{"id":1282,"date":"2012-12-07T00:00:06","date_gmt":"2012-12-06T23:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/?p=1282"},"modified":"2012-12-07T00:00:06","modified_gmt":"2012-12-06T23:00:06","slug":"das-gift-des-diktators","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/2012\/12\/07\/das-gift-des-diktators\/","title":{"rendered":"Das Gift des Diktators"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Der syrische Diktator\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2012-12\/Syrien-Krieg-Uebersicht-Islamisten-2\">Baschar al-Assad k\u00e4mpft gnadenlos um seine Macht<\/a>\u2014 aber wird er auch mit allen ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln k\u00e4mpfen?\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2012-12\/syrien-chemiewaffen-usa\">Amerikanische Geheimdienste wollen erfahren haben, dass die syrische Armee Chemiewaffen f\u00fcr einen m\u00f6glichen Einsatz vorbereitet<\/a>. Allerdings h\u00e4tten sie nicht das gesamte Arsenal \u00bbscharf\u00ab gemacht, sondern nur einen \u00bbsehr geringen\u00ab Teil davon. Aber, so lie\u00dfen Geheimdienstmitarbeiter \u00fcber die Presse streuen: \u00bbWir wissen nicht, welche Absicht dahintersteckt.\u00ab<\/p>\n<p>Obwohl die Aussagen recht nebul\u00f6s und Geheimdienstinformationen notorisch unzuverl\u00e4ssig sind, trat\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/barack-obama\/index\">US\u2013Pr\u00e4sident Barack Obama<\/a>\u00a0vor die Presse und warnte Assad: \u00bbWenn Sie den tragischen Fehler begehen, diese Waffen einzusetzen, wird dies Konsequenzen haben, und sie werden daf\u00fcr zur Verantwortung gezogen.\u00ab Eine \u00e4hnliche Warnung hatte Obama im August ausgesprochen. Der Einsatz von Chemiewaffen sei die \u00bbrote Linie\u00ab. Das syrische Regime hatte den R\u00fcckgriff auf Chemiewaffen ausgeschlossen, mit einer Ausnahme: Wenn \u00bbausl\u00e4ndische\u00ab Kr\u00e4fte sich milit\u00e4risch in\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/syrien\">Syrien<\/a>einmischten, sei dieses Mittel nicht ausgeschlossen.<\/p>\n<div>ANZEIGE<\/p>\n<div>\n<div><a href=\"http:\/\/googleads.g.doubleclick.net\/aclk?sa=L&amp;ai=BzUX0XCLBUJGOO4Xc_Abv-4CwA82S_YMDAAAAEAEgADgAUNqF135Y3ebF-kJg_YqzhLQTggEXY2EtcHViLTg1OTAwNTk5NDYxNjUzNDWyAQt3d3cuemVpdC5kZboBCWdmcF9pbWFnZcgBA9oBRGh0dHA6Ly93d3cuemVpdC5kZS8yMDEyLzUwL1N5cmllbi1Bc3NhZC1DaGVtaWV3YWZmZW4va29tcGxldHRhbnNpY2h0qQKxXU_skL-1PsACAuACAOoCKDE4My96ZWl0b25saW5lL3BvbGl0aWsvL2F1c2xhbmQvL2FydGljbGX4AoHSHpADjAaYA4wGqAMB0ASQTuAEAaAGFA&amp;num=0&amp;sig=AOD64_2bLNni7jEW2R2gAxivOVpgbDODbw&amp;client=ca-pub-8590059946165345&amp;adurl=http:\/\/www.avocadostore.de\/brands\/manduka%3Futm_source%3DZeit%26utm_medium%3DBanner%26utm_term%3DYoga%26utm_content%3DManduka%26utm_campaign%3DWinter\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pagead2.googlesyndication.com\/simgad\/10872376597596971275\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"250\" border=\"0\" \/><\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>TV-Reporter mit Gasmasken<\/strong><\/p>\n<p>Chemiewaffen und Diktatoren \u2013 das ist eine schaurige Geschichte, voll realer und imaginierter Gefahren. Wenn in der letzten Zeit ein nah\u00f6stlicher Diktator st\u00fcrzte, kam meist diese Massenvernichtungswaffe als ultimatives Schreckbild ins Spiel. Als der Libyer Muammar al-Gaddafi sich im Sommer 2011 in der Hauptstadt Tripolis gerade noch halten konnte, fragte man sich bang: Wird er Chemiewaffen einsetzen? Als die US-Armee in Fr\u00fchjahr 2003 auf Bagdad zumarschierte, sah man TV-Reporter mit am G\u00fcrtel pendelnden Gasmasken. Diese Bilder hinterlie\u00dfen beim Publikum einen bleibenden Eindruck.<\/p>\n<p>Weder Gaddafi noch Saddam Hussein haben kurz vor ihrem Fall diese f\u00fcrchterlichen Waffen eingesetzt. Wir wissen nicht, ob sie es nicht taten, weil sie dazu nicht mehr in der Lage waren oder weil sie es nicht wollten. Wir wissen aber, dass beide Chemiewaffen besa\u00dfen. Saddam Hussein hatte sie tats\u00e4chlich eingesetzt. W\u00e4hrend des Krieges mit dem Iran (1980 bis 1988) lie\u00df er iranische Truppen mit Chemiewaffen beschie\u00dfen. Im Jahr 1988 richtete er unter irakischen Kurden ein Massaker an. In der kurdischen Stadt Halabdscha starben mehr als 5.000 kurdische Zivilisten einen qualvollen Tod, weil Saddam Hussein Beh\u00e4lter mit den Nervengiften Tabun und Sarin \u00fcber der Stadt abwerfen lie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Ein Patt, den keiner anerkennen will<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/chemiewaffen\/index\">Chemiewaffen<\/a>\u00a0und Diktatoren \u2013 das ist eine gef\u00e4hrliche Kombination; gleichzeitig bieten die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/massenvernichtungswaffe\/index\">Massenvernichtungswaffen<\/a>\u00a0auch die M\u00f6glichkeit, einen Herrscher endg\u00fcltig zu delegitimieren. Einer, der um den Preis des Machterhalts in Kauf nimmt, Tausende zu vergiften, stellt sich au\u00dferhalb der Zivilisation. Der kann kein Partner mehr sein, f\u00fcr nichts und niemanden. Das ist die politische Bedeutung der Debatte um einen m\u00f6glichen Einsatz von Chemiewaffen. Trotzdem bleibt die Frage: Ist Assad so eine Tat zuzutrauen?<\/p>\n<p>Eine Antwort darauf wird weniger in der Person zu finden sein als im milit\u00e4rischen und politischen Kontext, in dem sich der Diktator bewegt.<\/p>\n<p>Die besondere Tragik des seit eineinhalb Jahren andauernden syrischen B\u00fcrgerkrieges besteht darin, dass zwar bisher keine der beiden Seiten in der Lage war, die andere milit\u00e4risch zu besiegen, dass aber gleichzeitig beide glauben, dass dies m\u00f6glich sei. Es besteht de facto ein Patt, das keiner anerkennen will. Das gilt nicht nur f\u00fcr die in Syrien K\u00e4mpfenden, es gilt auch f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen M\u00e4chte, die mitmischen. Die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/tuerkei\">T\u00fcrkei<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/saudi-arabien\">Saudi-Arabien<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/katar\">Katar<\/a>\u00a0unterst\u00fctzen die Aufst\u00e4ndischen in dem Glauben, dass mittels Gewalt ihre Interessen gewahrt werden k\u00f6nnen; der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2012-09\/syrien-iran-waffenlieferungen\">Iran unterst\u00fctzt Assad<\/a>, weil der Sturz des Diktators iranische strategische Interessen besch\u00e4digen w\u00fcrde. Aus all diesen Gr\u00fcnden gibt es keinen politischen Spielraum f\u00fcr eine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Das Bild, das sich auf dem Schlachtfeld bietet, ist das einer zunehmenden \u00bbBeirutisierung\u00ab Syriens. So wie der libanesische B\u00fcrgerkrieg (1975 bis 1990) Beirut \u00fcber viele Jahre in eine mehrfach geteilte Stadt verwandelte, so zerbr\u00f6selt auch Syrien zusehends unter den Schl\u00e4gen und Gegenschl\u00e4gen der Kriegsparteien. Die Rebellen kontrollieren Teile des Grenzgebietes zur T\u00fcrkei und zum Libanon, das Regime beh\u00e4lt in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten mehr oder weniger die Oberhand. Sp\u00e4testens seit die Aufst\u00e4ndischen im Sommer 2012 \u2013 damals \u00fcberraschend \u2013 Offensiven in Aleppo und Damaskus begannen, wechselte die syrische Armee ihre Taktik. Sie verzichtete darauf, die von Rebellen gehaltenen Stadtteile zur\u00fcckzuerobern, und setzte auf ihre Waffen\u00fcberlegenheit. Kampfbomber, Artillerie und Raketen richten seither schlimme Verheerungen an. Die Armee schl\u00e4gt ohne R\u00fccksicht zu. Wo immer sich eine Menschenansammlung im Rebellengebiet bildet, l\u00e4uft sie Gefahr, bombardiert zu werden. Assad ist nicht mehr der unumschr\u00e4nkte Herrscher Syriens, aber in der Luft ist seine Macht ungebrochen. Solange das so bleibt, wird sich die Pattsituation nicht aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Syrien ist nicht Afghanistan<\/strong><\/p>\n<p>Die Rebellen versuchen daher aus guten Gr\u00fcnden, die Lufthoheit Assads zu brechen. Sie greifen den Flughafen von Damaskus an, auch andere Flugh\u00e4fen, von denen nicht nur Kampfjets aufsteigen, sondern wohin auch die Verb\u00fcndeten Assads Nachschub schicken. Vor wenigen Tagen haben die Rebellen zum ersten Mal einen Kampfjet abgeschossen. Dabei haben sie angeblich von der Armee erbeutete Luftabwehrraketen russischer Bauart eingesetzt; m\u00f6glich ist aber auch, dass die Waffen aus dem Ausland geliefert worden sind. Luftabwehrraketen haben in j\u00fcngerer Zeit schon einmal einen Krieg entschieden: in\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/afghanistan\">Afghanistan<\/a>. Die sowjetischen Besatzer des Landes (1979 bis1989) hatten durch ihre Luft\u00fcberlegenheit die Mudschahedin an den Rand einer Niederlage gebracht. Doch dann bekamen die Rebellen die hypermoderne, leicht zu bedienende Abwehrrakete Stinger von der CIA geliefert. Die Sowjets verloren die Herrschaft \u00fcber die L\u00fcfte und bald darauf den Krieg.<\/p>\n<p>Syrien ist nicht Afghanistan, doch der R\u00fcckgriff auf die afghanische Erfahrung \u00f6ffnet den Blick f\u00fcr einen m\u00f6glichen weiteren Verlauf des syrischen B\u00fcrgerkrieges. Die Aufst\u00e4ndischen schie\u00dfen Flugzeuge ab \u2013 damit zerbricht Assads st\u00e4rkste Waffe. Was bleibt ihm also? K\u00f6nnte Assad dann zum letzten Mittel greifen? Die Antwort muss offen bleiben. Die nicht zu \u00fcberpr\u00fcfende Geheimdienstnachricht, wonach Assads Armee begonnen habe, Chemiewaffen abzumischen, passt zu den ersten Nachrichten von abgeschossenen Kampfbombern. Was Kampfbomber nicht mehr schaffen, das k\u00f6nnte sich das Regime von chemischen Kampfstoffen erhoffen: die Aufst\u00e4ndischen einzud\u00e4mmen. Den Preis daf\u00fcr hat Obama benannt. Das Pentagon hat bereits Berechnungen angestellt: 75.000 US-Soldaten br\u00e4uchte es f\u00fcr eine Intervention.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der syrische Diktator\u00a0Baschar al-Assad k\u00e4mpft gnadenlos um seine Macht\u2014 aber wird er auch mit allen ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln k\u00e4mpfen?\u00a0Amerikanische Geheimdienste wollen erfahren haben, dass die syrische Armee Chemiewaffen f\u00fcr einen m\u00f6glichen Einsatz vorbereitet. Allerdings h\u00e4tten sie nicht das gesamte Arsenal \u00bbscharf\u00ab gemacht, sondern nur einen \u00bbsehr geringen\u00ab Teil davon. 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