{"id":1100,"date":"2012-04-20T14:49:27","date_gmt":"2012-04-20T12:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/?p=1100"},"modified":"2012-04-20T14:52:21","modified_gmt":"2012-04-20T12:52:21","slug":"1100","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/2012\/04\/20\/1100\/","title":{"rendered":"Rot f\u00fcr Bahrain"},"content":{"rendered":"<p>mein Leitartikel aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Formel 1 in einem Folterstaat, Eishockey bei einem Diktator? Warum der Sport niemals einfach nur Sport ist<\/p>\n<p>Formel 1 ist was f\u00fcr M\u00e4nner, die gern schnelle Runden auf dem Asphalt drehen, und f\u00fcr Frauen, die ihnen dabei zuschauen oder in der Box auf die euphorisierten Piloten warten. Formel 1, das ist eine ziemlich anachronistische Veranstaltung, getragen wie sie ist von rasender Geschwindigkeit, br\u00fcllendem Motorenl\u00e4rm und die Gefahr suchenden M\u00e4nnern. \u00dcberfl\u00fcssig, k\u00f6nnte man meinen. Aber Millionen h\u00e4ngen diesem Sport an, Millionen werden mit ihm gemacht. Wer ein Rennen veranstaltet, erhofft sich davon Prestige. Darum rasen die Boliden durch die Stra\u00dfen des kitschigen F\u00fcrstentums Monaco, durch die pulsierende Metropole Shanghai, und am kommenden Sonntag\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/2012-04\/formel-eins-bahrain\">sollen sie im winzigen Golfemirat Bahrain wieder um die Wette fahren<\/a>. Wieder, weil das Rennen letztes Jahr abgesagt wurde. Politische Unruhen, Gewalt in den Stra\u00dfen. Scheich Isa bin Salman al-Chalifa wollte nichts riskieren. Doch jetzt f\u00fchlt der Scheich sich sicher genug. Der Formel-1-Zirkus ist in Bahrain hochwillkommen. Der Scheich hat sein kleines Reich befriedet, mit amerikanischen Panzern, Kn\u00fcppeln, Folter. Die Berichte von Menschenrechtsorganisationen \u00fcber die Repression in Bahrain sind Berichte des Schreckens.<\/p>\n<p><strong>Auf den Stra\u00dfen wird gefahren \u2013 in den H\u00e4usern wird gefoltert<\/strong><\/p>\n<p>Darf in einem Land wie diesem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/2012-04\/bahrain-formel-1-absage\">ein Formel-1-Rennen stattfinden<\/a>? M\u00fcssen diese Autos wirklich an H\u00e4usern vorbeifahren, in denen nach Angaben von Oppositionellen Menschen gefoltert wurden? M\u00fcssen Hunderttausende Fernsehzuschauer dem zusehen? K\u00f6nnte man nicht einfach mal verzichten, aus Protest, aus Solidarit\u00e4t mit den Gefolterten?\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/2011-02\/formel-1-bahrain-sport-diktatur-geschaeft\" target=\"_blank\">Diese Frage<\/a>\u00a0kann man auch an Mercedes oder Red Bull stellen.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident der FIA, Jean Todt, gab eine abschl\u00e4gige Antwort und begr\u00fcndete sie mit den Worten: \u00bbWir sind eine Sportorganisation. Wir interessieren uns nur f\u00fcr Sport!\u00ab Das freilich ist eine billige Ausrede, und es ist naiv. Denn Todt mag sich als Sportfunktion\u00e4r nicht f\u00fcr Politik interessieren, doch die Politik interessiert sich f\u00fcr den Sport. Besonders repressive Regime lieben es, sich in dem doch so unverd\u00e4chtigen, grellen Licht des Sports zu sonnen. Wo Sportler nach klaren Regeln ihre Kr\u00e4fte messen, da wird es doch mit rechten Dingen zugehen. Oder wollte man sich vorstellen, dass einem Mann in einem Foltergef\u00e4ngnis die Knochen gebrochen werden, w\u00e4hrend wenige Meter entfernt Sebastian Vettel siegreich \u00fcber die Ziellinie rast? Oder dass eine Frau in einem bahrainischen Kellergef\u00e4ngnis vergewaltigt wird, w\u00e4hrend man vor dem Fernseher sitzt und \u00fcber den Nationalhelden Michael Schumacher debattiert: \u00bbDer Michael, nein, der Michael h\u00e4tte auf sein Comeback doch lieber verzichten sollen!\u00ab?<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<p>In diesem Jahr werden die Formel-1-Fahrer wieder in Bahrain starten. Die Verantwortlichen der Internationalen Automobil Vereinigung FIA haben sich darauf verst\u00e4ndigt, dort wieder den Grand Prix auszurichten.<\/p>\n<\/div>\n<p>Diktaturen lieben den Sport. Die argentinische Junta war au\u00dfer sich vor Freude, als sie die Fu\u00dfballweltmeisterschaften 1978 austrug, Chinas KP benutzte die Olympiade 2008 zur weltweiten Selbstdarstellung, der wei\u00dfrussische Diktator Alexander Lukaschenko freut sich wie ein Eisk\u00f6nig, weil in seinem Land 2014 die Eishockey-Weltmeisterschaft stattfindet, und der Scheich aus Bahrain, ja, der Scheich wird Jean Todt gesagt haben: \u00bbRecht haben Sie! Sport ist Sport, und Sport muss Sport bleiben!\u00ab<\/p>\n<p>Was w\u00e4re die richtige Antwort? Soll man \u00fcberhaupt\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/2011-02\/formel1-bahrain-sport-demokratie\">keine Sportveranstaltungen in Diktaturen abhalten<\/a>? Wie immer in Fragen der Moral kann die Antwort nur konkret sein, von Fall zu Fall ist zu entscheiden. Im Falle Bahrains sollte die FIA verzichten \u2013 der Grund daf\u00fcr ist ein moralischer, aber er ist auch ein politischer.<\/p>\n<p>Dazu eine kleine R\u00fcckblende auf das vergangene Jahr. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Staunen sahen wir, wie Millionen Araber sich ihrer Despoten entledigten, der Tunesier Ben Ali st\u00fcrzte, der \u00e4gyptische Pharao Hosni Mubarak fiel, der irrlichternde Libyer Muammar al-Gaddafi fand den Tod.<\/p>\n<p>Wir feierten diese gro\u00dfe arabische Party der Freiheit mit, leicht zerknirscht, weil unsere Regierungen eben diese Despoten jahrzehntelang gest\u00fctzt hatten, doch immerhin: Es war Fr\u00fchling, Arabischer Fr\u00fchling. Und der sollte nicht gest\u00f6rt werden, schon gar nicht durch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/09\/Bahrain-Protest\">unerfreuliche Ereignisse in dem kleinen Emirat Bahrain.<\/a>\u00a0W\u00e4hrend die westlichen Regierungen sich schnell auf die Seite der rebellierenden arabischen V\u00f6lker schlugen, lie\u00df der Scheich sein f\u00fcr Freiheit und Menschenrechte demonstrierendes Volk mithilfe saudischer Truppen brutal unterdr\u00fccken. Im Westen schwieg man dazu. Dabei hatte es gerade noch gehei\u00dfen, dass Repression nicht nur falsch, sondern auch dumm sei \u2013 sie bringe auf Dauer keine Stabilit\u00e4t. Das war die Lehre des Arabischen Fr\u00fchlings.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bahrain galt sie nicht. Denn Bahrain nimmt im Geflecht westlicher Machtinteressen im Nahen Osten einen besonderen Platz ein. Hier liegt das Hauptquartier der 5. Flotte der U. S. Navy, Bahrain ist ein enger Freund des westlichen Verb\u00fcndeten Saudi-Arabien; die Mehrheit der Bahrainer sind Schiiten, weshalb sie verd\u00e4chtigt werden, die Sache des schiitischen Irans zu bef\u00f6rdern. Bahrain, das ist das schlagende Beispiel daf\u00fcr, dass die kalte Realpolitik, derer sich der Westen eben noch selbst bezichtigte, die Richtlinie seiner Politik im Nahen Osten bleibt, Arabischer Fr\u00fchling hin oder her.<\/p>\n<p>Wenn die Formel-1-Funktion\u00e4re sich durchringen k\u00f6nnten, das Rennen abzusagen, h\u00e4tten sie nicht nur den Scheich entbl\u00f6\u00dft, sondern auch die Doppelmoral westlicher Politik. Das ist viel verlangt von Sportfunktion\u00e4ren, keine Frage. Aber es ist ja auch viel verlangt, dass man stundenlang M\u00e4nnern zusehen soll, wie sie mit br\u00fcllenden Autos \u00fcber den Asphalt sausen, w\u00e4hrend nebenan gefoltert wird.<\/p>\n<p><em>Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter<\/em><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/audio\"><em>www.zeit.de\/audio<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mein Leitartikel aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT &nbsp; Formel 1 in einem Folterstaat, Eishockey bei einem Diktator? 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