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Leichen im Keller

 
Abul Hakim Belhaj (c) Daniel Berehulak/Getty Images
Abul Hakim Belhaj (c) Daniel Berehulak/Getty Images

Der Befreier von Tripolis ist ein alter Bekannter westlicher Geheimdienste. Abul Hakim Belhaj ist nach den Attentaten vom 11. September 2001 von der CIA in Bangkok festgesetzt worden. Der Dschihad-Kämpfer kam gerade aus Afghanistan, er ist ein ehemaliger Al-Qaida-Mann. Belhaj behauptet, von der CIA gefoltert worden zu sein. Nachdem Libyens Gadhafi im Jahr 2003 im Westen wieder hoffähig geworden war, überstellte die CIA Belhaj in sein Heimatland.

Dort wurde er von Gadhafis Folterknechten ausgepresst. Die Ergebnisse dieser Verhöre wurden an die CIA weitergeleitet. Ausgerechnet dieser Mann ist heute der Militärchef des befreiten Tripolis – ohne die Bomben der Nato wäre er es nicht geworden.

Das ist nur eine der Geschichten, die zeigen, wie eng westliche Staaten mit dem Regime kooperiert haben. Waffenlieferungen, Informationsaustausch, Folterdienste, Finanzierung von Universitäten – Gadhafi war sehr präsent im Westen. Er muss überrascht gewesen sein, als allen voran Frankreich die Resolution 1973 im UN-Sicherheitsrat einbrachte, die einen Einsatz der Nato legitimierte und ihn schließlich zu Fall brachte. Ausgerechnet der französische Präsident, der ihm eben noch einen prächtigen Staatsempfang in Paris bereitete hatte, erklärte ihm den Krieg. Das überstieg selbst die Vorstellungskraft des Machtzynikers Gadhafi.

Er hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Frankreich, das während der tunesischen Revolution lange Zeit am Autokraten Ben Ali festgehalten und sich dadurch blamiert hatte, wollte es besser machen. Freiheit – das war das neue Losungswort. Stabilität – das war gestern. Die arabischen Massen haben diesen Gesinnungswandel in den westlichen Staatskanzleien erzwungen. Das ist ein Glück und es ist ein Fortschritt.

Doch sollte man trotzdem einen Augenblick innehalten und sich fragen: Was denken Männer wie Belhaj über diesen Westen, dessen Geheimdienste ihn gestern noch foltern ließen und dessen Kampfjets ihn dann zum Militärchef von Tripolis bombten? Wir werden es vermutlich nicht erfahren, doch eines ist gewiss: Er wird westlichen Vertretern nicht vertrauen.

Wenn sie Freiheit sagen, dann wird er an den Folterkeller denken, in dem er saß; wenn sie sagen: „Jetzt ist aber alles anders, wir sind geläutert!“, dann wird er an Gadhafi denken, dem sie dasselbe gewiss auch gesagt hatten, als sie ihn nach 2003 wieder in die Arme der internationalen Gemeinschaft schlossen. Wenn sie sagen: „Ihr müsst in Libyen die Menschenrechte einhalten!“, dann er wird die Schreie der Gefolterten hören.

Auch das sind Grundlagen, auf denen die Zusammenarbeit zwischen dem Westen und dem neuen Libyen gedeihen soll.

46 Kommentare

  1.   hajohans

    Der Befreier von Tripolis – Wie steht denn die Bevoelkerung zu
    ihrem Befreier? Und die andere Frage ist: Er war definitiv bei der Al-
    Quaida. Woher wissen wir das er ein „ehemaliger“ ist? Ich bin gegen
    Guantanamo, aber als ueberfuehrtes Mitglied der Al-Quaida was bitte
    haetten die westlichen Geheimdienste mit ihm tun sollen?


  2. Islamisten sind anscheinend besser als Kommunisten/Sozialisten.

    Im Kampf gegen die Kommunisten/Sozialisten hat man sich jahrlang den Islamisten als nützliche Handlanger bedient. Wenn dann gerade keine mehr übrig sind, kämpft man gegen genau diese Handlanger die vormals noch Verbündete waren. Jetzt ist man also den Sozialisten Gaddhafi los, der es gewagt hat nicht nach der kapitalistischen Pfeife zu tanzen und hat dafür wieder die Islamisten.

    So schliesst sich der Kreis. Eigentlich würde es der NATO recht geschehen, wenn sich in Libyen jetzt eine kommunistisch-islamistische Regierung bilden würde. Das wär dochmal was. Sowas gab es noch nie, oder? Aber da hat man ja schon vorgesorgt und stramm Neoliberale wie Ali al-Essawi rechtzeitig an die richtigen Positionen gesetzt.

  3.   Thomas

    Der Text gibt genau wieder was die Realität ist.
    Zu dem Kommentar vorher. Folter ist alles andere als auf die Menschenrechte zu achten. Menschenrecht sind das was der Westen dem Rest der Welt vorwirft nicht zu haben und weswegen Militärische Aktionen gegen Länder wie Afgahnistan, Irak, Lybien, Jogoslavien…… u.s.w. gestartet werden. Wenn Folter dann das richtige für diese Person war, dann sind all diese Kriege Falsch gewesen.


  4. Frische Leichen im Keller

    während hier manche deutsche Kommentatoren brav weiter Propaganda betreiben, gibt es jetzt im Netz durchaus interessante Geschichten zu entdecken, wie Beispielsweise diese hier:

    Libia non e` Gheddafi…Libya is not Gheddafi

    http://fergiani.blogspot.com/2011/08/translating-for-gheddafi_24.html


  5. Ein Al-Kaida-Kämpfer als neuer Chef in Tripolis, das hat was!

  6.   Wolfgang Sukowsky

    Der Westen ist auf ganzer Linie unglaubwürdig geworden mit Ausnahme Deutschlands und das mit einem viel gescholtenen Außenministers.

  7.   yarx

    Netter Artikel über den Mann von einem, der bis letzte Woche in Tripolis war:
    http://www.voltairenet.org/How-Al-Qaeda-men-came-to-power-in


  8. Es ist doch wirklich ambivalent- vorher die dicksten Freunde und hinterher der Kriegsgewinner Sarkozy + Consorten- es muß zw. Ghadaffi und ihm auf pers.Ebene kräftigst gekracht haben- denn was hier nirgendswo geschrieben steht hatte Ghadaffi vor sein in F deponiertes Milliardenvermögen abzuziehen- die bestellten Kampf-Bomber nicht zu kaufen und das Öl für F drastisch zu stoppen-
    es ist schon einzigartig wie Sarkozy incl. Cameron und Berlusconi diesen UNO-abgesegneten Staatsstreich hinbekommen haben- natürlich mit Hilfe der USA sonst wäre der Einsatz ja voll in die Hose gegangen –
    wie die Nato mit nun längst reichlich bewaffneten masssakrierenden sogenannten Rebellen und EX-Terroristen umgehen wird werden diese ihr zukünftig zeigen- das kann sich alles noch als Damoklesschwert erweisen vonwg. Demokratie und Freiheit in Lybien – mit den Taliban hatte man auch mal verhandelt- das Ergebnis sieht man ja schon seit 10 Jahren….


  9. Das eine „Schnellmutation“ vom Saulus zum Paulus auch in anderen Religionen, speziell im Islam vorkommt, ist ein völlig neues Moment – irgendwie so selten etwa wie ein Meteor!

  10.   noch besser

    „ohne die Bomben der Nato wäre er es nicht geworden“

    Ein libyscher Al-Kaida Terrorist mit Afghanistan Erfahrung, von der NATO an die Macht gebombt.

 

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