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Nicht die Party ist zu Ende, sondern die Normalität

 

Jetzt ist er weg – endlich. Silvio Berlusconi ist zurückgetreten, und Italien hat sich damit von einem Mann getrennt, der zu einem Alptraum geworden war. Welch eine Erleichterung!

Doch wie nach einem Alptraum fragt man sich: Ist das wirklich geschehen? Hat dieser Mann wirklich 17 Jahre lang hat die italienische Politik dominiert? War er wirklich zehn Jahre lang Premierminister Italiens? Ja, das war er!

Es ist einfach, sich über ihn lustig zu machen. Denn er selbst machte sich zu einer Witzfigur, dessen Scherze Italien allerdings nahe an den Abgrund führten. Nun, da seine Ära vorüber ist, fehlt es nicht an Spott und Häme. Schwerer schon ist es zu verstehen, wie das alles möglich war.

Berlusconi verfügt über außergewöhnliche Verführungskünste. Er konnte Träume verkaufen, Träume, die niemals Realität werden konnten. Ziemlich genau ein Viertel der Italiener glaubte ihm trotzdem. So viele wählten Berlusconis Partei Forza Italia.

Doch die Macht seiner Verführung wirkte weit darüber hinaus. Viele Italiener wollten gerne glauben, dass man reich werden konnte, ohne sich an irgendwelche Regeln zu halten. Berlusconi lebte ihnen vor, dass Gesetze nur für die Dummen da sind. Er lebte es ihnen sehr erfolgreich vor, immerhin wurde er zum reichsten und mächtigsten Mann des Landes.

In Berlusconi drückte sich das in Italien weit verbreitete Ressentiment gegenüber dem Staat aus. Dieser Widerwille sehr vieler Bürger gegenüber den Institutionen ist viel älter als Berlusconis politische Erfolge. Er ist so alt wie der italienische Staat selbst: 150 Jahre.

Berlusconis Aufstieg ist der Beweis dafür, dass der italienische Staat sich bis heute nicht mit seinen Bürgern versöhnt hat. Das ist eines der grundlegenden Probleme, die auch nach dem Rücktritt Berlusconis bleiben werden.

Die Opposition ihrerseits hat nichts dafür getan, das Ansehen des Staates zu stärken. Im Gegenteil. Sie hat sich zusammen mit Berlusconi im Palazzo vor dem eigenen Volk verschanzt. Manchmal hatte man sogar den Eindruck als hätten sich Berlusconi und die Opposition gegen die eigenen Bürger verschworen. Anders ist nicht erklärbar, dass eine Mitte-Links-Regierung zwei Mal die Chance hatte, Berlusconis Medienmacht zu begrenzen – und es zweimal unterließ. Italien heute wird von einer Politikerkaste regiert, die sich abgekoppelt hat von ihrem Land.

Es funktionierte nur deswegen so lange, weil man Schulden machen konnte. Drinnen feierte man buchstäblich rauschende Feste, die Klienten draußen hielt man mit Geldgeschenken bei Laune – und mit viel Show.

Man mag über Berlusconi lachen, doch seine Performance war sehr systemkonform. Er war keine ungewöhnliche Figur in diesem System. Er war nur der vulgärste Ausdruck einer pervertierten Beziehung zwischen Politikern und Bürgern. Berlusconi war die schrillste Normalität Italiens. Nicht die rauschende Party ist jetzt zu Ende, sondern das Normale.

Nur mit Schulden konnte dieses System aufrecht erhalten werden. Die Schuldenkrise ist deshalb im Kern keine wirtschaftliche, sondern eine politische Krise – sie kann nur politisch gelöst werden.

Man muss hoffen, dass nun eine Öffnung des Systems erzwungen wird. Der Palazzo der Macht muss durchlässiger werden, damit würde er auch funktionaler. Und in einem allerdings sehr langfristigen Prozess könnte endlich das Problem verschwinden, welches allen anderen zu Grunde liegt: die gestörte Beziehung zwischen den Italienern und ihrem Staat.

81 Kommentare


  1. ein kleiner Zusatz vielleicht, es sind nicht 150 Jahre, sondern 2000. Bereits im alten Rom gab es die Schwelger und die darbenden Klassen. – außerdem ist das Mißverhältnis zwischen Volk und Staat kein typisch italienisches Problem. In Griechenland ist es genauso. Und wenn ich erst auf die deutschen Stammtische sehe, dann… tja. Vielleicht haben wir hier nur (noch) mehr Brot und Spiele 🙁


  2. […] Berlusconis Rücktritt: Das Ende der italienischen Normalität Das konnte Sie auch […]

  3.   fhdd

    … damit werden Italiens Probleme kaum schnell und dauerhaft gelöst sein. Dennoch ist dies für Beobachter von außerhalb wirklich eine Erleichterung. Italien kann extern jetzt vielleicht wieder ernst genommen werden. Mit Silvio B. war das eigentlich schon seit Jahren nicht mehr möglich.
    Viel Kraft und Ausdauer den Italienern!


  4. „Jetzt ist er weg – endlich. Silvio Berlusconi ist zurückgetreten, und Italien hat sich damit von einem Mann getrennt, der zu einem Alptraum geworden war. Welch eine Erleichterung!“

    Wären „Die Italiener“ demokratiefähig, hätten sie es soweit gar nicht kommen lassen müssen.

    Sie hätten die Partei B. einfach abwählen können.


  5. Ulrich Ladurner stellt fest: „Berlusconi verfügt über außergewöhnliche Verführungskünste. Er konnte Träume verkaufen, Träume, die niemals Realität werden konnten. … Es funktionierte nur deswegen so lange, weil man Schulden machen konnte. Drinnen feierte man buchstäblich rauschende Feste, die Klienten draußen hielt man mit Geldgeschenken bei Laune – und mit viel Show.“

    Berlusconi setzte die Tradition der römischen Kaiser fort: Durch Brot und Spiele das Volk bei Laune halten. Die Gladiatorenspiele und Tierhetzen waren die damalige Unterhaltungsindustrie. Finanziert wurde es damals wie heute durch Ausbeutung, damals durch Ausbeutung der unterworfenen Provinzen, heute durch Ausbeutung der Enkel via Schuldenmachen.


  6. In Italien steht die Gardia Financia an den Zahlstellen auf der Auto-
    bahn,kontolliert PKW und LKW,ob sie Kfz.-Steuern bezahlt haben,nur
    mal als Beispiel,in Deutschland unmöglich.Was soll sich in Italien
    verändern,das fängt schon im Kleinen an,wie mein Beispiel zeigt,in
    Süd-Italien noch schlimmer,vor paar Jahren wurde keine Haftplichtver-
    sicherung abgeschlossen,ich glaube heute noch möglich,man fährt auch
    ohne dieser Versicherung.Man kann kein Volk von heute auf morgen um-
    erziehen,so etwas glauben nur Politiker in Nordeuropa,ich habe schon
    einmal geschrieben,wie geschmiert wird,das fängt im Kleinen an und
    hört bei den Grossen auf!Viele kleine Polizisten sind Korrupt,wo soll
    der Staat denn seine Steuereinnahmen her bekommen,wenn es anders auch
    geht.


  7. Berlusconi weg. Dann kann Frau Merkel ja mit
    dem Deutschen Geldtäschen antraben.
    Und den Euro dort retten,vieleicht reicht es ja auch wieder
    mit dem Deutschen Steuerzahler zu bürgen…


  8. roemische dekadenz

  9.   Krakz

    Endlich mal eine Einsicht, dass Italiens Probleme nicht allein Silvio heißen
    Zum Thema Schulden: Das ist in Deutschland ganz genauso. Nur hier gibt es ein paar starke Exportwirtschaften. Wenn aber Auto- oder Maschinenbau einen Schluckauf bekommen, stellt sich unsere Schuldensituation kein Stück besser auf. Denn leider mit Kinderärtneren, Pflegen und Zeitugsartikelschreiben wird Deutschland kaum seinen internationalen Kosum bezahlen können


  10. Wer es am Mittwoch verpasst hat. Den Tag, an dem Italien an den Märkten abgeschossen wurde, gibt es hier zum Nachlesen.

    Zitat: „Die Finanzmärkte schlachten gerade Italien ab“

    http://zuwi.at/themen/eurokrise/die-finanzmarkte-schlachten-gerade-italien-ab/

 

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