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Besuch im sozialen Brennpunkt in Schilderswijk

 
Der Restaurantbesitzer Abdul

Warum es in den Niederlanden schwer ist, eine ruhige, gelassene Debatte über Migration zu führen, lässt sich am Beispiel von Schilderswijk zeigen, einem Stadtteil von Den Haag. Knapp 30.000 Menschen leben hier auf rund 150 Hektar Fläche. Mehr als 85 Prozent der Bewohner des Viertels sind Zuwanderer – eine große Mehrheit sind Muslime.

Schilderswijk liegt etwas mehr einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut angebunden. Der Ort ist nicht vergleichbar mit den gefürchteten Banlieues, den Trabantenstädten französischer Metropolen. Es gibt hier Geschäfte, Restaurants, ein Theater, eine Bibliothek, Beratungszentren und eine Reihe von sozialen Einrichtungen. Ein vergessenes Viertel ist Schilderswijk bestimmt nicht.

Trotzdem hatte es in seiner Geschichte noch nie einen guten Ruf genossen, auch nicht als hier noch so gut wie keine Muslime lebten. Doch nach den Attentaten vom 11. September 2001, nach den Morden am niederländischen Politiker Pim Fortuyn (2002) und dem Regisseur Theo van Gogh (2004) veränderte sich der Blick auf Schilderswijk. Viele Niederländer sahen nicht mehr einen sozialen Brennpunkt, sondern eine gefährliche Hochburg religiösen Fanatismus. Es war Geert Wilders‘ Blick. Er suchte nach Feinden – und fand sie.

2013 gingen junge Männer mit Flaggen des „Islamischen Staates“ durch die Straßen. Das sorgte landesweit für Empörung. „Von den rund 30 Männern stammen mehr als 90 Prozent nicht aus dem Viertel“, sagt Thijs Moesker, der im Auftrag der Stadtgemeinde Den Haag für die Kommunikation in Schilderswijk zuständig ist. „Diese Leute benutzen Schilderswijk als willkommene Plattform!“ Sobald der Name Schilderswijk fällt, steigt die Aufmerksamkeit. Das wissen nicht nur die islamistischen Extremisten.

Im Mai 2013 veröffentlichte die seriöse Tageszeitung Trouw einen Artikel über das Schariadreieck in Schilderswijk. Zwischen der Wouwermanstraat und dem Vaillantlaan herrschten demnach nicht mehr die Gesetze des niederländischen Staates, sondern islamische Gerichte. Kaum war die Geschichte veröffentlicht, kamen zahlreiche Journalisten in das Viertel. Fieberhaft suchten sie das Schariadreieck und fanden: nichts. Es dauerte Wochen bis herauskam, dass der Journalist von Trouw die Geschichte erfunden hatte. Er wurde gefeuert. Trouw entschuldigte sich und veröffentlichte später eine zwanzigseitige Beilage mit vorbildlich recherchierten Geschichten über Schilderswijk. Der Schaden aber blieb.

„Früher ging alles sehr gut“, sagt Abdul, der im Zentrum von Schilderswijk das Restaurant namens Uniek betreibt. Abdul war vor 30 Jahren als junger Mann in die Niederlanden gekommen. Missverständnisse gab es hin und wieder, manchmal auch Streit. Aber man kannte sich. Man hielt zusammen. Abdul verschränkt die Finger beider Hände, um das zu demonstrieren.

Im Uniek ist es hell, einladend und sehr sauber. Hier treffen sich gerne marokkanische Migranten, um Tee zu trinken, eine Kleinigkeit zu essen und zu plaudern. Die meisten Männer sind vor vielen Jahren in die Niederlande gekommen. Damals gab es Arbeit genug. Ein Gast erzählt, es habe Tage gegeben, da hätte er zwei, drei Jobs angeboten bekommen. Die Wirtschaft brummte. Die Staatskasse war voll, die Leistungen des Wohlfahrtsstaates üppig.

Was heute als Problem empfunden wird, die massive Migration, war damals erwünscht. Die möglichen Folgen für die niederländische Gesellschaft waren kein Thema. Dabei waren die Veränderungen tiefgreifend. Zwischen 1983 und 2001 verdreifachte sich der Anteil der Ausländer auf insgesamt 1,6 Millionen Menschen. Sie siedelten sich in einigen wenigen Städten an. In Rotterdam, Den Haag sind 40 Prozent der Bewohner im Schnitt nicht europäischer Herkunft. Und in diesen Städten lebten die Zuwanderer in einigen wenigen Vierteln, wie in Schilderswijk.

Doch das blieb alles unbeachtet. Die Migranten wurden ermutigt, ihre Kultur in den Niederlanden weiterzuleben. Die niederländische Staatsbürgerschaft war leicht zu haben. Es war leicht, tolerant zu sein, weil es dem Land wirtschaftlich gut ging. Schwierigkeiten konnte mit Geld übertüncht werden. Es war genug da. Den Niederländern gefiel das Bild, das sie sich von sich selbst gemacht hatten. In ihrem offenen, liberalen Land sollte jeder nach seiner Fa­çon glücklich werden können. Der Druck, sich an die Gesellschaft anzupassen, war gering. Für Zuwanderern, die des Niederländischen nicht mächtig waren, druckte man etwa offizielle Dokumente und Informationen über die Dienstleistungen der Behörden in den jeweiligen Landessprachen.

Wer in jenen Jahren darauf hinwies, dass es auch eine dunkle Seite der Migration gab, wer etwa von der Kriminalitätsrate junger Marokkaners sprach, von den fast dreifach so großen Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern, von niedriger Bildung, mangelnder Qualifikation, von Homophobie, patriarchalen Strukturen, der handelte sich umgehend den Vorwurf ein, ein Rassist zu sein. Abweichungen vom Selbstbild der toleranten Niederlande wurden nicht toleriert.

Um die Jahrtausendwende, mit den Morden an Fortuyn und van Gogh, ändert sich das schlagartig. Seitdem sind die Niederlande realistischer geworden, aggressiver – aber auch orientierungsloser. Und Geert Wilders nutzt das für sich. Er bietet den Niederländern klare, einfach Antworten an. Der Islam führt Krieg gegen uns. Und wir müssen uns wehren – das ist seine Botschaft an die Niederländer.

Die Gäste im Restaurant Uniek nehmen Wilders überraschenderweise nicht allzu ernst. Sie zucken nur mit den Schultern, wenn man sie darauf hinweist, dass Wilders doch die Moscheen schließen, den Koran verbieten will.

„Es ist Wahlkampf!“, sagt einer der Gäste. „Er kann das nicht durchsetzen“, sagt ein anderer, „er will nun einmal Stimmen bekommen. Politik eben!“

Noch erstaunlicher ist, was der Restaurantbetreiber Abdul sagt. Er überlegt, Wilders seine Stimme zu geben. Warum?

„Er will strenger mit den vielen jungen Leuten verfahren, die hier herumlungern und nichts tun. Und das finde ich gut!“

13 Kommentare

  1.   CL4P-TP

    Danke namenr5 für den Link. Einfach nur Danke. 1000 mal Danke.

  2.   kaktusbauer

    Warum wird man bei dieser Art Berichterstattung nie ganz das Gefühl los, hier sollte das Gefühl vermittelt werden „Habt Euch nicht so, ist doch alles ganz harmlos und Friede, Freude, Eierkuchen“?
    Vielleicht sollte man eine Serie daraus machen, mit dem nächsten Bericht aus Molenbeek.

 

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