{"id":1288,"date":"2013-01-03T13:52:55","date_gmt":"2013-01-03T12:52:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/?p=1288"},"modified":"2013-01-03T21:56:26","modified_gmt":"2013-01-03T20:56:26","slug":"der-virus-der-erregung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/2013\/01\/03\/der-virus-der-erregung\/","title":{"rendered":"Der Virus der Erregung"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1298\" aria-describedby=\"caption-attachment-1298\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/files\/2013\/01\/Polioimpfung-540x304.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1298\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/files\/2013\/01\/Polioimpfung-540x304.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"304\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/files\/2013\/01\/Polioimpfung-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/files\/2013\/01\/Polioimpfung-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1298\" class=\"wp-caption-text\">Polioimpfung im nordwestlichen Stammesgebiet Pakistans, Juli 2012. \u00a9 Daniel Berehulak\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die folgende Geschichte handelt von der Ausbreitung eines sehr gef\u00e4hrlichen Virus&#8216;. Aber sie ist keine Medizingeschichte. Es ist ein Bericht \u00fcber die Folgen und die Natur des Krieges gegen den Terror, der seit mehr als elf Jahren im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gef\u00fchrt wird. Beginnen wir mit Mohammed Ishak, der in Pakistan Schluckimpfung gegen Polio verteilt hat, eine infekti\u00f6se Krankheit, besser bekannt unter dem Namen Kinderl\u00e4hmung. Zuletzt tat Ishak dies vergangenen Sommer irgendwo in einem Armenviertel namens Gadap in der pakistanischen Millionenstadt Karatschi.<\/p>\n<p>Es war eine besondere Zeit f\u00fcr M\u00e4nner wie Ishak. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stand nach eigener Einsch\u00e4tzung kurz davor, die Polioerkrankungen in Pakistan endg\u00fcltig auszurotten. Noch ein Prozent der Kinder fehlte, dann w\u00e4re die gesamte bedrohte Bev\u00f6lkerungsgruppe geimpft gewesen. Es w\u00e4re ein historisches Ereignis gewesen, denn Pakistan geh\u00f6rt zu den letzten drei L\u00e4ndern, in denen das Poliovirus noch h\u00e4ufig auftritt, Afghanistan und Nigeria sind die beiden anderen. Polio galt nach Pocken als die zweite Infektionskrankheit, welche die Menschheit ausrotten konnte. Mohammed Ishak durfte sich als Vork\u00e4mpfer in einer wahrlich gro\u00dfen Schlacht f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Doch es kam anders. Mohammed Ishak wurde in Gadap von einem Attent\u00e4ter angeschossen. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Nach ihm fielen weitere Kollegen Morden zum Opfer. Insgesamt kamen in den vergangenen sechs Monaten neun Impfhelfer ums Leben. Allein an zwei Tagen im Dezember starben sechs Impfhelfer, davon f\u00fcnf Frauen, zwei weitere wurden verletzt. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2013-01\/pakistan-attentat-impfprogramm\">Anfang Januar starben sieben Impfhelfer<\/a> an einem Tag im Kugelhagel der Attent\u00e4ter \u2013 sechs davon Frauen.<\/p>\n<p>Die WHO hat inzwischen die Polioimpfkampagne in Karatschi und in den Grenzgebieten zu Afghanistan eingestellt, weil sie die Sicherheit f\u00fcr die Mitglieder der Impfteams nicht mehr garantieren kann. Das Poliovirus wird es also auf absehbare Zeit weiter in Pakistan geben. Das ist nicht nur f\u00fcr Pakistan \u00e4u\u00dferst problematisch. &#8222;Solange es Polio in einem einzigen Land gibt, ist das eine Gefahr f\u00fcr alle L\u00e4nder in der Welt&#8220;, sagt der Brite David Hayman, der lange f\u00fcr das Programm der WHO zur Ausrottung von Polio gearbeitet hat. Tats\u00e4chlich sind in China erstmals seit 1999 wieder Kinderl\u00e4hmungen aufgetreten. Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass die Viren aus dem benachbarten Pakistan eingeschleppt wurden. In Afghanistan hat sich die Zahl der Neuinfektionen im Jahr 2011 verdreifacht. Der Infektionsherd: die Grenzgebiete zu Pakistan. Das Land der Taliban erscheint meist als Heimstatt wilder Krieger. Vergessen wird leicht, dass die Menschen dort vor allem in bitterster Armut und R\u00fcckst\u00e4ndigkeit leben. Polio ist ein Zeichen daf\u00fcr. Krieg ist also nur eine von mehreren Gei\u00dfeln, unter denen die Bewohner Waziristans zu leiden haben.<\/p>\n<p>Wer aber k\u00f6nnte ein Interesse daran haben, Impfhelfer zu t\u00f6ten? Wer ermordet Menschen, die Kinder vor einer schlimmen Krankheit bewahren wollen? Bis heute hat niemand f\u00fcr die Attentate auf die Impfhelfer die Verantwortung \u00fcbernommen, doch die Vermutung liegt nahe, dass es die Taliban waren. In den vergangenen Jahren haben sie mehrmals die Impfaktionen denunziert \u2013 mit abstrusen Behauptungen, zum Beispiel der, dass die Impfhelfer in Wahrheit den HI-Virus verbreiteten oder dass die Impfung das Ziel habe, muslimische Frauen unfruchtbar zu machen.<\/p>\n<p>Das lie\u00df sich in der westlichen \u00d6ffentlichkeit leicht als Obskurantismus abtun. Doch man vergisst dabei leicht: Die Taliban befinden sich in einem Krieg, der mit allen Mitteln ausgefochten wird, und zwar von allen Seiten. Anschl\u00e4ge, Folter, Selbstmordattentate, Drohnenangriffe, Spionage, Betrug. 2011 verhafteten die pakistanischen Geheimdienste einen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2012-06\/pakistan-usa-shakil-afridi\">Arzt namens Shakil Afridi<\/a>. Er hatte scheinbar auf eigene Faust eine Impfaktion in der Stadt Abbottabad begonnen \u2013 nicht gegen Polio, sondern gegen Hepatitis B. Doch die Impfungen waren nur ein Vorwand. In Wahrheit sammelte Afridi genetisches Material, das auf die Spur des damals meistgesuchten Mannes der Welt f\u00fchren sollte: Osama bin Laden. Die amerikanischen Ermittler vermuteten, dass Bin Laden in einem Haus in Abbottabad lebte. Afridi versuchte, dort wohnende Kinder zu impfen und \u00fcber diesen Weg genetisches Material zu sammeln. Wenn sie mit Osama verwandt waren, h\u00e4tte man das nachweisen k\u00f6nnen; dann w\u00e4re das zumindest ein Hinweis darauf gewesen, dass der Gesuchte auch im Haus leben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Am 2. Mai 2011 drang eine US-Spezialeinheit in das betreffende Haus in Abbottabad ein und t\u00f6tete Bin Laden. Wie wichtig war dabei die Rolle des Arztes Afridi? Washington schwieg lange dazu, aber als die britische Zeitung <em>The Guardian<\/em> Shakil Afridis Geschichte \u00f6ffentlich machte, sah man sich zu einer Stellungnahme gezwungen: &#8222;Sein Beitrag war nicht entscheidend, aber sehr wichtig.&#8220; Die pakistanischen Beh\u00f6rden verhafteten Afridi und stellten ihn vor Gericht. Er wurde zu 33 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Die Ironie daran: Afridi wurde nicht nach dem pakistanischen Staatsgesetzen verurteilt, sondern nach den in den Stammesgebieten geltenden Sondergesetzen \u2013 sie sind drakonisch und stammen aus der Zeit, als der indische Subkontinent noch britische Kolonie war.<\/p>\n<p>Aus Washington gab es heftigen Protest gegen das Urteil. Verteidigungsminister Leon Panetta setzte sich f\u00fcr Afridi ein: &#8222;Dieser Arzt hat nicht gegen Pakistan gearbeitet. Er hat gegen Al-Kaida gearbeitet, und ich hoffe, dass Pakistan das versteht.&#8220; Doch es half nichts. Afridi sitzt immer noch in Haft. Der Fall Afridi belastet nicht nur die Beziehungen zu den USA, er hat unter den Hilfsorganisationen Alarm ausgel\u00f6st. Sie f\u00fcrchten um ihren Ruf. Im Februar des Jahres 2012 schrieb InterAction, der gr\u00f6\u00dfte Dachverband amerikanischer Nichtregierungsorganisationen, einen Offenen Brief an den damaligen Chef der CIA, David Petraeus: &#8222;Die Tatsache, dass die CIA humanit\u00e4re Arbeit als Tarnung benutzt, untergr\u00e4bt die Glaubw\u00fcrdigkeit und die Integrit\u00e4t aller humanit\u00e4ren Organisationen in Pakistan.&#8220; Diese harsche Beschwerde ist nachvollziehbar. Das ist keine kleine Sache. Denn nur wenn den Helfern geglaubt wird, dass sie unabh\u00e4ngig sind, k\u00f6nnen sie ihrer Arbeit wirkungsvoll nachgehen.<\/p>\n<p>Die Toten der vergangenen Wochen belegen die ge\u00e4u\u00dferten Bef\u00fcrchtungen: Die Impfhelfer sind zu Zielscheiben geworden. Kaum war Afridi aufgeflogen, lie\u00dfen die Taliban aus der Region Waziristan verlauten, dass sie in dem von ihnen kontrollierten Gebiet keine Impfaktionen mehr zulassen w\u00fcrden. Das hatte zur Folge, dass allein in Waziristan 280.000 Kinder ohne Impfung blieben. Der Infektionsherd bleibt bestehen, mit gef\u00e4hrlichen Folgen f\u00fcr alle. Zu der Zeit, als Afridi enttarnt wurde, hatte US-Pr\u00e4sident Barack Obama den Drohnenkrieg im Grenzgebiet bereits intensiviert. Fast t\u00e4glich feuerten die unbemannten Angriffsflieger Raketen in der Gegend ab. Viele wichtige Kommandeure der Taliban und von Al-Kaida kamen ums Leben, mit ihnen aber auch Hunderte unbeteiligte Zivilisten.<\/p>\n<p>So technisch \u00fcberlegen Drohnen auch sein m\u00f6gen, ihr Erfolg h\u00e4ngt von der Qualit\u00e4t der Informationen ab, die sie \u00fcber mutma\u00dfliche Terroristen sammeln. Je mehr Drohnen im Einsatz waren, je mehr Islamisten sie t\u00f6teten, desto misstrauischer wurden die Taliban gegen jeden Ausw\u00e4rtigen, der sich in ihrem Gebiet aufhielt: Dazu geh\u00f6ren auch die Mitglieder der Impfteams. Die Taliban verd\u00e4chtigen sie, die Informationen zu liefern, welche die Raketen der Drohnen letztendlich zu ihrem Ziel f\u00fchren. Das kann man f\u00fcr paranoid halten, doch zeigt es nur, wie der Krieg gegen den Terror sich in diesen Jahren buchst\u00e4blich entgrenzt hat.<\/p>\n<p>Jeder ist zum potenziellen Feind geworden. Selbst die Gesundheit von Kindern f\u00e4llt dem gewaltsamen Kampf des Westens gegen Islamismus zum Opfer. Eine Forderung der Taliban aus Waziristan macht das deutlich: Sie verlangen die Einstellung der Drohnenangriffe \u2013 nur dann w\u00fcrden sie die Impfteams wieder arbeiten lassen. Milit\u00e4rexperten w\u00fcrden diese Drohung der Taliban als ein klassisches Beispiel f\u00fcr asymmetrische Kriegf\u00fchrung bezeichnen. Ihre waffentechnische Unterlegenheit kompensieren die Taliban mit absoluter R\u00fccksichtlosigkeit. Der waffentechnisch \u00dcberlegene steht ihnen freilich in nichts nach. Die CIA trug den Krieg selbst in die Schlafzimmer der Afghanen. Die Washington Post berichtete im Jahr 2008, dass die CIA Viagra-Tabletten an afghanische Warlords verteilte, damit sie sie mit Informationen \u00fcber die Taliban versorgten. Die Kriegsherren sollen sehr zufrieden gewesen sein, die CIA auch \u2013 die Meinung der Frauen dieser Kriegsherren ist nicht \u00fcberliefert; viele von ihnen sind minderj\u00e4hrig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die folgende Geschichte handelt von der Ausbreitung eines sehr gef\u00e4hrlichen Virus&#8216;. Aber sie ist keine Medizingeschichte. Es ist ein Bericht \u00fcber die Folgen und die Natur des Krieges gegen den Terror, der seit mehr als elf Jahren im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gef\u00fchrt wird. 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