{"id":1342,"date":"2013-02-24T07:16:45","date_gmt":"2013-02-24T06:16:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/?p=1342"},"modified":"2013-02-24T07:16:45","modified_gmt":"2013-02-24T06:16:45","slug":"ein-schein-von-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/ladurnerulrich\/2013\/02\/24\/ein-schein-von-staat\/","title":{"rendered":"Ein Schein von Staat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lampedusa<\/strong><\/p>\n<p>In der unsichtbaren Mauer, die durch das Mittelmeer gezogen wird, ist die Insel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/lampedusa\/index\" target=\"_blank\">Lampedusa<\/a>\u00a0ein Festungsturm. Armee, K\u00fcstenwache, Finanzpolizei, Carabinieri \u2013 Italien und Europa zeigen hier den unerw\u00fcnschten Ank\u00f6mmlingen ein grimmiges Gesicht. Alles scheint zu sagen: &#8222;Wir k\u00fcmmern uns. Hier herrschen Recht und Gesetz!&#8220; Diese Botschaft ist nicht nur f\u00fcr Lampedusa gedacht. Im Fr\u00fchjahr 2011 waren\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2011-05\/fluechtlinge-lampedusa-italien\" target=\"_blank\">mehr als 7.000 Fl\u00fcchtlinge auf der Insel<\/a>\u00a0untergebracht. Die Lampedusaner waren binnen k\u00fcrzester Zeit zur Minderheit auf ihrer Insel geworden. Hunderte Fl\u00fcchtlinge brachen aus dem \u00fcberf\u00fcllten Aufnahmelager aus. Es kam zu einer Rebellion. Dabei verbr\u00fcderten sich Insulaner und Fl\u00fcchtlinge. Sie begehrten gemeinsam gegen die Gleichg\u00fcltigkeit des Staates auf. Die Bilder besch\u00e4digten das Image Italiens und gaben den Populisten Nahrung. \u00dcberschwemmung, Invasion, menschlicher Tsunami \u2014\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/11\/Italien-Lampedusa-Fluechtlinge\" target=\"_blank\">Europa wird in Lampedusa \u00fcberrannt<\/a>. Damit gingen Parteien wie die<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/09\/Italien-Wahl-Lampedusa-Mailand-Predappio-Ventotene\/www.zeit.de\/2012\/16\/P-ML-Italien\" target=\"_blank\">\u00a0rechte Lega Nord<\/a>\u00a0auf Stimmenfang. Gleichzeitig hob die Klage gegen Br\u00fcssel an. Wo war Europa jetzt, da man es dringend brauchte? War Immigration nicht ein gemeinsames Problem? Lampedusa eignete sich zum Sch\u00fcren antieurop\u00e4ischer Ressentiments. Italien erschien in jenem Fr\u00fchjahr \u00fcberfordert, unf\u00e4hig und kaltherzig, und Europa war f\u00fcr die Italiener ein leerer, bedeutungsloser Begriff.<\/p>\n<p>Die Italiener werden bei den bevorstehenden Wahlen nicht nur \u00fcber das weitere Schicksal ihres Landes entscheiden; ihre Entscheidung k\u00f6nnte weitreichende Konsequenzen f\u00fcr ganz Europa haben. Aber wie europ\u00e4isch ist\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/italien\/index\" target=\"_blank\">Italien<\/a>, das sich nun als Schl\u00fcsselland des Kontinents pr\u00e4sentiert? Wie stark, wie modern ist der Staat, der jetzt unter dem Druck der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/euro-krise\/index\" target=\"_blank\">Euro-Krise<\/a>Reformen durchsetzen soll? Wie ausgepr\u00e4gt sind B\u00fcrgersinn und Respekt vor dem Recht, die f\u00fcr eine Reformpolitik nicht weniger wichtig sind als \u00f6konomische Disziplin?<\/p>\n<p>In Lampedusa zeigt der Staat seit dem Fr\u00fchjahr 2011 jedenfalls Pr\u00e4senz. Der Priester, der Lokalpolitiker, die Hoteliers, die Restaurantbesitzer, mit wem man hier auch spricht, jeder best\u00e4tigt das. Doch \u00fcberall ist auch tief verwurzeltes Misstrauen sp\u00fcrbar. &#8222;Italien&#8220;, sagt Lampedusas B\u00fcrgermeisterin Giusi Nicolini, &#8222;ist f\u00fcr mich auch die Sehnsucht, zu etwas Gr\u00f6\u00dferem zu geh\u00f6ren, zu einer demokratischen Gemeinschaft!&#8220; Aber diese Sehnsucht der B\u00fcrgermeisterin wird nicht erf\u00fcllt. Der Staat bleibt f\u00fcr die Lampedusaner ein fernes Wesen. An seinen Schaltstellen sitzt eine politische Kaste, die in erster Linie mit sich selbst besch\u00e4ftig ist.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2011-02\/fluechtlinge-italien-tunesien\" target=\"_blank\">Sie hat Uniformierte geschickt<\/a>, f\u00fcr Notf\u00e4lle stehen sie bereit. &#8222;Immigration ist keine Ausnahmesituation&#8220;, sagt Nicolini, &#8222;sie ist ein historischer Prozess, der unsere Insel vor f\u00fcnfzehn Jahre erfasst hat. Immigration ist unser Alltag, und sie wird unser Alltag bleiben.&#8220; Doch das Allt\u00e4gliche interessiert den italienischen Staat wenig. Meist \u00fcberl\u00e4sst er die B\u00fcrger sich selbst.<\/p>\n<p>Die Lampedusaner haben sich darin eingerichtet. Sie pflegen die alte italienische Kunst des Sich-Arrangierens. Die Auswirkungen sind verheerend. Lampedusa hat offiziell Unterk\u00fcnfte f\u00fcr 2.000 Touristen, in Wahrheit finden im Sommer bis zu 40.000 Platz. Die Insel, gerade mal 22 Quadratkilometer gro\u00df, ist \u00fcbers\u00e4t mit H\u00e4usern. Fast alle wurden illegal gebaut. Bis heute hat die Gemeinde keinen Bebauungsplan. Lampedusa ist so klein, dass jedem einleuchten m\u00fcsste, wie selbstm\u00f6rderisch das ist.<\/p>\n<p>Zugleich zeigt sich hier eine perverse Symbiose zwischen B\u00fcrgern und Regierenden. Die Illegalit\u00e4t ist f\u00fcr Politiker eine gewaltige Stimmenbeschaffungsmaschine.\u00a0<em>Condono<\/em>\u00a0ist der zentrale Begriff: Strafnachlass. Wer gestern noch illegal gebaut hat, dessen Haus wird heute gegen die Zahlung eines meist geringen Bu\u00dfgeldes legalisiert, dank der von der Regierung erlassenen Strafe. Das bedeutet nicht das Ende der Illegalit\u00e4t. Es wird weiter wild gebaut. Denn der Staat, der in Lampedusa so stark tut, ist in Wahrheit sehr schwach. Er ist nicht willens oder nicht in der Lage, die Gesetze durchzusetzen. Das wei\u00df jeder B\u00fcrger, das erlebt er tagein, tagaus \u2014 und er zieht daraus seine Konsequenzen. Je mehr Leute illegal bauen, desto wahrscheinlicher ist ein weiterer Strafnachlass.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/silvio-berlusconi\/index\" target=\"_blank\">Silvio Berlusconi<\/a>\u00a0ist der Politiker, der im Wahlkampf S\u00fcndern aller Art Gnade verspricht. Und die S\u00fcnder schenken ihm die Stimme, das ist die Gesch\u00e4ftsgrundlage zwischen dem Patron und seinen Klienten.<\/p>\n<p>Lampedusa ist trotz allem keine Piratenhochburg. Auch hier gibt es aufrechte K\u00e4mpfer f\u00fcr Recht und Ordnung. Giovanni Fragapane war zehn Jahre lang B\u00fcrgermeister, zwischen 1983 und 1993. Er hat ein Buch mit dem Titel\u00a0<em>Lampedusa<\/em>\u00a0geschrieben. 550 Seiten Geschichte hat Fragapane dem schroffen Stein inmitten des Meeres abgerungen. &#8222;Einen Beweis meiner Liebe&#8220; nennt er das Buch.<\/p>\n<p>Doch seine Liebe brennt nur mehr im Verborgenen, denn Fragapane hat sich zur\u00fcckgezogen, entt\u00e4uscht von den Institutionen, entt\u00e4uscht auch von den Mitb\u00fcrgern, die sehenden Auges ihre Heimat pl\u00fcndern. Es war nie jemand da, der die Insel vor Gier und Ausbeutung sch\u00fctzte. Auch die<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/organisationen\/europaeische-union\/index\" target=\"_blank\">Europ\u00e4ische Union<\/a>\u00a0blieb unt\u00e4tig. Fragapanes Vater war Fischer, ein guter Fischer, wie der Sohn sagt. Er habe es geschafft, auch bei starkem Gegenwind, in den kleinen Hafen von Lampedusa einzulaufen, was nicht jedem gelinge. Er habe Fische und Schw\u00e4mme in rauen Mengen aus dem Meer geholt. Doch heute sind die Fischgr\u00fcnde leer gefischt, die Schw\u00e4mme sind seltener geworden, die Preise verfallen. Gegen die \u00dcberfischung, sagt Fragapane, gebe es viele Verordnungen aus Br\u00fcssel. Doch geholfen h\u00e4tten sie nicht, sie seien Papierwerk geblieben. Lampedusa ist eine Au\u00dfengrenze Europas, sie wird &#8222;verteidigt&#8220; \u2013 und wenn auch nur gegen Fl\u00fcchtlinge, die auf \u00fcberf\u00fcllten Booten, geschw\u00e4cht und halb verdurstet, \u00fcbers Meer kommen. Der Festungsturm Lampedusa soll durch Wehrhaftigkeit abschrecken, doch im Inneren herrschen Gesetzlosigkeit und Schw\u00e4che.<\/p>\n<p><strong>Ventotene<\/strong><\/p>\n<p>Italien ist ein Geburtsland der Europ\u00e4ischen Union, und das hat mit einer winzigen Insel namens Ventotene zu tun. Im Jahr 1941 beugte sich hier ein Gefangener namens Altiero Spinelli \u00fcber einen grob zusammengezimmerten Tisch und arbeitete sich schreibend durch die europ\u00e4ische Geschichte. Er analysierte die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstieg des<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/faschismus\/index\" target=\"_blank\">Faschismus<\/a>, er beleuchtete die gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, die daf\u00fcr verantwortlich waren. Er war 34 Jahre alt und sa\u00df schon seit vierzehn Jahren im Gef\u00e4ngnis. Als er verhaftet wurde, war er noch Kommunist gewesen, doch vom Kommunismus hatte er sich gel\u00f6st. Die Schrecken des Stalinismus der drei\u00dfiger Jahre hatten ihn gel\u00e4utert. Er suchte einen Weg zwischen den Extremen, die Europa zerrissen.<\/p>\n<p>In der Einsamkeit Ventotenes, w\u00e4hrend\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/benito-mussolini\/index\" target=\"_blank\">Mussolini<\/a>\u00a0Italien beherrschte und sein Verb\u00fcndeter Adolf Hitler fast ganz Europa unterworfen hatte, notierte Spinelli: &#8222;Das Problem, das in erster Linie zu l\u00f6sen ist, ist die definitive Abschaffung der Nationalstaaten. Wenn das nicht gelingt, ist jeder Fortschritt unm\u00f6glich.&#8220; Spinelli entwarf eine europ\u00e4ische Ordnung f\u00fcr die Zeit nach der Niederlage von Faschisten und Nazis, die zu diesem Zeitpunkt alles andere als sicher erschien. Das Dokument wurde aus dem Gef\u00e4ngnis geschmuggelt, es zirkulierte unter Partisanen und pr\u00e4gte ihr Bild von einer friedlichen Zukunft. Noch zerfleischten sich die Europ\u00e4er gegenseitig, doch das w\u00fcrde bald eine Ende haben. Das Rezept f\u00fcr einen ewigen Frieden auf diesem blutgetr\u00e4nkten Kontinent \u2013 das war das Versprechen des\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Altiero_Spinelli\" target=\"_blank\">Manifests von Ventotene<\/a>. Darin bestand seine revolution\u00e4re Kraft. Europa als Antwort auf Faschismus und Krieg. 1941 wirkte das Manifest von Ventotene noch wie die Vision eines hoffnungslosen Tr\u00e4umers, geschrieben auf einem Eiland, das schon den alten R\u00f6mern als Insel der Verbannten bekannt war.<\/p>\n<p>Und heute? 700 Einwohner hat Ventotene im Sommer; im Winter ist es nicht einmal die H\u00e4lfte. Der Gr\u00fcndungsmythos der EU hat sich in den K\u00f6rper Ventotenes eingeschrieben: Plaketten, Inschriften, eine Bibliothek, Tagungen, Veranstaltungen \u2014 die winzige Insel will sich eine gro\u00dfe Identit\u00e4t verleihen. Sie hat ja auch eine Geschichte voller Pathos zu bieten: Europa wurde in der Gefangenschaft geboren. Die Befreiung gelang. Ein Geb\u00e4udefl\u00fcgel des Europ\u00e4ischen Parlaments in Br\u00fcssel ist nach Spinelli benannt.<\/p>\n<p>Doch der Mythos hat seine Kraft verloren. Das Pathos wirkt angesichts der gegenw\u00e4rtigen Lage schal. Rund 30 Prozent der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2012-05\/jugendarbeitslosigkeit-europa-portraets\/seite-3\" target=\"_blank\">italienischen Jugendlichen sind arbeitslos<\/a>. Sie leben in einer anderen europ\u00e4ischen Wirklichkeit, die jenseits der wohlt\u00f6nenden Rhetorik \u00fcber die Europ\u00e4ische Union liegt. Der B\u00fcrgermeister von Ventotene, Giuseppe Assenso, lebt genau auf der Grenze, an der Bruchstelle zwischen diesen beiden Welten. Er steht als Lokalpolitiker mittendrin in dem von der Wirtschaftskrise gesch\u00fcttelten Italien \u2013 und gleichzeitig pflegt und poliert er als B\u00fcrgermeister Ventotenes die Oberfl\u00e4che Europas.<\/p>\n<p>Da das Wetter umzuschlagen droht und die n\u00e4chsten F\u00e4hren wahrscheinlich nicht mehr auslaufen k\u00f6nnen, ist Assenso von Ventotene auf das Festland in die Stadt Formia gekommen, um zu reden. Im b\u00fcrgerlichen Caf\u00e9 Tirreno spricht er in eleganten Worten von seinen europ\u00e4ischen \u00dcberzeugungen. Als aber der Name\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/mario-monti\/index\" target=\"_blank\">Mario Monti<\/a>\u00a0f\u00e4llt, des europ\u00e4ischsten aller Spitzenkandidaten bei dieser Wahl, sagt er knapp: &#8222;Er hat uns nur gepeinigt! Er hat von uns nur genommen und uns nichts gegeben!&#8220; Monti, der Europ\u00e4er, ist f\u00fcr Assenso eine Fehlbesetzung. Er bevorzugt offenbar einen anderen Kandidaten: Berlusconi, ausgerechnet\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2013-02\/italien-wahl-berlusconi\" target=\"_blank\">den Mann, den Europa am meisten f\u00fcrchtet<\/a>.<\/p>\n<p>&#8222;Berlusconi ist der einzige Kandidat, der den Italienern Hoffnung gibt!&#8220;<\/p>\n<p>Aber er macht seit zwanzig Jahren Versprechungen!<\/p>\n<p>&#8222;Alle anderen sprechen nur in d\u00fcsteren Worten \u00fcber unsere Lage. Er nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Berlusconi hat\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/04\/Italien-Berlusconi-Wahlkampf\" target=\"_blank\">ein gro\u00dfes Publikum<\/a>, das bereit ist, ihm zu glauben. In dem, was B\u00fcrgermeister Assenso sagt, dr\u00fcckt sich auch die politische Kultur des Landes aus. Sie ist gepr\u00e4gt von einer weit verbreiteten Vergesslichkeit. Sie hat die Erinnerung an Berlusconis nicht gehaltene Versprechungen verblassen lassen \u2013 genauso wie die Erinnerung an die gro\u00dfe europ\u00e4ische Tradition Italiens. Diese Amnesie verbindet sich mit dem Glauben, immer irgendwie durchkommen zu k\u00f6nnen. Mit Geschick, Schl\u00e4ue und Kreativit\u00e4t l\u00e4sst sich angeblich jedes Schicksal meistern. Auch das hat mit dem abwesenden, schwachen Staat zu tun, der zwar Regeln setzt, aber sie nicht durchsetzen kann und dies vielleicht auch nicht will. Wo der Staat nicht ist, muss sich der B\u00fcrger selbst zu helfen wissen. Die Euro-Krise hat den italienischen Staat zum Handeln gezwungen, angef\u00fchrt von Mario Monti, griff er in Bereiche ein, die normalerweise unbehelligt blieben: die Steuerhinterziehung zum Beispiel. Die Gegenreaktion aus dem &#8222;staatsfreien&#8220; Raum lie\u00df nicht auf sich warten: Sie nahm die Gestalt von Silvio Berlusconi an.<\/p>\n<p><strong>Predappio<\/strong><\/p>\n<p>Im schummrigen Licht der Krypta f\u00fcr den faschistischen Diktator\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/benito-mussolini\/index\" target=\"_blank\">Benito Mussolini<\/a>\u00a0knien Pilger, sie sprechen ein Gebet, verharren in Stille und tragen dann in ein dickes G\u00e4stebuch, das auf einer italienischen Nationalflagge aufgeschlagen liegt, ihre Gedanken ein. Was bewegt sie? Wenn man die Summe der vielen Eintr\u00e4ge zu ziehen versucht, dann ist es der brennende Wunsch nach klaren Verh\u00e4ltnissen, nach jemandem, der aufr\u00e4umt und den Weg frei macht, damit wieder Gro\u00dfes unternommen werden kann: &#8222;Gott gebe uns einen Mussolini, nur f\u00fcr einen Monat!&#8220;<\/p>\n<p>Predappio ist seit vielen Jahrzehnten der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/reisen\/2012-07\/comer-see-mussolini\" target=\"_blank\">Wallfahrtsort f\u00fcr Neofaschisten<\/a>. In einer ganzen Reihe von Gesch\u00e4ften k\u00f6nnen sich Mussolinis Anh\u00e4nger mit Devotionalien eindecken. B\u00fcsten des Duce sind der Renner. Auch T-Shirts mit aufgedruckten martialischen Spr\u00fcchen verkaufen sich gut. Hier kann man in einem Laden mit dem Namen &#8222;Ultima Bandiera&#8220; (Die letzte Fahne) die zweite Ehefrau des j\u00fcngsten Sohnes von Mussolini treffen und sich von ihr die Vorz\u00fcge des leider, leider verstorbenen Duce darlegen lassen; man kann mit ihr am Grab Mussolinis stehen und ihr zusehen, wie sie betet und sich Tr\u00e4nen aus den Augenwinkeln wischt. In der kalten, d\u00fcsteren Krypta wirkt sie wie ein Gespenst, wie ein Wesen aus einer anderen Zeit.<\/p>\n<p>Doch diese Zeit will nicht vergehen. Als Berlusconi 1994 in die Politik eintrat, lobte er ausdr\u00fccklich die neofaschistische Partei. Sp\u00e4ter bildete er mit ihr eine Koalition. Mussolini ist ein Untoter, der in seinem Geburtsort Predappio und in ganz Italien seit geraumer Zeit umgeht. Neu ist heute der Kontext. Es herrscht die tiefste Krise der europ\u00e4ischen Nachkriegszeit, und, wie es einer in Predappio ausdr\u00fcckt: &#8222;Krisen kennen wir in Italien viele, sie hatten alle ein Ende. Doch diese hier scheint ohne Ausgang!&#8220; Die empfundene Perspektivlosigkeit l\u00e4hmt die Gedanken und n\u00e4hrt die Sehnsucht nach einfachen L\u00f6sungen. Die durch die Euro-Krise beschleunigte,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/geldanlage\/2011-12\/Monti-sparpaket\" target=\"_blank\">schmerzhafte Modernisierung<\/a>\u00a0Italiens erzeugt einen Fluchtreflex \u2014 auch in eine d\u00fcstere Vergangenheit.<\/p>\n<p>Das hat Silvio Berlusconi verstanden. Ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag, bei der Einweihung eines Mahnmals in Mailand, sagte er: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/06\/Italien-Wahlkampf-Neofaschismus\" target=\"_blank\">Mussolini hat auch viel Gutes getan!<\/a>&#8220; Die Emp\u00f6rung war gro\u00df, doch die Botschaft war abgesetzt. Sie kommt bei vielen an. Das hat auch der Komiker und Neu-Politiker Beppe Grillo begriffen. Er lud die Aktivisten der neofaschistischen Organisation &#8222;Casa Pound&#8220; zur Zusammenarbeit mit seiner Bewegung ein. Benito Mussolini bewegt also immer noch eine ganze Menge Stimmen.<\/p>\n<p>Das Predappio Mussolinis ist kein sch\u00f6ner Ort, doch es gibt noch ein anderes Predappio, das urspr\u00fcngliche Dorf, ein paar H\u00e4user auf einem steilen H\u00fcgel, die sich im Schatten einer mittelalterlichen Burg ducken. Sympathien f\u00fcr Mussolini \u00e4u\u00dfert hier niemand; tats\u00e4chlich hat Predappio mit gro\u00dfer Mehrheit einen linken B\u00fcrgermeister gew\u00e4hlt, Giorgio Frassineti vom sozialdemokratischen Partito Democratico. Er ist ein kleiner, kugelrunder Mann, wendig wie eine Katze. Er liebt es, B\u00fcrgermeister von Predappio zu sein. Das sei eine besondere Aufgabe. Er muss sich immer nur mit den Worten &#8222;Ich bin der B\u00fcrgermeister von Predappio&#8220; vorstellen, um entweder eine gewisse Verst\u00f6rung auszul\u00f6sen \u2013 oder helle Begeisterung. Das Spiel mit den Zuschreibungen am\u00fcsiert ihn pr\u00e4chtig.<\/p>\n<p>&#8222;Predappio hat nun einmal diese Geschichte, die kann man nicht ausl\u00f6schen!&#8220; Das sagt er als einer, der in seiner politischen Biografie au\u00dfen links begann und heute links der Mitte gelandet ist. &#8222;Es gibt viele junge Leute, die zur Krypta Mussolinis pilgern. Ich rede mit denen. Ich finde es schrecklich, wenn sie dem Faschismus nachh\u00e4ngen. Doch man muss sie ernst nehmen. Denn sie stellen sehr oft die richtigen Fragen: Warum habe ich keine Arbeit? Warum habe ich keine Zukunft? Warum werden wir betrogen? Warum stiehlt die Elite so schamlos? Warum sollten wir nicht Nationalisten sein? Wozu sind wird \u00fcberhaupt Europ\u00e4er, wenn es uns nichts bringt? Wozu taugt diese Demokratie \u00fcberhaupt?&#8220;<\/p>\n<p><strong>Mailand, Bocconi-Universit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude der privaten Wirtschaftsuniversit\u00e4t Bocconi ist ein verschachtelter Bau aus Sichtbeton, der durch viel Glas Transparenz vermittelt, gleichzeitig aber k\u00fchle, \u00fcberlegene Macht ausstrahlt. Hier wird die Elite Italiens ausgebildet. Mario Monti war einmal Rektor der Bocconi-Universit\u00e4t. Als er im Herbst 2011\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2011-11\/monti-ministerpraesident-italien\" target=\"_blank\">in \u00e4u\u00dferster Not zum Ministerpr\u00e4sidenten ernannt wurde<\/a>, holte er fast alle seine Minister von dieser Hochschule. &#8222;Es ist eine der St\u00e4rken der Bocconi&#8220;, sagt ihr heutiger Rektor Andrea Sironi, &#8222;der \u00f6ffentlichen Verwaltung Personal zur Verf\u00fcgung zu stellen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Welt scheint an der Bocconi noch in Ordnung zu sein. 94 Prozent aller Absolventen finden nach ihrem Abgang Arbeit, auch jetzt, in Zeiten der Krise, sind sie noch begehrt. Die Zahl der Studenten aus aller Welt ist ziemlich hoch, was f\u00fcr italienische Universit\u00e4ten etwas Besonderes ist. Denn sie haben einen schlechten Ruf, sie sind unterfinanziert, sie haben wenig Lehrpersonal von hoher Qualit\u00e4t, und wer sie absolviert, muss sich h\u00e4ufig in das\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2012-08\/italien-arbeitslosigkeit-akademiker\" target=\"_blank\">Heer der jugendlichen Arbeitslosen<\/a>\u00a0einreihen \u2013 oder er fl\u00fcchtet ins Ausland. Die besten K\u00f6pfe verlassen Italien, das ist bereits seit Jahren ein Problem. Inzwischen gehen viele schon gar nicht mehr an die Universit\u00e4t. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Erstsemesterstudenten landesweit um 58.000. Die Nachricht platzte wie eine Bombe mitten in den Wahlkampf.<\/p>\n<p>Die Bocconi ber\u00fchrt all die Aufregung auf den ersten Blick nicht. &#8222;Wir konzentrieren uns darauf, unsere Arbeit so gut wie m\u00f6glich zu machen&#8220;, sagt Rektor Sironi und wirkt dabei wie der Kapit\u00e4n eines Luxusschiffes, das jeden noch so heftigen Sturm \u00fcberstehen kann. Dabei ist gewiss auch den Professoren der Bocconi nicht entgangen, dass die einj\u00e4hrige Regentschaft ihres ehemaligen Rektors im besten Falle als durchwachsen betrachtet werden kann. Monti hat erfahren m\u00fcssen, dass es nicht reicht, sich als ein Techniker zu verstehen und sich nur der Sache verpflichtet zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger Monti regierte, je h\u00e4rter er durchgriff, desto mehr politische Zustimmung ben\u00f6tigte er, im Parlament, aber auch in der \u00d6ffentlichkeit. Als guter Politiker h\u00e4tte er viel \u00dcberzeugungsarbeit leisten m\u00fcssen \u2013 doch das tat er nicht, oder er begann zu sp\u00e4t damit. Vermutlich war er von der Richtigkeit seiner Sache zu sehr \u00fcberzeugt, sie erschien ihm evident. Darin ist auch ein Abglanz einer Eliteuniversit\u00e4t zu erkennen, die mit der Mehrheit der Leute, dem &#8222;einfachen Volk&#8220;, zumindest fremdelt. Sie spricht die Sprache derer nicht, die drau\u00dfen vor dieser Zitadelle des Wissens und der Macht versuchen, mit tausend M\u00fchen durch die Krise zu kommen. &#8222;Wir sehen die ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung&#8220;, sagt Rektor Sironi. Aber selbst wenn er recht h\u00e4tte \u2013 wer h\u00f6rt das drau\u00dfen auf dem Politbasar, wo der Traumverk\u00e4ufer Silvio Berlusconi auf der B\u00fchne steht? Vernunft allein schafft keine Mehrheiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lampedusa In der unsichtbaren Mauer, die durch das Mittelmeer gezogen wird, ist die Insel\u00a0Lampedusa\u00a0ein Festungsturm. Armee, K\u00fcstenwache, Finanzpolizei, Carabinieri \u2013 Italien und Europa zeigen hier den unerw\u00fcnschten Ank\u00f6mmlingen ein grimmiges Gesicht. Alles scheint zu sagen: &#8222;Wir k\u00fcmmern uns. Hier herrschen Recht und Gesetz!&#8220; Diese Botschaft ist nicht nur f\u00fcr Lampedusa gedacht. 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