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Das Italien, das wir liebten

 

Berlusconi bleibt im Amt, und wir fragen uns wieder einmal mit Schaudern: Wie ist das möglich? Ein Mann wie dieser? Der Skandale in Serie produziert. Der Politik als billige Show und sein Amt als Schutz vor juristischer Verfolgung versteht. Eigentlich indiskutabel!

Tatsächlich sollten wir uns über uns selbst wundern. Denn Berlusconi ist seit 1994 die dominierende politische Figur Italiens, drei Mal ist er zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Und immer haben wir gedacht: Unmöglich! Einfach unmöglich! Geholfen hat unser entsetztes Kopfschütteln nichts. 15 Jahre lange haben wir uns geweigert, ihn zu verstehen, weil er uns zu „unappetitlich“ erscheint. Wir verstehen Berlusconi nicht, weil wir Italien lieben. Wir hängen an einem Trugbild.

Das wirkliche Italien ist das Italien Berlusconis.

Man sollte damit anfangen zu akzeptieren, was Sache ist. Berlusconi ist der Meister Italiens, weil er Italien besser als jeder seiner Konkurrenten repräsentiert, vor allem aber besser als jeder andere versteht. Natürlich, wir reden von dem Italien, das er in den letzten 30 Jahren mit seinen Fernsehsendern und seiner Politik geformt hat. Doch bleibt es das offene Geheimnis seines Erfolges, dass er um den zynischen Realismus vieler Italiener weiß. Sie glauben nicht an schöne Worte, sondern an Fakten, sie können zwischen dem schönen Schein und der tatsächlichen Macht genau unterscheiden. Sie wissen, was nützlich ist und was nicht.

Gianfranco Fini, der Herausforderer Berlusconis, ist an diesem ausgeprägten Realitätssinn Italiens gescheitert. Er konnte zwar schöne, hehre Reden halten, doch wirkliche Macht hatte er nicht. Er war immer nur Kronprinz, nie König. Zuerst von seinem politischen Ziehvater, dem Neofaschisten Giorgio Almirante, dann von Silvio Berlusconi, den er jetzt vergeblich zu stürzen versuchte. Fini ist eine traurige Gestalt, die ein grelles Licht wirft.

Was wir sehen, mag erschütternd sein. Doch ist es Zeit, sich zu verabschieden von einem Italien, das wir liebten. Längst schon. Denn eines steht fest: Selbst wenn Berlusconi stürzen wird, und das wird irgendwann geschehen, selbst dann werden Zynismus und Egoismus nicht aus Italiens Politik und seiner Gesellschaft verschwinden.

104 Kommentare

  1.   Norbert Dahm

    Alles was mit italienischer Politik zu tun hat, ekelt mich an und nervt. Alles andere an Italien finde ich interessant und schön. Man muss einfach nur jedesmal, wenn man das Wort Berlusconi hört oder liest, umschalten oder weiterblättern. So kann man Italien doch problemlos weiterlieben.

    PS: Jede Hoffnung, jeder Wunsch, jedes Stoßgebet, dass Berlusconi endlich aus der öffentlichen Landschaft verschwindet, ist völlig umsonst und verlorene Energie.


  2. „Ach jaaa.
    Der Zeigefinger ist doch des Deutschen liebstes Körperteil, sei er erhoben oder auf andere deutend.
    Als ob es in anderen Teilen Europas – von Gibraltar bis zum Nordkap – keine Schiebereien gäbe, unterschwellige Machtstrukturen, gegen die mittels der reinen Lehre der Verfassung kaum anzukommen ist, als politische Korrektheit verkleidete Einschüchterung Andersdenkender, poltische Kungeleien, die das Licht des Tages scheuen.
    Von anderen Teilen der Welt ganz zu schweigen. Ha!“

    Stimmt genau. Unter welcher Regierung war es in Italien denn je anders respektive besser als unter Berlusconi? Etwa unter dem „professore“ Prodi, wie er halb mitleidig, halb verächtlich von den Italienern bezeichnet wurde? Doch wohl kaum. Mit Gutmenschrhetorik und hehren Absichten ist noch nirgendwo Realpolitik gemacht worden, auch in Italien nicht. Etwas Wahres ist an diesem Artikel aber dran:

    „Doch bleibt es das offene Geheimnis seines Erfolges, dass er um den zynischen Realismus vieler Italiener weiß. Sie glauben nicht an schöne Worte, sondern an Fakten, sie können zwischen dem schönen Schein und der tatsächlichen Macht genau unterscheiden. Sie wissen, was nützlich ist und was nicht.“

    Das wissen die Italiener unter anderem deswegen, weil sie von den Folgen der Politik unmittelbar betroffen sind, von den Erfolgen, vor allem aber von deren Fehlern. Mag sein, daß der Showstar Berlusconi der italienischen Mentalität besser entspricht. Aber auch die größten Sympathiewerte für die Person Berlusconi könnten die italienischen Wähler nicht daran hindern, ihn abzuwählen, was sie eben nicht getan haben. Sie müssen dafür also handfeste und durchaus vernünftige Gründe gehabt haben. In der Hauptsache dürfte das die Einsicht sein, in der Linken keine echte Alternative zu haben, die es, im Unterschied zu den Berlusconi-Regierungen, nicht ein einziges Mal geschafft hatten, sich eine volle Legislaturperiode im Amt zu halten. Die daraus resultierende politische Instabilität und die Wirkungslosigkeit der jeweiligen Minister dürften kaum dazu angetan sein, den Italiener eine solche Parteienkonstellation schmackhaft zu machen.

    Berlusconi verfügt darüber hinaus mit seinem Finanzminister Tremonti über eine respektable und international anerkannte Persönlichkeit, die geeignet ist, Investoren und Finanzanleger zu beruhigen, so daß es, trotz der traditionell hohen staatlichen Verschuldigung, bisher zu keiner staatlichen Insolvenz wie in Griechenland oder Irland gekommen ist. Wer auch immer in Italien Politik machen will, muß mit den realen Gegebenheiten zurechtkommen und kann sich keine neuen politischen oder wirtschaftlichen Kräfte backen. Das beherrscht Berlusconi offenbar weit besser als seine Rivalen, und die Italiener, die ihre Pappenheimer viel besser als die einheimischen oder italienischen Gutmenschen kennen, wissen das zu schätzen.

  3.   WKElsdorf

    Ein guter Kommentar. Über diesen alten und unappetitlich eitlen Berlusconi und seine Entourage mag den Stab brechen, wer will. Letztendlich verkörpert er glaubwürdig alle Klischees einer verrottenden und korrupten italienischen Politikerkaste.Wenn Berlusconi stürzt, stürzt er über seine wirtschaftspolitische Inkompetenz und Europa wird mit dem € die Zeche zahlen müssen. Bevor Italien die Hoffnungslosigkeit seiner Situation nach fast 15 Berlusconi-Jahren und den Rückschritt in die Lira auch nur begreift, wird Berlusconi seine Geschäfte aus irgendeinem arabischen Land ungehindert weiterbetreiben. Schade um das Land, in dem die Zitronen blühen.


  4. Herr Berlusconi ist doch nur erfolgreich, weil die Opposition im italienischen Parlament unfähig ist.
    Googeln sie mal, wie viele Regierungen sich in Italien seit 1949 die Türklinke in die Hand gegeben haben, jede weitere Diskussion ist überflüssig.

    Herr Berlusconi ist italienische, politische Kultur pur.


  5. Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück und Erfolg dabei, denn ich werde nicht weiterhin in den lächerlichen Operettenstaat Berlusconis fahren. Es ist genug !

  6.   mcpommer

    „Doch bleibt es das offene Geheimnis seines Erfolges, dass er um den zynischen Realismus vieler Italiener weiß. Sie glauben nicht an schöne Worte, sondern an Fakten, sie können zwischen dem schönen Schein und der tatsächlichen Macht genau unterscheiden. Sie wissen, was nützlich ist und was nicht.“
    Aber was heißt das andersrum? Das in Deutschland die Menschen an schöne Worte, an den schönen Schein glauben? Nicht wissen was nützlich ist?
    Verstehe ich den Artikel nicht?
    Wenn die Italiener dort einfach nur das hinnehmen und akzeptieren, was hier in Deutschland von Politikern, genauso praktiziert wird(also Geschachere, Korruption, Lügen). Wo ist dann der Unterschied zu Deutschland?
    Wenn sie sagen „Ok, er macht halt seine Sex Partys. Ist halt nur ein Mann und Machtbesessen. Aber solange Italien nicht komplett zusammen bricht ist es in Ordnung.“ Machen wir uns dann hier eigentlich nur was vor? Ich sage nicht, dass alle Politiker in D so extrem sind. Aber mehr o weniger wird es ja auch so abgehen. Nur wollen wir es nicht sehen, u uns verführen bzw belügen lassen, weil wir das einfach nicht wahrhaben wollen.
    Aber was hinten raus kommt, müsste dann doch das Gleiche sein o nicht?
    Leben dann die Italiener nicht gesünder, weil sie sich keine Illusionen machen?


  7. Lobbyismus gibt es überall, bedauerlich genug. Aber Willy Brandt hat wegen weit weit geringerer Dinge, die er nicht mal selber zu vertreten hatte, den Hut genommen. Ein Regierungschef, der für alle sichtbar, sein Amt dazu benutzt, um seiner Bestrafung zu entkommen, ist grotesk. Der Vergleich anderer Staaten mit Berlusconi und mit seinem Italien ist eine Beleidigung. Sie sollten sich relativieren !

  8.   Peter Trumpp

    Ja, vermutlich sind wir tatsächlich deshalb besonders enttäuscht, weil unsere Liebe zu diesem wunderschönen Land keinen nüchternen Blick zugelassen hat.
    Vielleicht müssen wir davon ausgehen, dass Italien tatsächlich nicht nur vorübergehend eine ganz besondere Form von Demokratie pflegt. Die politischen Kontrollinstanzen scheinen zu versagen. Berlusconi mimt Heldenrollen billiger Fernsehshows – mal tragisch, mal komisch und immer vermeintlich rebellisch, jedenfalls für viele Italiener unterhaltsam. Italien ist das Paradebeispiel für den Filz aus Politik und Medien, der diesen Mann an der Macht hält, damit er nicht juristisch belangt werden kann. Das letzte Lachen vergeht Beobachtern allerdings spätestens dann, wenn die konkreten Auswirkungen dieser Politik betrachtet werden, wo inzwischen rechte Schlägertrupps in Städten offenbar Akzeptanz finden, räumen sie doch unter ungebetenen „Gästen“ auf. Von weiteren gesellschaftlichen Verwerfungen ganz abgesehen. Schade um dieses Land, einem – im Grunde – schönen Teil unseres Europas !


  9. Wenn es um Weibergeschichten ging, konnte unser Brandt dem Berlusconi
    durchaus Paroli bieten. Was bei dem einen aufgebauscht wird (vielleicht
    gefaellt er sich in der Rolle) wurde bei dem andern unter den Teppich
    gekehrt.


  10. Rolf Seul

    Leider muß man konstatieren, fast jedes Land der Welt hat seine spezifischen Probleme. Wie heißt es so schön: wer im Glasshaus sitzt sollt nicht mit Steinen werfen. Stimmt. Es wird so sein, dass Italien auch Herrn Berlusconi überleben wird. Wobei ich das Herrn nicht so wörtlich nehmen möchte. Denn was wäre Europa ohne dieses schöne Land mit all seinen Macken und Mucken. Ich bin sehr gerne dort und komisch, egal wo ich bisher in Europa hingekommen bin, die Menschen waren meist viel netter und freundlicher wie sie oftmals beschrieben werden. Oder sehe ich das zu blauäugig.???

 

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