{"id":408,"date":"2010-01-27T16:23:28","date_gmt":"2010-01-27T15:23:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kulturkampf\/?p=408"},"modified":"2010-01-27T21:52:26","modified_gmt":"2010-01-27T20:52:26","slug":"urheberrecht-spielkamp-musikindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kulturkampf\/2010\/01\/27\/urheberrecht-spielkamp-musikindustrie\/","title":{"rendered":"Illegale Downloads und fragw\u00fcrdige Zahlen &#8211; ein offener Brief an die Musikindustrie"},"content":{"rendered":"<p>Lieber Herr Michalk,<\/p>\n<p>vor einiger Zeit haben wir uns bei einer Konferenz kennen gelernt, bei der ich mich zum Verhalten der Kulturindustrie im Allgemeinen und der Musikindustrie im Besonderen \u00e4u\u00dfern durfte. Ich echauffierte mich dar\u00fcber, wie manipulativ Lobbyisten der Verwertungsindustrie mit Zahlen hantieren, wenn es darum geht zu zeigen, wie Urheberrechtsverletzungen ihnen zu schaffen machen (gern als &#8222;Piraterie&#8220; oder &#8222;Raubkopien&#8220; bezeichnet, um zu suggerieren, dass es sich um ein Verbrechen handelt, bei dem Menschen Gewalt angetan wird; oder auch mit <a href=\"http:\/\/www.wipo.int\/edocs\/mdocs\/enforcement\/en\/wipo_ace_5\/wipo_ace_5_6.pdf\">organisierter Gewaltkriminalit\u00e4t und gar Terrorismus<\/a> in Zusammenhang gebracht).<\/p>\n<p>Demnach sollen den Rechteinhabern (nicht den Urhebern!) durch Verletzungen von Imaterialg\u00fcterrechten 200 bis 250 Milliarden Dollar an Einnahmen verloren gehen und es w\u00fcrden 750.000 Jobs gef\u00e4hrdet. Das Problem an den Zahlen ist nicht allein, dass nicht klar ist, worauf sie sich beziehen. Gehen diese Jobs und diese Einnahmen pro Jahr verloren? Oder kumulativ? \u00dcber welchen Zeitraum?<\/p>\n<p>Sondern dass bislang auch unklar blieb, wie diese Zahlen zustande kamen. Wer hat sie erhoben? Mit welcher Methode?<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es Blogs. Daher k\u00f6nnen wir beide den Machern von <em>Ars Technica<\/em> dankbar sein, die f\u00fcr einen wunderbaren Beitrag mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.arstechnica.com\/tech-policy\/news\/2008\/10\/dodgy-digits-behind-the-war-on-piracy.ars\">&#8222;750,000 lost jobs? The dodgy digits behind the war on piracy&#8220;<\/a> aufw\u00e4ndig recherchiert haben, was dran ist an den Zahlen. Ein Hinweis bietet schon der Untertitel: &#8222;A 20-year game of Telephone&#8220;, sinngem\u00e4\u00df &#8222;20 Jahre stille Post&#8220;.<\/p>\n<p>Die Antwort: nichts ist dran an den Zahlen. Ausgedacht, weitererz\u00e4hlt, zitiert, dann wieder zitiert, dann nochmal zitiert, und schon hat man Quelle \u00fcber Quelle, auf die man sich berufen kann \u2013 v\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon, dass es nie eine belastbare Aussage gab.<\/p>\n<p>Sie waren bei der Konferenz mit meinen Einlassungen nicht einverstanden und haben mir in Ihrer freundlichen Art (keine Ironie, ich finde Sie sehr sympathisch!), gesagt, dass wir uns unbedingt zusammensetzen sollten um dar\u00fcber zu reden, woher denn die Zahlen kommen. Daran h\u00e4tte ich gro\u00dfes Interesse, sagte ich und schickte Ihnen den Link zum Artikel von Ars Technica, den Sie aber nie kommentiert haben.<\/p>\n<p>Ebenfalls gro\u00dfes Interesse hatte ich kurz nach der Konferenz am Artikel eines Kollegen des <em>Guardian<\/em> <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/commentisfree\/2009\/jun\/05\/ben-goldacre-bad-science-music-downloads\">Illegal downloads and dodgy figures<\/a>, der die Zahlenspiele der Musikindustrie im Besonderen unter die Lupe genommen hatte. Sein Fazit: &#8222;As far as I&#8217;m concerned, everything from this industry is false, until proven otherwise.&#8220; Er ist \u00fcbrigens Wissenschafts-, nicht Musikjournalist.<\/p>\n<p>Es dauerte dann noch mehr als ein halbes Jahr, bis wir uns tats\u00e4chlich trafen, nicht ganz unpassend im Einstein unter den Linden, wo sich Lobbyisten und Journalisten eben treffen. (Ich habe mein Fr\u00fchst\u00fcck selbst bezahlt.) Wir redeten kaum \u00fcber Zahlen. Es ging vielmehr darum, wie es in Zukunft weitergehen wird mit Internet und Digitalisierung, was die Aufgabe der Verwerter sein kann und wovon Kreative leben sollen. Es war ein angenehmes Gespr\u00e4ch, und ich habe Sie als klugen und differenzierten Beobachter empfunden. Dass wir bei den meisten Themen nicht einer Meinung waren, hat mich nicht \u00fcberrascht (und Sie bestimmt auch nicht). Wir sind ja erwachsen und k\u00f6nnen damit leben, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt in dieser Welt.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich habe ich dann in meinem Posteingang eine Email mit folgendem Bestreff gefunden: &#8222;Bundesverband Musikindustrie ver\u00f6ffentlicht Positionspapier zur Kulturflatrate&#8220;. Und was lese ich da?<\/p>\n<blockquote><p>Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) hat ein Positionspapier mit zehn Argumenten gegen die Kulturflatrate ver\u00f6ffentlicht. &#8222;Bei Diskussionen um das Urheberrecht in der digitalen Welt f\u00e4llt immer wieder das Schlagwort von der Kulturflatrate, obwohl eigentlich niemand genau wei\u00df, was damit genau gemeint ist&#8220;, so Stefan Michalk, BVMI-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. &#8222;Was von den Bef\u00fcrwortern als L\u00f6sung aller Probleme gesehen wird, w\u00e4re letztlich nichts anderes als die Kapitulation der Politik vor der Komplexit\u00e4t des Urheberrechts in der digitalen Welt&#8220;, so Michalk weiter.<\/p><\/blockquote>\n<p>In zehn Thesen, &#8222;Argumente&#8220; genannt, wird dann erl\u00e4utert, warum die Kulturflatrate eine Kapitulation der Politik vor der Komplexit\u00e4t des Urheberrechts w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der Blogger Simon Columbus <span style=\"text-decoration: line-through;\">Markus Beckedahl<\/span> hat diese Thesen <a href=\"http:\/\/www.netzpolitik.org\/2010\/10-thesen-der-musikindustrie-gegen-die-kulturflatrate\/\">bei netzpolitik.org<\/a> sofort zur Diskussion gestellt. Und auch sonst ist viel \u00fcber die Flatrate geschrieben worden. Keine Angst, ich will sie nicht \u00fcberzeugen, dass sie eine tolle Idee ist \u2013 darum geht es gar nicht.<\/p>\n<p>Denn ich bin ohnehin nur bis zu Punkt drei ihrer &#8222;Argumente&#8220; gekommen. Da steht:<\/p>\n<blockquote><p>Die Kulturflatrate f\u00fchrt zu einer unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohen Belastung aller Konsumenten und benachteiligt sozial Schwache. Mit fortschreitender Digitalisierung und zunehmendem Ausbau der Bandbreiten sind immer mehr Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft vom unrechtm\u00e4\u00dfigen Gebrauch ihrer Produkte betroffen. Eine Kulturflatrate m\u00fcsste mittelfristig nicht nur Musik, Filme oder B\u00fccher erfassen, sondern w\u00fcrde alle Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft betreffen. Nach Sch\u00e4tzungen der Bundesjustizministerin k\u00e4men auf jeden Verbraucher mit Internetanschluss zus\u00e4tzliche Kosten in H\u00f6he von 50 Euro pro Monat zu. Gerade sozial Schwache k\u00f6nnen sich das nicht leisten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sch\u00e4tzungen der Bundesjustizministerin? Das ist interessant. K\u00f6nnen Sie mir daf\u00fcr eine Quelle nennen? Sie meinen doch hoffentlich nicht die Interviews, in denen die <strong>ehemalige<\/strong> Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sagte, dass die Kosten f\u00fcr jeden Einzelnen bei f\u00fcnfzig Euro im Monat liegen k\u00f6nnten, oder? Weil, wenn Sie das meinen, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass da ein Missverst\u00e4ndnis vorliegt.<\/p>\n<p>Frau Zypries hat einfach irgendwelche Zahlen genommen, <a href=\"http:\/\/carta.info\/10288\/abo-oder-flatrate-auf-welches-bezahl-modell-laeuft-es-hinaus\/\">die von den Bef\u00fcrwortern der Kulturflatrate ins Spiel gebracht worden waren<\/a>. Aber die k\u00f6nnen f\u00fcr sie ja keine Relevanz haben, da &#8222;eigentlich niemand genau wei\u00df, was damit genau gemeint ist&#8220;, wie sie sagen, so dass genaue Zahlen nach Ihrer Ansicht gar nicht existieren k\u00f6nnen. Schon gar nicht, wenn diese Sch\u00e4tzung der Bef\u00fcrworter offenbar noch mit einem <a href=\"http:\/\/www.nmz.de\/kiz\/nachrichten\/50-monatlich-zypries-haelt-kultur-flatrate-fuer-rechtlich-schwierig-und-zu-teuer\">Faktor zwischen f\u00fcnf und zehn multipliziert wurde<\/a>.<\/p>\n<p>Wie Frau Zypries darauf kam, hat sie nicht verraten, musste allerdings recht schnell ihre Aussage zur\u00fccknehmen <a href=\"http:\/\/www.freelens.com\/freelens-magazin-29\/freiberufler-muessen-druck-ausueben\">und erw\u00e4hnte anschlie\u00dfend<\/a> gar keine Zahlen mehr. Sie waren wohl etwas vage.<\/p>\n<p>Nicht zu vage allerdings, um von Ihnen acht Monate sp\u00e4ter als &#8222;Sch\u00e4tzungen der Bundesjustizministerin&#8220; verkauft zu werden.<\/p>\n<p>Mich machen solche Tricks misstrauisch. Als Journalist lernt man, wenn Namen und Zahlen nicht stimmen, verspielt man die Glaubw\u00fcrdigkeit des gesamten Artikels. Und irgendwann auch die Glaubw\u00fcrdigkeit der Institution, die sie ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>Trotzdem bin ich nicht sehr optimistisch, was die &#8222;Sch\u00e4tzungen der Bundesjustizministerin&#8220; angeht. Ich f\u00fcrchte, es wird weiter abgeschrieben werden. Und irgendwann werden eine Menge Menschen davon ausgehen, dass die Kulturflatrate jeden B\u00fcrger f\u00fcnfzig Euro im Monat kostet und glauben, dass der Bundesverband Musikindustrie sich f\u00fcr die sozial Schwachen in unserer Gesellschaft einsetzt.<\/p>\n<p>Ich hoffe, ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass es dazu nicht kommt. Und schlie\u00dfe mich dem Kollegen des <em>Guardian<\/em> an: Ich gehe (weiterhin) davon aus, dass alles, was von dieser Industrie kommt, als falsch betrachtet werden muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nMatthias Spielkamp<\/p>\n<p><em>Stefan Michalk ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), Matthias Spielkamp ist Journalist, Blogger und Gr\u00fcnder von <a href=\"http:\/\/irights.info\/\">iRights.info<\/a>, einer Seite, die sich mit Urheberrechten in der digitalen Welt besch\u00e4ftigt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Herr Michalk, vor einiger Zeit haben wir uns bei einer Konferenz kennen gelernt, bei der ich mich zum Verhalten der Kulturindustrie im Allgemeinen und der Musikindustrie im Besonderen \u00e4u\u00dfern durfte. 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