‹ Alle Einträge

Wer es mit Putin zu tun bekommt, sollte einen Plan haben

 

Es gibt dieser Tage viel Gezeter über Russlands Politik gegenüber der Ukraine. Der russische Präsident Wladimir Putin wird durchgehend als eine Art Gangsterboss beschrieben, der die Ukrainer rücksichtslos und mit allen Mitteln erpresst. Nun ist der Mann gewiss alles andere als harmlos, aber er ist kein Dämon. Er ist der russische Präsident, der sich das Ziel gesetzt hat, Russland als Weltmacht zu etablieren, nachdem die Sowjetunion 1991 zerfallen war. Das ist seit Jahren allseits bekannt. Und ebenso seit Jahren bekannt ist, dass Putin keinerlei Rücksichten nimmt. Russlands Verhalten gegenüber der Ukraine ist kein Sonderfall, sondern die Regel. Es ist Moskaus Politik.

Es gibt also keinen Anlass, sich über Putin zu wundern. Es bringt auch gar nichts, sich über ihn zu echauffieren. Wer es tut, der offenbart nur seine Hilflosigkeit.

Wenn man es mit Putin zu tun bekommt, dann hat man besser einen Plan. Das haben die USA in Syrien lernen müssen. Dort hat Putin jeden Vorstoß der USA so lange blockiert, bis man in Washington einsah, dass es ohne den russischen Präsident keine Lösung geben werde. Die EU erfährt in diesen Tagen Ähnliches. Sie dachte wohl, die Ukraine würde das ausgehandelte EU-Assoziierungsabkommen unterzeichnen, und Moskau würde das einfach so hinnehmen. Als sich herausstellte, dass dem nicht so ist, hatte man in Brüssel keinen Plan.

Was kann die EU der Entschlossenheit Moskaus entgegenhalten? Es müsste etwas sehr Konkretes sein. Doch das hat die EU nicht. Russland hingegen bietet Kiew Milliardenkredite und billiges Gas. Moskau rettet die Ukraine vor dem Bankrott, nicht Brüssel.

Nun kann man sagen, Putins Russland sei doch eine böse Macht, die ohnehin bald das Zeitliche segnen werde. Russland also sei so etwas wie eine Macht von gestern. Aber das hilft aktuell weder der EU noch der Ukraine weiter.

In den europäischen Hauptstädten sollte man sich eher mit einem worst-case-Szenario befassen: dem Zerfall der Ukraine. Sicher, das erscheint aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlich. Doch vor mehr als zwanzig Jahren glaubte man auch, dass Jugoslawien ein stabiler Staat sei – bis er in einem grausamen Krieg unterging. Die Ukraine ist nicht Jugoslawien. Doch die Ukraine steht unter enormen Spannungen, so wie Jugoslawien in den achtziger Jahren. Und die Ukraine ist tief gespalten, in eine Hälfte, die nach Europa will, und eine, die das ablehnt. Auch in Jugoslawien gab es Vergleichbares.

Und was tat die EU als Jugoslawien zerbrach? Sie schaute tatenlos zu. Und Hunderttausende kamen ums Leben.

Putin wird sein Ziel verfolgen, auch wenn dies den Zerfall der Ukraine mit sich bringen könnte. Und wie weit wird die EU gehen, um ihr Ziel zu erreichen? Wenn sie denn überhaupt etwas erreichen will, was man Ziel nennen könnte.

51 Kommentare

  1.   Paul Reiser

    „Der Vergleich mit Jugoslawien hinkt sehr stark, hilft uns auch nicht weiter.“ 6.

    Der Vergleich hinkt nicht, die EU hatte keinen Plan für das Jugoslawien-Zerfallsszenario und hatte die Initiative verloren. Es wurde später in erster Linie reagiert.

    Ich denke, wichtiger als die Frage, wohin die Ukrainer sich orientieren, ist ,dass eine Zerbruchsentwicklung wie in Jugoslawien frühzeitig erkannt und Chancen genutzt werden, um zeitig gegenzusteuern. Das ist eher zum wohl der Ukrainer.

    Ansonsten steht es Russland und EU frei, um die Gunst der Ukrainer zu werben und die Ukrainer sollten frei sein, sich zu entscheiden, mit wem sie sich mehr assoziieren oder nicht.

    Ich würde sogar sagen, damit kann man sich selbst mit Russen auf eine gemeinsame Linie festlegen. Dafür muss die EU selbst eine Linie / einen Plan haben.

    Wenn ich mir das Jugoslawien-Bürgerkriegsszenario durchdenke gab es einen blinden Fleck in der Wahrnehmung der Europäer. Einige Länder von Jugoslawien wollten mehr Richtung EU. Die EU, das ‚Friedensprojekt‘ der Nachkriegsgenerationen. Nur führte, das Bestreben der Jugoslawienländer in das ‚Friedensprojekt‘ zu gelangen zum jugoslawischen Bürgerkrieg. Scheinbar schließt das einander aus, was eine Fehleinschätzung begünstigte. (Schaffte das EU Friedensprojekt Frieden? Ja. Schaffte das EU-Friedenprojekt immer Frieden? nein) Ein falscher Schluss aus der Erfahrung, der einen blinden Fleck begünstigt, der darin liegt die (teilwahre) Schlussfolgerung in die Schublade für Gesetzmäßiges abzulegen..

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren