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Das Leben des Marco Camenisch

 

Die Schweiz hat einen Terroristen hervorgebracht. Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Schweiz und Terror sind kein Gegensatzpaare. Im Fall des gebürtigen Bündners Marco Camenisch gehört beides sogar eng zusammen. Im Jahr 1979 sprengt Camenisch aus Protest gegen die Atomkonzerne und den Bau von Staudämmen verschiedene Anlagen von Elektrokonzernen in die Luft. In jenen Jahren gab es in der Schweiz eine breite Bewegung gegen Atomkraftwerke und die Zerstörung der Natur. Sie reichte bis weit in das bürgerliche Lager hinein.

Camenisch, der Sohn eines Schweizer Grenzwächters, kommt zu der Auffassung, dass nur mit Gewalt etwas zu erreichen sei – nicht mit Gewalt gegen Personen, sondern gegen Sachen.

Als ihm 1981 der Prozess gemacht wird, sagt sein Verteidiger: „Der Widerstand gegen die Rechtsordnung, die er als Ordnung zum Schutz der Privilegien wahrnimmt, wurde bei ihm zu einer sittlichen Pflicht (…) Marco Camenisch ist ein klassischer Überzeugungstäter“.

Das Gericht will davon nichts wissen. Es sieht in dem 27jährigen einen kaltblütigen Kriminellen. Camenisch bekommt zehn Jahre Zuchthaus. Es ist ein in der Schweiz beispielloses Urteil. Das Gericht hat die ohnehin hohen Anträge des Staatsanwaltes um ein Jahr erhöht! Nach Einschätzung aller Beobachter ist es eine drakonische Strafe. Ein Fehlurteil.

Camenisch erinnert sich an die Urteilsverkündung mit folgenden Worten: „Ich wusste, dass ich fortan im Krieg bin gegen den Staat und seine Repräsentanten!“ Es gab für ihn kein Zurück mehr.

Der Journalist Kurt Brandenburger (Er war mal mein Vorgesetzter bei der Schweizer Zeitung FACTS) hat die Lebensgeschichte des Schweizer Anarchisten Marco Camenisch in einem sorgfältig recherchierten Buch aufgeschrieben. Über drei Jahre lang hat Brandenberger Camenisch im Gefängnis besucht und lange Gespräche geführt. Er hat Gerichtsakten und Archive studiert, er hat die Camenischs Tochter getroffen, seine ehemaligen Lehrer und Freunde. Es entsteht so das Bild eines Mannes, der sich in jungen Jahren zwar radikalisierte, aber durch eine unbarmherzige Schweizer Justizbehörde erst richtig auf den Weg gebracht wurde.

Camenisch floh aus dem Gefängnis. Zehn Jahre später wird im schweizerischen Brusio ein Grenzwächter ermordet. In einem Indizienprozess wird Camenisch als Täter verurteilt In der Biographie von Marco Camenisch spiegelt sich die Schweiz. Brandenburgers Buch sei allen anempfohlen, die die Schweiz besser verstehen wollen. Sie werden ein Land kennenlernen, dass zur Rache und extremer Kälte fähig ist.

2 Kommentare

  1.   ernsthaft

    Der Artikel klingt sehr nach Rechtfertigung von Gewalt, wenn es denn einer vermeintlich guten Sache dient. Hat die Schweiz , also die Schweizer, denn die Schweiz ist eine Demokratie, schuld an den Taten des Herrn Camenisch ? Darf man bomben wenn man meint, das Atomenergie eine Gefahr darstellt ? Darf man besonderes Verständnis erwarten ? Für jede individuell angenommene Gefahr ? Sind Sie da ganz sicher Herr Ladurner ? Es gibt individuell angenommene Gefahren gegen die Menschen zu tausenden friedlich auf die Straße gehen. Die lernen dann, in Deutschland, auch ein Land kennen, das “ zu Rache und extremer Käte fähig ist“.


  2. Danke für Ihren Kommentar,

    ich rechtfertige Gewalt nicht – auch nicht die Gewalt Marco Camenischs. Nach der Urteilsverkündung (1981) schrieb der „Tagesanzeiger“, es handle sich um ein „Fehlurteil“. Wir wissen nicht, wie Camenisch sich entwickelt hätte, wenn er milder 1981 bestraft worden wäre, aber wir wissen, dass die Strafe unverhältnismässig war. Das steht in der Rezension, nicht mehr und nicht weniger.
    beste Grüße
    UL

 

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