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Die Rache wird kommen

 

Der Protest gegen das Video über den Propheten Mohammed (The Innocence of Muslims) war in Pakistan besonders heftig. Den Demonstrationen in den Straßen pakistanischer Städte wurde in der Berichterstattung breiter Raum gegeben. Als dann auch noch der Eisenbahn-Minister für den Mord an den Autoren des Videos 100.000 Dollar bezahlen wollte, war das Urteil zementiert: Pakistan ist die Hochburg gewalttätiger Islamisten. Falsch ist das nicht, aber es ist eben nur ein kleiner Teil der Wahrheit — und es verdeckt eine größere, dramatischere Geschichte.

Pakistan ist Kriegsgebiet seit US-Präsident Barack Obama im Frühjahr 2009 den Begriff Afpak prägte. Das Kürzel besagte, dass der Krieg gegen die Taliban und Al-Kaida nicht nur auf Afghanistan beschränkt sei, sondern ab sofort auf Pakistan ausgeweitet werde. Dorthin nämlich zögen sich die Taliban zurück. Obama konnte freilich keine US-Truppen in das Staatsgebiet Pakistans schicken, denn immerhin ist Pakistan bis heute ein „privilegierter Partner der Nato“ — offiziell ein enger Freund. Doch Obama sandte Drohnen. Seit seinem Amtsantritt sind mehr als 3.000 Pakistaner bei Angriffen dieser fliegenden Killermaschinen ums Leben gekommen.

Die offizielle Lesart in den USA ist, dass der Drohnenkrieg effektiv, nützlich und erfolgreich sei. Er schaffe nämlich die Möglichkeit, „Terroristen gezielt zu töten“ und gleichzeitig die zivilen Opfer auf ein Minimum zu beschränken. Ein eben erschienener, umfassender Bericht der Stanford Law School und der New York University Law School stellt dazu geradeheraus fest: „Dieses Auffassung ist falsch!“

Blowback — Rückschlag, das ist ein Begriff, den die CIA für die unbeabsichtigten Folgen amerikanischer Politik geprägt hat. Man kann denselben Sachverhalt auch in etwas härterer Sprache fassen: Die Rache wird kommen, nicht morgen vielleicht, aber in naher Zukunft, vielleicht nicht in Form eines gewaltigen Anschlags, vielleicht in zahlreichen schmerzhaften Schlägen. Das alles wissen wir nicht.

Doch wir erleben bereits jetzt eine bedeutende geopolitische Verschiebung. Pakistan bricht dem Westen weg. Der Drohnenkrieg ist eine der wesentlichen Ursachen für diese sich nun rasant verstärkende Entwicklung. Die Drohnen mögen zwar Terroristen töten, aber ihr zerstörerisches Potenzial entfalten sie auf einer ganz anderen Ebene: Sie kappen die Verbindungen zu Pakistan. Angriff für Angriff entgleitet dem Westen dieses Land.

Die seit Jahren fortgesetzten Drohnenangriffe übermitteln den Pakistanern ja eine ganze Reihe verheerender Botschaften: Die Souveränität eures Staates ist uns egal; wir töten, wen wir wollen, wann wir wollen und wo wir wollen; wir bitten nicht um Erlaubnis; wir sind Euch waffentechnisch überlegen und sind bereit, diese Überlegenheit ohne Zögern einzusetzen. Eure Grenzgebiete zu Afghanistan erklären wir zu gesetzlosen Gebieten; die Menschen dort geben wir zum Abschuss frei, wenn sie uns gefährlich erscheinen; es reicht der Verdacht, es reicht unser Verdacht.

Wer diese Sprache der Drohnen hört, der versteht, dass die Proteste gegen das Video The Innocence of Muslims ein Oberflächenphänomen sind — dahinter wird ein Land sichtbar, das sich in einem unerklärten Krieg mit dem Westen befindet und gedemütigt wird.

 

126 Kommentare

  1.   Pimentos

    Lesen Sie mal die neue Biographie von Salman Rushdie. Gewiss kein Islam- oder Pakistanhasser da selber Muslim. Aber er beschreibt hochsensibel die Art und Weise, wie Pakistan tickt. Wie es sich auf der Religion des Islams gegründet hat, daraus ein Staat entstanden ist, indem der Islam über allem steht und die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Es ist wie überall in der islamischen Welt. Wenn kein Öl vorhanden ist, mit dem die Muslime Geld verdienen können, bleiben die Staaten hoffnungslos im Mittelalter stehen, wirtschaftlich und kulturel unterentwickelt und kommen mit der immerwährenden Phrase:“Wer hat uns das angetan?“. Anstelle in die Hände zu spucken, zu arbeiten, Korruption zu unterbinden und die Religion zu Hause zu lassen. Der ISLAM in seiner wahabitisch/salafistisch/mullahischen Form ist das Grundübel und der Untergang dieser Welt!

  2.   istklar

    Alles irgendwie richtig – aber was vermittelt dem Westen denn die Tatsache, dass Pakistan offensichtlich jahrelang den meistgesuchten Terroristen der Welt friedlich beheimatet hat?

    Pakistan bricht dem Westen weg, ganz klare Sache. Aber so sehr Drohnenangriffe rechtlich als auch moralisch in Frage zu stellen sind… das ist nicht der Initiator für diese Entwicklung.

  3.   Achmed

    Ach, all das, was wir grob fahrlässig unter einer „islamischen Welt“ zusammenfassen, kämpft mit großen Problemen. Marokko hat einen Folterer und Räuber auf dem Thron, Algerien einen Diktator und auf der arabischen Halbinsel herrschen Salafisten die vergoldete Toiletten und kruden Gedanken ihr Eigen nennen, in Pakistan stirbt das Land gerade an Vetternwirtschaft und Islamisten. Afghanistan und der Irak sind Protektorate und im pseudosäkularen Staat
    (Säkulare Staaten kennen keinen komplementärreligiösen Führerkult) Syrien tobt ein Bürgerkrieg. Von Mali wissen wir nichts und in den ehemaligen Staaten mit der „arabischen Revolution“ steht die Zukunft in den Sternen. Mir scheinen lediglich die Türkei, Iran und Jordanien als Staaten mit sicherer Zukunft, denn im Rest kocht es gewaltig. Es herrscht eine Lähmung und ich hoffe nicht, dass dies alles in einem 30 Jährigen Krieg gipfeln, denn der Überschuss an jungen Männer ist reichlich vorhanden.

  4.   essy

    So wie Pakistan reagiert, würde jedes westliche Land auch reagieren, wenn man Drohnen in seine Gebiete einsetzen würde, um wofür auch immer Verdächtige per Joystick zu töten.

    Assad tötet in Syrien, Obama tötet aktuell in Pakistan, Afghanistan, Irak usw.
    Wo ist der Unterschied zwischen Obama und Assad?

  5.   IMPERIAL USA

    „Krieg ist Frieden“


  6. Die aufgepeitschte, von Islamisten geschürte Stimmung in Pakistan, ist wie Sie schreiben, eine sehr gefährliche Situation für die Region (Indien), aber auch für den Westen ingesamt.

    Jedoch, wie die Geschichte zeigt, jeder muss seine Fehler machen dürfen. Pakistan muss durch Konflikte und Kriege selbst zu mehr Humanismus und Entwicklung finden. Von außen aufgedrängte Lösungen bringen nichts, wie auch nirgends sonst.

    Dass sich Terroristen Unterschlupf und sogar Unterstützung von gewissen Stämmen in Pakistan erfahren, ist nichts Neues. Diese inneren Spannungen, muss das Land jedoch größtenteils selbst auflösen.

    Die USA und der Westen ist dabei m.E. nur im Moment der äußere Feind, auf den die Pakistani eindreschen.


  7. Komisch…Pakistans Regierung duldet die Angriffe…und legt nur „formellen Protest“ ein…

    ->“Die Pakistanische Regierung duldet die Angriffe auf ihrem Territorium, legt aber immer wieder formal Protest ein.“
    So zu lesen auf Wikipedia…

    Einzig die Bevölkerung ist wohl geschlossen gegen die Angriffe.

    Schöner Artikel…mit mittelmäßiger Recherche…der aber ob der Zeichenbegrenzung auch mal wieder zu kurz geraten ist.

  8.   Kalle

    Die USA sind der wahre Schurkenstaat! Sie verdienen genau das, was bisher passiert ist.

  9.   Diplo

    Verstößt das nicht gegen die UN-Konventionen? Kriegerische Akte ohne Kriegserklärung? Oder braucht man mit den Vorwand der Bekämpfung des internationalen Terrorismus solche Richtlinien nicht mehr beachten?

  10.   oh.stv

    Danken für diesen Artikel. Genau das ist der Punkt.
    Ging mir auch langsam auf die Nerven, die Aufstände gegen das Video nur auf so Oberflächliche weise zu erklären.
    Wir sollten mal über unser Verhalten im Nahen-Osten reflektieren und die wahren Ursachen für die Aufstände erkennen.

 

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