassungsgebende Versammlung, am 25. 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