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Der Antagonist als Partner

 

Die USA und Russland haben ein Chemiewaffenabkommen zu Syrien geschlossen. Ein Abkommen, das fast durch die Bank eine schlechte Presse bekommen hat: Es sei undurchführbar, es legitimiere den Schlächter Assad und es sei außerdem ein Verrat an den Rebellen. Das mag alles sein. Es stimmt aber auch, dass zum ersten Mal in Sachen Syrien etwas in Bewegung geraten ist. Bisher war noch jede diplomatische Initiative im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gescheitert – am Widerstand der Russen und der Chinesen. Doch jetzt haben sich nicht nur Amerikaner und Russen geeinigt, sondern es gibt auch noch einen Sonderapplaus aus Peking.

Plötzlich muss man sich eine Frage stellen, die in all dem Kriegsgetöse untergegangen ist: Könnte es sein, dass der Krieg in Syrien doch auf diplomatischem Weg beigelegt werden kann? Wenn es gelänge, wäre es zwar ein weiter Weg dahin. Doch zumindest ist es jetzt Zeit anzuerkennen, dass zwei der wichtigsten Akteure in Syrien – die USA und Russland – sich zusammengefunden haben. Dafür gibt es drei Gründe: Die USA sind kriegsmüde, Russland will zeigen, dass es in Nahost entscheidend mitspielen kann und beide zusammen haben keinerlei Interesse daran, dass Chemiewaffen eingesetzt werden.

Nicht nur in Washington, sondern auch in Moskau dürfte die Giftgasattacke in der Ghuta-Ebene bei Damaskus einen erheblichen Schrecken erzeugt haben. Beide Staaten fürchten, dass die C-Waffen in die Hände von islamistischen Extremisten geraten können. Denn nicht nur die USA haben ein Problem mit Extremisten, auch Russland hat mit islamistischem Terror aus und in Nordkaukasus-Republiken wie Dagestan oder Inguschetien zu kämpfen.

Das jetzt getroffene Abkommen nutzt Assad und es schadet den Syrern, die gegen ihn kämpfen. Das ist auf den ersten Blick richtig. Doch würde das Abkommen wirklich in die Tat umgesetzt, verliert Assad seine Chemiewaffen – und ein Diktator ohne diese fürchterliche Waffe ist besser als ein Diktator mit ihr. Schließlich gilt auch, dass Russlands Putin an Assad aus rein taktischen Gründen festhält. Er stützt ihn, weil er Russlands Position im Nahen Osten nicht verlieren will, nicht, weil er Assads überzeugter Anhänger ist. Wenn es andere Möglichkeiten gibt, dieses Ziel zu erreichen, dann werden die Russen Assad fallen lassen.

Putin ist deswegen noch lange keine Freund des Westens, sondern er ist ein Antagonist. Er ist schon gar nicht eine Friedenstaube. Er kalkuliert kalt. Möglich, dass aus dieser Kälte Frieden entsteht – als fragiles Nebenprodukt.

33 Kommentare

  1.   Agorist

    Die Frage, wieso die USA überhaupt auf Seiten der Terroristen bomben wollten, wo doch angeblich „die USA [ ] ein Problem mit Extremisten“ haben, bleibt unerklärt.

  2.   GHost

    Der Krieg in Syrien, ist von den „Freunden Syriens“ gewollt, er steht auf der Agenda der USA, der Saudi’s, Katar’s, Erdogans, Israels, sowie Frankreichs und GB. Möglich, dass aus dieser Kälte Frieden entsteht, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht.


  3. Sie verkennen und überschätzen das Interesse Rußlands an Assad.

    Aus russischer Sicht dürfen zwei Dinge nicht passieren:
    1) Gas aus Katar via Pipeline nach Europa, kann Gazprom nicht erlauben, sorry.
    2) Machtvakuum, Instabilität und Chaos auf dem Balkan – wird es mit Putin nicht geben.
    Der Rest ist relativ irrelevant, da Putin den gesamten Globus im Auge hat und die Schwindende macht der USA genüsslich auf seiner russischen Pilotenuhr herunterticken lassen kann bis China den USA finanziell und somit auch dem US Militär indirekt das Genick bricht. Israel hingegen hat nun den Chemiewaffen-Peter und wird ihn so schnell nicht los werden können.

    Das sind konzeptlose und unhaltbare Positionen des Westens.


  4. „Schlächter Assad“
    BILD Niveau hält wieder Einzug.

    Und Russland als Dagegen-Land (Antagonist) darzustellen, ist wieder typisch.
    Sachlicher Schlichter würde es eher treffen.
    Ein User hatte hier vor Kurzem eine Statistik gezeigt, dass die USA zig mal öfter „dagegen“ waren, als die Russen oder China.
    Habe die Quelle jedoch leider nicht mehr ausfindig machen können.


  5. „Ein User hatte hier vor Kurzem eine Statistik gezeigt, dass die USA zig mal öfter “dagegen” waren, als die Russen oder China.“

    dies meinte ich in Bezug auf Entscheidungen im UN-Sichrheitsrat.


  6. „Könnte es sein, dass der Krieg in Syrien doch auf diplomatischem Weg beigelegt werden kann?“

    Putin deckt Assad und Obama endorsiert Putin. Wieso beilegen ? So geht’s weiter.

    „Zeit anzuerkennen, dass zwei der wichtigsten Akteure in Syrien – die USA und Russland – sich zusammengefunden haben.“

    und Assad zum Hoffnungsträger zu machen, um dessen Wohlwollen die Welt gefälligst zu bangen hat. Hoffentlich brüskiert er nicht Putin so stark, dass es für Obama peinlich wird.

    Putin kann sich keinen Eklat mit Assad leisten und Obama keinen mit Putin.

  7.   mueller1

    Ladurner hat den wesentlichen Grund für die neuerliche Bewegung in dem Syrien Konflikt ausgeklammert: die Androhung militärischer Gewalt seitens der USA erst hat Putin dazu veranlasst, endlich ein wenig einzulenken – nichts anderes, oder es waere schon längst geschehen, wie z.Bsp. das Bekanntwerden des Chemiewaffeneinsatzes Putin dazu schon einen Gelegenheit gegeben hätte, hätte er es denn aus freien Stücken so gewollt.

    Das will man natürlich in Deutschland nicht hören, wo man stur an rosigen naiv-pazifistischen Ideologen festhält, obwohl sie in der Welt der Realität immer wieder widerlegt werden. Und zweitens, weil es die amerikanische Drohung war, die erst diese Bewegung erzeugte. Den Amerikanern dieses zugestehen fällt den antiamerikanischen Deutschen noch viel schwerer. Unterwürfigkeit gegenüber Putin und Russland hingegen hat in Deutschland Tradition – ein Ex Bundeskanzler hat es schon vorgemacht, und die Deutschland AG braucht’s auch.

  8.   Tubus

    „Die USA sind kriegsmüde, Russland will zeigen, dass es in Nahost entscheidend mitspielen kann und beide zusammen haben keinerlei Interesse daran, dass Chemiewaffen eingesetzt werden.“

    Wie wahr! Wieviele Beiträge auf ZON musste man lesen, um so eine nüchtern und realistische Einschätzung zu lesen. Nebenbei wird dabei deutlich, wo bisher das Aggressionspotential bestand. Wenn dann noch ein anderer Verbündeter des Westens für eine langfristig stabile Friedenslösung gewonnen werden könnte, bestünde tatsächlich Hoffnung auf Frieden. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt.

  9.   dacapo

    Das war schon lange überfällig, von Putins Seite. Nur er als fast Einziger hat auf das AlAssad/AlBaath-Regime Einfluss von außen, den auch dieses Regime begrüßen wird. Putin hat gepokert, mit relativ schlechten Karten den USA eins ausgewischt. Nur hätte das alles früher schon geschehen können. Das muss man dem russischen Führer schon vorwerfen. Aber was stört ihn das schon.


  10. Da der Forist #2 meine Meinung bereits grundlegend dargestellt hat, kann ich mich hier nur noch anschließen: Ohne die Androhung militärischer Gewalt durch die USA hätten sich weder Putin noch Assad bewegt, wobei Assads tatsächliches Handeln noch abzuwarten bleibt. Bloße Appelle wären auch in den nächsten Jahren ungehört verhallt.

    Man bedenke die Folgen, wenn wir hier nicht tatsächlich noch die Kurve kriegen: Ein Einsatz chemischer Massenvernichtungsmittel wäre in Zukunft eine reale Kriegsoption, mit der eine Kriegspartei ggf. tatsächlich ohne Konsequenzen durchkäme.

 

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