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28. Juli 2022 – Ausgabe 31

 

Leserbriefe zu „Amnesty hat ein Antisemitismus-Problem“ von Lea de Gregorio

 

Wenn ich diese Mail schreibe, so schreibe ich sie eigentlich an mich selbst: Ausdruck meiner Hilflosigkeit und meiner offenen Fragen. Aber genauso habe ich den Artikel von Lea De Gregorio erlebt: ein Ringen mit offenen Fragen. Ich bin keine Antisemitin, das ist schon deswegen unmöglich, weil ich Christin bin, und der Rabbi Jesus von Nazareth war nun mal Jude. Zugleich aber kann ich das, was Israel mit seinen palästinensischen Nachbarn und mit den arabischen Bürgern in seinem Land macht, nicht verstehen und gutheißen.

Es muss jetzt fast fünfzig Jahre her sein, dass ich (es könnte im „Spiegel“ gewesen sein) einen Bericht über ein Lager mit palästinensischen Jugendlichen im Grenzgebiet Israels las. Israel war vorgeworfen worden, diesen Jugendlichen gegenüber Gewalttätigkeit zugelassen zu haben, und die Vereinten Nationen hatten eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe gefordert.

Da Israel den Zugang zum Lager und die Untersuchung verweigert hatte, konnte der Sprecher der UNO nur resigniert feststellen, dann müsse Israel eben damit leben, dass die Vorwürfe nicht ausgeräumt seien. Der Autor, der den Artikel geschrieben hatte, kommentierte in Bezug auf diese Jugendlichen: ‚ Da wächst eine gefährliche Wut heran, vor der man Angst haben muss, wenn sie sich entlädt.‘

Der Artikel, wie gesagt, erschien vor ungefähr fünfzig Jahren, ich rate nur noch, in welcher Zeitung, und warum mir gerade dieser Bericht im Gedächtnis geblieben ist, weiß ich beim besten Willen nicht. Jetzt denke ich: Dass ich diesen Bericht nicht vergessen habe, war zu meinem Schaden, denn er hat möglicherweise meine Sicht auf die Situation von Israel und Palästina zu einseitig gelenkt. „Sind die Früchte aus Israel ?“ pflege ich mich am Obststand zu erkundigen und:

“ Ich kaufe keine Früchte aus gestohlenem Wasser !“ Denn das habe ich gelesen, dass Israel Wasser aus dem Jarden ableitet, um seine Avocado- Felder zu bewässern, den Palästinensern aber das Wasser zumisst. Wenn nach meiner Äußerung die erstaunten Blicke zu schrägen werden, füge ich hinzu: “ Ich bin keine Antisemitin, denn auch die Palästinenser sind Semiten.“

Was ist richtig, was ist falsch ? Ich weiß es nicht mehr. Die Palästinenser genießen die Sympathie der Schwächeren, denn gegen das hochgerüstete Israel haben sie militärisch keine Chance. Unschuldslämmer sind sie nicht, denn sie schaffen es nicht, die gewaltbereite Hamas zu entmachten. ‚ Sie wären mit ihren Forderungen längst am Ziel‘ denke ich manchmal, ‚ wenn sie wie einst Gandhi ihre Forderungen in gewaltloser Form vorbrächten! ‚ . Aber wer bin ich, zu wissen, wie man Forderungen gewaltlos vorbringt ? Und wie kann man gewaltlos handeln, wenn Verletzung immer wieder Wut hervorbringt und Wut Verletzung ?

Schnell weggucken, denke ich, schnell den Blick von dieser ausweglosen Situation abwenden, denn ändern kann ich nichts ! Und wie mir scheint es vielen Menschen zu gehen, nicht zuletzt den wohlmeinenden Politiker*innen, die sich überhaupt noch in das Konfliktgebiet hinein trauen, auch sie spüren ihre Hilflosigkeit. ‚Er verspricht Geld‘ , hörte ich letztens als resigniertes Echo auf den Besuch von Präsident Biden im Palästinenser- Gebiet. Geld, wenigstens das !

Aber „Geld“ , sagten interviewte Palästinenser im Fernsehen, „Geld löst nicht unsere Probleme nicht.“ Die härtesten Kritiker der Politik Israels sind Israeli, heißt es. Sind sie Antisemiten ? Die Frage ist blödsinnig, ich weiß. Aber wann ist man ein Antisemit ? Die Politik Israels gutheißen kann ich nicht. Ich stehe wie wahrscheinlich alle, die mit der Situation befasst sind, mit meinen hilflosen Fragen da und weiß keine Antwort. Und das Traurige ist, denke ich mir, dass auch die “ Falken“ in Israel, die immer wieder ein hartes Vorgehen gegen die Palästinenser fordern, letztlich hilflos sind. Denn Gewalt löst nun mal keine Probleme, ebensowenig wie Geld. – Ursel Heinz

 

Danke für Ihren eindrücklichen Erlebnisbericht, der schon in den ersten Sätzen durchblicken lässt, in welche Richtung das läuft. Der AI-Bericht „Israel’s Apartheid against Palestinians“ ist nun also der Beweis dafür, dass AI antisemitisch eingestellt ist. Ich habe mir den Bericht durchgelesen. Ich will nicht leugnen, dass dieser „Bericht“ einseitig die Interessen des Palästinensischen Volkes vertritt. Gleichermaßen sind auch immer wieder UN-Resolutionen bezüglich des Selbstbestimmungsrechts des Palästinensischen Volkes Israel-unfreundlich, weil sie die Sicherheitsinteressen Israels in ihren Texten nicht ausreichend berücksichtigen.

Und selbst prominente EU-Staaten stimmen diesen Resolutionen zu. 14 Anti-Israel-Resolutionen der UNO 2021 – und vier gegen alle anderen Länder zusammen (mena-watch.com) Natürlich spielt dabei eine Rolle, welche Entwicklungen diese Organisationen durchgemacht haben und in welcher Verfassung sie sind. Sie haben sich in Ihrer Analyse des 3-D-Tests (Natan Scharansnsky: dämonisieren, delegitimieren, doppelte Standards) bedient. Dem stimme ich grundsätzlich zu. Mein Einwand: Ich bin Jahrgang 1957 und habe in der Schule und in meiner elterlichen Erziehung (sozialdemokratisch dominiert) einiges über die Vernichtung der Juden im Dritten Reich gelernt. Es gab zahlreiche Besuche in Gedenkstätten:

Dachau, Theresienstadt, jüdische Viertel im Baltikum, Wien, Prag, einige Besuche in jüdischen Einrichtungen. Als herausragend positiv möchte ich dabei eine Ausstellung in Wien nennen, die vor allem das positive Wirken jüdischer Persönlichkeiten in Kultur und Sozialpolitik darstellt. Natürlich habe ich über die Jahre auch gelernt, wie wichtig jüdische Kulturschaffende für die europäische Entwicklung waren und sind.

Vor kurzem hörte ich im Deutschlandfunk eine interessante und auch sehr schöne Sendung über den Musiker Ernst Bachrich, die leider auch einen erschütternden Kern hatte. https://www.deutschlandfunk.de/musica-reanimata-wofuer-steht-ernst-bachrich-dlf-78493f40-100.html leider ist der Link nicht mehr zielführend. Aber es gibt einen guten Ersatz: Ernst Bachrich – ein Portrait – Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland (cjz-siegen.de) hier ist ein Video aufrufbar mit dem Musiker Alexander Breitenbach, der über die musikalische Welt Bachrich’s und sein über Tod hinaus wirksames Leben Auskunft gibt – auch dies eine Kunstwerk. Ein Lieblings-Schriftsteller für mich ist übrigens Franz Kafka, von dem ich hier eine sehr tiefsinnige und schöne Passage aus einer Biografie erwähnen möchte – gar nicht kafkaesk:

„In unserem Gotteshaus lebt ein Tier in der Größe etwa eines Marders. Es ist oft sehr gut zu sehen, bis auf eine Entfernung von etwa zwei Metern duldet es das Herankommen der Menschen. Seine Farbe ist ein helles Blaugrün. Sein Fell hat noch niemand berührt, es lässt sich also darüber nichts sagen, fast möchte man behaupten, dass auch die wirkliche Farbe des Felles unbekannt ist, vielleicht stammt die sichtbare Farbe nur vom Staub und Mörtel die sich im Fell verfangen haben, die Farbe ähnelt ja auch dem Verputz des Gebäudeinnern, nur ist sie ein wenig heller. …

Die Männer kümmern sich nicht um seine Anwesenheit und die Mehrzahl der Frauen wäre wahrscheinlich unglücklich wenn es verschwände. … Der Gottesdienst mit seinem Lärm mag ja für das Tier sehr erschreckend sein, ….diese Angst…. Ist es die Erinnerung an längst vergangene oder die Vorahnung künftiger Zeiten? Weiß dieses alte Tier vielleicht mehr, als die drei Generationen, die jeweils in dem Gotteshaus versammelt sind? … Vor vielen Jahren, so erzählt man, soll man wirklich versucht haben, das Tier zu vertreiben. Es ist ja möglich dass es wahr ist, wahrscheinlicher aber ist es, dass es sich nur um erfundene Geschichten handelt.

Nachweisbar allerdings ist, dass man damals vom religionsgesetzlichen Standpunkt aus die Frage untersucht hat, ob man ein solches Tier im Gotteshause dulden darf. Man holte die Gutachten verschiedener berühmter Theologen ein, die Ansichten waren geteilt, die Mehrheit war für die Vertreibung und Neueinweihung des Gotteshauses, aber es war leicht von der Ferne zu dekretieren, in Wirklichkeit war es ja unmöglich, das Tier zu vertreiben.“ Die immer zahlreicheren Meldungen über Antisemitismus nehme ich ernst. Allerdings tragen sie meiner Meinung nach in ihrer Art nicht zur Lösung der Probleme bei. Für mein Empfinden steigern sie gegenseitige Feindseligkeiten, weil sie meistens ihre Gegner einseitig porträtieren.

Dabei spielt auch eine Rolle, von wem die Antisemitismus-Vorwürfe stammen und ob sie in erster Linie der Legitimierung der israelischen Sicherheitspolitik dienen (so berechtig diese sein mag). Ich nehme dabei eine gewisse Militanz wahr, die mich ermüdet. Um es kurz zu machen, mir wäre ein Pro-Semitismus lieber, er wirkt viel anziehender, vor allem wenn er nicht nur das traditionelle jüdisch-religiöse Leben beschreibt und so eher in die Orthodoxie führt.

Zuletzt noch ein aus meiner Sicht ausgeglichener Beitrag eines Künstlers, der sich politisch zu Wort meldet, und doch wohlmeinend nicht als Politiker agiert: Harald Martenstein: „60 Jahre Israel“. Ich habe dieses Video viele Jahr lang immer wieder Freunden gezeigt. Jetzt ist es spurlos aus dem Internet verschwunden. – Schade. – Uwe Mannke

 

Eigenartige Zeiten in der „Zeit“. Befindlichkeitsorientierte Behauptungen statt Recherche. Wer Wirklichkeit dokumentiert und die Wahrheit über die „ethnokratische Demokratie“ Israel sagt, wird des Antisemitismus verdächtigt. Wenn es so einfach wäre. Wann bringt die „Zeit“ den Artikel „10 Möglichkeiten den Staat Israel zu kritisieren ohne von Volker Beck des Antisemitismus verdächtigt zu werden“? – Fred Sobiech

 

Moshe Zuckermann – sinngemäß: „Nicht alle Juden sind Zionisten. Nicht alle Zionisten sind Israelis. Nicht alle Israelis sind Juden.“ In diesem Sinne ist es sinnvoll: Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik voneinander zu trennen. Das könnte den Kopf klarer machen. Besonders Israelkritik und Antisemitismus werden ständig vermischt.

Wenn jede Israelkritik als antisemitisch bezeichnet wird , wird der Begriff Antisemitismus inflationär missbraucht und damit letztendlich, in seiner wichtigen Bedeutung, entwertet. Ein unausgewogener Bericht mag Anlass zur Kritik sein, antisemitisch ist er deswegen noch nicht. Unausgewogenheit gibt es in der Berichterstattung über andere Politikfelder auch und sie wird i.d.R. als Meinungsfreiheit toleriert, Ein Delegitimieren des Staates Israel ist allerdings antisemitisch. – Petra Harink

 

Der Artikel von Lea de Gregorio, in dem sie bei Amnesty International vorhandenen Antisemitismus thematisiert, ist leider und in der Tat realistisch. Ich bin im Jahre 1994 nach dem verheerenden Asylkompromiss, dem auch die SPD zugestimmt hatte, zu Amnesty gekommen, weil ich dort ein konsequentes Eintreten für Geflüchtete erwartete und dies auch zutraf. Die SPD hatte ich zu diesem Zeitpunkt eben wegen ihrer Asylpolitik nach fast 25 Jahren Mitgliedschaft verlassen. Inzwischen bin ich wieder in diese Partei eingetreten, weil sie als Bollwerk gegen rechts streitet. Leider muss ich den Bericht von Lea de Gregorio über das Antisemitismus-Problem bei Amnesty heute bestätigen.

Denn die Auffassungen in unserer Neuwieder Amnesty-Gruppe sind bei einigen Mitgliedern auch so gelagert, dass bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in Israel, an denen Palästinenser und israelische Jüdinnen und Juden teilnehmen, ohne Überprüfung zunächst einmal Jüdinnen und Juden die Schuld hierfür unterstellt wird. Für mich als Freund des Staates Israel ist das oftmals eine Provokation und ich bin heilfroh, dass in der Neuwieder Gruppe von Amnesty zumindest ein Konsens darüber besteht, bei unseren Aktionen das Thema „Israel“ nicht anzusprechen.

Der auch von de Gregorio genannte Bericht der AI-Zentrale in London ist auch meiner Meinung nach eine Zumutung und Ausdruck eines tief sitzenden israelbezogenen Antisemitismus. Vor vielen Jahren war in der Zeitschrift „konkret“ zu lesen, dass von vielen Amnesty-Mitgliedern jeden Tag das Gebot „Unsere tägliche Israel-Kritik gib uns heute“ gesprochen wird. Auch ich könnte auf die Barrikaden gehen, wenn ich manches Geschwafel über Israel sowie Schuldzuweisungen gegenüber dem jüdischen Staat höre. Und leider ist es auch so, dass hier mit sehr viel Unkenntnis, ja, ich muss auch sagen, Ignoranz, Arroganz und Dummheit gesprochen wird.

Die Vorwürfe, die Lea de Gregorio gegenüber vielen Amnesty-Protagonisten macht, sind zutreffend. Sollte sich die Israel-Hetze in vielen Teilen von Amnesty fortsetzen oder multiplizieren, sähe auch ich mich vor die Frage gestellt, ob ich diese eigentlich segensreiche Organisation, die 1977 den Friedensnobelpreis erhielt und Anfang der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in der Bundesrepublik Gründer und Förderer wie die bekannten Journalisten Carola Stern und Gerd Ruge hatte. Ich werde jedenfalls mein Gewissen immer wieder überprüfen, inwieweit die aktive Teilnahme bei Amnesty sich noch mit meiner Grundüberzeugung und der Freundschaft zum Staate Israel vereinbaren lässt.

Klar ist, dass mein Eintreten für die Existenz des Staates Israel nie verhandelbar sein wird. Eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts im Sinne der Zwei-Staaten-Lösung kann nur erfolgen, wenn der 1948 gegründete israelische Staat in Frieden und Sicherheit leben kann. Und da passen weder Hamas-Geschosse noch eine fehlgeleitete palästinensische Politik, die mit Gewalt einhergeht, dazu. Ich würde es begrüßen, wenn diese Einsicht sich auch bei der Amnesty-Zentrale in London durchsetzen würde. – Manfred Kirsch

 

Was ist antisemitisch daran, wenn sich jemand gegen Entrechtung, Misshandlung und Unterdrückung wehrt oder sich dafür einsetzt, dass dem ein Ende bereitet wird. De Gregorios Text arbeitet mit allen journalistischen Tricks: Bekannte hätten sie auf den Antisemitismus aufmerksam gemacht, die Recherche sei ein Opus magnum, der Begriff Apartheid sei antisemitisch, usw. Ich bin nicht antisemitisch und begrüße es, das Juden sich in Deutschland niederlassen und bin mir bewusst, welchen menschlichen und kulturellen Verlust wir durch die Nazi-Verbrechen zu beklagen haben. Aber ich sehe grade, dass durch die deutschen Untaten erst die Entstehung Israels erreicht wurde, die soviel Leid über die Palästinenser gebracht hat. – Hartmut Bernecker

 

Lea de Gregorio bringt die Problematik behutsam auf den Punkt und zeigt zugleich auf, dass es einiger Mühe bedarf, den Bericht von AI zur Situation Palästinas zu hinterfragen. Wem sind denn schon die 3D Prüfungskriterien bekannt? Jeder, jede sollte tunlichst diese Kriterien seiner, ihrer Überlegung zugrunde legen. Es muss nicht die verbale Keule eines Maxim Biller geschwungen werden, es reicht aus, sich den Argumenten von Prof. Mendel gegenüber zu öffnen. So wird der Blick auf die staats- und menschenrechtliche Lage in Israel und in den palästinensischen Gebieten etwas weniger verstellt und einseitig.

Wie wach und aufmerksam wir sein müssen, zeigt die unverhohlene Darstellung antisemitischer Darstellungen und Präsentationen auf der aktuellen Documenta und der kopflose Umgang mit diesem Problem. Die recht weit verbreitete Akzeptanz der BDS Ansichten gerade bei linken Intellektuellen zeigt doch, wie sich schleichend Antisemitismus in unserer Gesellschaft ausbreitet. Wie sagt die Autorin zu Recht? Zu einem Konflikt gehören immer mindestens zwei. Wie recht sie damit doch hat. – Karl Stengler

 

Welche journalistischen Ansprüche darf ich an einen Beitrag in einem Qualitätsmedium stellen – Information, Aufklärung, Analysen? Nichts von dem ist zu finden in Lea de Gregorios Artikel, der Amnesty Antisemitismus vorwirft. Stattdessen subjektive Stimmungsmache, die eigene Befindlichkeit im Zentrum, undefinierte Antisemitismusvorwürfe. Warum ist der Text so ganz anders als die Beiträge der Autorin in der taz, der ZEIT und dem Tagesspiegel? Schade – eine vertane Chance objektiver Auseinandersetzung mit der ai-Untersuchung. Wer daran Interesse hat, sei auf den Artikel der Nahostexpertin Muriel Asseburg der Stiftung Wissenschaft und Politik verwiesen „Amnesty International und der Apartheid-Vorwurf gegen Israel“ vom 22.02.2022. – Klaus Kern

 

Nein, der Titel des Artikels ist irreführend, meiner Ansicht nach hat die Autorin ein „Menschenrechts-Problem“! Denn den Kampf dafür hat sich amnesty international seit Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben, und den Friedensnobelpreis bekam die Organisation seinerzeit auch deswegen, weil sie immer politisch neutral geblieben ist, auch nie politische Forderungen erhoben hat, sondern ausschließlich die Verbrechen gegen die Menschenrechte benannt hat. Genau das tat und tut ai im Fall der objektiven israelischen Besatzungs- und Diskriminierungspolitik, seit mindestens 25 Jahren.

Ob man den Begriff „Apartheid“ benutzt oder nicht ist irrelevant; die ethnische (und damit im Grunde rassistische) Ungleichbehandlung ihrer Staatsbürger ist verfassungsrechtlich dort tatsächlich objektiv dokumentiert. ai zu unterstellen, sie würde das Existenzrecht Isarels in Frage stellen ist geradezu abenteuerlich und an den Haaren herbeigezogen. Der eigentliche Skandal ist doch, dass alle westlichen Regierungen hier versagen und bis auf vorsichtige und unverbindliche (und völlig wirklungslose) Appelle nichts tun, um dem völkerrechtswidrigen und menschenrechtsverachtenden Verhalten der israelischen Regierung Einhalt zu gebieten. Und warum?

Weil es ja den „Holocaust“ gab, der dafür sorgt, dass Israel mit anderem Maßstab gemessen wird als andere Länder und Regierungten mit ganz ähnlicher Politik in der Vergangenheit (Paradebeispiel: Südafrika!). Nein, Frau de Gregorio, nicht immer „gehören zu einem Konflikt zwei“, d.h. zwei Verantwortliche, wie Sie unterstellen. Im Fall Tibet und China gibt es die ebensowenig wie im aktuellen Fall des Geschehens in der Ukraine! Das ist aus meiner Sicht eine „billige“ Positionierung und zeigt den letztlich ideologischen Hintergrund des eigenen Denkens. – Karl-Heinz Grau

 

Ich arbeite ehrenamtlich für Amnesty und finde die Wahl des Begriffs „Apartheit“ für die Trennung von Istaelis und Palästinensern durch eine hohe Mauer problematisch, weil er durch die Rassentrennung in Südafrika belastet ist. AI dafür als antisemitisch zu bezeichnen, halte ich dennoch für überzogen. Zu behaupten Amnesty dämonisiere Israel und spreche dem Staat die Legitimation ab, ist abwegig und durch nichts belegt. Allerdings fordern nicht nur Menschenrechtsorganisationen ein Existenzrecht für einen Staat Palästina.

Auch die Behauptung dass Antisemitismus von AI nicht „problematisiert“ werde, stimmt nicht. Lea de Gregorio selbst konnte das Thema in Amnesty- Publikationen ausführlich behandeln. Die Antwort auf die Frage, wie man die Völker- und Menschenrechtsverletzungen Israels kritisieren darf, ohne sich den Vorwurf des Antisemitismus einzuhandeln, wird für mich immer schwieriger. Ich halte mich (mit geballter Faust in der Tasche) lieber zurück und verurteile die Terroranschläge der Hammas. Ich weiß mich damit mit AI einig. – Sven Herfurth

 

Die Autorin sei einst auf ihre Arbeit stolz gewesen. Auf ihren Artikel kann sie dies meines Erachtens nicht sein. Denn dieser dämonisiert die Menschenrechtsorganisation amnesty international, indem sie diese als antisemitisch brandmarkt. Es geht nicht darum, den angegriffenen ai-Bericht über Israels Politik gegenüber den Palästinensern gegen jede Kritik zu verteidigen. Kritisiert werden muss jedoch in jedem Fall auch die Autorin, die das Konzept moderner Menschenrechte offensichtlich nicht ganz verinnerlicht hat.

Adressaten von Menschenrechten sind in erster Linie Staaten, und die fehlende Staatlichkeit Palästinas ist Konsequenz der Politik Israels. Im vermeintlich Heiligen Land gibt es daher faktisch nur einen Menschenrechtsverpflichteten, was zwangsläufig zu einer Schieflage bei der Bestandsaufnahme von Menschenrechtsverletzungen führen muss – für die Israel jedoch selbst verantwortlich ist. Das als Doppelstandard zu bezeichnen, kommt einem Zirkelschluss gleich.

Wichtiger noch ist der zweite Aspekt: Menschenrechte leben vor allem von ihrem universalistischen Geltungsanspruch. Der Schutz des Lebens und der Gesundheit, der Bewegungsfreiheit, der Wohnung und nicht zuletzt der Religion muss überall auf der Welt gewährleistet sein: für ChristInnen in Saudi Arabien, für KurdInnen in der Türkei, für UigurInnen in China – und insbesondere für Jüdinnen und Juden überall auf der Welt. In Israel selbst jedoch den Menschenrechtsanspruch an staatliches Handeln gegenüber Nichtjuden immer durch das Postulat Israels als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden aus aller Welt zu filtern, zu dosieren und im Prinzip einer politisch-religiösen Agenda unterzuordnen, wird einem nachhaltigen Menschenrechtskonzept nicht gerecht.

Nur wenn Menschenrechte ständig und überall, ungeachtet der Hautfarbe, Herkunft und Religion nicht nur ihrer Träger, sondern auch ihrer Adressaten konsequent verteidigt werden, haben sie Zukunft. Es geht nicht um die Delegitimierung eine Staates – die Universalität der Menschenrechte ist es, die sonst delegitimiert wird. Die Kündigung der früheren Redakteurin des ai-Magazins, die sich als Whistleblowerin wähnt, weil sie einen öffentlichen Bericht kritisiert, bewirkt daher nur begrenzt Bedauern. Sie hat vor allem die Schwachstellen ihrer eigenen Sichtweise aufgedeckt. – Martin Ratheke

 

Sie gewähren der Meinung einer AI-Mitarbeiterin, Lea De Gregorio, fast eine ganze Seite und ich hoffe, Sie gewähren einen solchen Platz auch einer Gegendarstellung, sonst beschädigen Sie Amnestys Ansehen. Doch was sind Lea De Gregorios Argumente? „Der AI-Bericht zu Israel stellt nur eine Seite dar“ – Ja, das tun doch alle AI-Berichte, die die Menschenrechtsverletzungen eines Staates kritisieren. „Der AI-Bericht würde zu mehr Antisemitismusvorfällen führen und sich Jüdinnen und Juden mehr bedroht fühlen.“ Selbst wenn das so ist, sollte AI dann beim Thema Israel keine Menschenrechtskritik mehr üben?

Schließlich führt sie noch einen ziemlich absurden Antisemitismustest an, den 3-D-Test: „Kritik an der israelischen Politik ist antisemitisch, wenn Doppelstandards angewendet werden, Israel dämonisiert und delegitimiert wird.“ Das träfe auf AI zu. Genauso könnte Putin argumentieren, wenn er über Amnestys Russland-Kritik sprechen würde, nämlich dass der Bericht Russland dämonisiere und delegitimiere. AI spricht zu Recht von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wie sie in der Anti-Apartheidsdefinition beschrieben sind und belegt ausführlich Israels Absicht „to oppress and dominate Palestinians“.

Die Apartheidsdefinition, die im internationalen Recht verankert ist, ist die Messlatte für AI und nicht Südafrika, denn jede Apartheid ist anders. Amnesty stellt Israels Existenz nicht infrage, sondern die permannten Verletzungen der Menschenrechte und den kontinuierlichen Bruch des Völkerrechts durch Israel. – Claus Walischewski

 

Lea de Gregorio (DIE ZEIT 31/2022) stellt zutreffend fest: „Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch“. Dem Bericht „Israel’s Apartheid against Palestinians“ von „Amnesty International“ aber will sie den Vorwurf des Antisemitismus nicht ersparen. Sie geht so weit, der Organisation vorzuwerfen, dass sie mit diesem Bericht „Menschenfeindlichkeit befeuert“. Das ist gegenüber einer Organisation, die sich die Verteidigung der Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben hat, ein ungeheuerlicher Vorwurf, und man fragt sich, wie die Verfasserin ihn begründet. Zu erwarten wäre, dass sie nachweist (oder zumindest behauptet), dass die von AI erhobenen Vorwürfe in der Sache unbegründet sind.

Aber dieser Nachweis wird nicht unternommen, selbst auf die Behauptung der sachlichen Fehlerhaftigkeit des Berichts wird verzichtet. Die Verfasserin beschränkt sich insoweit darauf, zu beanstanden, was der Bericht nicht enthält, nämlich die Darstellung des jüdischen Staats als „Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus auf der ganzen Welt“. Inwiefern das für den Vorwurf der Apartheid relevant sein sollte, bleibt allerdings offen. Will Frau de Gregorio damit sagen, dass mit diesem Hinweis Apartheid in Israel gerechtfertigt werden könnte?

Naiv oder zynisch ist in diesem Kontext die Behauptung „… zu einem Konflikt, das lernt jedes Kind, gehören immer zwei“ – eine Steilvorlage für Aggressoren jeder Couleur. Der „3-D-Test“, den sie zum Nachweis des antisemitischen Charakters des Berichts heranziehen will (Doppelstandards, Dämonisierung und Delegitimation Israels) ist nicht nur wegen der Vagheit der herangezogenen Kriterien grundsätzlich problematisch; er lässt sich auch – trotz seiner Vagheit – nicht zur Stützung ihres Vorwurfs einsetzen.

Ein „Doppelstandard“ soll sich nach Frau de Gregorio darin zeigen, dass der Bericht „Terror von palästinensischer Seite“ nicht problematisiere. Indes: Dieser Terror wird in keiner Weise relativiert; dass er nicht „problematisiert“ (weil nicht thematisiert) wird, resultiert daraus, dass kein Sachzusammenhang mit dem Vorwurf der Apartheid besteht.

Es ist bedauerlich, dass Frau de Gregorio sich wegen des Berichts von AI genötigt fühlte, die Organisation „mit gebrochenem Herzen“ zu verlassen. Aber es geht nicht nur um Frau de Gregorio. Gefährlich sind derart leichtfertig erhobene Vorwürfe des „Antisemitismus“ deshalb, weil sie dem tatsächlich vorhandenen, offenbar wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft Nahrung geben.

Denn sie rufen tendenziell eine Gegenreaktion hervor, weil der Eindruck entsteht, das „Totschlagsargument“ des Antisemitismus solle einen privilegierten Schutzraum schaffen, der anderen Staaten, aber auch anderen gesellschaftlichen Gruppen, nicht zugestanden wird. Der jüdischen Gemeinschaft in unserem Land wird damit ein Bärendienst erwiesen. – Prof. em. Dr. iur. Dres.h.c Ulfrid Neumann

 

Amnesty International Antisemitismus vorzuwerfen, wiegt schwer, und sollte gut begründet werden. Die aus Ihrer Sicht einseitige Kritik an der sehr problematischen Palästinenserpolitik Israels erfüllt doch allein für sich betrachtet noch keinen Tatbestand des Antisemitismus. Belege oder Nachweise dafür sind Sie in Ihrem Artikel schuldig geblieben. Wir müssen uns dem Antisemitismus mit allen Mitteln entgegestellen. Doch wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu locker mit diesem Begriff umgehen. Das würde diesem Vorhaben nur schaden! – Dr. med. Martin Krivacek

 

Amnesty hat ein Antisemitismus-Problem, davon ist Lea De Gregorio überzeugt. Sie kann ihre Aussage allerdings nicht belegen und bezeichnenderweise geht sie auf den Inhalt des von ihr heftig kritisierten ai- Berichtes „ Israels Apartheid against Palestiniens“ nicht ein. Sie versucht von dem Kernproblem des Konfliktes Israel/Palästina, der nunmehr 54 Jahre andauernden israelischen Besatzung, mit der kindgemäßen Aussage abzulenken, dass zu jedem Konflikt zwei gehören.

Der Autorin ist anscheinend entgangen, dass die andauernde Besatzung Palästinas durch Israel, völkerrechtswidrig ist und somit als permanentes Unrecht gegenüber den Palästinensern definiert werden muss.. Kritik an der israelischen Besatzungspolitik nimmt die Autorin offenbar generell als „Antisemitismus“ wahr.

Dem Beitrag von Lea de Gregorio fehlen Fakten, die durch Unterstellungen ersetzt werden. Die Autorin wäre gut beraten gewesen, hätte sie sich bei israelischen Friedens-und Menschenrechtsgruppen wie etwa „Gush Shalom“ und B´Tselem informiert. Sie wäre dann auf ein hohes Maß an Übereinstimmung mit dem amnesty-Bericht gestoßen. Doch das Anliegen von Lea de Gregorio war wohl allein eine Stimmungsmache gegen amnesty und nicht etwa eine sachgerechte Information!- Helmut Krings

 

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT Nr. 31 findet man in der Rubrik „Streit“ neben dem wirklichen Streitgespräch „Mahlzeit!“ zwischen Strandfischer, Robbenschützerin und Meeresbiologe einen Monolog einer ehemaligen Amnesty International Mitarbeiterin unter der Überschrift „Amnesty hat ein Antisemitismus-Problem“. Der Beitrag selbst lässt keine andere Meinung als die der Autorin Lea De Gregorio zu. Er sollte deshalb auch nicht unter „Streit“ stehen, sondern als Meinungsäußerung einer freien Journalistin entsprechend gewürdigt werden.

Die Redaktion der ZEIT hat sich anscheinend leider nicht die Mühe gemacht, zu dem Thema ein wenig zu recherchieren. Sonst wäre Ihnen sicher aufgefallen, dass auf der Internetseite von AI Deutschland seit dem 15. Februar 2022 ein Artikel unter der Überschrift „Fragen und Antworten zum Bericht „Israel’s Apartheid against Palestinians“ zu finden ist. Dort wurde also bereits vor 6 Monaten (!) ausführlich auf die in der aktuellen ZEIT-Ausgabe vorgebrachten Vorwürfe eingegangen und diese Punkt für Punkt widerlegt!

Hat Frau Gregorio davon nichts gewusst, als sie Ihnen den Artikel angeboten hat? Oder lag der Artikel seit einem halben Jahr bei Ihnen in der Redaktion im Körbchen „wenn mal eine halbe Seite frei ist“ ? Beide Varianten gefallen mir als Abonnent nicht und ich würde mir wünschen, dass etwas mehr Sorgfalt beim Lektorieren von Gastbeiträgen investiert würde. – Detlev Wagner

 

Unter ZEIT-Niveau. Wenn in der wichtigsten liberalen Wochenzeitung Deutschlands Monate nach der Veröffentlichung des Berichts von Amnesty International ein Artikel dazu erscheint, darf man die Erwartung auf eine wenigstens in Ansätzen sachlich begründete Analyse haben. Der Artikel von Lea De Gregorio leistet dies leider nicht.

Zunächst geht es nicht nur um den Bericht von Amnesty. Zu Apartheid wurden allein 2021/2022 insgesamt sechs Berichte renommierter Organisationen vorgelegt. Diese sehen den Tatbestand der Apartheid erfüllt, entweder für Israel-Palästina insgesamt (BTselem und Amnesty International) oder beschränkt auf die besetzten Gebiete (Human Rights Watch, Yesh Din, der UN-Menschenrechtsrat und die IHRC Harvard Law School).

Gegen die Befunde dieser Berichte trägt die Autorin kein einziges valides Argument vor. Dem Bericht von Amnesty liegt die Definition von Apartheid zu Grunde, die sich aus den einschlägigen Bestimmungen des Völkerrechts ergibt: Der Rassendiskriminierungskonvention von 1965, Anti-Apartheidkonvention von 1974 und Artikel 7 des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) von 1998. In diesen Bestimmungen wird Apartheid definiert und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeordnet.

Bundesregierung und Medien (letztere weitgehend) lehnen die Befunde der genannten Berichte ab. Sie begründen das aber nicht auf sachliche völkerrechtlicher Grundlage. Bei diesem Artikel hat man den Eindruck, dass die Autorin noch nicht einmal eine angemessene Vorstellung davon hat, in welchem Kontext Apartheid zu thematisieren ist. Von der ZEIT erwartet man Beiträge, die aus dem nahostpolitischen Provinzialismus herausführen und nicht tiefer hinein. – Helmut Suttor

 

Ich habe nicht vor amnesty zu verteidigen. Was mich sehr nervt ist der Tenor in ihrem Artikel das jeder der die aggressive Politik von Israel kritisiert gleich in die Schublade Antisemitismus geschoben wird. Ich finde es großartig was die Vorgänger von Netanjahu und Co geleistet haben um den Menschen eine Heimat zu geben. Die aggressive Siedlungspolitik verstört aber alle die guten Willens sind. Darüber schweigt sich Frau de Gregorio aber aus. Also bitte nicht alles in einen Topf rühren, das ist billige Effekt hascherei. – Reinhard Kappes

 

Amnesty International kann sicherlich den platt-weinerlichen Artikel von Lea de Gregorio zu angeblichem Antisemitismus bei AI verschmerzen. Darauf einzugehen würde den Artikel eh nur aufwerten. Aber warum fühlt sich die ZEIT bemüßigt, ihn mit all seinen Verallgemeinerungen und nebulösen Behauptungen abzudrucken? Musste einmal wieder die Antisemitismus- Keule hervorgekramt werden? Ich empfehle Frau de Gregorio nach Hebron im besetzten Westjordanland zu fahren. Dort kann sie hautnah die israelische Besatzungs- und Apartheitpolitik in ihrer ganzen menschenverachtenden Dimension erleben. – Bernd Guth

 

Amnesty International hat sich zur Aufgabe gestellt, die Rechte der Unterdrückten und Benachteiligten zu wahren. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Einzelfällen, bei denen es oft sinnvoll ist Medien, Politik und vermittelnde Instanzen einzuschalten und andererseits Konflikten, bei denen grosse Gruppen betroffen sind und bei denen langfristige Lösungen unterstützt werden müssen. Der Israelisch-Palästinensische Konflikt ist ein letztgenannter Konflikt.

Doch hier liegt AI mit seiner pauschalen Kritik an Israel daneben, indem es nicht auf die tieferen Ursachen eingeht. Diese betreffen vor allem zwei Punkte. Erstens: Israel in seiner heutigen Form kann – stark vereinfachend – als Resultat eines komplexen Bevölkerungsaustausches angesehen werden. Zweitens: Die heutige zum Teil katastrophale Situation vieler Palästinenser hat demographische Ursachen.

Dazu ein Auszug aus dem Wikipedia Artikel «Israelisch-Palästinensischer Konflikt»: Dort steht zu den Folgen des Angriffs-Kriegs auf Israel von 1948: «Rund 750.000 Juden wurden aus arabischen Staaten vertrieben und überwiegend zu israelischen Staatsbürgern, während eine ähnliche Zahl palästinensischer Araber aus Israel / Palästina vertrieben wurde und in umliegende arabische Staaten flüchtete. Ihre mittlerweile ca. 5 Millionen registrierten Nachfahren leben heute größtenteils, da ihnen eine Staatsbürgerschaft verwehrt wird, als Staatenlose in Jordanien, dem Libanon und Syrien, ein Drittel davon in offiziellen Flüchtlingslagern.»

Im Grunde genommen geht es aber um mehr als den von Wikipedia genannten Bevölkerungsaustausch. Die Bevölkerung Israels kommt zu einem Teil aus islamischen Staaten, in denen die nicht-islamische Bevölkerung massiv abgenommen hat, vor allem durch Auswanderung nach Europa und Amerika. Die Entwicklung Israels ist also einerseits auf dort bereits ansässige Juden zurückzuführen, andererseits aber auch durch einen globalen Bevölkerungs-Austausch unter Einbezug Europas und der USA zustande gekommen.

Dabei sind summa summarum mehr Nicht-Moslems aus muslimischen Ländern ausgewandert (haben also dort Platz gemacht) als in Israel eingewandert sind. Von daher ist es also gerechtfertig, dass arabische Länder im Rahmen des geschilderten komplexen Bevölkerungsaustausches Palästinenser aufnehmen und ihnen Perspektiven ermöglichen. Zudem kommt, Israel ist nicht durch Eroberung entstanden, wie etwa Nord-Zypern oder viele Staaten, die im Zuge der Verbreitung des Islams entstanden sind.

Ein Rückkehrrecht nach Israel ist aber vor allem auch wegen der demographischen Entwicklung nicht realisierbar, auch schon weil Israel dazu zu klein ist. Dazu ein Beispiel aus einem Artikel im «Spiegel» Nr. 19/2018: «Im November 1948 wurde das Dorf Niilya geräumt. Aus den 1520 Palästinensern, die 1948 Niilya verließen, sind heute, so schätzt man, etwa 60.000 geworden». Das ergibt ein Wachstum in 70 Jahren um den Faktor 40. Der zitierte Wikipedia Artikel kommt allerdings zu einem tieferen Faktor (5 Millionen/750 000 = 6.67). Woher diese doch erhebliche Diskrepanz (zwischen 40 und 6.7) kommt, ist nicht ganz ersichtlich.

Grundsätzlich ist festzuhalten: Die Menschheit muss, um langfristig gut fortbestehen zu können, bezüglich der Themen Ökonomie und Demographie (Konsum und Kopfzahl) die langfristig verfügbaren Ressourcen berücksichtigen. Es geht ums Einfordern entsprechender Verantwortung, um zu langfristigen Lösungen zu kommen. Das gilt weltweit, aber es gilt insbesondere auch für Palästina und Israel. Es ist nicht gerechtfertigt, Israel die Schuld für die Folgen der demographischen Entwicklung zu geben. Für die demographischen und ökonomischen Probleme der Palästinenser müssen Lösungen gefunden werden. Auch AI ist im Sinne seines selbst gewählten Auftrags gefordert, dabei behilflich zu sein. – Dr. Gernot Gwehenberger

 


 

 

Leserbriefe zu „Egal welche Flagge?“ von Ijoma Mangold

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag „Egal welche Flagge?“ vom 28. Juli 2022, der sich mit der Beflaggung des Reichstagsgebäudes am vergangenen Pride-Wochenende in Berlin auseinandersetzt. Ich bin hin- und hergerissen, was ich von diesem Stück der Bundestagsverwaltung bzw. des -präsidiums halten soll. Als jemand, der die Pride selbst am letzten Wochenende gefeiert hat, habe ich mich über dieses „Sichtbarmachen“ überaus gefreut.

Andererseits scheint mir das ganze wenig durchdacht. Ähnlich ist hier ja auch Ihre Argumentation. Wo fangen wir bei der Beflaggung an, wo hören wir auf? Nachdem das Bundesinnenministerium per Erlass das Beflaggen mit der Regenbogenflagge grundsätzlich zu Pride-Tagen erlaubt hat, beginnen schon die nächsten Diskussionen. Das Bundesfamilienministerium zeigt stattdessen die sog. Progress-Flagge, die noch mehr geschlechtliche Identitäten miteinbeziehen soll.

Absolut richtig. Aber per Erlass eigentlich nicht erlaubt. Da behaken sich nun BMI und BMFSFJ in der Bundespressekonferenz. Solche Diskussionen wären gar nicht erst entstanden, wenn auch an Pride-Tagen weiterhin „nur“ die Flagge der EU und die Bundesflagge vor Bundesbehörden wehen würden. So bleibt ein unglücklicher Eindruck bestehen und weitere Debatten über wer, wann welche Flaggen an staatlichen Gebäuden zeigen kann, werden folgen. – Paul Schmelzer

 

Ijoma Mangold reiht sich in die Phalanx der Kulturkrieger ein, die meinen, die Symbole des Staates und die Würde seiner Institutionen gegen Wokeness verteidigen zu müssen, das Überzeitliche gegen den Zeitgeist, konkret: die Bundesflagge gegen die Regenbogenflagge. Dabei war die Regenbogenflagge nur auf einem der vier Türme des Reichstagsgebäudes gehisst worden, und in der Genehmigung durch Bundesinnenministerin Nancy Faeser ist ausdrücklich von der Beflaggung öffentlicher Gebäude „in Kombination mit der Bundesflagge“ die Rede.

Es ist eine völlige Verkennung der Regenbogenfahne, wenn Mangold sie mit einem x-beliebigen Logo gleichsetzt („an Heiligabend ein Banner des Weihnachtsmanns“), und ein Missverständnis des CSD, wenn er dessen „gutes und wichtiges Anliegen“ in Gegensatz zum „Grundkonsens“ des Grundgesetzes stellt. Die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität in allen gesellschaftlichen Bereichen zu beenden, ist ein Auftrag des Grundgesetzes und kein Anliegen irgendeiner Lobby-Gruppe. Der Regenbogen passt zum Bundestag, und die Note Sechs, die Mangold dem Bundestagspräsidium in Staatsbürgerkunde erteilt, hat er selber verdient. – Jürgen Thiede

 

Herr Mangold bringt es vorzüglich auf den Punkt! Die Deutschland-Flagge reicht völlig. Denn die Regenbogenflagge steht für Identitätspolitik, die im Grunde intolerant ist. Die aktuelle Identitätspolitik bekämpft ein Phantom, und ich empfehle dringend das fulminante Buch von McWhorter zum Thema „Wokeismus“, um sich gegen diesen Rassismus im Gewand des Antirassismus ideologiekritisch zu wappnen!

Regenbogenflaggen auf dem Parlamentsgebäude zu hissen ist m. E. populistische Anbiederei an den Zeitgeist und Ausdruck eines Opportunismus‘, der mich anwidert. Ich erinnere daran, welchen Protest ein Bibelvers auf der Berliner Schlosskuppel auslöste und in welch Orwell’schem Geschichtsrevisionismus man gewillt ist, Geschichte auch in der Architektur zu tilgen!

Ein Staat, der (aus gutem Grund) Kreuze in Gerichten abhängt, kann nicht gleichzeitig auf seinem Hohen Haus Regenbogenflaggen hissen. Ich rate dringend zu einer Klage in Karlsruhe, denn genau das ist es eben nicht: bloß ein Stück Stoff! Hier geht es um nichts weniger als unsere Freiheit und um sehr grundsätzliche verfassungsrechtliche Fragen nach der Säkularität unseres Grundgesetzes, in dem für religiöse Bekenntnisse des Staates (!) wie dem des Wokeismus’ k e i n Platz ist! – Marcel Haldenwang

 

Vielen Dank Ijoma Mangold. Sie sind nach meiner Kenntnis weit und breit der Einzige in den Medien, der darauf hinweist, dass die Beflaggung des Bundestages und aller nachgeordneten Bundesbehörden mit der „Regenbogenfahne“ zum Christopher Street Day, angeordnet durch das Präsidium des Bundestages, im krassen Widerspruch zu den Aufgaben des Präsidiums des Bundestages steht: die Würde des Bundestages zu wahren und unparteiisch zu sein, d.h. keine Partikularinteressen zu vertreten. Ich bin gespannt welche (Aktivisten) Opfergruppe demnächst ihre Fahne auf dem Bundestag und aller nachgeordneten Bundesbehörden hissen dürfen. – Udo Brückner

 

Vollständige Übereinstimmung mit Ihrer Ansicht zur Beflaggung des Reichstages. Das Thema der Diversifikation mag aktuell laut und schrill vorangetrieben werden, festzustellen gilt es aber welcher biologischen oder sozial geschlechtlichen Gruppe sich Menschen in Deutschland zugehörig fühlen. Lt. Civey fühlen sich etwas mehr als 95% den biologischen Gruppen weiblich/ männlich zugehörig. Stellt sich die Frage nach den Motiven des Präsidiums des Bundestages. Diese würde ich gerne kennen. Bei jeder Sympathie für die freie Entscheidung eines jeden zu seinem Status, noch hat das Parlament Mehrheitsverhältnisse zu achten. Vor allem aber die Symbole des Staates zu achten. Salopp ausgedrückt, die Entscheidung des Präsidiums hat das Niveau einer Bananenrepublik. – Bernd Estermann

 

Vielen Dank für den Artikel, der das von mir empfundene Unbehagen perfekt zum Ausdruck bringt. Es macht eben einen Unterschied, ob sich ein Unternehmen „bekennt“, oder ob der Staat sein Hoheitszeichen „tauscht“. Wie Herr Mangold weiter richtig ausführt, stellt sich die Frage nach den Grenzen. Zudem: wenn man für einen Augenblick unterstellt, andere parlamentarische Mehrheiten entschieden im Ältestenrat die Beflaggung mit Symbolen, die von einer immer noch mehrheitlich liberalen Öffentlichkeit als mißliebig empfunden werden? Insgesamt sicher gut gemeint, aber das falsche Signal. – Oliver Kaden

 

Egal welche Flagge? Herr Mangold möchte dem Hohen Haus ernsthaft Nachhilfe erteilen, weil ihm das Hissen der Regenbogenflagge als zu zeitgeistig erscheint? Wenn der Bundestag ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzt, ist dies weder Folklore noch Anbiederung. Über Homo- oder Transphobie lässt sich eben nicht streiten, wenn die Würde aller Menschen ein unverhandelbarer Grundkonsens der Abgeordeneten ist. Setzen Sechs, Herr Mangold! – Dirk Büchsenschütz

 

Bei Ihrer Polemik gegen die Regenbogenfahne auf dem Reichstag (ZEIT Nr. 31 2022) geht es nicht nur um die durchaus legitime Frage, ob das Hohe Haus gegenüber einer Minderheit offen seine Solidarität bekunden sollte. Vielmehr demonstrieren Sie durch herablassend anmutende Metaphern (Regenbogen- = Weihnachtsmannfahne, Bundestag = Kühlerhaube eines 80er-Jahre-Mobils), wo DIE ZEIT sich mit Blick auf die Bürger:innenrechte der LGBTIQ+-Community positioniert, nämlich auf der Seite eines konservativen Bürgertums, das der Gegenwart in einem Gestus amüsierter Selbstgefälligkeit einigermaßen hartnäckig hinterherhinkt.

Dabei bin ich keineswegs überrascht. Immerhin war es der ZEIT 2004 einen Leitartikel wert, Stimmung gegen eine Ausweiterung des Adoptionsrechts auf lesbische und schwule Paare zu machen. Und als 2017 von BILD über FAZ bis SPIEGEL fast alle großen Medien die „Ehe für alle“ feierten, hielt DIE ZEIT sich auffallend zurück und widmete ihr Magazin lieber einer gesellschaftlich anerkannten Form gleichgeschlechtlicher Beziehung: der Freundschaft. (In dieses Bild passt, dass ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein sich seit Jahren an immer den gleichen Zielgruppen abarbeitet: Feminist:innen, Gender-Aktivit:innen, etc.)

Nun könnte man sagen, Wandel hat stattgefunden, auch ohne DIE ZEIT. Aber die weltweiten Entwicklungen zeigen: Das Sichere ist nicht sicher. Während die Bundesregierung LGBTIQ+-Rechte stärkt, fallen auch auf deutschen Straßen immer öfter queere Menschen gewalttätigen Übergriffen zum Opfer, bangen homosexuelle Paare in den USA um ihr Recht auf Eheschließung, erklären sich polnische Gemeinden weiterhin zu „LGBT-freien-Zonen“, kämpft Putin gegen „Gayropa“ usw. Das Hissen der Regenbogenfahne auf öffentlichen Gebäuden ist also mehr als Symbolpolitik, es ist ein Akt demokratischer Selbstverortung. Vielleicht sollte DIE ZEIT ihre Loyalitäten überdenken. – Dagmar Hofmann

 

Richten Sie bitte Ijoma Mangold für seinen kurzen und prägnanten Artikel zur Regenbogenflagge auf dem Reichstag meinen herzlichen Dank aus! – Michael Rabbow, MD, Dr. med., MSc

 

Dem Artikel von Ijoma Mangoldt kann ich nur voll und ganz zustimmen.Daß eine solche Abstimmung zugelassen wurde, zeigt ein seltsames Geschichtsverständnis. In meinen 90 Lebensjahren habe ich die Zerstörung der Demokratie in Deutschland mit all seinen schrecklichen Folgen erlebt. Und den schweren Aufbau des neuen Grundgesetzes durch die engagierten Politiker verfolgt. Es hat noch einige Jahre gedauert, bis die Flagge der Bundesrepublik Deutschland wieder auf dem geschichtsträchtigen Reichstag wehte. Dort ist das bunte Fähnchen völlig fehl am Platze. – Peter Küstner

 

Vielen Dank für die notwendige Erinnerung des Hohen Hauses an seine Aufgabe und Würde! Dem Artikel kann man nur vorbehaltlos zustimmen. Hoffentlich trägt er dazu bei, dass dies eine einmalige Entgleisung bleibt. (Oder müssen wir befürchten, dass demnächst die Fahne eines Unternehmens aufgezogen wird, das in Zeiten knapper Kassen als Sponsor auftritt?!) – W. Auth

 

Gegen die „glatte Sechs“ für die Kenntnisse in Staatsbürgerkunde des Bundestags möchte ich vehement Einspruch erheben. Das Reichtstagsgebäude soll durch die schwarz-rot-goldene Flagge und dürfe auch durch die Europafahne geziert werden. Dagegen habe die Regenbogenflagge auf dem Reichstag nichts verloren. Zur Begründung wird angeführt, dass „Hoheitszeichen … keine Folklore“ seien. Die Regenbogenflagge sei demnach Zeichen einer partikulären politischen Position, während unsere Bundesflagge lediglich „Form“ sei.

So und nicht anders wolle es das Grundgesetz. Zwar kann die Parade zum Christopher Street Day als Folklore bezeichnet werden, die Regenbogenflagge hingegen ist universelles Symbol für den Kampf gegen Diskriminierung. Dieses Symbol ist nicht Ausdruck für einen gerade erkennbaren „Zeitgeist“, sondern überzeitlich gültiges Sinnbild desjenigen Menschenrechts, das in GG, Art. 3 (Gleichheitsrecht) garantiert wird.

Meiner Meinung nach ist es eine Verhöhnung des Menschenrechts, wenn die Regenbogenflagge in eine Reihe mit dem „Banner des Weihnachtsmanns“ oder mit der „Atomkraft? Nein danke“-Fahne gestellt wird. Die oberlehrerhafte Benotung könnte dem Autor auf die eigenen Füße fallen. – Viktor Rintelen

 

Ich war total konsterniert zu sehen, dass der Deutsche Bundestag die Regenbogenflagge gehisst hat. Dem Artikel von Ijoma Mangold ist voll zuzustimmen. Die Neutralität des Reichstages wird durch solche Aktionen in Frage gestellt. – Katharina Georgus

 

Unsere Nationalflagge verkümmert mehr und mehr zu einem Beliebigkeitswimpel! Sie ziert Souvenirläden in Schleifchen- und Girlandenform, flattert, neben anderen, an Booten und auf Campingplätzen und begrüßt in Kinderhänden besonders Monarch(inn)en! Glaubt aber unser Parlament in seiner Mehrheit, die Buntheit, Vielfalt, Weltoffenheit Deutschlands zeigen zu müssen, hißt es auf dem Reichstag nicht die Deutschland-, sondern die Regenbogenfahne; will es der Welt sagen: Wir sind Ukraine! Blau-Gelb; hat ein Staatsoberhaupt ex cathedra verkündet: Der Islam gehört zu Deutschland! die grüne Fahne des Propheten!

Statt Schwarz-Rot-Gold lieber Embleme lautstarker Vertreter des Zeitgeists! Seit dem Tag des Mauerfalls, als Schwarz-Rot-Gold von einem auf den anderen Tag ein ganzes Volk untrennbar verband, als aus allen DDR-Fahnen das Spaltersymbol herausgerissen wurde, franst unsere Flagge mehr und mehr aus! Immer neue Gruppen und Grüppchen, die unsere Gesellschaft lieber spalten als zusammenhalten wollen, zerren an ihr in alle Richtungen!

Manche wollen sie einstampfen und abschaffen! Tröstlich dabei nur: der Zeitgeist ist ein wetterwendischer Geselle; bei einem Sturmtief inner- oder außerhalb unseres Landes wird sich die große Mehrheit der Deutschen zu ihrer Nationalflagge bekennen: zu Einigkeit und Recht und Freiheit – selbst wenn die drei Farben nicht diese drei Tugenden symbolisieren! – Dr. med. Ulrich Pietsch

 

Seit langem hat mich ein Artikel der ZEIT mal wieder so richtig wütend gemacht. Die Randnotiz von Herrn Mangold zur angeblichen Trivialisierung der Flaggen über dem Bundestag ist so ein argumentatives Gestolper, dass einem echt schlecht davon werden kann. Das befürwortenswerte Bekenntnis des Präsidiums für den Schutz von Minderheiten ist doch hoffentlich nicht dem „Zeitgeist“ geschuldet! Der Schutz von Minderheiten sollte zum „essentiellen Grundkonsens“ der Bundesrepublik gehören, da ist ein häufigeres Flagge-Zeigen des Bundestags wirklich zu befürworten.

Herr Mangold bezeichnet das Einstehen für LGBTQ jedoch als „Folklore“ und raunt, dass von der Aktion nun die Gefahr eines beliebigen „Mal hier, mal da“ bei der Beflaggung des Bundestags ausgehe. Die LGBTQ-Bewegung mit dem „Weihnachtsmann“ zu vergleichen, ist infam. Meines Erachtens verdient nicht das Präsidium des Bundestags für sein begrüßenswertes Bekenntnis, sondern Herr Mangold für seinen selbstgerechten Artikel „eine glatte Sechs“. – Niklas Schulte

 

Volle Zustimmung, Herr Mangold. Für mich war das hissen der Regebogenfahne auf dem Reichstag sehr befremdlich. Beliebigkeit, Zeitgeist, die „richtige“ Gesinnung und Haltung waren meine spontanen Assoziationen. Meine Fußballverein leistet wertvolle Jugendarbeit, quasi für lau. Kann ich die Vereinsfahne jetzt an das Bundestagspräsidium schicken? Die Bundestagvizepräsidentin a.D. Claudia Roth ermahnte die Deutschen vor der Fußball WM 2018, es mit dem Schwenken der Deutschland Flagge nicht zu übertreiben.

Ich vermute, sie schämte und schämt sich für Deutschland und unsere Flagge. Da ist die jetzige Entscheidung des Präsidiums den Bundestag anlassbezogen zu beflaggen nur konsequent. Irgend ein Aktionstag ist doch immer. Zum Beispiel 19, Januar Tag des Fetisch 21. Januar Tag der Migranten und Flüchtlinge 27. Februar Tag der Eisbären 8. März Internationaler Weltfrauentag 5. Mai Internationaler Hebammentag 18. Juni Tag des Picknicks …..

https://eur06.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.deutschland-feiert.de%2Fbesonderheiten-feiertage%2Faktionstage%2F&data=05%7C01%7Cleserbriefe%40zeit.de%7C839230cf567c4ec31c0308da763be7cd%7Cf6fef55b9aba48ae9c6d7ee8872bd9ed%7C1%7C0%7C637952296978104474%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJWIjoiMC4wLjAwMDAiLCJQIjoiV2luMzIiLCJBTiI6Ik1haWwiLCJXVCI6Mn0%3D%7C3000%7C%7C%7C&sdata=vjkOFWO7FScZyCGi2U9ZS7lrDlWol3P%2FiFdd9dZET%2Bw%3D&reserved=0 Ernsthaft, darunter sind wirklich viele berechtigte Anliegen, aber doch bitte nicht an Stelle eines staatlichen Hohheitszeichen auf dem Deutschen Bundestag. Das geht gar nicht. – Dietmar Baier

 

Offenbar muss sowohl dem Bürger als auch dem Parlamentarier immer wieder vor Augen geführt werden, was Parlamentarismus eigentlich bedeutet…und warum manche Dinge genau so sind wie sie sind. Das ist Aufgabe der freien Medien…und dieser Aufgabe sind Sie mit diesem Artikel aufs Vortrefflichste nachgekommen. Danke dafür. – Jörg Schimmel

 


 

 

Leserbriefe zu „»Der Krieg kennt nur Verlierer«“. Gespräch mit Michael Kretschmer geführt von Mariam Lau

 

Für die ausgebreitete Darstellung verschiedener demokratischer Positionen liebe ich die ZEIT. – Michael Scheppler

 

Herr Kretschmer zeigt richtig die Risiken auf: die Schadenshöhe für Deutschland, die EU, die Ukraine, Russland und die Weltwirtschaft, für Milliarden Menschen steigt beständig. Warum? Weil seitens der „westlichen Welt“ der Einsatz so erhöht wird, dass für Putins Russland eine „Überdehnung“ seines wirtschaftlich-militärischen Komplexes bewirkt werden soll. Putin hat angekündigt, im Falle einer hohen Gefahr für sein Land auch vor dem Einsatz schlimmster Mittel nicht zurückzuschrecken. Umgekehrt haben wir noch nicht geklärt, welche Mittel einzelne Länder des „demokratischen Westens“ bereit sind zu ergreifen.

Die Lieferung schwerer moderner Waffen seitens der Nato-Länder ist bereits ein klarer Schritt zu einer enormen Eskalation. Ohne zu wissen, welches Kriegsziel der Westen hat, (die Ukraine eingeschlossen) sollte die Eskalation nicht betrieben werden. Dieses Kriegsziel = Verhandlungsziel, in einem Krieg, an dem Deutschland indirekt beteiligt ist, wäre im Bundestag zu klären. Das sind Pflichten eines demokratischen Rechtsstaates, in dem die Bevölkerung ihrer Exekutive vertraut.

Auf Seite 6 dieser Zeit-Ausgabe steht der Satz: „Eine exklusive Umfrage zeigt: Eine Mehrheit der Wähler ist bereit, die Ukraine zu unterstützen – auch wenn das Geld kostet.“ Noch nie habe ich diese Wochenzeitung so manipulativ erlebt. Haben wir schon die Volksabstimmung auf Bundesebene, und verstehen diese „Wähler“ eigentlich die Tragweite und die Zusammenhänge über die sie abstimmen? – Uwe Mannke

 

Es ist schon ziemlich heftig, den kruden Gedankengängen des sächsischen Ministerpräsidenten zu folgen, trotzdem finde ich es gut, dass die ZEIT auch solchen Einzelmeinungen (hoffentlich) Platz einräumt. Was ich nicht so gut finde, ist, dass die ZEIT Herrn Kretschmer auf die Frage: „Warum sich Putin auf einen Waffenstillstand einlassen sollte?“ mit Gefasel (sorry) von „dem Verbindenden zwischen Russland und Deutschland“ und ohne eine echte Antwort auf die gestellte Frage davonkommen lässt. Putin hat überhaupt kein Interesse an einem Waffenstillstand, da er sieht, dass es ihm zunehmend gelingt, die westlichen Demokratien, und zwar auch unterstützt durch Leute wie den sächsischen MP, auseinanderzudividieren. – Priv.-Doz. Dr.-Ing. Dipl.-Inform. Andreas Zabel

 

Hallo Herr Kretschmer, die Antwort auf die erste Frage hat bei mir zunächst spontan das Bedürfnis hervorgerufen, nur mit den Worten blah blah blah zu antworten. Hier tauchen Argumente aus den 70 ziger von der CDU auf, wie Deindustrialisieung, damals hieß es, die Grünen wollen aus Deutschland ein Agrarland machen. Dann ist die Antwort wie das ganze Interview nur negativ.

Keine eigenen problemlösenden Vorschläge, ein Verdrängen der Tatsache, dass ihre Partei 16 Jahre lang, keine innovativen Vorschläge, Antworten auf die sich abzeichnenden Probleme entwickelte. Es ging immer nur um Bewahrung des Status quo. Mehrere Verteidigungsminister/innen ihrer Partei fuhren die Bundeswehr an die Wand. Und sie und ihre Partei finden keine anderen Argumente, als die Schuld bei anderen zu suchen. Keine andere Partei, außer vielleicht die jetzt mit ander Macht befindliche FDP, hat so vehement den Ausbau alternativen Energien hintertrieben, wie ihre Partei.

Warum wurde die Abhängigkeit von russischen Gas so ausgebaut, weil ihre Abhängigkeit von der Industrie sie dazu veranlaßt hat, billiges Gas zu besorgen, um die Renditen der Aktionäre zu erhöhen. Sie wollen mit einem Menschen verhandeln , ohne wenn und aber, der sich an keine Verträge hält. Sie wollen mit einem Menschen verhandeln, der nur noch lügt, menschenverachtend Politik betreibt, der von einem Krieg zum anderen eilt, der sich immer mehr fremdes Land aneignet.

Herr Kretschmer, sie werden vom deutschen Steuerzahler bezahlt, oder? Etwas anderes möchte ich nicht unterstellen. Also verbreiten sie etwas mehr Optimismus und arbeiten sie mit, bei der Bewältigung der anstehenden Probleme, die auch durch ihre Partei mit verursacht wurden, aber nicht durch Verbreitung negativer Stimmung. – Michael Dürke

 

Vielen Dank für das offenbarende Interview mit Michael Kretschmer. Im Interview hat Michael Kretschmer eine Gesprächstaktik verwendet, die so viele, die auf sofortige Verhandlungen mit Russland und einen Waffenstillstand pochen, einsetzen: die Leerstelle. Man fordert das Gespräch und sieht im Resultat den Frieden. Was dazwischen passiert, was nämlich auf dem Verhandlungstisch liegt, wird einfach weggeschwiegen. Drei mal hat Miriam Lau den Ministerpräsidenten gefragt, was ein Waffenstillstand für die Ukraine bedeuten würde. Drei mal windet sich Kretschmer um eine Antwort herum.

Bei seiner letzten Nicht-Antwort macht er sich nicht Mal mehr die Mühe, auf die Frage Bezug zu nehmen. Dabei hatte er die Antwort eigentlich bereits gegeben, obwohl er sie im Satz davor noch negierte und hinter einer Chiffre zu verbergen versuchte. Auf die Frage, ob man Russland Teile der Ukraine überlassen muss, antwortet er: „Das dürfen wir nicht zugestehen. Diese Gebiete sind nicht russisch. Aber ein Waffenstillstand wird die letzten Monate seit dem 24. Februar auch berücksichtigen müssen.“

Was soll diese Berücksichtigung anderes bedeuten, als den Gebietsverlust hinzunehmen? Gebiete, in denen ukrainische Menschen leben und leiden. Wenn Kretschmer der Meinung ist, dass man diese Menschen opfern muss, dann soll er das gefälligst auch so sagen — und die Bevölkerung mit seiner nebelhaften Rhetorik nicht für dumm verkaufen. – Nils Neusüß

 

Je länger der Krieg dauert, umso größer ist das Leid der ukrainischen Bevölkerung, und der Verlust volkswirtschaftlicher Prosperität in ganz Europa. Deshalb teile ich die pragmatische Sicht von Herrn Kretschmer. Mit der er die ökonomischen Interessen der gesamten europäischen Bevölkerung in den Blick nimmt.

Europas Geschichte zeigt, wie wertlos Demokratie und Freiheit für eine mehrheitlich verarmende Bevölkerung werden können. Zudem der Klimawandel zu noch nicht wirklich abzusehende Problemen in ganz Europa führen wird, die wir Europäer nur gemeinsam lösen können. Bitte endlich mehr Pragmatismus und weniger Doppelmoral! – Charlotte Lenz

 

Es gibt wohl kaum eine erbärmlichere Figur in der aktuellen Politik als Michael Kretschmer. Getrieben von der Angst vor seinem Volk, von dem er glaubt, dass es ihn als politisch Verantwortlichen für die Energiekrise zur Rechenschaft ziehen wird, möchte er den Krieg in der Ukraine durch eine Kapitulation der Ukraine vor Putin beenden; er nennt es allerdings „Einfrieren“.

Noch erbärmlicher ist, dass er sich nicht mal traut, zu seiner Position wirklich zu stehen – anders als die AFD, die in dem Punkt wenigstens ganz offen ist: aus ihrer Sicht handelt es sich um einen Krieg lediglich zwischen Russland und der Ukraine, mit dem Deutschland nichts zu tun hat, weshalb Deutschland sich hauptsächlich um sich selbst kümmern soll.

Kretschmer statt dessem heuchelt Unterstützung für die Ukraine, wenn er sagt, dass die von Russland eroberten Gebiete nicht russisch sind, dies aber sogleich widerruft, indem er hinzufügt, dass man „die letzten Monate seit dem 24. Februar auch berücksichtigen müsse“. (Er meint ja da sicher nicht die Kriegsverbrechen der Russen, sondern ihre Geländegewinne).

Wie ein Drogenabhängiger winselt er darum, die nächsten 5 Jahre an der Gas-Nadel aus Russland hängen bleiben zu dürfen, während die Bundesregierung mit hohem Elan und nicht ohne Erfolgschance dafür kämpft, die Gasabhängigkeit Deutschlands von Russland schon zum Jahresende zu beenden.

Es ist kaum zu glauben, dass so jemand Ministerpräsident einer Partei ist, für welche die Mitverantwortung des Staatsbürgers für unser Gemeinwesen immer ein wesentlicher Pfeiler ihrer Politik gewesen ist. Das Menschenbild von Kretschmer ist ein anderes: für ihn ist der Wähler eine amorphe Masse, die vor allem ruhig zu stellen ist, bevor sie sich im Zorn gegen den Staat richtet. Koste es, was es wolle – und sei es das eigene Gewissen. – Dr. Dirk Kerber

 

Vielen Dank für das interessante Interview. Ich glaube, Herr Kretschmer gehört zu der Sorte Politiker, die leider nicht verstanden haben, wohin eine nachsichtige Politik mit der derzeitigen Führung im Kreml führt. Er scheint auch nicht begriffen zu haben, welche Ziele Putin tatsächlich verfolgt. Unser Wohlstand basiert eben gerade auf unserer „Gewissensethik“! Der Begriff „Verantwortungsethik“ inkludiert schon Abstriche und faule Kompromisse zugunsten eines vollen Magens. Leider sind im Leben faule Kompromisse an der Tagesordnung, und genau diese faulen Kompromisse bei der Politik mit Russland haben die Situation eskalieren lassen. Die derzeitige Führung im Kreml ist nicht kompromissfähig. – Dr. med. Martin Krivacek

 

Die Aussagen Herrn Kretschmers im Interview durch Frau Mariam Lau haben mich in einigen Punkten empört, weshalb ich dazu wie folgt Stellung nehmen möchte: Unsere Welterklärer vom Schlage eines Reinhard Merkel liefern mit ihrem Geschwafel von Gesinnungs- und Verantwortungsethik Herrn Kretschmer das passende Mäntelchen, um seinen Egoismus und seinen Mangel an Opferbereitschaft zu bedecken. Jetzt hat uns Putin da, wo er uns haben will. Die Gefahr eines temporär schrumpfenden Sozialprodukts reicht für einige Politiker, das Recht der Ukrainer auf Freiheit und Selbstbestimmung für unsere Bequemlichkeit und den sozialen Frieden zur Disposition zu stellen.

Während in der Ukraine täglich hunderte Menschen ihr Leben und ihre Unversehrtheit verlieren, ist für Herrn Kretschmer mit Rücksicht auf den sozialen Frieden hierzulande nicht einmal ein moderater Anstieg der Arbeitslosikgkeit hinnehmbar. Soweit darf die Scholzsche Zeitenwende nun doch nicht gehen, dass man seinen Wählern eine kühlere Wassertemperatur im Spaßbad und eine höhere Lufttemperatur im Fitnessstudio abverlangen möchte. Diese Denkweise finde ich einfach erbärmlich.

Besser kann man Putin nicht in die Karten spielen. Der braucht nur noch mehr Raketen und Bomben auf die Ukraine abfeuern, noch mehr wüste Drohungen aussprechen und darauf vertrauen, dass unsere „Verantwortungsethiker“ der Ukraine die Solidarität aufkündigen und Putin erneut die Füße küssen wie nach seiner Annexion der Krim. – Karl-Heinz Rutsch

 

Für seinen Vorschlag, der Krieg in der Ukraine müsse „eingefroren“ werden, hat der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer deutliche Kritik einstecken müssen. Sein Interview mit der ZEIT darf man deshalb auch als Versuch der Rechtfertigung und Klärung verstehen. Und tatsächlich ist die titelgebende Botschaft, dass der Krieg nur Verlierer kenne, auf den ersten Blick zweifellos konsensfähig.

Aber ist diese Aussage auch wirklich zutreffend? Wirklich überzeugende Argumente für seine Forderungen liefert Kretschmer nicht. Wenn er auf die Frage nach den Umständen eines Waffenstillstandes darauf verweist, dass Europa erkennen müsse, dass es die SanktIonen nicht durchhalten könne, so bleibt die Ukraine als Betroffener offensichtlich ausgeblendet – etwas deutlicher darf man dies auch getrost als Verrat am Opfer des Angriffskrieges bezeichnen.

Und auch beim heiklen Punkt der territorialen Integrität der Ukraine bleibt Kretschmer mehr als vage: Die besetzten Gebiete seien „nicht russisch“, aber zugleich müsse auch den Entwicklungen nach dem 24. Februar Rechnung getragen werden, es gelt „andere Wege“ zu denken und „alle Stimmen“ zu hören. Was bitte soll dies bedeuten, wenn nicht die Aufteilung der Ukraine und die faktische Anerkennung der russischen Beute? Völlig ausgeblendet wird hierbei, dass eine demokratisch legitimierte Regierung in Kiew dies politisch kaum überleben und sich der Kreml auch kaum mit einer Teilbeute zufrieden geben dürfte.

Kretschmer postuliert, neue Wege zu beschreiten und bleibt doch in alten Denkmustern verhaftet: Historische Fixpunkte zur Definition des deutsch-russischen Verhältnisses sind – zu recht – die Nazi-Greuel und der Kalte Krieg; hier verbindet das „und“ freilich Ungleiches, denn der Kalte Krieg ging ja eben auch von der Sowjetunion aus. Auch sollte man dieser Tage nicht auch an den 23. August 1939 und die Aufteilung Osteuropas durch Hitler UND Stalin, die deutsche UND sowjetische Diktatur denken?

Aber Kretschmer bleibt im besten Falle geschichtsblind oder zumindest eng in seinem Verständnis von Europa: Wie anders nämlich als eine Ausgrenzung der Ukraine aus der europäischen Familie ist es zu verstehen, wenn er von der Unterstützung der Ukraine als der „ einen Seite“, der Wehrhaftigkeit Europas aber als „der anderen“ spricht? Nein, Kretschmers Aussagen sind bei allem „sowohl-als auch“ in ihren Prämissen und impliziten Konsequenzen einseitig und falsch. Folgen wir dem sächsischen Ministerpräsidenten, so kennt dieser Krieg bei allen Verlierern eben auch nur einen Sieger: Putin und seine Militärmaschinerie. Mit Verantwortungsethik hat das aber rein gar nichts zu tun. – Jörg Heger

 

Min.präs. Kretschmar , kommentiert zutiefst menschlich und richtig. Sollen wir uns etwa auf Dauer einrichten in diesen Krieg? – M.Fetting

 


 

 

Leserbriefe zu „Brot und Lügen“ von Andrea Böhm

 

Beim Thema Hunger ist mal wieder der Westen der Hauptschuldige. Kein Wort wird über den extremen Bevölkerungszuwachs in den betroffenen Ländern verloren. Dafür haben doch wohl die dortigen Eltern die Verantwortung. Jede Hilfe von außen kann immer nur die akute Not etwas lindern. Die Bevölkerungen der betroffenen Länder müssen selbst Verantwortung übernehmen, nur dann werden sie jemals ihre Misere beenden können. Umverteilung, Schuldenerlasse sind nur ein herumdoktern an Symptomen. – Ernst Lothar Helwig

 

Da macht die Autorin es sich aber sehr einfach. Als ob es den Welthunger gäbe und die Gründe dafür – natürlich – stets in der unzureichenden, finanziellen Unterstützung der westlichen Länder läge. Die Gründe, warum Menschen in vielen Ländern zu wenig zu essen haben und zu einseitig ernährt sind, liegt in den seltensten Fällen an naturbedingten Dürren oder Missernten. Meistens liegt es doch an korrupten Regierungen und Clans, denen ihre hungernden Bürger offenbar ziemlich egal sind, solange sie selbst genug haben. Oft liegt es aber auch an elenden Bürgerkriegen zu ethnischen, religiösen und strategischen Konflikten, die die Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen katastrophal verschlechtern.

In diesen Fällen bewirken (oft gut gemeinte) finanzielle Hilfen der reichen Länder oft genau das Gegenteil. Zum einen verlassen sich die Menschen dieser Länder mehr und mehr auf die kostenlosen Hilfslieferungen und machen es damit den lokalen Kleinbauern noch schwerer ihre Ernten loszuwerden und zum anderen werden bei der Verteilung der Lieferungen oft genau die korrupten Systeme gefördert, die man bekämpfen möchte. Ein Teufelskreis!

Wer es mit der Wahrheit genau nehmen möchte, muss aber auch sagen, dass die Ukraine selbst (zugegebenermaßen aus Angst vor den Russen) ihre Häfen vermint und damit ihre eigenen, maritimen Wege zur Außenwelt versperrt hat. Und zur Wahrheit gehört auch, dass die Welt mehr als genug Getreide produziert, um die vom ukrainischen Getreide abhängigen Länder zu versorgen.

Die westliche Welt könnte diesen Ländern beim Getreidekauf aus anderen Quellen ganz einfach temporär ihre aufgrund der steigenden Weltmarktpreise entstehenden Mehrkosten ausgleichen. Schnell und unbürokratisch. Und was die – ach so bösen – Spekulanten an den Rohstoffmärkten anbetrifft, sie tragen die Risiken – und übernehmen dafür die Chancen – der Preisschwankungen, die die landwirtschaftlichen Erzeuger gerne absichern wollen. Und das ist gut so! – Peter Breuninger

 

Das Denken beginnt bekanntlich mit Zweifeln und Fragestellen. Warum findet keine öffentliche Debatte überf die ganze Wahrheit statt, wenn es um die Lügen von Autokraten wie Putin und seinen Gefolgsleuten geht? Putin hat öffentlich erklärt, dass die Ukrainer kein Recht haben, in einem freien Staat zu leben. Er maßt sich an, die Russen de facto als Herrenmenschen zu erklären, die über Osteuropa zu bestimmen haben. Das ist der Ausgangspunkt für den Überfall auf die Ukraine, für die Sanktionen. Darüber wird keine Debatte geführt. Ist die Fähigkeit, in größeren Zusammenhängen zu denken, verloren Gedanken? Oder ist es Selbstzensur, wenn Faschismus, Chauvinismus als geschichtliche Begriffe aus dem aktuellen Wortschatz gestrichen werden.

Ich vermisse den Geist der Aufklärung. Dieser konnte die Kriege des 19. Jahrhunderts nicht verhindern. Er führte jedoch gegen den Widerstand der Kirche zur größeren Freiheit des Einzelnen in der Gesellschaft. Putin, Erdogan und Andere verbünden sich weltweit mit den Religionsführern nach dem bekannten Motto „Mit Gott für König und Vaterland“. Der Führer der russischen orthodoxen Kirche segnet Waffen und Soldaten, die in den Krieg ziehen.

Putin erklärt offen, dass es ihm um den Kampf gegen die westlichen Werte, gegen den Geist der Aufklärung und Menschenrechte geht. Wo bleibt die öffentliche Debatte. Ist es nicht Aufgabe der Journalisten diese Fragen zu debattieren? Oder gibt es eine Selbstzensur der Medien, die von Auflagen und Einschaltquoten bestimmt wird?Selbstzensur der Medien. Halbe Wahrheiten sind letzten Endes auch Lügen. – R. Renaux

 

Wir können das Dreifache an Spenden aufbringen, die Probleme werden Dadurch nicht geringer. Unsere gesamte Entwicklungspolitik ist schon Seit Jahren völlig falsch angelegt. Hier nur die Konzerne an den Pranger zu Stellen, ist wohl etwas daneben. Es ist die Politik, die versagt hat und immer Noch versagt. Der Politik ging es immer nur um Grossobjekte, bei deren Zahlungszusagen und Eröffnungszeremonien sie sich feiern lassen konnte.

Klein Objekte, die weit mehr zum Erfolg führen, sind gar nicht gewollt. Das ist das Schlimme und Perfide an der gesamten Entwicklungshilfe. Der Gedanke an Rurkela Stahlwerk in Indien lässt mich dabei nicht los. Das Werk war zu gross und zu modern und wurde nach einiger Zeit gerade aus Diesen Gründen geschlossen. Darauf gelernt haben wir nichts. Zum Schluss Sei noch gesagt, dass völlig falsch war Russland aus den G8 Staatenbündnis Auszuschliessen. Aber das ist noch ein anderes Thema. – Manfred Mengewein

 

Vielen Dank, dass Sie diesen Artikel auf Seite 1 genommen haben! Seit Jahrzehnten unternimmt die Politik nichts Wirksames, um diese Not zu beenden und jetzt – wie wohl auch schon früher – müssen diese Menschen, die wir, wie Jean Ziegler es treffen ausdrückt, verhungern lassen, sich auch noch als moralische Keule in einem Krieg benutzen lassen. Ich wünsche mir einen Aufschrei der Presse weltweit zeitgleich, der den G 7 die Hölle heiß macht. Auch wenn ich wenig zuversichtlich bin, dass dies etwas verändern würde. Und da ich schon am Schreiben bin: „Die Rolle meines Lebens“ -Hanna Schygulla mit ihrer ruhigen, liebe- und kraftvollen Art ist immer wieder inspirierend. – Elke Woertche

 

Die Tatsache, dass das Welternährungsprogramm der UN rd. 22 Mrd Euro erbetteln muss, um die jetzt drohenden schlimmsten Hungersnöte zu verhindern und dass bereits Hilfsrationen zusammengestrichen wurden (Jemen), wird zu Recht als Skandal bezeichnet. In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls skandalös, dass Ägypten als einer der größten Weizenimporteure ( mehr als 11 Mio t jährlich) im März diesen Jahres die Ausschreibung zum Ankauf neuer Vorräte abbrechen musste, „weil sie sich die aktuellen Weltmarktpreise nicht leisten können“.

(siehe „Brot und Kriege“ in DIE ZEIT vom 10.3.22), – Gesamtkosten rd 4 Mrd Euro Die Regierung Ägyptens hatte sich offensichtlich mit Waffenkäufen völlig verausgabt. Ende des Jahres 2021 hat Ägypten Rüstungsgüter im Wert von mehr als 4 Mrd Euro importiert, – aus Deutschland! Diese außergewöhnlich umfangfreichen Rüstungexporte wurden noch kurz vor dem Regierungswechsel in Berlin genehmigt und an ein diktatorisches Regime mit Menschenrechtsverletzungen und Verwicklung in militärische Konflikte (Jemen, Syrien) geliefert. Auch das ist ein Skandal ! – Lore Schröder-Jahn

 

Ich muss Frau Böhm widersprechen. Nicht die G 7 Staaten sollten vorrangig zur Hilfe verpflichtet werden, sondern die superreichen Staaten der Arabischen Liga. Von vielen Ländern der islamisch geprägten Ländern wie Syrien, Saudi Arabien, Iran, Afghanistan, Mali, Somalia und Libyen gehen zudem die Aggressionen aus, die zu den Hungersnöten führen. – Manfred Raif

 

Unter qualifiziertem Journalismus verstehe ich in erster Linie die Vermittlung von Neuigkeiten und Wissen, dargeboten als Fakten. Das setzt eine gewisse fachliche Kompetenz in den zu bearbeitenden Themenbereichen voraus. Wenn Meinungen ins Spiel kommen, sollten sie ein Fazit der Fakten sein oder zu einer Diskussion führen. Dumpfe Plattitüden oder unreflektiertes emotionales Gewäsch sollte der Billigpresse vorbehalten sein, aber sich nicht in Ihrer Zeitung breitmachen. Auf Basis dieser Erwartungshaltung sollten Sie einmal den Artikel „Brot und Lügen , Ausgabe 31 von Andrea Böhm bewerten.

Was stößt gewaltig negativ auf und zeigt ganz deutlich fehlendes Fachwissen? Der Abschnitt „Doch Russlands Waffe ist nur scharf dank eines Ernährungssystems, dass Lebensmittelimporte dauerhaft abhängig …. führt das Fehlen jeder Agrarexpertise deutlich vor Augen. Nicht überall auf der Welt können in allen Regionen Getreidearten angebaut werden. Wenn Menschen in diesen besagten Regionen Getreideprodukte essen wollen, muss es importiert werden. Den Import als Ursache für Hungerkatastrophen heranzuziehen ist nicht nachvollziehbar.

Wenn sie sagen, dass die Klimakatastrohen den Anbau von Getreide erschweren und zu Mangelversorgung führen, oder die Überbevölkerung mit ihrer gewaltigen Nachfrage die regional mögliche Produktionskapazitäten übersteigen, haben sie zwei mögliche sachliche Gründe der Hungerkatastrophen aufgezeigt. Wollen Sie etwa die Importe stoppen und die Menschen verhungern lassen? „Um Monopole ein zu dämmen braucht man vor allem politischen Willen“ Ich kenne keine Demokratie mit einem marktwirtschaftlichen System, die dieses nicht zum Ziel ihrer Wirtschaftspolitik gemacht hat.

Fachlich absoluter Nonsens ist die Behauptung „ Jedes Feld, dass Kleinbäuerinnen und … „ Zum einen sind die alten Sorten nicht die ertragsstärksten Weizensorten. Das ist eindeutig Fakt. Ohne die modernen Zuchtmethoden wäre Indien noch heute einer der größten Getreideimporteure der Welt. Lesen Sie mal dazu entsprechende Fachliteratur und sprechen mit Zuchtspezialisten aus Universitäten. Dort gibt es oft die Meinung, dass wir ohne die Genbearbeitung der Getreidesorten mittels Crisp das Ernährungsproblem der demnächst 10 Milliarden Menschen auf unserem Planeten nicht lösen können. „Großkonzerne kontrollieren 2/3 des weltweiten Getreidehandels“. Jeder Mensch, der über entsprechende finanzielle Mittel verfügt, kann an der Börse Getreide kaufen und ist somit selbständig.

Die Aussage über die Spekulanten an den Rohstoffmärkten lässt jede Kenntnis über die Funktion dieses Marktes vermissen. Wo es Sieger gibt, gibt es immer auch in gleicher Weise Verlierer. Keiner gewinnt immer nur. Für Landwirte kann die Rohstoffbörse Segen und Fluch zugleich sein. Wer will, kann aktiv werden und seine Produkte verkaufen, ob bereits geerntet oder diese erst in Monaten erfolgt. So kann man als Landwirt sein Risiko bei einem akzeptablen Börsenkurs gezielt minimieren. Sehr krass ausgedrückt bezeichne ich Aussagen wir ihre als „sozialistisches Neidgeheule“

Ja, meine Kritik ist an einigen Punkten sehr deutlich formuliert. Sie sollten aufwachen und bemüht sein Artikel auf einem fachlich hohen Niveau zu schreiben und nicht die eigenen Emotionen an jeder Ecke versteckt zu Papier bringen. „Industrielle Legehennen“ aus einem früheren Artikel empfinde ich als den Gipfel der Unsachlichkeit. Ja, die Welt wird immer komplizierter und das Wissen verdoppelt sich alle drei Jahre. Vor diesem Hintergrund ist es tatsächlich sehr schwer inhaltlich wertvolle Artikel zu schreiben. Durchgereichte Plattitüden des Mainstream sind aber der Zeit unwürdig. – Josef Deutskens

 

Es ist ja schon fast witzig, wenn Politiker die unanständig hohen Gewinne einiger Konzerne anprangern und eine Übergewinnsteuer fordern, wobei die Politik gleichzeitig auf die Horror-Summen dann noch ihre Mehrwertsteuer draufknallt und fleißig mitverdient. Heuchlerischer geht es nicht mehr. Wenn dann noch ein Mann, wie Kutschaty, von „asozialer Marktwirtschaft“ spricht dann frage ich mich, ob man das Steuerverhalten der Regierung nicht zeitgleich als „asoziales Steuerverhalten“ bezeichnen sollte. Sie tun exakt das Gleiche, wie die Konzerne, die sich die Taschen vollmachen!! – Kurt (Curd) Nickel

 


 

 

Leserbriefe zu „Wer dreht hier ab?“ von Anne Hähnig et al.

 

Überprüft euch. Eure pseudokritische Attitüde geht anscheinend zügig in eine defätistische Haltung über. Euch und Euresgleichen „packt die Angst“, vielleicht, aber doch allenfalls vor dem Wertverlust eurer Wertpapiere und der eurer Chefs. Es wirkt Beschämend. – Christian Frisch

 

Es wird für das westliche Lager immer schwerer die richtige Politik zustande zu bringen. Die Demokratie ist an einem Wendepunkt angekommen. So recht wissen die Politiker zur Zeit nicht, ob wir mit einer Demokratie in Zukunft besser leben können. Für mich kann es nur eine Autokratie vernünftig richten. Die ausländischen Bürger haben leichtes Spiel. Alles rein was Beine hat. Das jetzt ein Arbeitsvertrag verlangt wird, ist keine ausreichende Lösung. Das lässt sich leicht umgehen. Die anderen EU-Staaten waren da klüger.

Die Bildung in Deutschland hat unser Land instabil gemacht. Und zum eigentlichen Thema sei gesagt: Putin weiß sehr genau, daß der Westen, insbesondere Deutschland, sich in keinem guten Zustand befindet. Das die Unternehmer händeringend nach ausländischen Arbeitskräfte suchen, ist der Tatsache einer schlechten Schulpolitik geschuldet. – Gunter Knauer

 

Ja, das können wir schaffen, wenn die Lasten gerecht verteilt werden und wenn den Menschen, die derzeit in Frieden und Freiheit leben, klargemacht wird, dass wir die Ukrainer*innen nicht nur aus ethischen Motiven unterstützen, sondern auch aus Eigeninteresse: Wenn Herr Putin in der Ukraine – und sei es „nur“ durch einen Waffenstillstand – dauerhafte Landgewinne erzielen sollte, wird er – gemäß dem von ihm selbst und von seinen Gefolgsleuten oft genug formulierten Ziel, ein großrussisches Reich wiederherzustellen – nach einiger Zeit weitere Staaten angreifen lassen, etwa die Republik Moldau oder die baltischen NATO-Staaten – und dann ist Deutschland als NATO-Mitglied direkt involviert und Kriegsteilnehmer.

Die Unterstützung, die wir dann zu leisten haben werden, und die wirtschaftlichen Schäden, die wir dann zu tragen haben werden, werden ein Vielfaches dessen sein, was wir jetzt an die Ukraine liefern und an wirtschaftlichen Nachteilen in Kauf nehmen. Wenn ich in der ZEIT lese, dass eine relative Mehrheit von 37 % der Befragten den Ukrainer*innen raten, auf besetzte Gebiete zu verzichten, um rasch zu einem Waffenstillstand zu kommen, wird mir angst und bange. Denn wenn die Ukrainer*innen diesen Ratschlag befolgen würden, hätte Herr Putin ein wesentliches Kriegsziel erreicht und würde den nächsten Eroberungskrieg vorbereiten lassen.

Offensichtlich sind 69 % der Befragten sich nicht darüber im Klaren, was geschehen wird, wenn Herr Putin den Krieg in der Ukraine gewinnt. Hier haben Journalist*innen und Politiker*innen mit Weitblick noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Leider gibt es in Deutschland aber auch viele Politiker*innen, Journalist*innen, Schriftsteller*innen, Wirtschaftsführer*innen usw., denen entweder dieser Weitblick fehlt oder die nach dem Motto „Nach mir die Sintflut!“ reden und handeln. – Dr. Ulrich Willmes

 

Eine Suggestivfrage die man sowohl im positiven als auch im negativen beantworten kann. In jedem Fall nährt sie jetzt schon Zweifel daran, wie wir mit Putin umgehen. Spätesten dann, wenn die Wirtschaft in Europa in die Rezession geht und die Menschen unruhig werden, wird die Nato eine Entscheidung treffen müssen ob sie eingreift und dann haben wir, was wir vermeiden wollten, Krieg. Ps. Putin werden wir vielleicht überleben, die Zerstörung unserer Umwelt nur wenige. Aber wenn man die Dinge zynisch betrachtet, bei bald 9 Milliarden Menschen auf der Erde wird es ein natürlicher Prozess sein. – K. Winterfeld

 

Früher galt die Devise, dass Sanktionen nur ausssichtsreich sind, wenn sie Russland mehr schaden als uns. Doch das russische Volk ist duldsam und steht getreu zu Putin. Die Duldsamkeit der verwöhnten Deutschen dagegen wird ihre Grenzen haben. Dies wird zu inneren Spannungen (und hämischen Kommentaren aus dem Kreml) führen. Deutschland hat fürchtet sich offen vor einem Gas-Lieferstopp. Wenn tatsächlich technische Probleme hinter den reduzierten Liefermengen über Nordstream 1 stehen, warum dann die ursprünglich erwartete Menge nicht über Nordstream 2 sicherstellen? Nur wegen dem verpönten Namen?

Nordkorea und der Iran haben sich von ihren ausgedehnten und dauerhaften Sanktionen bislang wenig beeindrucken lassen. Dass Russland schneller in die Knie geht, scheint äußerst unwahrscheinlich. China braucht ohnehin Öl und Gas. Und wenn wir schon die Moral über alles stellen wollen, so sollten wir keine Autos mehr nach China liefern, solange sich hunderttausende Uiguren in Umerziehungslagern befinden, und kein Öl mehr aus Saudi Arabien beziehen, von wo aus der kommende Autokrat Mordaufträge nach Istanbul sendet.

Alles in allem würde die grenzenlose Moral zur Selbstverzwergung eines militärisch hilflosen Landes führen und jedwede deutsche Einflussnahme auf die Lösung der eigentlichen Probleme, also der erdsystemischen Krisen Erderwärmung und Artensterben, verhindern. – Dr. Christian Voll

 

Kein Entgegenkommen, Putin ist ein Verbrecher im allgemeinem Sinne und nicht nur ein Kriegsverbrecher. Lügen, Betrügen und Erpressung liegen in seinen Genen. Er kann nicht anders, der KGB hat zusätzlich seine Wirkung nicht verfehlt. Seit 20 Jahren demonstriert er immer wieder seine verbrecherische Geisteshaltung wie in Tschetschenien, Gorgien, Syrien, Krim und jetzt in der ganzen Ukraine. Mit einem Verbrecher darf man nicht zusammenarbeiten oder Zugeständnisse machen, auch wenn es temporär sehr weh tun kann und Verzicht angesagt ist.

Die deutschen Bürger sind bereit, für diesen Widerstand auf einiges zu verzichten und sie werden auch nicht alleine gelassen. Die Perspektive einer Deindustrialisierung von Kretschmer ist jedoch reine Panikmache, die das Versagen der CDU kompensieren soll. In Russland macht man das perfide Spiel von Putin mit. Die Russen sind ja auch keine Bürger, sondern nur seine Untertanen oder letztlich seine Leibeigenen. – W. Scheer

 

Was soll diese steile These, „das Drosseln der russischen Gaslieferung ist keine Reaktion auf deutsche Waffenlieferungen in die Ukraine“, sondern der „vorläufige Höhepunkt eines hybriden Krieges, den der Kreml … besonders gegen Deutschland führt.“? Das ist eine glatte Verdrehung der Tatsachen. Hat Russland denn Nordstream 2 gebaut, um weniger Gas nach Deutschland zu liefern? Waren und sind es nicht deutsche Politiker, allen voran die Grünen, die immer wieder lautstark gerufen haben, weg vom russischen Gas? Und die Sanktionen spielen gar keine Rolle?

Und Russland führt Krieg gegen Deutschland? Auch das ist schlicht nicht wahr. Im Gegenteil gibt es seit dem russischen Überfall auf die Ukraine reichlich Verblendete in Politik und Medien, die uns auf das Umgekehrte zutreiben und vorsätzlich oder grob fahrlässig ignorieren, dass das zu einer Katastrophe führen kann, die das Ende der Zivilisation in Europa bedeuten würde. Schlimm, dass die ZEIT ihnen nach dem Munde redet. Freilich, wenn man einen Blick auf die Liste von 12 (!) Autoren dieses sonst in manchen Punkten lesenswerten Artikels wirft, wird klar: viele Köche verderben den Brei. – Horst F. Koops

 

Der intelligente Kriegsverbrecher. Immer mal wieder nimmt man in Kommentaren der Politik und der veröffentlichten Meinung die Zuschreibung wahr, der Kriegsverbrecher Putin sei „ein intelligenter Mann“. Das halte ich für einen fahrlässigen Umgang mit dem Begriff „Intelligenz“. Der Duden definiert ihn so: „Intelligenz ist die Fähigkeit des Menschen, abstrakt und vernünftig zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten.“ Dass Putin zweckvoll handelt, kann man ihm sicher attestieren. Dass er dieses Handeln aus einem Denkprozess ableitet, den man als abstrakt und vernünftig charakterisieren kann, erscheint mir allerdings höchst fragwürdig.

Putin ist geprägt durch seine Sozialisation beim sowjetischen KGB, der ihm half, sich als junger Mann aus prekären familiären und sozialen Verhältnissen in der Geheimdienstfamilie geborgen zu fühlen. Allem Anschein nach wurden aber seine Kompetenzen seitens der Vorgesetzten eher als mittelmäßig oder durchschnittlich beurteilt, eine bedeutende Karriere wurde ihm offensichtlich nicht zugetraut. Was nimmt so ein mittelmäßiger Mann als prägende Erfahrung aus der KGB – Tätigkeit mit, was lernt man dort für seine Zukunft? Man lernt, zu lügen, zu betrügen, zu stehlen, zu erpressen, zu fälschen, Menschen zu denunzieren.

Man lernt, zu töten (wenn es der Zweck erfordert, auch Frauen, Kinder oder alte Menschen), man lernt, Menschen zu vergiften, zu foltern, zu schikanieren oder vermeintliche Feinde ohne juristisches Urteil hinzurichten, Man lernt, dass liberale, aufgeklärte Demokratien schwach und daher dem Untergang geweiht sind. Nur die „starken“ Staaten wie Russland oder China werden in dem historischen Kampf erfolgreich sein. In dem Zusammenhang lernt man folgerichtig, dass die Orientierung an ethischen Werten der Aufklärung ursächlich für die Schwäche und Dekadenz des demokratischen Westens ist.

Man lernt, dass es möglich ist, aus einfachen Verhältnissen stammend durch das hemmungslose Ausplündern des Staates und seiner Bevölkerung zu einem der reichsten Männer der Welt zu werden. Dies ist nur eine kleine Auswahl aus den zentralen Lernzielen des KGB. Aus diesem Erfahrungsschatz leitet Putin nun erkennbar sein „zweckvolles“ Handeln ab, an die Stelle „abstrakter“ und „vernünftiger“ Lernprozesse tritt dann eben ein primitiver Nationalismus. Dass Putin seine Dissertation nicht selbst verfasst, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach abgeschrieben hat, ist ein weiterer Hinweis auf seine eingeschränkten intellektuellen Qualitäten.

Als Amateur – Historiker hat er augenscheinlich einmal ein ganzes Buch gelesen, das ihm 1000 Jahre russischer Geschichte nähergebracht hat. Der Aufsatz, der daraus entstanden ist und den imperialistischen Angriffskrieg gegen die Ukraine legitimieren soll, löst bei seriösen Historikern im Hinblick auf die wissenschaftliche Qualität massives Fremdschämen aus. Erinnerungen an das epochale Werk Adolf Hitlers aus dem Jahr 1925 werden wach.

Was folgt daraus? Wer mit Putin Verabredungen oder Vereinbarungen trifft, sollte immer davon ausgehen, dass sie das Papier nicht wert sind, auf dem sie festgehalten sind, Wort – und Vertragsbruch sind leitende Prinzipien seines „zweckvollen“ politischen Handelns, Menschenleben bedeuten ihm nichts. Ob er mit dem einfachen, aber klugen Satz von Trude Simonssohn, einer Holocaust – Überlebenden, etwas anfangen kann, erscheint mir eher zweifelhaft: „Jeder, der Unrecht tut, weiß, dass er Unrecht tut.“ (zitiert aus „Die Zeit“ vom 28.07.2022) – Jan Andersen

 


 

 

Leserbriefe zu „Scham und Schmerz“ von Evelyn Finger

 

Wer sollte besser dafür geeignet sein, die Schuld der Welt zu tragen, als die Kirche? Das Kreuz, welches Papst Franziskus auferlegt wird, ist ziemlich schwer, und ich hoffe, er hält durch. All die selbstgerechten Steinewerfer sollten allerdings zuerst ihre eigene Familiengeschichte aufrollen. Und sollte darin etwas Schlimmes vorgekommen sein, z.B. in den schlimmsten Jahren des letzten Jahrhunderts, so sollte das Familienvermögen für eine Entschädigung nicht zu schade sein. Wer die vollständige Vergangenheitsbewältigung dann transparent darstellen kann, der mag von mir aus einen Knüppel geschenkt bekommen, um seinerseits die Kirche für ihre Vergangenheit strafen. Ich bin als gespannt auf Frau Fingers persönliche Familienchronik. – Dr. Christian Voll

 

Sind Tausende Tote entschuldbar? Ich denke nicht, ebenso wenig, wie der Dienst eines Wachsoldaten im Konzentrationslager. Der Verweis auf die Mitschuld der gesamten Gesellschaft ist m. E. völlig untauglich. Er negiert die Tatsache, dass die Kirche die Gesellschaft beherrschrte. Das ist teilweise heute noch der Fall. Wie ist es sonst möglich, dass das Parlament bis heute seine Aufgabe, die hundert Jahre fortlaufende „Entschädigung“ für die zu Übernahme staatlicher Aufgaben unentgeltlich übertragene Lehen (Leihen) bis heute nicht aufgerechnet haben.

Die Aufklärung, die erste Erklärung der Menschenrechte nach der französischen Revolution, die Laïzität und der damit verbundene Säkularismus wurden leider bis heute nicht konsequent durchgesetzt. Teilweise sind die Kirchen selbst in der Gegenwart immer noch autonome Parallgesellschaften mit eigenem Recht und strengen Hierarchien. – R. Renaux

 

Der Papst ist der Vertreter Christi auf Erden. Der Fels auf dem die Kirche erbaut ist. Wirklich? Der derzeitige Papst Franziskus liebäugelt bereits mit seiner Abdankung wegen erheblicher gesundheitlicher Probleme. Er wäre dann der zweite emeritierte Papst neben Benedikt XVI in den 2000er Jahren, der zweite Bischof von Rom außer Dienst und in Pension. Was gelten unter diesen Vorzeichen dann noch seine Bekenntnisse, seine Reden und seine Gesten? Es ist richtig und wichtig, dass Papst Franziskus in Kanada das Verbrechen der Kirche an den unzähligen indigenen Kindern bereut und sich für seine Kirche und deren Mitarbeiter/innen schämt.

Aber leider wieder mit dem Einwand, dass Missbrauch auch in der nicht klerikalen Gesellschaft an der Tagesordnung sei. Was soll das? Eine solche Relativierung ist unangemessen, unangebracht und zutiefst unethisch. Gleichwohl traut sich Papst Franziskus das letztendlich unbewältigte, unbearbeitete und unausgesprochene Missbrauchsdrama und Trauma der Kirche zu thematisieren. Dafür ist er zu loben. Wird das denn nun endlich auch zur Anerkennung der Opfer und zu angemessenen Entschädigungen führen? Das Weltweit?

Da können einem erhebliche Zweifel kommen, wenn man die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in Deutschland, vorneweg im Bistum Köln, unter dem Kardinal Woelki betrachtet. Vielleicht kann Kardinal Woelki ja weggelobt werden, da ja eventuell der „Chefposten“ frei wird. Andererseits sollte man auf die Eingabe und Einsicht des Heiligen Geistes beim künftigen Konklave hoffen.

Angesichts der Vatikanischen Verhältnisse (Finanzskandale, „Führungsstil“ der Glaubenskongregation, Intrigen unter hochrangigen Kardinälen, Abschaffung des Zölibats, Frauen in der Kirche und so weiter und sofort) kommen dem geneigten Betrachter erhebliche Zweifel an einem ordentlichen, einflussfreien und zielgerichteten Konklave zur Wahl eines neuen Papstes. Allen in der katholischen Kirche (und auch den anderen christlichen Kirchen, eigentlich jeder und jedem) würde oftmals, eigentlich immer, ein Blick in die Bibel, das Lesen der 10 Gebote und der Bergpredigt auf den rechten menschlichen Weg helfen. Dafür sollten wir beten. – Felix Bicker

 

Mit Befremden habe ich festgestellt , dass Die Zeit der Papstreise nach Kanada einen Leitartikel widmet. Ich hätte mir gewünscht, dass man dieser, von der katholischen Kirche als „Bußpilgerfahrt“ bezeichneten Aktion nicht diese mediale Zuwendung gezollt hätte, denn genau darauf kommt es der Kirche ja an. Der Papst spricht von Schmerz, Scham , Empörung, die ihn befällt. Er versenkt sich zu Anfang seiner Rede in ein Gebet, er hat, bevor er die Reise begonnen hat , einen Monat im Gebet verbracht. Für gläubige Katholiken mag das ein Trost sein. Allein es reicht nicht mehr aus, dass die Kirche nach diesem Muster verfährt.

Wo sind konkrete Angebote, die der Aufklärung und der Bewältigung dieser unermesslichen, grausamen Taten als Grundlage dienen. Hier wäre zum Beispiel die Öffnung der Ordensarchive ohne jeden Vorbehalt erforderlich und die Erfüllung finanzieller Kompensation.Wie die Erfahrung lehrt, hält die katholische Kirche sich in diesen Angelegenheiten zurück. Für die Kirche reicht der päpstliche Trost, um mit Franziskus’ Worten aus seiner Rede zu sprechen, „ es bedarf der milden und starken Weisheit des Geistes, der Zärtlichkeit des Trösters.

Möge er derjenige sein, der die Erwartungen der Herzen erfüllt.“ Abschließend sei noch gesagt, dass diese Pilgerfahrt der Buße wohl nicht stattgefunden hätte, wenn nicht die kanadische Regierung sich mehrfach dafür ausgesprochen hätte, dass eine Entschuldigung seitens der Kirche stattfinden muss. – Anne Winter-Rabbow

 

Der Papst weist daraufhin, dass Gewalt und Missbrauch kein kirchliches Problem seien, sondern eines der Gesellschaft. Diese Aussage verschleiert die Rolle der Kirche, die sich in ihrem Selbstverständnis der Liebe verpflichtet sieht. Die jüdisch-christliche Religion war über viele Jahrhunderte die Staatsreligion. Sie hat eine längere Tradition als jeder Staat und jede Gesellschaftsordnung. Ihre Mission war es, die Gesellschaft nach der Ethik der Liebe zu formen. Gewalt und Missbrauch in der Gesellschaft sind keine Parallelwelt, sondern ein Ergebnis des kirchlichen Wirkens. Diese Schuld gestattet keine Bitte um Vergebung.

Der spezielle kanadische Sündenfall ist noch verwerflicher, weil die Kirche selbst und autonom agiert hat. Die Indigenen hatten seit Jahrtausenden eine friedliche Gesellschaft. Für diese rein kirchliche Schande sei Elie Wiesel abgewandelt: ‚Das Gegenteil des Lebens ist nicht der Tod, sondern die Kirche.‘ – Prof. Dr. T. Hildebrandt

 

Frau Finger schreibt u.a in ihrem Beitrag zum Papst-Besuch in Kanada, Franziskus habe bei seiner Entschuldigungsrede „nichts relativiert“,seine Rede sei wie ein Kniefall gewesen.Die Autorin übersieht freilich, daß das Oberhaupt der Kath.Kirche in Kanada auch die früheren Regierungen in Kanada mit in die Verantwortung eingezogen hat, was wiederum vom kanadischen Ministerpräsidenten gerügt wurde. Also ganz so „klare Worte“ des Papstes waren das denn auch nicht.Die „Gleichgültigkeit seiner Kirche“gegenüber den Verbechen,die von ihr verübt wurden, relativiert er sehr wohl,indem er jene in die Verantwortung miteinbezieht, die seinerzeit Kanada regiert haben. – Wolf Scheller

 


 

 

Leserbriefe zu „»Ein Diplomat ist kein Roboter«“. Gespräch mit Andrij Melnyk geführt von Cathrin Gilbert und Heinrich Wefing

 

Ich bin da über einen Satz gestolpert: „Der „ukrainische Botschafter“ Andrij Melnyk …. sein Verhältnis zu „Präsident“ Selenskyi … Olaf Scholz eine beleidigte Leberwurst …“ Vielleicht wollten die Autoren nicht despektierlich rüberkommen, aber mit Verlaub: „die beleidigte Leberwurst in spe ist unser Bundeskanzler. Wenn zwei Personen mit ihrem Berufstitel angesprochen werden, warum nicht auch der Dritte im Bunde über den man vor hat eine Wertung abzugeben? Zumindest für mich ist damit schon eine Meinungsbildung vorweggenommen.

Bundeskanzler Olaf Scholz kommt wahrlich nicht als Draufgänger um die Ecke. Das sollte uns allen aber auch lieber sein. Die Welt hat schon genug Schaumschläger und Zurückruderer. Es gibt dieses wunderbare Interview von Altkanzler Helmut Schmidt von 1986 in der NDR Talkshow. Das Interview dauert gerade mal 7:30 Minuten. Es handelt von Verantwortung im Amt (5:50 ff.). – Beate Strobel

 

Ein Diplomat wird statt zum Roboter zum Berserker. A. Melnyk weiss sich differenziert selbst zu erklären: Leidenschaft sei seine Motivation. In der causa Bandera wird er beschönigend, indem der dessen Nazi-Untaten der Riesenschuld der Deutschen, natürlich verharmlosend, entgegenstellt. Nichts vermag jedoch auszublenden, dass dieser «Diplomat mit Emotion» durch sein respektloses Verhalten die deutsche Gesellschaft bewusst gespalten hat und darin erfolgreicher war als Putin. Verächtlichmachende Äusserungen waren gewiss nicht unbedachte Worte, sondern sein Stil und seine Image-Strategie.

Statt um Verständnis zu ringen für die durchaus aussichtslose Situation der ukrainischen Verteidigung, «verprügelte» der Haudegen seine Gegner mit allen verbalen Mitteln rücksichtslos und erzwang geradezu die Distanzierung vieler in ihrer Solidarität mit der Ukraine. (Die durchaus nachvollziehbare Reaktion des Bundeskanzlers hätte ihm Warnung sein müssen, die er mit dummen Sprüchen ausblendete). Sein persönlicher «Gewinn»: er wurde zum Lieblingspartner dt. Talk-Moderatorinnen, die bekanntlich ihren Spass und das Aufsehen darin finden, die Verantwortlichen der eigenen Seite zu disqualifizieren.

Statt den Ankläger zu geben, ja den Diffamierer der dt. Verantwortlichen, gelang es ihm nicht, das gefährliche Dilemma der Ukraine zwischen Selbstverteidigung und dem Ringen um politische Lösungen wirklich erfahrbar zu machen (im ZEIT- Interview tönt es plötzlich ganz anders). Statt die Militär – und Finanzhilfe Deutschlands lächerlich zu machen, müsste der unausweichliche Preis der politischen Solidarität für die Freunde der Ukraine nachvollziehbar werden.

Der stolze Diplomat, der die Politiker gegeneinander aufwiegelte in seiner ideologischen Einseitigkeit, blieb nur dem feinen Outfit nach ein herausgehobener Diplomat. Er wurde als Ukrainer zum Deutschenfeind wie die dt. Politik in der griechischen Massenpresse während der Finanzkrise. Er gab den ukrainischen Erdogan, dem jedes Mittel recht ist, Deutschland zu beschimpfen. Eine Taktik, die abstumpft statt zu motivieren.

Nun hat er einen Teil «seiner Panzer», aber dem Verhältnis vieler Deutscher zur Ukraine geschadet. Dieser Flurschaden wird noch lange nachwirken. Diplomatie ist eben weit mehr als die Solo-Partie des aggressiven Herausforderers, ausgerechnet in einer Zeit massiver Verunsicherung und grosser Ohnmacht in den NachbarLändern. – A. Imhasly

 

Wie kann eine seriöse Zeitung jetzt noch einem eitlen Wichtigtuer wie dem von der eigenen Regierung zurückgepfiffenen Botschafter Andreij Melnyk, eine ganze Seite zur Verfügung stellen? Der verehrt – wie viele führende Ukrainer übrigens – „Nationalheld“ Bandera, der den Nazis half, Juden zu deportieren. Warum erinnere ich mich nun an die „gepflegten“ Interview mit Kriegsverbrecher Albert Speer nach dessen Knastentlastung? Ich wollte daher Heringe in eure S. 7 einwickeln. Aber die toten Fische wickelten sich selbst wieder raus. Sind denn Lesermengen und Auflage Argument für alles? – Wolfgang Frings

 

Als ein Diplomat der „alten Schule“ hat Andrij Melnyk in Deutschland gewiss nicht gewirkt; und „neue Schule“ muss sein Botschafter-Stil auch nicht machen. Zumal sich sein Blick auf das große Ganze zunehmend verengt, seine Aussagen und Befunde einer Selbstgerechtigkeit immer weniger entbehrt haben.

Gleichwohl empfinde ich Sympathie und Verständnis für das menschliche Antlitz eines Politikers, der zuvorderst für seine Nation und seine Landsleute streitet. Und der nicht für die eigene Karriere ebenjene Art von (westlicher) Diplomatie und Zurückhaltung auszuüben bereit ist bzw. war, die u.a. Russland nicht annähernd einbinden konnte in eine kontinentale Friedensordnung. – Matthias Bartsch

 

Herzlichen Dank an DIE ZEIT für dieses Interview. Seit meiner Zeit als Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft, u.a. zuständig für Europa und Internationales, bin ich mit vielen Diplomaten zusammengekommen. Dr. Andrij Melnik begegnete ich vor 15 Jahren in Hamburg, als er Generalkonsul seines Landes war. Schon damals zeichnete ihn eine nicht alltägliche Beziehung zum Gastland aus, dessen Kultur er kannte und gleichzeitig er die Verbindung zur Kultur der Ukraine herstellte. An seiner Seite die Kulturkonsulin und Nachfolgerin, beide machten ihr Konsulat zu einem Kulturzentrum, wo u.a. Musiker ihres Landes auftraten und zeigten, wie man Werke europäischer Komponisten auf Augenhöhe mit unserem Kunstbetrieb anbot.

Die Gespräche mit ihm hoben sich ab von Floskeln, Höflichkeitsjargon und Leerformeln, die nicht nur in weiten Feldern der Politik verbreitet sind. Der Gedankenaustausch war stets anregend und direkt. Melnyk erinnerte mich in seiner Art an meinen Freund, den ehemaligen polnischen Generalkonsul Dr.Andrzej Kremer, der 2010 als stellvertretender Außenminister in der Präsidentenmaschine saß. Auch Kremer zeichnete eine große Liebe zu unserer Kultur aus, kannte unsere Schwächen und benannte sie bei Gelegenheit auch direkt, was im Konsularischen Korps ungewöhnlich war- Dass Botschafter Melnyk in Zeiten brutalsten Eroberungskrieges des Kreml wahrnehmbar noch mehr Kante zeigt, ist menschlich verständlich.

Kämpfertypen haben es mit dem Zeitgeist nicht immer leicht. Und Stellungnahmen aus dem Bauch heraus, zumal sein Land die Vernichtung droht, passen nicht immer in das gewöhnliche Verhaltensmuste . Anerkennenswert, dass er das eingesteht. Ich selbst habe als Politiker erlebt, was deutliche Worte für Folgen haben können. Als ich 1991 am Tag des Putsches gegen Michail Gorbatschow mich gegen den sowjetischen Generalkonsul stetlte, der uns Hamburgern für einen kurzen Moment die Putschisten als ehrenwerte Menschen verkaufen wollte, da wandte sich meine eigene Fraktionsführung öffentlich gegen mich und nahm mir alle Ausschutzsitze im Hamburger Rathaus.

Über mehrere Wochen Telefonterror bis sich Außenminister Dietrich Genscher, für die Kritiker überraschend, an meine Seite stellte. Besondere Zeiten bedürfen Köpfe abseits eines eingeebneten Mainstreams in Politik und Diplomatie. Nun hat Andrij Melnyk nach der Nachricht seiner Versetzung auch von führenden Parlamentarieren der Ampel wohlmeinende Abschiedsbekundungen erhalten. Ob das mehr als von Erleichterung getränkte Standardformeln sind? Man wird es sehen. –Peter Schmidt

 


 

 

Leserbriefe zu „Was kostet der Hass?“ von Götz Hamann

 

leider ist Ihnen in der Fußnote der Zeit Nr.31 bei der Erläuterung des Begriffes Tagessatz ein Fehler unterlaufen. Die in dem Aufmacher unten enthaltene Angabe betr. die Anzahl der Tagessätze nicht deren Höhe. Letztere orientiert sich am Einkommen; die Anzahl richtet sich nach der Schwere der Schuld, d.h. der Bewertung des Unrechtsgehalts. Bei dessen Beurteilung sind belastende Umstände, wie bspw. Vorstrafen ,aber auch zu Gunsten des Angeklagten zu berücksichtigende Umstände wie z.B. ein Geständnis zu berücksichtigen. – Ines Münker

 

Kleine Richtigstellung : als vorbestraft gilt man nicht „ mit“ , sondern mit „ mehr“ als 90 Tagessätzen, also ab 91 . Nachzulesen im § 32 Abs. 2 Nr. 5a Bundeszentralregistergesetz. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. – Prof. K. Dehner

 

Jan Böhmermanns Beitrag in ZDF Royale hat zweifelsohne dazu beigetragen, die Dimension der Hassnachrichten und Beleidigungen im Netz sichtbar zu machen und Konsequenzen anzustoßen. Dennoch will es dem Normalbürger nicht in den Kopf, dass Böhmermann selbst im März 2016 plumpe und rassistische Beleidigungen veröffentlicht, mit denen er die Würde des türkischen Präsidenten aufs gröbste verletzte, und sich dann unter die Kunstfreiheit gestellt hat. Hat sich inzwischen der (Ziegen-) Bock zum Gärtner gemausert? – Konrad Knöner

 

Ein schönes Beispiel dafür, wie unsere Gerichte lahmgelegt werden. – W. Kasper

 


 

 

Leserbriefe zu „Was die Deutschen denken“ von Simon Langemann

 

Eine online-Umfrage ist nie repräsentativ! Nicht alle sind online, aber sie haben vermutlich auch eine Meinung! – Prof. (em) Dr. Gisela Härtler

 

Egal wie viel Mühe und Geld ihre Umfrage mit Policy Matters gemacht und gekostet hat, aber sie sollten trotzdem ihre Zahlen überprüfen. Auf ihre zentrale Frage: „Ungeachtet der Energiepreise will die Bundesregierung“.. komme ich beim Zusammenzählen ihres Tortendiagramms auf 101% ….Wollen sie der Postillon Konkurrenz machen? Besonders beeindruckend ist ihre Ableitung in Form der Headline:“ Eine exklusive Umfrage zeigt: Ein Mehrheit der Wähler ist bereit…(Anm. Seltsam, sie möchten uns aufzeigen was Deutsche denken und befragen NUR Wahlberechtigte, ich hatte mir zumindest gewünschten auch 16-18 jährige zu befragen).

Ernsthaft der Artikel ist schlecht gemacht: – Falsche Addition -gewagte Schlussfolgerungen – altes Ost/West Klischee wiederbelebt. – keinen Analyse ihre Schlagzeile… Bsp: warum befürworten 51% von 101% ;) die Entscheidung „Richtig“ die Ukraine politische und militärische zu unterstützen? Für wen haben sie eigentlich diesen Artikel geschrieben und wie viel hat eigentlich die Umfrage gekostet? – Daniel Dahlem

 

Bei dieser Frage der Umfrage habe ich gerätselt wessen Dummheit hier zur Schau gestellt werden sollte: Diejenige, dass ein Meinungsumfrage-Institut einen Krieg, den Entzug der Lebensgrundlage von Millionen Menschen und ein schlichtes Weniger im Portemonnaie auf eine Stufe stellt, oder die dass es in Deutschland 61% dumme Menschen geben soll. Andererseits ist auch das Veröffentlichen einer solchen Information eine Aussage. – Rainer von Hesse

 

Bei den sechs gestellten Fragen zum Krieg in der Ukraine gab es nur zweimal die Möglichkeit, „Unentschieden“, und nur einmal, „Weiß nicht“ zu wählen. Ich hätte bei allen Fragen Bauchgrimmen gehabt. Ähnlich wie wohl das Gros der Befragten kenne ich mich weder in Diplomatie- noch in Kriegsfragen aus. Würde man meine Bücherregale und meinen Medienkonsum als Maßstab dessen nehmen, wo ich mir bei Ihren Fragen eine halbwegs belastbare Meinung bilden kann, dann am ehesten bei Klima und Ökonomie. Ist es jetzt Arroganz, wenn ich solche Umfragen als unsinnig oder gar gefährlich ansehe? Wie kann man sich zu einem komplexen Thema eine Meinung bilden, die mehr ist als ein spontanes Gefühl?

Ein Weg dazu ist, sich durch Medien, wie Zeitungen, TV, Radio, Journale, umfangreich zu informieren. Einen etwas mühseligeren und langwierigeren Weg bieten Fachjournale, Bücher oder Vortragsserien, z.B. im Internet. Nun dokumentieren diese Medien gerade im Moment eine ungeheure Kakophonie von Statements aus dem Bereich von Politik und Wissenschaft. Der aktuelle Disput der Forschungsinstitute zum Einfluss der Gasversorgung auf die wirtschaftliche Entwicklung ist ein Beispiel. Das ZEIT-Interview mit Michael Kretschmer „Der Krieg kennt nur Verlierer“ ist ein weiteres. „Ich bin kein Militärexperte“, sagt er.

Ungeachtet dessen – er „zweifelt am Sanktionskurs der Regierung“. Was bewirkt die Abfrage vager Meinungen bei der Bevölkerung? Wenn alle sich Sorgen machen, kann das Panik auslösen, bestärkt es Querdenker? Wenn alle zustimmen, führt das zu Hurra-Patriotismus? Ich bin mir nicht sicher, ob meine Sorge berechtigt ist. Vielleicht helfen Ihnen solche Umfragen ja, um von Fall zu Fall Ihre Informationsschwerpunkte neu zu tarieren. – Hermann Pütter

 


 

 

Leserbriefe zu „Mahlzeit!“. Streit von Uwe Krüger et al.

 

Ich freue mich sehr über Renaturierung. Aber die zwei Expertinnen hören die Not des Fischers nicht. So entsteht kein Gleichgewicht zwischen den Interessengruppen. Der Fischer soll 7 Jahre warten bis der Fischbestand sich erholt hat? Von was lebt er solange? Und in 7 Jahren ist er 70 Jahre alt. Dieser Dialog kommt Jahrzehnte zu spät und ist mir zu einseitig. Wo ist die Hilfe für den Fischer? Auch Ausbildung und eine neue Generation Fischer wird es so nicht mehr geben. – Alexander Leutz

 

Die Zeit veröffentlicht ein Streitgespräch zwischen einem Fischer und zwei Ideologen, die sich um Arbeitsplätze nicht kümmern. Brauchen wir in Deutschland wirklich Kegelrobben, Wölfe und Bären? Sind nicht Schafe und Fische genau so wichtig? – Rolf Schikorr

 

Soweit mir bekannt, ist gehören Kormorane und Kegelrobben, genauso wie die Fische die diese Wesen als Nahrung nutzen, in der Ostsee zur belebten Natur. Und diese Kormorane und Kegelrobben sind mit Sicherheit nicht für die Überfischung der Meere verantwortlich.

Die von dem Fischer Uwe Krüger beklagte Überfischung der Ostsee ist daher wohl auf die intensive Berufsfischerei zurück zu führen. Es ist verwunderlich und verlogen, daß auf diese menschengemachte Problematik, in dem Artikel mit keinem Wort hingewiesen wird. Dafür werden aber die Kormorane und Kegelrobben, die sich nicht wehren können, für die Fischereimisere verantwortlich gemacht. Enttäuschend dieser Artikel. – Matthias Brendgens

 

Putzig – und hungrig. Kegelrobben sind Raubtiere. Wir Menschen sind nicht – oder nur sehr selten – putzig. Aber hungrig bzw. verfressen. Und wir sind die schlimmsten, gierigen Lebewesen, die auf diesem Planeten herumlaufen. Insofern sehe ich da keinen Konflikt, sondern nur eine Realität, der wir uns einfach stellen, die wir einfach akzeptieren müssen. Bei allem Respekt für die Fischer: Auch andere Berufsgruppen mussten sich umorientieren. – Annette Haagen

 


 

 

Leserbriefe zu „Knapp und gut“ von Elisabeth von Thadden

 

Die neuen Knappheitswissenschaftler wollen herausfinden, „was die Knappheit in unserem Verhalten und unseren Gefühlen anrichtet“. Elisabeth von Thadden zeigt Sympathie für einen sich „selbstbewusst“ präsentierenden Forschungzweig, der uns nahezubringen versucht, dass weniger mehr sein kann. Ich erlaube mir etwas Zweifel zu säen mit dem Hinweis auf die unvermindert aktuelle Theorie vom „demonstrativen Konsum“ des amerikanischen Ökonomieprofessors Thorstein Veblen. In seinem 1899 erschienen Buch „Theorie der feinen Leute (Fischerverlag, 1986) schreibt er:

„…, dass die Ausgaben, sollen sie das Ansehen des Konsumenten auch wirklich erhöhen, überflüssig sein müssen. Nur Verschwendung bringt Prestige“ (Seite 103). Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, aus denen ich nur zwei herausgreife: Betrachtet man die Hierarchien von Unternehmen und Behörden erkennt man unschwer, dass die Büros mit der Bedeutung der Insassen immer größer werden. Die obersten Chefs verschwenden am meisten von der teuren Bürofläche , weil sie damit ihre Untergebenen beeindrucken.

Mit den Dienstwagen verhält es sich ähnlich. Bei Autos ist der Zusammenhang zwischen Verschwendung und Prestige besonders augenfällig. Es kommt nämlich nicht auf die Leistung an, die benötigt wird, um angemessen voranzukommen, sondern auf die darüber hinausgehende, überflüssige Leistung, über die ein Auto verfügt. Und für diese Extraleistung gibt es keine Obergrenze, 500 PS sind besser als 400 und 700 PS besser als 600.

Dies erklärt, warum sich Supersportwagen auch in Ländern mit strikter Geschwindigkeitsbegrenzung sehr gut verkaufen lassen – es geht um Prestige nicht um Geschwindigkeit. Sollten sich manche Leute doch davon überzeugen lassen, dass weniger mehr ist, werden anderen, die weiter knappe Güter verschwenden, um so heller strahlen. – Dr. Hans Peter Basler

 

Ein wirrer Text mit schrägen Argumenten: Wie schnell sollen bspw. auf welche Dächer ohne vorherige Prüfung der Statik oder möglich anstehender Sanierungen PV-Anlagen installiert werden? Diese liefern über 50 % ihrer Stromerzeugung in den Monaten Mai – August, im Winter (November – Februar) nur um 12 % und das nur mit Glück um die Mittagszeit; leider nie ab 17 Uhr. Leider liegt der Strombedarf im Winter heute schon um 20 % über dem des Sommers. Wird dann im Sommer Strom verschenkt und im Winter kostet die kWh über einen Euro? Artikel und „Schönschwätz“ mit guten Absichten aber leider geringer fachliche Ahnung gibt es schon genug. – Prof. Emeritus Dr. Wolfgang Ströbele

 

Herzlichen Dank für Ihren Artikel „ Knapp und gut“, der sehr gut recherchiert und brillant geschrieben ist. Das macht Mut und gibt Zuversicht, schwierigen Zeiten entgegen zu sehen. – Günter Holst

 

Fürs gute Fortbestehen der Menschheit ist nicht die Menge der verfügbaren Ressourcen entscheidend sondern die Anpassungsfähigkeit der Menschheit an die langfristig verfügbaren Ressourcen. Diese Fähigkeit wird herausgefordert und hoffentlich weiter entwickelt, wenn die Menge der verfügbaren Ressourcen verringert wird. Das wäre eigentlich ein positiver Effekt von Knappheit. Elisabeth von Thadden beschreibt einen Hinweis auf eine mögliche Anpassung: «Normalität von Gestern» war: es wurde «immer nur ein Zimmer geheizt … die Stube.»

Während meiner Studentenzeit anfangs der 60er Jahre war im Studentenheim auch nur der Studier-Saal geheizt. Warmwasser in der Duschanlage Fehlanzeige. Zeichenarbeiten wurden im Wintermantel gemacht. Und damals waren die Winter kälter als heute. Für einmal hat die Klima-Erwärmung einen positiven Effekt, weil das Heizen der Stube weniger Energie benötigt und die Temperatur in den ungeheizten Zimmern erträglicher bleibt.

Von Thadden beschreibt einen weiteren positiven Effekt der Knappheit. Das Nachdenken über einen Weg «der aus dem energiegefrässigen Wachstumswahn führt und jene anderen Güter erschliesst, die Menschen grundlegend brauchen: die eher immateriellen Güter nämlich wie Freundschaft, Gesundheit, Sicherheit, Respekt und Musse.» Leider ist es aber auch so, dass eine Voraussetzung für sozialen Frieden doch wieder das Wirtschaftswachstum ist. Das Problem dabei ist, dass zu hohes Wirtschaftswachstum zu etwas führt, das mit dem Schlagwort «Tragik der Allmend» bezeichnet werden kann. Dies wiederum ist die wesentliche Ursache des Klimawandels. Allmend das wären die Dinge, die niemanden und allen gehören.

Das wäre insbesondere die Aufnahmekapazität der Erde in Bezug auf Kopfzahl und Konsum. Das wesentliche Mittel, um die «Tragik der Allmend» zu verhindern ist das Menschenrecht auf Eigentum. Aber wie ist die Tatsache zu interpretieren, dass Putin das Recht Russlands auf das Eigentum an Öl und Gas genutzt hat, um die aktuelle Knappheit auszulösen? Die «Tragik der Allmend» liegt diesbezüglich darin, dass das übermässige Nutzen der eigenen Ressourcen zu gefährlicher Abhängigkeit führte.

Der Ukraine-Konflikt hat die Abhängigkeit von elementaren Dingen aufgezeigt: Öl, Weizen, Transport und Transfer. Der technische Fortschritt kann diese Abhängigkeit nicht beseitigen. Es ist unumgänglich, die Verantwortung zielgerichtet zu verteilen. Den Konsum pro Kopf einzuschränken reicht nicht, wenn nicht ähnliches fürs Wachstum der Kopfzahl gilt. Es kann nicht das Ziel der Menschheit sein (auch nicht bei geringem Konsum pro Kopf) immer weiter zu wachsen, bis das Wachstum durch unerträgliche Zustände gestoppt wird. Es kann nicht das Ziel sein, alle Anstrengungen darauf konzentrieren zu müssen, die Grundversorgung für immer mehr Menschen sicher zu stellen.

Das würde eine negative Spirale in Gang setzten. Perspektiven bezüglich Themen wie «teilweise Selbstversorgung (Gartenarbeit, Fördern von Kleinbauern)», «Genuss einer schönen Natur ohne Dichtestress in der nahen Umgebung», würden wegen Platzmangel (Urbanisierung) ersetzt durch Perspektiven, die eine hohe Geburtenrate und hohen Konsum begünstigen. Rechtzeitiger Mangel kann tatsächlich hilfreicher sein (Mahnung und Anlass zum Handeln) als die zu lange ungehinderte Möglichkeit des Auspressens der letzten Ressource, analog dem Auspressen einer Zitrone.

Interessant ist übrigens noch ein anderer möglicher positiver Effekt von Knappheit. Knappheit kann Innovation begünstigen. Zum Beispiel: Weil Experimental-Physik hohe Kosten verursacht, wurden vor dem letzten Weltkrieg in Deutschland wegen Knappheit an Mitteln statt neuer Lehrstühlen für Experimental-Physik neue Lehrstühle für Theoretische Physik geschaffen, die zu bahnbrechenden Erkenntnissen führten. Vergleichbares wäre auch heute wünschenswert. – Dr. Gernot Gwehenberger

 


 

 

Leserbriefe zu „Die reine Energie Doualas“ von Thomas E. Schmidt

 

Dass sich afrikanische Künstler der Gegenwart nicht als Opfer der kolonialen Vergangenheit begreifen und sich diesbezüglich auch nicht instrumentalisieren lassen wollen – geschenkt. Sie aber nun als authentische Zeugen gegen die „postcolonial studies“ in Stellung zu bringen, ist leicht durchschaubar und intellektuell unredlich. – Rüdiger Paul

 

Viele Worte um ein paar einfache Tatsachen: es gibt Antisemitismus, sowohl im globalen Süden als auch bei uns in Deutschland. Und es gibt die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs in der politischen Auseinandersetzung. Der sogenannte „israel-bezogene“ Antisemitismus liegt in der Grauzone, denn es ist schwer zu sagen, ab wann Kritik am Staat oder der Regierung Israels auf Vernichtung abzielt. Selbst ein Aufruf zu Gewalt ist nicht schon ein Aufruf zum Völkermord, zumal in einer Situation, in der Israels Besatzungspolitik ihrerseits als gewaltförmig erlebt wird.

Der von Boehm propagierte Universalismus scheint mir hier die einzige Haltung zu sein, die aus dem Dickicht herausführt. Er ist die naheliegende Konsequenz aus einer natürlichen Empathie für alle Menschen, die alle Formen von Diskriminierungen kritisiert und nicht nur diejenige, von der man selbst betroffen ist. Das hat überhaupt nichts Verkopftes und Abstraktes, wie Schmidt in seinem Essay suggeriert.

Und dass es „die Gesellschaft“ war, die in Kassel nun angeblich das Heft in die Hand genommen hat, indem sie eine verdeckte antisemitische Agenda der Verantwortlichen offengelegt hat, stimmt auch nicht. Es waren Politiker und die aufgeschreckte Festival-Leitung, welche das Plakat „People’s Justice“ abgehängt haben, nicht „die Gesellschaft“. Letztere hätte eine durch das Kunstwerk ausgelöste offene Diskussion über Antisemitismus auch im eigenen Land möglicherweise spannender gefunden als die Entfernung desselben. Schade, dass diese Chance vertan wurde. – Dr. Dirk Kerber

 

Danke für Ihren erfrischenden Artikel „Die reine Energie Doualas“. Folgende Sätze kann ich besonders bekräftigen: „Diese Kunst darf dann nicht sie selbst sein, sondern sie wird gezwungen, über uns, die Deutschen, zu reden.“ Das ist auch meine Wahrnehmung: Dass vieles, was interkulturell und weltoffen genannt wird, letztendlich der deutsche Blick auf die Dinge ist. Und: „Das bedeutet auch Verarmung, ja eine Verdrängung der afrikanischen Gegenwart, denn die Konzentration auf diesen einen Aspekt hat viel mit dem schlechten Gewissen der Europäer zu tun, viel mit dem Moralempfinden der Nachgeborenen, aber relativ wenig mit den Bedürfnissen der Afrikaner.“

Danke für Ihre Herausarbeitung, dass junge Afrikaner an einem lebendigen Fortkommen und an einem kreativen Austausch mit der Welt interessiert sind, und Deutsche sie oft auf Objekte der Wiedergutmachung reduzieren. Nur eine Frage hätte ich: Ich kenne den Ausdruck „von der Hand in den Mund leben“, weil man keine Vorräte anlegen kann, sondern was man hat sofort essen muss. Sie schreiben „von der Hand im Mund leben“. Heißt der Ausdruck für Sie, dass man an seiner Hand nuckeln muss, weil man sonst nichts hat? Danke. – Silvia Grimmsmann

 


 

 

Leserbriefe zu „Wenn Knabbereulen gefährlich werden“ von Lydia Sperber

 

Zu dem Artikel „Wenn Knabbereulen gefährlich werden“ in der Zeit vom 28. Juli 2022: Ich bin seit meinem 11. Lebensjahr an Diabetes erkrankt, heute bin ich 25. Ich bin sehr dankbar, dass es heutzutage moderne Therapien gibt, die einem ein relativ flexibeles Leben trotz Krankheit ermöglichen. Vor nicht allzu langer Zeit (wenigen Jahrzehnten) musste man sich an einen strengen Diätplan halten und auf die Ergebnisse von Blutzuckermessungen stundenlang warten. Ich bin noch dankbarer, dass ich in einem Land lebe, in dem diese modernen Therapien von der Solidargemeinschaft bezahlt werden.

Ich kann gut nachvollziehen, dass die Diagnose „Diabetes Typ 1“ für Eltern von sehr kleinen Kindern ein einschneidenes Erlebnis ist. Jedoch finde ich es sehr bedauerlich, dass die Autorin angesichts ihrer persönlichen Betroffenheit nicht in der Lage ist, die vielfältige Unterstützung (Schulungen für Eltern, Integrationshelfer, Bezahlungen moderner Therapien), die zudem noch von der Gemeinschaft bezahlt werden, offenbar gar nicht als solche wahrnimmt und wertschätzt. – Verena Caspari

 

Vielen Dank für Ihren offenen Artikel und den Einblick in den „Alltag“ einer Familie mit einem an Diabetes erkrankten Kind. Sicher haben Sie bereits mehr als genug Ratschläge erhalten und aus Ihrem Text geht hervor, dass sich der Kindergarten bereits um eine Integrationskraft bemüht.

Zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nach dem Sozialgesetzbuch 9 kann eine Integrationshilfe auch aus medizinischen Gründen gewährt werden. Je nachdem in welchem Bundesland Sie leben, ist das Jugendamt oder die Eingliederungshilfe verantwortlich. Ich habe in meinem beruflichen Kontext bereits mit mehreren Fällen dieser Art zu tun gehabt. Wichtig ist, Standhaftigkeit gegenüber den Behörden zu beweisen – nach den Erfahrungen Ihrer letzten Jahre haben Sie davon sicher genug. – L. Glasmann

 

Vielen Dank für diesen sehr ausgiebigen Bericht über die Erkrankung Ihres Sohnes und dass Sie sich dem Thema Diabetes mellitus Typ 1 inhaltlich so toll angenommen haben. Aufgrund Ihrer guten Darstellung wird hoffentlich vielen Leserinnen und Lesern die riesige Herausforderung bewusst – speziell für Medizin und Forschung, aber auch unserer Gesellschaft – die Diabetes für Erkrankte und Angehörige bedeutet. Allerdings: Viel zu wenig weiß die Gesellschaft von dieser so lebensbedrohlichen Krankheit.

Und es werden Jahr für Jahr immer mehr Erkrankte. Laut einem Bericht des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) zeigt sich in Deutschland für 2020 eine erhöhte Inzidenz des Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter – häufig auch mit vorangehenden Corona-Erkrankungen. Die Zunahme von Diabetes Typ 1 ist bereits im letzten Jahrzehnt stetig gewachsen. Es sind nach Schätzungen bald über 400.000 Diabetes Typ 1-Patientinnen und Patienten.

Mich persönlich hat Diabetes Typ 1 im Jahr 2020 kurz nach meinem Studium „erwischt“. Ein großer Schock, da ich doch eigentlich gerade ins Berufsleben starten wollte. Nach Gewichtsabnahme, vielen Schwächeanfällen und ständigem Herzrasen stellte ein Kardiologe per Zufall fest, dass ich einen Zuckerwert von über 600 hatte. Und das wohl schon über lange Zeit. Ich war zu dem Zeitpunkt körperlich komplett am Ende.

Später wusste ich, dass ich kurz vor einer Ketoazidose stand. Bis zur finalen Diagnose war es ein wundersamer Weg, wo beispielsweise eines Nachts nach Herzrasen ein Arzt in einer Hannoveraner Notfallambulanz meinte, ich hätte Angst vor Corona und solle nicht so übertreiben. Keine Nachfrage, keine Kontrolle und keine Kenntnisse über Diabetes als Krankheitsbild. Und hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: Unsere Gesellschaft, und auch Ärztinnen und Ärzte, haben diese Krankheit noch nicht zu 100 Prozent verstanden.

Lehrerinnen und Lehrer an Schulen wissen nicht, was sie bei einer Unterzuckerung eines Kindes tun müssen. Als Arbeitnehmer mit Diabetes Typ 1 sind Verbeamtung oder der Abschluss von Berufsunfähigkeitsversicherungen schier unmöglich – ganz zu schweigen von privater Krankenversicherung. Bei der Insulinverabreichung werden Betroffene schräg angesehen, auch gerade weil es Imagekampagnen wie die der Polizei Hamburg aus dem Jahr 2020 gibt (siehe Anhang). Und in vielen Köpfen geistert der Gedanke, Diabetiker seien Übergewichtige, die sich unzureichend gesund ernähren oder die, die sich nie bewegen würden. Diese Annahme gab es auch bei mir im Freundeskreis.

Diabetes Typ 2(!), auch Altersdiabetes genannt, ist ein eigenes Politikum für sich. Diese Menschen sind meist übergewichtig. Die Krankheit ist häufig selbst verschuldet, aber leichter zu bekämpfen und einzuschränken. Ein Diabetes Typ 1-Patient hat wenig Einfluss auf seinen Zucker. Nur Insulin und die kontrollierende Technik machen ein Leben möglich. Übergewichtig ist eigentlich fast kein Diabetes Typ 1-Mensch.

Mit der Krankheit den richtigen Umgang zu finden, ist das eine. Gerade wenn man jung ist, kann man schnell und effektiv lernen, weil man ja auch überleben will. Doch die Diskreditierung und Diskriminierung ist eine wahre Belastung für Betroffene und deren Angehörige – von der Schule bis in den Job. Diabetes Typ 1 ist eine Krankheit, die noch bekannter werden muss. An Schulen sollte dazu aufgeklärt und der Gesundheitssektor stärker für Diabetes Typ 1 sensibilisiert werden. Auch politisch brauchen Diabetiker eine bessere Lobby.

Eine Ärztin sagte mal zu mir, nach einem Jahr sei Diabetes wie „Zähne putzen“. So einfach wird das sicherlich nicht. Von der Diabetes hat man keinen Urlaub – sie ist eine Lebenspartnerin auf Ewigkeit. Ich habe es dank meiner Familie und einiger toller Freunde geschafft, wieder zurück ins Leben zu finden. Die Alltagsherausforderungen wie Insulin spritzen oder Zuckermessen bleiben. Aber ich weiß, dass man mit Diabetes alt werden kann.

Meine Ziele sind etwas Kleiner geworden und dennoch habe ich es vor einem Jahr geschafft, meinen Traumjob zu finden. Das geht nur, weil ich einen Chef habe, der mich hin und wieder auf Dienstreisen und bei lokalen Terminen fragt, wie es mir geht und der verstehet, wenn ich auch mal nicht so kann. Er weiß, was zu tun wäre, wenn mein Zucker verrückt spielt. So wünsche ich es allen Diabetikern.

Ihre Erfahrungen, liebe Frau Sperber, haben mich sehr nachdenklich gemacht – besonders als Betroffener die Herausforderung der Angehörigen zu hören. Ihren Umgang damit bewundere ich sehr. Sie können sich auf die Fahnen schreiben, dass Sie eine herausragende Mutter sind. Ich wünsche Ihrem Sohn, Ihrer Familie und Ihnen nur das Beste. – Yannoh Mügge

 


 

 

Leserbriefe zu „Putins unberechenbares Spiel“ von Hannah Knuth et al.

 

Der Habeck wird´s schon richten, der Habeck, der ist supertoll und supergut. Der Habeck spielt am Gashahn, dreht mal links, mal rechts herum, und der Habeck macht uns ständig weiß, dass er immer ganz genau weiß, was er gerade so tut! – Klaus P. Jaworek

 

Die Verknappung von Gas erhöht den Marktpreis und kickt Unternehmen samt Beschäftigten aus dem Markt. (die von MP Kretschmer befürchtete Deindustriealisierung Deutschlands) Gleichzeit bekommt Gazprom (Putin+Oligarchen) mehr Geld für weniger Gas. Minister Habeck hatte einen Plan, Gas aus Russland nach dem Winter nicht mehr aus Russland zu beziehen. Es wäre jetzt schon mal gut, von ihm zu erfahren, zu welchem Preis dieses Gas dann zu haben sein wird und zwar für die Verbraucher und Unternehmen, die dann noch nicht pleite sind.

Es wäre auch zu fragen, wie es der deutschen Wirtschaft geht, wenn Russland in Kürze gar kein Gas mehr liefert. Ist dann die deutsche (europäische) Wirtschaft im freien Fall bzw. gehen dann die Deutschen, die nicht im Kalten sitzen wollen, auf die Barrikaden oder macht dann unser Stromnetz wegen Millionen Heizlüftern schlapp oder werden dann die E-Autos vom Netz genommen?

Es sieht im Moment so aus, als ob der russische Aggressor im Wirtschaftskrieg gerade die Bedingungen diktieren kann. Ich frage mich, ob unsere Regierung mitsamt den C-Parteien zu kurz gedacht haben. Und ich wundere mich, warum im Wirtschaftsteil der Zeit so extrem zögerlich mit der Dramatik dieses Themas umgegangen wird.

Ok, die im Artikel erwähnte Verteuerung von Adblue macht pro Kilometer nur Zehntel Cent/km aus. Die fetten Diesel verschwinden also noch nicht von der Straße und der Flottenverbrauch wird ja durch die E-Modelle gesenkt – auch wenn sie nicht mehr fahren. – Uwe Mannke

 

Die Pizzakartons werden dann hoffentlich nicht nach Deutschland geflogen und hier für einen Bruchteil verkauft. Sarkasmus Ende. Höhere Energiepreise (Steuer) wären schon seit wesentlich längerem sinnvoll gewesen. Die Einnahmen aus der Steuer hätten wir direkt in Ingenieurleistungen zur Energieeinsparung investieren können, dann ginge es jetzt der Bevölkerung und nicht den Shareholdern der Energiekonzerne wesentlich besser. – Willi Krebser

 


 

 

Leserbriefe zu „Wenn eine starke Liebe 700 Jahre währt“ von Daniel Kehlmann

 

Überraschung. Es gibt sie, die Augenblicke, in denen das Leben ganz anders als gedacht von statten geht. Jetzt ist so einer. Anstatt ein geplantes Fest weiter vorzubereiten, folgte, ich meinem spontanen Interesse, durch „DIE ZEIT“ zu blättern. Der Artikel, „wenn eine starke Liebe 700 Jahre währt, konzentrierte meine Aufmerksamkeit. Neben den für mich neuen Sachinformationen berührte mich die Haltung des Freundes, der für und über seinen Weggefährten und Freund Helmut Kausser schrieb.

Inzwischen noch neugieriger geworden, las ich den Namen des Autors. In der Regel passiert das erst am Ende, wenn mir eine Einordnung wichtig wird. Überraschung! Daniel Kehlmann. Wien, Maria Hilfer Str. Das passt, dachte ich. 2011 besuchten wir spontan wie immer noch, auf einem Tripp durch Wien, unseren jahrzehntelangen Weggefährten aus der Ferne, Alexander Wurm. Jahre hatten wir uns nicht gesehen und doch immer verbunden gefühlt. Wir lernten uns eher zufällig 1973 auf einer Rucksack-Tour in Jaffa, Israel kennen.

38 Jahre später knüpften wir an gemeinsame Erlebnisse an. Wir besuchten sein Zuhause im seiner Zeit höchsten Haus Wiens, mit Sicht auf den Stefans Dom. Anrührend zugewandt lernten wir durch Alexander auch verborgene Gassen und Winkel des geschichtsträchtigen Wiens kennen. Vor allem aber beeindruckte uns seine offene, vertraut sich anfühlende, unkapriziöse, authentische Lebensart. Mittelpunkt seines Lebens sind seine unzähligen Bücher. Sie stapelten sich in wanddeckenhohen Regalen eines raumreduzierten Appartements.

Wir durften uns hindurchschlängeln, verweilen, das ein und andere Buch aus seinem festgelegten Standort herausziehen und unser Gespräch über das gemeinsames Interesse an Literatur, das wir entdeckten, vertiefen. Staunend über Alexanders Literaturkenntnisse, seine Interessen, insbesondere auch über seine gelebte, vermittelnde Art uns in sein Leben schauen zu lassen und mitzunehmen in seine Bücherwelt, verweilten wir in einem unwiederbringlichen Augenblick, abgeschirmt von der Außenwelt mit uns.

Beim Herausgehen auf dem Flur, erwähnte er noch einmal kurz seinen Tür-Nachbarn, mit dem er sich vertraut gemacht und rege über Literatur ausgetauscht hatte. Leider sei er verzogen, nach Berlin, sagteAlexander, dessen Freude über die Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten, immer noch in seinen Augen zu lesen war. Mit einem kurzen Blick las ich fragend laut den Schriftzug auf des Nachbarn Türschild. Daniel Kehlmann? Ein knappes “ja“ reichte. „Herr Kehlmann scheint dir viel bedeutet zu haben“, sagte ich, meine Gedanken in Richtung des ersten Buches lenkend, das ich von dem Autor gelesen hatte. Sein Lächeln genügte.

Ich verstand. Damals und heute. Der Name Kehlmann lässt sich für mich mit dem Artikel den Sie, Herr Kehlmann schrieben und meiner Erfahrung in der Begegnung mit A. Wurm, mit Inhalt füllen. Sichtbar werden kann der Mensch Daniel Kehlmann, den ich als authentisch Stellung beziehenden Freund eines ihm wertvollen Freundes einordne. – Dagmar Sommerfeld

 

Daniel Kehlmann äußert sich über den Buchtitel von Helmut Kraussers Roman: „Was soll dieser klappernde Buchtitel?“ Der Buchtitel – gemeint ist: Wann das mit Jeanne begann – ist nicht nur klappernd und sperrig, sondern auch grammatisch nicht korrekt. Allenfalls könnte man schreiben: Als das mit Jeanne begann. Leider ist das auch kein doppelter Binnenreim, wie Kehlmann schreibt (beim Binnenreim stehen die Reimwörter im Inneren des Verses). Bei Kraussers Buchtitel stehen sie jedoch außen (temporales Interrogativadverb und Verb). Ich bin übrigens kein Oberlehrer – aber das da nur nebenbei. – Hagen Treutmann

 


 

 

Leserbriefe zu „Auf den Schultern der Armen“ von Thomas Fischermann

 

Die westlich geprägte Weltwirtschaftsordnung ist nicht überlebensfähig. … Die Globalisierung brachte eine beispiellose Produktivität hervor; aber keine Wirtschaftsordnung, die mit naturwissenschaftlichen Einsichten vereinbar ist. Da wir kein Perpetuum Mobile haben, wäre ein volkswirtschaftliches Risikomanagement mit einer „Grünen Null“ sinnvoll um dem Gütermarkt zu steuern.

Wenn die „Machthaber“ das Volk zwischen dem „BIP und „Grüner Null“ wählen lassen würde, wäre die „Grüne Null“ längst als neue Weltwirtschaftsordnung verwirklicht. … Erstaunlich, dass gerade in westlichen Demokratien keine Debatte über dysfunktionale Wirtschaftsaxiome stattfindet. … – Matthias Losert

 

Thomas Fischermann macht vor allem die Hochzinspolitik der westlichen Zentralbanken für die Misere der Entwicklungs- und Schwellenländer verantwortlich. Er vergisst jedoch, zu erwähnen, dass dieser Phase fast ein Jahrzehnt Niedrig- oder Nullzinsen der Notenbanken vorausgegangen ist, von der auch diese Länder profitiert haben und in der sie ihre Wirtschafts- und Finanzprobleme hätten besser in den Griff bekommen können. Eine ähnliche Entwicklung beobachten wir heute auch in den Südstaaten der Eurozone. Weitsichtige Zentralbanker, Ökonomen und Politiker hatten schon lange vor den Gefahren einer möglichen Zinswende gewarnt, ohne dass sie Gehör gefunden haben.

Jetzt drohen sowohl die Gefahren einer Euro- und auch einer Weltfinanzkrise, nachdem die Corona-Pandemie und der russische Überfall auf die Ukraine zu schlimmen Verheerungen geführt haben. China ist für die armen Länder keine Alternative zum Westen, wie das jüngste Negativbeispiel Sri Lanka drastisch beweist. Die hohe Verschuldung der Staatsunternehmen der Volksrepublik im Rahmen des seit 2013 laufenden Großprojekts der neuen chinesischen Seidenstraße ist selbst eine große Gefahr für das Weltfinanzsystem. Der Autor hat Recht, wenn er eine Lösung der nächsten großen Schuldenkrise nur gemeinsam mit China für möglich hält. – Hans-Henning Koch

 


 

 

Leserbriefe zu „Die Gefesselte“ von Anna-Lena Scholz und Martin Spiewak

 

Was Anna-Lena Scholz und Martin Spiewak da zu Bettina Stark-Watzinger, Chefin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, zusammenschreiben, das ist hochgradig diskreditierend und ehrverletzend. Das ist definitiv ganz üble Schreibe, da auch nicht klar wird, was damit bezweckt werden soll. Würde man solche Maßstäbe bei anderen Politiker:innen anwenden, dann gäbe es wohl mehr Gründe, sich mit dem Karl Lauterbach auseinanderzusetzen… – Ernst Schlumpf

 

Warum müssen die Universitäten um Geld für energetische Sanierungen und mehr Geld Exzellenzstrategien bitten? Warum schaffen wir nicht die duale Finanzierung der Bildungseinrichtungen ab? Geben wir Ihnen ein Budget und lassen sie selber entscheiden was sie damit tun. Wäre doch eigentlich im Sinne der Liberalen, oder verstehe ich die falsch? Warum passiert das nicht? Vielleicht weil dann in den Ministerien einige oder vielleicht sogar viele Planstellen überflüssig wären. Wäre aber gut so, die könnten dann bei den Bildungseinrichtungen untergebracht werden und könnten dort mit nach vorne arbeiten, statt im Amt auf der bürokratischen Bremse zu stehen. – Willi Krebser

 


 

 

Leserbriefe zu „Gesten der Versöhnung“ von Andreas Englisch

 

Der Papst ist gerade auf seiner Abschiedstour durch die Welt. Jetzt weilte er in Kanada, um sich dort für den katholischen Mißbrauch an Kindern zu entschuldigen. Das eigentliche Thema der katholischen Kirche, die Seelsorge, die ist irgendwie in sehr weite, fast schon unerbare Ferne gerückt. Irgendwie geht es bei und in der katholischen Kirche nur noch um das Thema Mißbrauch von Menschen.

Katholische Glaubwürdigkeit, was soll denn das sein, wie könnte die noch aussehen? An Gott kann man glauben, aber braucht man dafür keine katholische Kirche. Laut Duden (7. Auflage) wird katholisch zu sein wie folgend definiert: „Sich zu derjenigen christlichen Kirche und ihrem Glauben bekennend, die beansprucht, allein selig machend zu sein, und die das Dogma der Unfehltbarkeit des Papstes, ihres als stellvertreter Christi eingesetzten Oberhauptes, vertritt!“ – Klaus P. Jaworek

 

Wahrlich ein Bußgang für Papst Franziskus, den er trotz gesundheitlicher Probleme noch gut überstanden hat. Der Papst war authentisch, seine Bitte um Vergebung war aufrichtig, sein Herz „voller Kummer“. Das scheinen auch viele der Überlebenden der Missionsschulen und ihre Nachfahren gespürt zu haben. Die Reaktionen haben es gezeigt.

Andreas Englisch ist nahe an Franziskus. In beeindruckenden Worten und mit viel Empathie hat der Autor diese außergewöhnliche Reise des Papstes nach Kanada beschrieben. Viele Menschen hat er dabei zu Wort kommen lassen, die betroffen waren und bitterste Erinnerungen an diese Zeit haben. Wie müssen sie sich fühlen als katholische Christen? Dennoch finde ich, dass Papst Franziskus durch diese Bußwallfahrt und sein „Ich bitte um Vergebung“ viel bewirkt und den Indigenen Hoffnung und Trost geschenkt hat. Vielleicht auch Hoffnung auf eine bessere katholische Kirche? – RUTH WAGNER

 


 

 

Leserbriefe zu „Auto-Fokus“ von Paul Middelhoff und Mark Schieritz

 

Nach dem „Freispruch aus Mangel an Beweisen“ für Christian Lindner heißt es: „…steht die Partei (FDP) wieder einmal als Klientelpartei da“. Wollen Sie damit zum Ausdruck bringen, dass sie das nicht ist? – Sven Herfurth

 

Ist das eine Fotomontage ? Der verwischte Kopf von Christian Lindner vor einem Büroschrank auf dem ein Modell vom PORSCHE Targa steht. Sowohl eine echter Targa vor der Türe als auch das Modell sind Lindner zu gönnen. Nur hat das einen starken Bezug zu dem Vorstands-Sprecher-Wechsel bei VW. – Hartmut Wagener

 


 

 

Leserbrief zu „PROMINENT IGNORIERT. Ponyhof“ von JULI

 

Unter der Überschrift „Ponyhof“ las ich von dem Vermieter, der seinen Mietern die Miete um 100 Euro kürzte – einfach, weil er es (in jeder Hinsicht) kann! Welch schöne Geste! Der kurze Artikel dazu klingt leider in meinen Ohren respektlos. Es geht nicht um Ich-will-ein-Pony-Luxus, nicht um 9-Euro-Tickets fürs Fliegen (damit noch mehr Leute etwas gegen die Umwelt tun können).

Dass es auch Dinge gibt, die sich nicht dem Kapitalismus unterordnen, sondern nach Möglichkeiten an Menschen denken, scheint zunehmend ungewöhnlich zu sein. Und: Wir leisten uns als Kleinstunternehmen auch, unseren Angestellten mal ein Extra zukommen zu lassen – einfach, weil wir es können. – Monika Bahne

 


 

 

Leserbrief zum Titelthema „Schaffen wir das?“ von Anne Hähnig et al.

 

Da sitzen 4 Personen frierend auf dem Sofa, bekleidet sind sie mit kurzärmeligen T-Shirts, von einer sieht man die nackten Füße in Adiletten. Finde den Fehler… – Gabriele Blechschmidt

 


 

 

Leserbrief zu „»Uns hat noch keiner totgekriegt«“ von Stefan Willeke

 

Zu den Gedanken über Gastwirt Scholsching und den Hinweisen über die niedersorbische/ wendische Stadt Drebkau (Niedersorbisch Drjowk) hätte – gerade bei einem Menschen mit wendischem Namen noch gut der Hinweiß auf das hartnäckige und heimatverbundene Wesen dieser wunderbaren Menschen in der Niederlausitz gepasst. Übrigens die Calauer Menschen sind sicher nicht amüsiert darüber, dass ihre schöne ehemalige Kreisstadt als Dorf bezeichnet wird. Man könnte es beinahe für einen „Kalauer“ halten, vor allem wenn sie in einer Reihe mit dem Nachbardorf Allmosen aufgezählt werden. – Karl Fisher

 


 

 

Leserbrief zu „Im Zeitalter des Feuers“ von Caterina Lobenstein

 

Die seit Jahren extreme Trockenheit dürfte für Deutschland zum größten Problem werden. Weitaus größer noch als die Gaskrise. Denn Wasser kann man nicht künstlich herstellen. Auch das eigentlich wasserreiche Bayern leidet zunehmend unter der Dürre. Insbesondere nördlich der Donau droht in einigen Regionen der Notzustand, wenn es nicht endlich sehr ergiebig und langanhaltend regnet. In einigen Gegenden, wie zum Beispiel im Raum Hof und Weiden in der Oberpfalz hat es seit Monaten so gut wie gar nicht mehr geregnet. Die extreme Trockenheit sorgt dafür, dass die Grundwasserpegel dramatisch sinken und die Wälder austrocknen.

Erste Orte in Deutschland sorgen schon für den Ernstfall vor, indem sie sogenannte „Backups“ bilden, also zweite Standbeine für die eigene Wasserversorgung. Der Klimawandel schreitet mit Riesenschritten voran und Deutschland trocknet immer mehr aus. Die politischen Versäumnisse insbesondere der letzten beiden Jahrzehnte, als sich die „den Bürgern nach dem Mund redende“ Bundeskanzlerin vor schmelzenden Gletschern ablichten ließ und eindringlich vor dem Klimawandel warnte, ihren Worten jedoch keine Taten folgen ließ, weil diese den Bürgern Opfer in Form von Einschränkungen in der gewohnten Lebensführung abverlangt hätte. Die Grundwasserstände befinden sich im Stresstest.

Die Wasserverfügbarkeit geht stark zurück. Es bräuchte mindestens drei total verregnete Jahre, um die Defizite der vergangenen Jahre wieder einigermaßen aufzuholen. Dies ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. Manche Städte ergreifen bereits Maßnahmen gegen die drohende Wasserknappheit. Sie schicken das Regenwasser, wenn es denn einmal regnet, nicht einfach in die Kanalisation, die bei Starkregen überläuft, sondern fangen das Wasser auf. Gerade die Städte müssen sich gegen den Klimawandel wappnen, sonst werden sie zwei Probleme haben. Wenn zu viel Wasser auf einmal kommt, saufen sie ab.

Und wenn eine längere Trockenperiode bzw. Hitzeperiode kommt, heizen sie sich unheimlich auf. Deshalb ist es ungemein wichtig, dass das Wasser besser in den Flächen zurückgehalten wird, dass es also in der Landschaft verbleibt, dass Flächen entsiegelt werden und eine weitere Versiegelung möglichst verhindert wird. Die andere Komponente ist, dass wir auch strengere Maßnahmen ergreifen, um die Gewässer vor Verschmutzung zu bewahren. Wasser sparen sollte jeder mit Blick auf den Klimawandel eigentlich stark verinnerlicht haben.

Es gibt jedoch immer noch viel zu viele, die sich nach kleinsten körperlichen Anstrengungen teilweise mehrmals täglich minutenlang unter die Dusche stellen. Sie haben noch nicht begriffen, dass das Land, „in dem alle gut und gerne (und ohne persönliche Einschränkungen) leben können“, eine Fata Morgana ist. Auch das Befüllen von privaten Pools mit Trinkwasser, die in der Corona-Krise wie Pilze aus dem Gartenboden geschossen sind, sollte strengstens untersagt werden. – Alfred Kastner

 


 

 

Leserbrief zu „»Das ärgert mich selbst sehr«“. Gespräch mit Stefan Schulte geführt von Claas Tatje

 

Herr Dr. Schulte bedauert, die geplante Anzahl von Flügen nicht bereit stellen zu können. Wenn seine Pläne bereits für wenige Monate nicht funktionieren, dann sollten auch die Äußerungen zur Zukunft klimaneutraler Treibstoffe und CO2 Neutralität des Flughafens nicht als Prognosen sondern als unbegründete Behauptungen gewertet werden. Schließlich zeigt sich auch für sämtliche Äußerungen zur Lärmminderung der letzten 10 Jahre kein Bezug zur Realität: Im Mai 2021, ein Corona-Monat ohne Flugverkehr, lag der Dauerschallpegel in Mainz-Bretzenheim bei 32,7 dBA. Im Fluglärmmonat März 2022 liegt dieser Wert bei 48,6 dBA.

Drei Dezibel mehr bedeuten eine Verdoppelung, denn Lärm wird logarithmisch skaliert. Für Mainz bedeutet das eine Vervielfachung des „normalen“ Alltagslärms durch Fraport. Dabei geht es nicht einfach um „häufigen Fluglärm“. Der Lärm aufeinander folgender Maschinen überschneidet sich ohne Pause. Das war beispielsweise am 29.04.2022 für Mainz 1127 mal der Fall, zwischen 5:00 und 23:00 Uhr jede Minute ein Flugzeug! Das Resultat ist ein permanent an- und abschwellender Dauerlärm hoher Intensität, der nur kurz von üblichen Alltagsgeräuschen „unterbrochen“ wird.

Im lauten April 2022 gab es 32119 Landeanflüge über Mainz, 60% der Vor-Corona-Kapazität. Für die Zukunft beabsichtigt sind bis zu 60 000 Überflüge, pro Monat. Wieso darf ein Speditionsunternehmen wie Fraport weiterhin auf das Klima, die Gesundheit und Lebensqualität 100 000er Menschen pfeifen? Fraport liegt mitten im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet. Fraport hat, um eine Äußerung der früheren Frankfurter Bürgermeisterin Roth, gemünzt auf Ausbaugegner, zu zitieren, „das demokratische Recht, umzuziehen“. Das „Recht“ zu schrumpfen sollte angesichts der Klimakrise „Pflicht“ werden. – Dr. Paul Nilges

 


 

 

Leserbrief zu „Bitte nicht so einfallslos!“ von Jens Tönnesmann

 

Nun juckt es mich wirklich in den Fingern. Nein, Herr Gabriel und nein, Herr Tönnesmann: Die sich leerenden Rentenkassen sollten von allen Arbeitenden gefüllt werden. Und damit meine ich vor allem auch die Beamten, die von den Renten der Arbeitnehmenden einen schönen Lebensabend finanziert bekommen.

Es ist das System Deutschland, das an die Wand gefahren wird. Natürlich sägt der Beamte nicht gerne an dem Ast, auf dem er sitzt. Er ruht sich aber zu gerne und zu selbstverständlich auf diesem Ast aus. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Es ist an den Nicht-Beamten, endlich laut zu werden. Nicht zu fassen, von den Arbeitnehmenden zu verlangen, mehr zu arbeiten!! Von Herrn Gabriel ist nichts anderes zu erwarten, er ist Beamter mit ziemlich hohen Pensionsansprüchen. Aber Herr Tönnesmann???

In den letzten Jahr(zehnt)en ist zu viel falsch gelaufen, ich habe die Hoffnung auf ein funktionierendes Deutschland verloren. Es funktioniert ja nichts mehr – und dass es so kommen wird, war mit sehendem Auge akzeptiert worden. Denn, und nun können wir ja wieder an den Anfang der mail zurückkehren: Unsere Politiker (alles Beamte und sehr viele sehr junge, die noch nicht einmal die Berufswelt kennen gelernt haben) haben ihre Rente ja sicher (Blüm). Ehrlich? Zum Kotzen! – Angela Trothe-Voß

 


 

 

Leserbrief zu „Die Rolle meines Lebens“ von Hanna Schygulla

 

Ihr Name war ein Begriff während unserer Studienzeit in München in den späten 70er Jahren. Habe deshalb mit Spannung den Artikel und Angaben uber ihre Kindheit und jetzt ihr Leben im Alter gelesen. Es ist offensichtlich, dass Hannah wie alle, die ihre Mutter lieben, diese schützen will. Trotzdem ist es nicht nachvollziehbar, dass die Mutter, die ca 40 Km von Ausschwitz entfernt wohnte, gerade in den zwei Jahren als 1 Million Menschen umgebracht wurden , dass diese Mutter nur ahnte, dass es dort nicht mit rechten Dingen zuging.

Auch nicht, als das Lager schon befreit war, 1945 , und die Nachrichten uber das Grauen ganz sicher im ganzen Umkreis bekannt waren. Nicht einmal, als der Arzt der ihr Kind Hannah 1943 entband, zur gleichen Zeit als Assistent von Mengele, Babies und Kinder jeden Alters auf schrecklichste Weise im ‘ Menschen Labor’ folterte und umbrachte. Da wirkt die Empfindlichkeit auf das Wort ‘ Matz’ doch sehr übertrieben. Das Wort ‘Luder ‘ wird in Bayern immer wieder verwendet und ist nicht einmal unbedingt eine Beleidigung. Matz , ein Ausdruck den ich noch nie gehört habe, klingt nahezu nett:

Der Schweizer Matz/ Der bayrische Matz/ Der französische Matz/ Geflüchtete wurden gut oder weniger gut aufgenommen. Genau wie heute auch. Wie schön, dass dieser Bericht von Hannah Schygulla mit dem Geschenk des Eisentopfes endet. Ohne Hoffnung und Erinnerung an gute Taten geht es nicht Vergangenheit zu beschönigen geht auch nicht mehr. – Marianne Werner

 


 

 

Leserbrief zu „Bilderrätsel stapeln“ von Christine Lemke-Matwey

 

Im Artikel „Bilderrätsel stapeln“ von Christine Lemke-Matwey wird fälschlicherweise das Mahler Chamber Orchestra erwähnt. Tatsächlich spielt aber das Gustav Mahler Jugendorchester. Die Nachwuchsmusiker aus ganz Europa würden sich sicher freuen, wenn sie für ihre musikalischen Leistungen auch entsprechend erwähnt und gewürdigt werden. – Lukas Steger

 


 

 

Leserbrief zu „Die Musik sagt ja alles“ von Florian Zinnecker

 

Catherine Foster liegt im Schlußgesang mitunter einen Viertelton zu tief (SIC)!!!!.W O W Was für ein phänomenales Gehör. Gratulation der ZEIT für einen solchen Kenner. – Klaus Grasenick

 


 

 

Leserbrief zur Infografik „SOS am Baggersee“ von Hella Kemper (Recherche) und Matthias Schütte (Infografik)

 

In der Infografik zum Thema „SOS am Baggersee“ fehlt ein wichtiger Fakt: Die Dichte des menschlichen Körpers unterscheidet sich hormonell bedingt zwischen Mann und Frau in der Zusammensetzung von Muskel- und Fettmasse merklich, was einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Körperdichte hat und dazu führt, dass Frauen der sogenannte „Tote Mann“, also das bewegungslose Im-Wasser-Liegen und damit natürlich auch das Schwimmen, wegen des erhöhten Auftriebs wesentlich leichter fällt. Könnte das eventuell eine der Ursachen für das Verhältnis Mann/Frau (80/20) bei den Ertrunkenen sein? – F. David

 


 

 

Leserbrief zu „der hinterkopf oder: ode an uns uwe“ von Albert Ostermaier

 

Damals im Jahr 1966, da war ich noch ein junger Fußballfan und natürlich waren wir beim Fußball-WM-Finale mit dabei. Mit meinen Eltern sahen wir uns das Spiel in einem rappelvollen Nebenzimmer in einer Wirtschaft in Röthenbach/Pegnitz, meinem Geburtsort an. Der jetzt verstorbene Uwe Seeler war damals mit dabei und trotzdem ging das Spiel mit 4:2 für England verloren! – Klaus P. Jaworek

 


 

 

Leserbrief zu „Dausend Prozent“ von Peter Dausend

 

Kleine Steigerung zu Ihrer für Ihre Empfehlung zu einer Verzweiflungstat: Wenn alle Stricke reißen, werf‘ ich mich hinter den Zug. – Hans von Schack

 


 

 

Leserbriefe zu „Verschärfte Welt“ von Bernd Ulrich im ZEIT Magazin

 

Für diesen komplexen und großartigen Beitrag danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Das klingt pathetisch, entspricht aber der inneren Not, die ich als 1951 geborene Großmutter von acht Enkeln empfinde angesichts der Situation und dem gesellschaftlichen Verhalten ihr gegenüber. Sich selbst entscheiden, wer man sein will und wer man gewesen sein will, das ist dabei hilfreich! – Dr. Kalliope Eberhardt-Rittmann

 

Traurig und ratlos hinterlässt mich der verworrene Text. Überall der Abgrund, die Katastrophe. Alle Konflikte, Krisen der Gegenwart dienen ihm dazu, seine Lebensstiländerung, seine neue Essgewohnheit zu überhöhen, zu rechtfertigen. Aus jeder Zeile, trotz Behauptung des Gegenteils, begegnet man seinem Missionseifer, seinem Unverständnis denen gegenüber, die seine Weltsicht und seine Entscheidung auf Fleisch, Auto, Flüge soweit als möglich zu verzichten, nicht folgen.

Bedenklich zudem, dass Bernd Ulrich das journalistische Diktum, sich mit keiner Sache, auch keiner guten Sache, gemein zu machen aufgibt und sich als Aktivist bezeichnet. Als brillanten Analysten habe ich seine Texte immer geschätzt. Mit welchen Augen werde ich sie zukünftig lesen? – Karl Giebeler

 

Recht hat er, auch wenn es darum Herrn Ulrich wahrscheinlich gar nicht geht. Bereits sein erster Artikel hat jedes meiner Argumente mit einem weitgehnd vegetarischen Lebensstil zufrieden zu sein, entkräftet. Und dennoch bin ich einer von denen geblieben, die Herrn Urlich so häufig begegnen: ich esse fast kein Fleisch und auch schon weniger Milchprodukte. Wenigstens ist es mir gelungen, die Flug- und Autokilometer drastisch zu reduzieren.

Die für wertvolle Erkenntnis aus dem neuen Artikel, ist die neue Sicht auf das Thema, die ihm sein Sohn gelehrt hat. Nämlich die Frage, wer will ich sein? Will ich jemand sein, der sich so verhält, als ob mein Verhalten etwas beitragen könnte? Unabhängig davon ob es etwas im Großen ändert. Vielen Dank für diese Frage! Es gäbe noch mehr zu berichten, was mich an Ihrem Artikel bewegt, verzichte aber gerne zu Gunsten des Platzes für anderen. – Christoph Betz

 

Nach der Lektüre von Bernd Ulrichs ‚Verschärfte Welt‘ wirkt Mirko Borsches Permanenthedonismus in ‚Unter Strom‘ ziemlich schal. Wie wäre es denn mal mit ‚Ohne Strom‘? – Bernd Lange

 

Mit dem Beitrag über seine veganen Erfahrungen spricht mir Bernd Ulrich aus der Seele. Sie decken sich weitestgehend mit denen, die ich in 34 Vegetarier-Jahren gemacht habe. Danke für diesen mutigen und unverblümten Bericht. Ich fürchte, er wird nur diejenigen erreichen, die sich längst schon für einen nachhaltigeren Kurs entschieden haben.

99,9 % aller Tierarten, die es bisher auf diesem Planeten gab, sind irgendwann ausgestorben. Warum sollte der Mensch da eine Ausnahme machen? Der große Unterschied: Wir sind die einzigen, die die Zusammenhänge, die zu ihrem selbst verursachten Untergang führen, verstanden haben. Wir wissen sogar, was man dagegen unternehmen könnte, tun es aber nicht in adäquater Weise. Intelligenz schützt wahrscheinlich nur dann dauerhaft vor dem Aussterben, wenn weniger Gier, Neid und Testosteron im Spiel sind. – Thomas Fürbaß

 

Wow, Hut ab, Herr Ulrich, Sie haben mir mit jedem Worte voll aus der Seele geschrieben. Aber was für ein Seelenstriptease… Das möchte ich mal lesen, dass ein sog. „Verbrenner“ so ausführlich über seine Motive und Gemütslage reflektiert und öffentlich berichtet. Danke! – Jürgen Kuhr

 

Leider ist Bernd Ulrich auch im schwammigen Klein-Klein der Klimaschützer gefangen. Wir, die kleinsten der kleinen CO2-Emittierer, sollen die Welt retten und zerfleischen uns moralisch dabei gegenseitig, anstatt die wirklich großen Klimasünder anzugehen. Wirklicher Klimawandel würde kommen, wenn Konzerne ihre Klimapolitik ändern müssten und Reiche zum Beispiel ihre Super-Yacht und ihren Privatjet stehen lassen würden.

Bernd Ulrichs Schluss, um mit der Klimakrise umzugehen müsste man einfach erwachsen werden und eine Haltung von „Ich spiel da nicht mehr mit.“ an den Tag legen, löst aber leider das Problem nicht. Die großen Umweltschweine wird das nicht beeindrucken. Die spielen einfach weiter, zählen ihre Scheinchen und drehen die Klimaanlage ein Grad runter. – Eva Judkins

 

Vielen Dank für Ihren engagierten Beitrag. Ich denke wir sind uns einig, dass die Klimakrise das drängendste Problem unserer Zeit ist und unsere Handlungsspielräume immer geringer werden. In wesentlichen Punkten bin ich aber anderer Meinung als Sie. Meines Erachtens geht es Ihnen vor Allem um das Freisein von persönlicher Schuld (nicht Verantwortung). Das ist nicht verwerflich, aber führt kaum zum erhofften Ziel. Sie schreiben, dass der Fleischkonsum in 5 Jahren lediglich um knapp 10% zurück ging, obwohl in Ihrem Bekanntenkreis ständig davon die Rede war, weniger Fleisch zu essen. Vermutlich entstammt Ihre Bekannten und Freunde einer ähnlichen Blase, wie meine. Ich glaube, Sie könnten ihnen ruhigen Gewissens vertrauen.

Bitte bedenken Sie aber auch, dass es eine Menge Menschen außerhalb unseres jeweiligen Umfeldes gibt. Außerdem beziehen Sie sich Ihre Zahlen auf Deutschland. Ich bin mir nicht sicher, ob auch in China in den letzten 5 Jahren weniger Fleisch gegessen wurde. Ein Großteil der Menschheit lebt überwiegend (ungewollt) vegan. Wir könnten alles daran setzen, dass es so bleibt. Das wäre gegen den Klimawandel gut, aber ein moralisches Dilemma. Auf der anderen Seite können wir alles dafür tun, dass unser Umfeld vegan lebt. Das würde den Kimawandel nicht aufhalten (s.o., es beeinflusst mutmaßlich nur Leute, die sowieso in diese Richtung denken und leben), wäre aber moralisch konform und wir würden uns wahrscheinlich besser fühlen.

Hoffnung macht Ihnen, dass in Ihrer Umgebung der Kreis von Ernstnehmern und Gutwilligen wächst. Das ist in meinem Bekanntenkreis ähnlich und es macht mir bzgl. des Klimawandels wenig Hoffnung. Es fühlt sich für Diejenigen bestimmt besser an, sorgt aber zum Einen kaum dafür, dass weniger CO2 ausgestoßen wird und zum Anderen eher dafür, dass sie von der Last befreit werden, etwas tun zu müssen. Mir macht die FFF movement Hoffnung, weil es junge Menschen mit Kampfgeist sind, die global denken.

Ich meine, dass triefender Pessimismus und Hoffnungslosigkeit nicht geeignet sind, die Menschheit (und damit meine ich Menschen auf de ganzen Welt) zum Umdenken zu bewegen, sondern eher dazu, Wähler in die Arme von Trump, Orban u.ä. zu treiben, bzw. zu Nichtwählern zu machen. Aber Menschen, die sich an Wahlen beteiligen, Regierungen die Druck machen, internationale Organisationen wie die EU sind notwendig, um den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Vielleicht erreicht Ihr Gulasch essender Freund auf seine Weise am Ende mehr als Sie.

Der Klimawandel ist zweifellos eine existenzielle Krise für die Menschheit. Bei vielen anderen Problemen haben wir aber schon viel mehr erreicht, als es eine dauerempörte Öffentlichkeit wahrnehmen will. Darum lassen Sie es uns mal mit einem etwas weiterem Blick als auf die unmittelbare Umgebung versuchen. Schönreden und die Hoffnung auf Irgendwann sind keine Lösung. Aber, das sich verkriechen in eine depressive Einsamkeit hilft auch Niemandem weiter. – Gunnar Millow

 

Beim Lesen von Bernd Ulrichs Artikel „Verschärfte Welt“ habe ich den Eindruck bekommen, dass vegane Lebensweise unabdingbar zu sein scheint, wenn es um das Klima geht und auch wenn man dem Tier in die Augen schauen können möchte. Rein prinzipiell ist dazu zu sagen, dass es viele, meist indigene Völker und Kulturen gab und gibt, die Fleisch essen und in Einklang mit der Natur und in außerordentlicher Hochachtung gegenüber allem Lebendigen, Tieren und Pflanzen, ja sogar der unbelebten Natur gegenüber, leben. Ich möchte als Beispiel auf das vor einiger Zeit in der Zeit besprochene Buch „Geflochtenes Süßgras“ von Robin Wall Kimmerer hinweisen. Was Pflanzen betrifft, so scheinen diese in der veganen Welt als Lebewesen nicht vorzukommen.

Sollte der Veganismus sich eines Tages durchsetzen und zum Mainstream werden, was letztlich das Ziel ist, soweit ich den Artikel verstanden habe, dann würden sich allerdings einige Probleme ergeben. Landwirtschaft im Gebirge ist vor allem Viehzucht und in einer hauptsächlich veganen Welt hätten die Bergbauern ihre Lebensgrundlage verloren.

Das hieße aber auch, dass Almen und Bergwiesen verschwinden würden, sie würden einfach zuwachsen. Damit würden aber sehr artenreiche Lebensräume verschwinden – eine besorgniserregende Aussicht angesichts des bereits bestehenden Artenschwundes. Außerdem würde Grasland dann vermutlich oft in Äcker umgewandelt, was fürs Klima von Nachteil wäre, da im Grasboden sehr viel CO2 gebunden ist – mehr als im Ackerboden, sogar mehr als im Waldboden.

Mit einem Ende der Tierhaltung gäbe es auch keinen Stallmist mehr, ein gerade in der biologischen Landwirtschaft sehr wichtiger Dünger. Und ohne Kühe auf der Weide gibt es dort keinen Kuhdung, keine Kuhfladen mehr. Kuhfladen aber sind ein wahrer Mikrokosmos an Kleinlebewesen, vor allem Insekten und deren Larven, von denen wieder viele andere Tier, wie Vögel und diverse Säuger leben. Man nimmt an, dass das Verschwinden der Insekten auch damit zusammenhängt, dass immer weniger Kühe auf der Weide, sondern im Stall gehalten werden.

Es gibt dazu einen sehr guten Zeit-Artikel, „Fladen des Lebens“ (https://www.zeit.de/2019/29/kuhfladen-weidehaltung-artenvielfalt-insekten-naturschutzgebiete). Besonders problematisch würde sich ein Verzicht auf Honig, auch ein tierisches Produkt, auswirken. Wenn Imkerinnen und Imker keinen Honig mehr verkaufen können, werden sie vermutlich sehr viel seltener Bienen halten und die Folgen davon wären desaströs.

Will man kein Leder und Wolle oder Seide verwenden, wird man sehr oft auf Kunstfasern zurück greifen, aber diese Bekleidung wird am Ende zu Plastikmüll. Auch wenn es gelingt, Ersatzprodukte aus Pflanzenfasern zu erzeugen, scheint mir das keine vertretbare Lösung zu sein, denn dann besteht das Risiko, dass deren Produktion zum Konkurrenten der Nahrungsmittelproduktion wird.

So wie dieser und andere Artikel zum Veganismus formuliert sind, wird Tierzucht mit Massentierhaltung mit Vollspaltenböden und Soja aus Südamerika gleichgesetzt. Das ist es aber nicht – das ist vielmehr ein Auswuchs in unserem Wirtschaftssystem. Es gibt zahlreiche (oft kleine Familien-) Landwirtschaften, in denen Tiere artgerecht und mit Achtung gehalten werden und wo von Tierleid keine Rede sein kann.

Wer will, kann solche finden. Und es gibt in der Kälberaufzucht die Mutterkuhhaltung. Menschen haben seit Jahrtausenden Tiere, auch Rinder gehalten, ohne dass es zu einem Problem mit dem Klima gekommen wäre – es ist die Art der Tierhaltung und deren Exzesse, die abgeschafft gehören, die zu den Problemen geführt hat. Ein Veganismus, der zur Massenbewegung wird, würde genau die Tiere zum Aussterben bringen, die man schützen will. Auch wenn wir derzeit weit davon entfernt sind, scheint es mir selbstverständlich und wichtig, sich immer die Folgen vor Augen zu halten und zu bedenken, die u.U. eintreten können. – Oskar Luger

 

Geduld und Toleranz mögen das Leben ja vielleicht angenehm, ja bequem machen; offensichtlich war es aber auch bisher nicht einzusehen, warum „Toleranz“ so positiv konnotiert ist. Sie ist keine christliche Tugend, wird sogar deutlich abgelehnt. „Sage ja, das ja ist und nein, das nein ist; was darüber ist, das ist übel!“ Was gut und richtig ist oder man dafür hält, braucht man nicht tolerieren. Und was schlecht ist und man als solches erkannt hat, ist nicht tolerabel. „No ja, soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden“, sich nur nicht unbeliebt machen, sich gesellschaftlich in die Nesseln setzen, sich feige heraushalten, damit leistet man allem Übel Vorschub. Dafür darf es keine Entscheidungsfreiheit geben.

Angesagt wäre, Putin und Co, ihre Verbrechen wie Mord, Tod und Zerstörung nicht zu „verstehen“! Keine Wischi-waschi-Gespräche führen, sondern klar und unmissverständlich NEIN zu sagen. Und genauso den egoistischen Umweltzerstörern toleranzlos klar zu machen, dass man sie nicht zu tolerieren gedenkt. Es mag schwierig sein, sie von ihrem Tun abzuhalten. Aber man kann sehr wohl klar machen, was man von ihnen hält, ihnen den Rücken kehren, weil man nichts mit ihnen zu tun haben will. Auch Goethe hielt nichts von Toleranz: „Dulden heißt beleidigen!“ – Christine Preyer

 

Mit Bernd Ulrich zurück in die Zeit vor der neolithischen Revolution. Zum wiederholten Male musste ich als langjähriger ZEIT Abonnent eine, diesmal sehr lange, Kolumne des vor fünf Jahren geläuterten Chefredakteurs ertragen, der sein apokalyptisches Weltbild mit ansteigendem religiösen Eifer verbreitet. Als Leser und Kunde wünsche ich mir eine ausgewogene Berichterstattung im Sinne eines Qualitätsjournalismus und keine theatralisch vorgetragene persönliche Meinung mit unerträglich missionarischem Charakter. – Dr. Michael Dorra

 

Vielen Dank für diesen Text. Von der ersten bis zur letzten Zeile kann ich zustimmen. Genau die gleichen Gespräche habe ich geführt, genau die gleichen Gedanken gehabt, genau die gleiche Schlussfolgerung gezogen. Es ist schön zu lesen, dass ich nicht komplett alleine bin. – Matthias Stammler

 

Für mich kann ich den Anfang vom Ende der Normalität ziemlich genau auf den Sommer 1961 datieren. Damals hörte ich in Kiel einen Vortrag des Ministerpräsidenten Kai- Uwe von Hassel zum Thema Bevölkerungswachtum. Die Erdbevölkerung ging damals auf 3 Milliarden zu, und von Hassel wies darauf hin, daß ein exponentielles Wachstum zu erwarten sei (heute nähern wir uns 9 Milliarden). Seitdem ist für mich diese Exponentialkurve ein Menetekel. Bezogen auch auf das Wirtschaftswachstum (Club of Rome 1972) habe ich, als Arzt, dabei das Bild eines bösartigen Tumors vor Augen.

Bernd Ulrich erwähnt als Umkehrpunkte Klimakrise, Corona und Ukraine. Mir fällt auf, daß, wie in vielen Veröffentlichungen hierzu, dieses Thema- der Elefant im Raum- nicht angesprochen wird. Übrigens finde ich es rührend und komisch, daß Veganer doch Wert darauf legen, daß die betreffenden Industrieprodukte wie Fleisch aussehen, sich so anfühlen und möglichst so schmecken. Vielleicht ist das ja eine Übergangserscheinung. – Dr. Michael Woernle

 

Bernd Ulrichs sehr engagierter Versuch, durch Beschränkung auf vegane Ernährung die Welt ein bißchen zu retten, ist ehrenwert, sein Bericht darüber interessant zu lesen. Bei seiner Aufzählung der aktuellen Krisen (S.14) fehlt bezeichnenderweise die der Überbevölkerung.

Wären wir nur 1 Milliarde Menschen auf der Erde statt aktuell fast 8 Milliarden, stellten sich die ökologischen Probleme nicht. Aber selbst dann: ein Blick in die Geschichte lehrt uns, dass alle menschlichen Gesellschaften irgendwann scheiterten. Diesmal allerdings nehmen wir vielleicht einen Großteil der Biosphäre unseres Planeten gleich mit. Immerhin: Eine vegane Ernährung und ein bißchen Verzicht im allgemeinen ist sicher gesund, nicht zuletzt auch für die Psyche. – Renate Ehrich

 

Welch ein Text. Die hier vorgeschlagenen Maßnahmen werden schon von Theodor Fontane (1819-1898) unterstützt. In seinen Roman, „Vor dem Sturm“ rät die Zimmerwirtin dem Studenten Lewin gegen Kälte sich seinen Mantel übers Knie zu legen und dreimal bis hundert zu zählen. Das Zimmer ist nachts ungeheizt. Von wegen lieber Mieterbund 18°. Durch Sparsamkeit und Verzicht haben frühere Generationen unser Luxusleben zu(?) lange ermöglicht. – Hartmut Bernecker

 

Der Artikel im Magazin von Bernd Ulrich macht viele gute Punkte und seine Allergie gegen Leute, die mit viel Wichtigkeit nur ihr Nichtstun hinter Scheinaktionen verstecken kann ich gut nachfühlen. Als Physiker, also jemand der die Dinge mehr technisch sieht, muss ich allerdings anmerken, dass er in einem entscheidenden Punkt falsch liegt. Zum Glück hängt das Schicksal der Welt nicht an der Moral einzelner sondern erfordert „nur“ das setzen und durchsetzen richtiger Rahmenbedingungen. Es könnte zum Beispiel schlicht verboten werden, Futtermittel zu importieren.

Wer seine Schweine nicht mit seinem Mais ernähren kann, muss sie eben abschaffen. Damit würde der Irrsinn mit Soja aus brasilianischem Regenwald Schweine für China in Niedersachsen zu mästen, automatisch beendet. Auch für die Energieversorgung gibt es bekannte technische Lösungen, die nur finanziell attraktiv gemacht werden müssen. Dies würde alles ohne moralische Predigten der Bürger untereinander funktionieren.

Es hätte natürlich Auswirkungen, die manche auch als Verzicht bezeichnen würden. Die einzige Möglichkeit besteht aber genau darin, nach einem vernünftigen Diskurs erwachsene Entscheidungen zu treffen, die Wirkung zeigen und für alle verbindlich sind. Mit persönlicher Moral allein geht es nicht, da alle mitmachen müssen. – Frank Scholze

 

Bernd Ulrich beschreibt treffend, dass das Leugnen, das Nichtwahrhabenwollen der zerstörerischen Konsequenzen unseres Verhaltens ein immenses Problem ist. In derselben Zeitung lese ich ein Interview mit einem Vertreter der Interessen der Luftfahrtbranche, der wie selbstverständlich große Anstrengungen unternimmt, um die Zahl der täglichen Flüge und die Menge des täglich verbrannten Kerosins zu vervielfachen. Und irritiert nehme ich wahr, dass der Interviewer mit keinem einzigen Wort den Beitrag dieser Branche zur Erderhitzung thematisiert. Auch eine Form von Leugnen.

Ich würde es begrüßen, wenn Sie solchen Phänomenen mal einen Artikel widmen würden. Ich verstehe es ja, wenn Sie sich schwer damit tun, die Diskrepanzen zwischen Ihrer Klimaberichterstattung und den Anzeigen für Kreuzfahrten und Fernreisen in Ihrer Zeitung zum Thema zu machen, aber dass Herr Tatje die Chance, einen großen Begünstiger der Erderhitzung mit den Konsequenzen seines Verhaltens zu konfrontieren, ungenutzt verstreichen lässt, das geht – finde ich – gar nicht und sollte in einem Folgeartikel diskutiert werden. Laut der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross kommt nach der Phase des Nichtwahrhabenwollens die Phase des Zorns. Bernd Ulrich kann das vermutlich bestätigen. – Johannes Koch

 

Herr Ulrich stellt zu Recht die Reichweite eines oder mehrerer Artikel infrage. Eine Verhaltensänderung zu bewirken, gerade wenn sie mit (Gott sei bei uns) mit Verzicht zu tun hat, dauert vermutlich eine oder mehrere Generationen. Aber es tut so gut, diese Position an prominenter Stelle in einem bürgerlichen Qualitätsmedium zu lesen. Auf diese Weise werden andere (ich!) darin bestärkt, auf dem Weg der Nachhaltigkeit weiterzugehen und eine Inspiration für (zugegebermaßen wenige) Dritte zu sein. So kommt vielleicht doch noch eine ansehnliche Reichweite zustande. – Philipp Tiegl

 

Es ist schade, dass ein so zentraler Beitrag wie der von Bernd Ulrich (‚Verschärfte Welt‘ im Zeit-Magazin Nr. 31 vom 28.7.22) im Zeit-Magazin ‚versteckt‘ wurde. Der Beitrag hätte eher eine Sonderausgabe der ‚Zeit‘ verdient. Meiner Einschätzung nach spricht dieser Beitrag wahrscheinlich knapp der Hälfte der (nicht nur deutschen) Bevölkerung aus der Seele. Es wäre daher sicher gut wenn ‚Die Zeit‘, die ja einen signifikanten Teil dieser Hälfte der Bevölkerung erreicht, vermehrt die Diskussion der wichtigen Frage ‚Ausbrechen oder durchdrehen‘ koordinieren könnte. Als kleinen Zusatz möchte ich, der jeden Satz des Beitrages unterstreicht, mir wünschen, dass zusätzlich zum Begriff des ‚Verzichtes‘ auch der enorm schwierige Begriff ‚Weltbevölkerung‘ etwas mehr Beachtung findet. – Stephan Kabelac

 

Ich bin nicht so weit wie Sie mit der Änderung der Lebensweise. Aber es hat sich schon einiges verändert. Im Verhalten und in der Wahrnehmung. Und dann lese ich das Interview von Claas Tatje mit Fraport-Chef Stefan Schulte. Herr Schulte gibt unumwunden zu, dass er mit 180.000 Passagieren pro Tag völlig überfordert ist. Will aber noch rund 70.000 Passagiere täglich zusätzlich ab 2026. Aber erst 2045 Klimaneutral sein.

Heißen solche Manager eigentlich alle mit Zweitnahmen Mehdorn? Haben die alle keine Kinder und/oder Enkel? Oder ist den alten Männern alles egal? Ich glaube, das letztere ist es. Sie haben alle aufgegeben. Und ich glaube, sie haben recht. Es ist zu spät für Homo sapiens. Die anderen Tiere wird es freuen. Und unserem Globus ist es völlig egal. Viele Grüße aus Saarbrücken. – Hartmut van Meegen

 

Danke für den tollen Artikel. Und an den Sohn: Wie einfach -wer möchte ich sein? Diese Frage befreit. – A. Collmann-Wegener

 

Was Bernd Ulrich schreibt, ist richtig. Ich bin (ohnehin schon) überzeugt und möchte mitmachen. Mit Folgendem will ich also keinen Zweifel am veganen Prinzip ausdrücken, sondern meine echte Ratlosigkeit: Den ca. 5% der geschlechtsreifen Bevölkerung, zu denen ich zähle, rät jeder Arzt von veganer Ernährung ab. Etwa jede zehnte Frau leidet unter zu starken Monatsblutungen – oftmals der Typus „dünnes blasses Mädchen“, über die man spottet, die seien wohl Veganerinnen und sollten mal richtig essen.

Viele haben sogar dann Eisenmangel, wenn sie sich ’normal‘ (mit Fleisch) ernähren. Ungefragt habe ich bereits von drei Ärzten gesagt bekommen, falls ich mich fleischlos ernährte, solle ich das besser lassen. Eisenpräparate sind leider schlecht verträglich und wirken oft nur begrenzt. Was könnte man da tun? Fleisch staatlich reglementieren und auf Rezept verschreiben, so wie Cannabis? Wenn ich das sage, klingt es, als wollte ich Wasser predigen und Wein trinken. – Sarah Thelen

 

Doch, Herr Ulrich, neben der Dummheit des Verdrängens und der Hybris der Weltenrettung ist eine weitere Haltung zum Klimawandel möglich: Ja, das Klima wandelt sich gerade sehr schnell. Müßig, ob und welche Menschen daran schuld sind (mit Sicherheit nicht die ‚Gier der ganzen Spezies ‚). Unsere Wohlstandsgesellschaften, die sogar zum Zähneputzen fossile Energie brauchen und jetzt erstmal Million von Ladesäulen aufbauen, die sich egoistische Impfkonkurrenz und militärische Rivalitäten leisten, werden daran nichts ändern können.

Der kommende Wandel wird manche Arten vernichten, andere erblühen lassen und auch die Karten zwischen uns Menschen neu austeilen. Den einen wird’s schaden, den anderen wird’s nutzen. Lasst uns dem in Würde und Mitgefühl und mit Freude an Schönheit, Freiheit und Gerechtigkeit begegnen. Dann haben wir nichts falsch gemacht . PS: Warum sprechen wir immer von Krisen? Halten wir Leiden für eine Ausnahme, etwas, das sich nicht gehört und das verschwinden soll. Zufällig sehe ich gerade die Eingangssequenz von ‚Rashomon‘ wieder: ‚Ja es sind schreckliche Zeiten: Unwetter, Kriege, Hungersnöte, Seuchen und entsetzliche Armut.‘ – Kein Wort von Krise. – Ingo Klamann

 

Der Beitrag im zeitmagazin spricht mir aus der Seele. Ich erfahre in meinem Umfeld oft dieselben Reaktionen und bin davon überzeugt, dass der Mensch meistens nicht vernunftgesteuert agiert oder reagiert, sondern interessegeleitet und emotional. Und deswegen wird der Mensch auch suksessiv in die Katastrophe hineinschlittern oder sie sogar aufsuchen.

Und m.E. hilft es auch gar nichts, wenn ich statt acht Steaks jährlich zu essen, auf vegane Ernährung umsteige oder statt mit dem Auto mit dem Rad zur Arbeit fahre, was ich mehr als 30 Jahre lang getan habe. Das eine widerspricht den Interessen der Fleisch-, das andere denen der Automobilindustrie, um nur zwei Beispiele zu nennen. Deswegen: Nicht verzagen und das Leben bewusst genießen. Unseren Kindern und deren Nachkommen wird dies allerdings nicht mehr so gut gelingen. – Peter Stein-Spitczok

 

Vielen Dank für Ihren berührenden Artikel. Was für ein klarer, wunderbarer Gedanke: Nichts von all den bedeutenden Dingen in unserem Leben wäre ohne Verzicht (und Hingabe) erreichbar gewesen: Das Aufwachsen unserer Kinder, unser Bildungsgang, der Erhalt unserer Beziehungen, unseres Körpers, der Aufbau unserer Häuser, Unternehmen und unseres Landes. Und dann zu glauben, wir könnten ausgerechnet jenes, all unsere kollektive Anstrengung erfordernde Projekt des ökologischen Umbaus abseits spürbarer Korrekturen unseres persönlichen Lebensstils erreichen, ist tatsächlich eine unglaublich infantile Idee.

Wir können Tiere nun mal nicht so behandeln, wie die Fleischindustrie dies in unserem Auftrag tut und dafür die Lunge der Erde am Amazonas abholzen. Wir können auch nur noch in Ausnahmefällen fliegen und uns am besten seit gestern nur noch mit nachhaltiger Energie fortbewegen, produzieren, heizen usf. Und das sollte mich vor dem nächsten Grillen und der nächsten Reise auch beschäftigen. Was denn sonst? Denn wenn es das individuell nicht tut, werden Mensch und Tier um weniger werdende bewohnbare Flecken auf der Erde erbarmungslos konkurrieren.

Mit aller Anstrengung und allem Verzicht den ökologischen Umbau unserer Gesellschaft UND des eigenen Lebens voranzubringen ist einfach nur die vernünftigere, leichtere und erträglichere Idee als womöglich noch zu Lebzeiten in verödeten Landschaften Chaos, Krieg und Diktaturen zu erleben. Bernd Ulrich bringt zusammen, was so schwer auszuhalten ist: Nicht immer wieder in die Kluft zwischen dem Notwendigen und dem Realen auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene zu stürzen. Es ist schon auf persönlicher Ebene schwer, den Raubbau an unserem Planeten durch die eigene Existenz selbst bei noch so viel gegenteiligem Wunsch nicht nicht vorantreiben zu können.

Selbst wenn ich die privilegierte Wahl habe, mich regionaler, tierfreundlicher, schadstoffärmer zu ernähren, zur alltäglichen Fortbewegung auf Motoren und im Urlaub auf Flüge zu verzichten, Sonnenstrom zu produzieren, Wärme aus der Umgebung abzuzweigen statt Fossilien zu verbrennen usf. Selbst dann bleibt ein riesiger Abdruck aus Gütern, auf die ich in meinem Ersteweltleben kaum verzichten kann. Die vielen, die dies noch erfolgreicher verdrängen, bagatellisieren, in technische Lösungen, Schuld Anderer oder die Bedeutungslosigkeit des eigenen Tuns auslagern als ich, machen es natürlich nicht leichter, aber zu ihnen gehöre eben zeitweise auch ich und deshalb ist es überhaupt keine gute Idee, im Anderen etwas zu bekämpfen, was am Ende auch zu mir gehört, nur weil ich es bei mir so schwer ertragen kann.

So wie es mir nicht gefällt, wenn Andere ihre Wut auf mich projizieren, mögen dies Andere auch nicht, wenn ich ihnen das antue. Statt die Energie ins Bekehren zu stecken, ist sie im eigenen Besserwerden überzeugender, wirksamer, sinn- und luststiftender untergebracht. Das tun, was helfen könnte, wenn es mehr Leute täten, scheint mir ein ebenso einfacher wie erleichternder Gedanke, der uns abseits allen ideologischen Größenwahns befestigen kann. Wie viel klarer Geist in einen Artikel passt! – Thomas Weidmann

 

„Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“ (Leo Tolstoi, 1828-1920, russischer Schriftsteller) Über 20 Jahre vegetariere ich so vor mich hin, manchmal kann ich es nicht lassen und esse vegan, bei Obst und Gemüse ist das auch keine all zu große Kunst. Unterhalte ich mich mit „tieressende“ Menschen, dann bekomme ich auch immer diese stereotype Antwort zu hören, dass mein Gegenüber sehr wenig Fleischliches isst.

Ach ja, sage ich dann zu mir im Stillen, darauf bezieht sich dann der immense Fleischverbrauch hier in Deutschland; im Durchschnitt, auf was auch sonst! Im Durchschnitt verzehre ich dann auch diese 55 Kilogramm Tier im Jahr, soviel dann zur Statistik, die ich seit diesen Corona-Pandemie-Zeiten noch mehr liebe und dessen Aussagekraft ich noch mehr schätze! „Übertriebener Fleischgenuss macht aus jeder Gesellschaft ein Massenkrankenhaus.“ (Benedikt von Nursia, 480-547, ital. Einsiedler, Abt & Ordensgründer) – Klaus P. Jaworek

 

Es ist ja schön und gut für Herrn Ulrich, daß er sein Thema bzw. seine persönliche Katharsis gefunden hat und damit auch noch gutes Geld verdienen kann. Win-win. Ich kann nur hoffen, daß seine persönlichen Bekenntnisse bzw. diese Homestory jetzt auch mal wieder ein Ende hat und er zu politischen Themen zurückfindet, die der Sache auch gerecht werden. Er kann nicht ernsthaft glauben, daß seine nervende Dauerwerbesendung für hochindustriell und hochverarbeitete künstliche Lebensmittel für seine westeuropäisch-saturierte Manufaktum-Klientel einen nennenswerten Beitrag zur Abschwächung der Klimasituation leistet.

Es geht mir nicht darum persönliche Verantwortung generell zurückzuweisen, aber die Frage nach der Priorität und Evidenz von Massnahmen muss doch gerade jemanden, der ständig der Dringlichkeit das Wort redet, dazu bringen über Fragen der kapitalistischen Produktionsweise und deren Automatismen hier und jetzt nachzudenken und Vorschläge zu erarbeiten, die politisch integrierbar und somit handhabbar sind. Nicht dass ich der Meinung wäre, dass mal eben eine Revolution anstünde, aber über vegane Bratwurst zu reden halte ich angesichts der Dringlichkeit einer radikalen ökologischen Wende für unverantwortlich. – Achim Hauck

 

Ich gebe Ihnen grundsätzlich recht. Aber:angenommen, alle Menschen würden sich von heut auf morgen, also wundersamer Weise über Nacht, nur noch vegan ernähren, würde das eventuell zu kurz greifen, um die Klima-Katasthrophe und die Vergiftung der Welt abzuwenden oder mindestens abzumildern.

So schwarz weiß, so einfach ist es nämlich leider nicht. Auch Soja und Weizen würden weiterhin mit Stickstoff gedüngt und mit Pflanzenschutzmitteln „geschützt“ werden. Fraglich, ob das den Nitratgehalt im Boden senkt. Und in bezug auf die Artenvielfalt bzw. -verarmung hat dieser konventionelle Anbau sicherlich mehr Einfluss als allein der Verzicht auf Fleisch (mit all seinen Folgen und Ursachen).

Eine kleinstrukturiertere Landwirtschaft, die ohne Gifte auskommt und klassisch mit Mist (nicht mit Gülle) düngt, trägt auf jeden Fall erheblich mehr zur Artenvielfalt bei (auch im Boden – Regenwürmer und Co können mit Stickstoff nichts anfangen). Auf das Wie der Tierhaltung kommt es an. Schafe zum Beispiel stehen nicht in Nahrungskonkurrenz zu uns, brauchen (fast) kein Getreide, fressen nur Gras. Und das bevorzugt in Landschaftsschutzgebieten. Sie tragen aktiv zum Artenschutz bei und sind unersätzlich für den Erhalt besonderer Landschaften, die wiederum für besondere Tiere nötig sind (Amphibien, seltene Bodenbrüter etc.).

Tiere bzw. deren Zucht können also auch sinnvoll und hilfreich auf dem Weg in die Zukunft sein! Man denke auch an die dauerhaften Grünflachen (Grasland) als C0²-Speicher. Ausschließliche und nicht flächengebundene (Stall-)Tierhaltung gehört abgeschaft. Keine Frage. Aber bitte denken Sie daran, dass kleinbäuerliche Landwirtschaft das Modell der Zukuft ist – und dazu gehören auch eine kleine Anzahl von Tieren. Nicht zuletzt als Zugtiere um umweltschonend den Boden zu bearbeiten.

Klingt mittelalterlich? Ja, das hat sich seit jahrtausenden bewährt und wurde in den letzten 150 Jahren verteufelt und als rückständig empfunden. In diesen letzten 150 Jahren hat sich der (seit der Steinzeit) andauernde Feldzug der Menschen über die Erde so dramatisch verändert, dass wir nun mit Klarheit sagen können: wir zerstören unsere Lebensgrundlage. Wir müssen, drei Schritte zurückgehen!

Wenn wir noch ein wenig weiter leben wollen auf diesem Planeten, dann kann es eine Lösung sein, dass sich Menschen vegan ernähren. Wenn diese aber den Anbau ihres Essens nicht ausschließlich mit der Hand erledigen wollen, braucht es Tiere zur Unterstützung, oder leistungsfähige Elekto- statt Dieselmotoren. Wer die Welt retten will, muss Unkraut mechanisch oder mit der Hand jäten statt es tot zu spritzen und auf Kunstdünger verzichten. Und auf Weizen und Soja aus Übersee. Alles andere wäre sich halb in die Tasche gelogen. Wenn Sie vegan die Welt retten möchte, dann bitte bio und regional. Sie müssten also ihr Essen vom Ökobauern nebenan beziehen, der zudem auch noch so viel wie möglich mit der Hand macht (um Sprit zu sparen).

Und nun fragen sie sich, wieviele von diesen Bauern es gibt – und ob nicht alle Konsumenten selbst mehr Hand anlegen müssten an ihrem Essen (eigener Gemüsegarten oder beim Bauern mithelfen), um etwas für unser Klima zu tun. Früher war nicht alles schlecht, es hatte sein Gutes, dass viele ihr Gemüse selbst anbauten und die Tiere, die sie aßen persönlich kannten – und (wert-)schätzten. Ich weiß um die Liebenswürdigkeit unserer Schafe und freue mich, dass sie uns Wolle schenken, die wir mittlerweile zum Düngen des Gemüses nehmen. Kreislaufwirtschaft.

Manche Zusammenhänge in der Natur und in einer umweltfreundlichen Lebensmittelproduktion sind für viele schwer zu verstehen. Jeder von uns sollte einmal (Arbeits-)Urlaub auf dem Lande machen, um zu begreifen – statt um die halbe Welt zu fliegen und anderen das Leben schwer zu machen. Ich gebe Ihnen grundsätzlich recht, Herr Ulrich. Hauptsache es tut sich etwas – vor allem in den Köpfen der Menschen, die konsumieren und in den Händen derer, die produzieren. – Mira Bettels

 

Es ist wunderbar für Sie, dass Sie Ihren „veganen Frieden “ gefunden haben. Wir sind sehr froh , dass wir mit der Familie in Brasilien bei bester Laune grillen dürfen und uns noch kein Diktat (-tor) diese Lebensart verbietet. – Familie Schwarz

 

In einer Zeit, in der sich unsere Gesellschaft in allem Möglichen zunehmend spaltet, setzt der Autor noch eins drauf: die eigene, innere Spaltung („Über die schwierige Frage, wer man sein will in der ökologischen Krise“). Doch statt sich psychologische Hilfe zu suchen, pickt sich Herr Ulrich das Thema Veganismus heraus, um Engelchen gegen Teufelchen siegen zu lassen. Nichts gegen eine vegane Lebensführung, je mehr Menschen mitmachen, desto besser – nur bei veganen Fleischersatzprodukten, die überwiegend fürchterlich plastikverpackt sind, sollte man lieber nicht die ellenlange Liste der absonderlichen Inhaltsstoffe lesen.

Aber dass der ob der ökologischen Krise so besorgte Autor sich bereits nach fünf Jahren praktiziertem Veganismus „frei“ fühlt und „Tieren wieder in die Augen sehen“ kann, ist zwar schön, jedoch gleichzeitig merkwürdig, hat sich der Zustand der Welt in den letzten fünf Jahren wohl kaum gebessert. Vielleicht sind ganzheitlichere und weniger Ich-bezogene Ansätze zum Schutz der Umwelt sinnvoller, auch um möglichst viele Menschen mitzunehmen. Man kann sein Leben in vielen Bereichen umstellen: Auto abschaffen, keine Flugreisen, nur wenig Bio-Fleisch essen, allgemein den Konsum einschränken …

Um gewünschte Klimaeffekte zu bewirken, dürfte meines Wissens die jährliche CO2-Verursachung eines Erdenbürgers 2 t nicht überschreiten (2020 in Deutschland: 7,7 t pro Kopf, weltweit: 4,6 t) – keine guten Aussichten also, zumal die Weltbevölkerung weiter wächst. Daher ist dem (inzwischen optimistischen) Autor zuzustimmen, dass für jeden auch ganz allgemein Verzicht auf der Agenda stehen sollte. Doch nicht jeder hat die gleichen Ausgangsbedingungen, um eine Wahl zu treffen, wer man sein will, wie der Autor unterstellt. Für Menschen, die mehr Geld zur Verfügung haben, ist es sicher einfacher, beispielsweise durchgängig vegan zu leben.

Jeder kann aber auch lernen, seine persönliche C02-Bilanz im Blick haben und versuchen, sie mit unterschiedlichen Maßnahmen stetig zu verbessern. So sollte „Die Zeit“ dringend ihre Leserreisen-Kreuzfahrten überdenken, an denen Herr Ulrich ja seit 2019 auch nicht mehr teilnimmt. Nicht dass Sie bald, wie andere Anbieter, auch noch „vegane Kreuzfahrten“ anbieten, zu denen man dann per Flugzeug anreist. – Stephan Schmidtchen

 

Verzeihung, aber Bernd Ulrichs Beitrag „Verschärfte Welt“ im letzten ZEITmagazin liest sich, als habe sich der Autor den Zeugen Jehovas oder einer ähnlichen Gruppierung zugesellt. Ich erlebte Herrn Ulrich vor einiger Zeit bei einer TV-Runde und war etwas irritiert ob seiner arrogant-schnöseligen Attitüde. Nun kenne ich die Ursache: Er hat den Weg zur Wahrheit gefunden. P.S. Lesetipp für Herrn Ulrich: In der Zeitschrift „Der Monat“ gibt es einen sehr interessanten Beitrag von Francois Bondy, „Die Engagierten und die Enragierten“, (Der Monat 237, Berlin 1968, S. 5ff.). Da kann er noch etwas lernen. – Burkhard Ostrowski

 

Es ist schön, dass Sie sich richtig entschieden haben und nun frei fühlen, und vielen Dank für Ihren aufschlussreichen Artikel! Allerdings halte ich den individualistischen Ansatz für nicht ausreichend: Die meisten Menschen werden die Klimakatastrophe erst dann emotional begreifen, wenn sie sich persönlich ernsthaft bedroht fühlen, weil z. B. ein paar Millionenstädte abbrennen – wenn es also zu spät ist.

Die meisten Menschen sind nämlich Meister*innen im Verdrängen. Eigentlich müssten in einer repräsentativen Demokratie die Politiker*innen stellvertretend für sie verantwortlich handeln und geeignete Vorschriften und Gesetze beschließen – und deren Einhaltung kontrollieren lassen -, die den Wähler*innen zwar zunächst einmal wehtäten, aber längerfristig ihnen und ihren Nachkommen nützten. Das wiederum werden unsere Politiker*innen aus Angst vor den Wähler*innen wahrscheinlich weiterhin nicht in ausreichendem Maße tun – und so wird die Katastrophe wohl ihren Lauf nehmen. – Dr. Ulrich Willmes

 

Die Schöpfung hat uns mit einem Gebiss ausgestattet, das uns – zumindest teilweise – als Karnivoren ausweist. Wenn Bernd Ulrich recht hat, muss Gott sich geirrt haben. – Rainer Kalz

 

„Unter Verbrennern“ Lieber Herr Ulrich, eigentlich geht es mir gegen den Strich („à rebours“!), dass ich eine Erwiderung schreibe auf ihren Artikel im „Zeit Magazin“. Irgend etwas scheint mich provoziert zu haben. Immerhin stelle ich fest, dass ich zum Leser der „Zeit“ geworden bin, als sie zwölf Jahre alt waren- das gibt mir aber wahrscheinlich nur einen Vorsprung im Sterben, nicht im Denken und Besserwissen. Wenn sie jetzt jeden Tag über die Autobahn rasten, im Garten Fleisch grillten oder im Kloster eine Kerze anzündeten, hätte das in meiner subjektiven Einschätzung, und möglicherweise auch objektiv, genau so wenig Einfluss auf das Weltklima wie ihre Verhaltensweise. Nur könnten sie sich nicht als „Klimaretter“ fühlen und darstellen.

Entsprechend mein Tun, wenn ich mich als Künstler gedanklich und gestaltend, sowie materiell bildnerisch mit der Welt beschäftige. Ich versuche dabei und generell meinen „ökologischen Fußabdruck“ gering zu halten, genieße das Leben, auch mit Fleisch, fliege kaum, und bin gespannt, was ich noch erlebe.. Dass Personen, die jetzt eine Ebene der Wahrnehmung und Ausstrahlung besetzen wie sie, dadurch noch nicht zu besseren Menschen werden, ist klar. Was mich stört ist allerdings der Eindruck, als müssten sie es denen, die nicht so „gläubig“, wie sie es sind, zeigen…!

Hätte ein Christ, Buddhist, oder wer auch immer diese Reichweite, wäre es mir auch recht, nur dass der Glaubenseifer oder die Demut dann jeweils für mich nachvollziehbarer erschienen. Ihre moralische Weltretterhybris ist mir suspekt. Ich esse gerne, koche gerne, auch für Freunde in Tischrunden, Vegetarier sind für mich kein Problem. Veganer, wie sie, würde ich nicht einladen. Noch eine Bemerkung zum „Zeitmagazin“: Ich habe es vor vielen Jahren bedauert, als es eingestellt wurde und habe mich über die Wiederbelebung gefreut.

Heute wäre es mir fast egal. Ich lese vor allem mit Vergnügen „Martenstein“ und „Prüfers Töchter“,auch Raethers Kochseite, die Textbeiträge oft nicht mehr, weil sie mich meist nicht interessieren, betreffen, zu „gut gemeint“ sind oder ich den Eindruck habe, dass ich nicht mehr das Alter der Zielgruppe habe. Immerhin habe ich ihren Artikel gelesen – mögen sie es als Erfolg sehen. Zum Schluss noch ein Textfundstück: (auch zu ihren Wahrheiten), das mir gefällt:

Als wahr gilt, was der jeweilige Diskurs zur Wahrheit kürt. Da Diskurse aber identisch sind mit herrschenden Denkweisen, gibt es im Grunde keine Wahrheit. „Hinter der Wahrheit…liegen tausendfache und tausendjährige Irrtümer.. Die Wahrheit ist ein Irrtum, der nicht mehr abgewiesen werden kann, weil er durch eine lange Geschichte hartgesotten wurde“ (Foucault) Dazu passt vielleicht, auch in ihrem Sinne: “Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. – H. P. Schlotte

 

Mit Interesse habe ich Ihren Artikel über Ihre Erfahrungen als Veganer gelesen. Es geht, wie Sie schreiben, um die Vielzahl der Krisen, die uns für eine Lösung nur noch wenig Handlungsspielraum und Zeit lassen. Ich gebe Ihnen in jeder Hinsicht recht. Vor ein paar Tagen haben ich selbst eine längere Erzählung zu ihrem Ende geführt. In der Analyse dessen, was der Mensch ist, bin ich noch einen Schritt weitergegangen, daher auch nicht mehr so zuversichtlich, dass wir die anstehenden Probleme irgendwie noch in den Griff bekommen könnten. – Lothar Leibold

 

Sehr spannend, sehr lehrreich, sehr nachdenklich und………………sehr zuversichtlich finden wir Ihre Beschreibungen/Erlebnisse „Verschärfte Welt“! Wir danken Ihnen sehr herzlich dafür. Für uns sind Ihre Beschreibungen wirkmächtige Impulse. Auch dafür danken wir Ihnen. Auf Ihre kommenden Artikel freuen wir uns. – Elisabeth, Oskar Braun

 

Ich danke Ihnen zutiefst für diesen tiefgründigen und ehrlichen Artikel. Ihrem Text kann ich nichts mehr hinzufügen außer einem absolut zustimmendem “ JA „. – Claudia Tönies

 

Ich habe mit grossem Vergnügen, aber auch mit einiger Hochachtung Ihren Beitrag im Zeit-Magazin „Verschärfte Welt“ gelesen. Seit meiner Geburt lebe ich vegetarisch und seit etwa 10 Jahren vegan. Ich habe sogar die Muttermilch abgelehnt und wurde dann mit Mandelmilch gross gezogen. In Deutschland (Ludwigsburg), wo ich geboren wurde, gab es kein Mandelpurrée.

Meine Eltern haben das von einem Schweizer Freund bekommen, der Ihnen das brachte. Daraus machte meine Mutter Mandelmilch. Dass ich vegan lebe, ist kein Verdienst, denn mich ekelt vor Fleisch. Dass junge Leute heute aus Überzeugung auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten ist grossartig. Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag und werde den an meine Töchter weitergeben, die ebenfalls vegetarisch leben, aber noch nicht vegan. – Martin Hoch

 

Mit großer Sympathie und überaus angetan habe ich Ihren Artikel (ZEIT Magazin 31/2022 vom 28.7.2022) gelesen. Nach über 40 Jahren voller Debatten mit Freunden und Bekannten über die drohende Umweltkatastrophe habe ich begonnen zu resignieren. Sie beschreiben diese Mühsal eindringlich, und auch ich fühle mich schon länger mehr und mehr als Spaßbremse in einer Spaßgesellschaft, die blind auf den Abgrund zutaumelt. Wie angenehm ist da die von Ihnen vermittelte Haltung der Innerlichkeit, die sich letztlich der Realität hingibt, ohne zu fordern, dass Alle etwas tun. Dies mache ich an einigen Zitaten fest, hier einige Beispiele:

„Wer will ich sein? … ? Jemand, der in ständigem und steigendem Widerspruch zu seinen Werten lebt? – Oder einer und eine, die sich so verhalten, als könn­ten sie zu einer Wende etwas beitragen, und zwar unabhängig da­von, ob diese Wende auch wirklich geschieht. Wenn es einem gelingt, sich da hineinzuleben und hineinzumeditieren, dann ist es auch besser auszuhalten, wenn andere sich anders verhalten.

Auch an dieser Stelle hilft der Öko-Existenzialismus, weil er sich nicht so abhängig macht vom anderen: sich so verhalten, als könne man die Welt retten, ohne es zu erwarten, und zu überzeugen, indem man nicht überzeugen will – das gehört schon irgendwie zusammen.“ Das fand ich beim ersten Lesen angenehm entlastend: Ich tue, was ich kann, obwohl ich weiß, dass ich dadurch nichts ändere, habe dabei ein gutes Gewissen und gehe meiner Umgebung nicht mehr groß auf die Nerven.

In diesem Wohlgefühl habe ich mich nur einen Tag eingerichtet. Dann ging mir auf, dass ich in dieselbe Falle getappt bin, in der ich Sie wähne: Es kann nicht sein, dass wir uns einreden lassen, die Abwendung der Umweltkatastrophe sei unsere Privatangelegenheit und infolgedessen als Bürger resignieren, weil unser privater Einsatz eben nicht von der Mehrheit getragen wird und daher die Katastrophe nicht abwenden kann. Was ich in Ihrem Artikel vermisse ist, dass Sie der Politik zwar Uneinsichtigkeit vorwerfen, aber als Bürger unsere Regierungen nicht in die Pflicht nehmen. Es ist doch völlig absurd, dass ein privater Verein wie die DUH den Staat und die Gemeinden vor Gericht dazu zwingen muss, die eigenen Gesetze einzuhalten.

Die deutschen Regierungen haben die selbst beschlossenen Umweltgesetze systematisch gebrochen, man denke nur an die Nitratverordnung (die Klage der EU gegen Deutschland läuft), die völlig lächerlichen Verordnungen zur Feststellung des Benzinverbrauchs bei Autos, die Weigerung, ein Tempolimit einzuführen, sowie diverse EU-Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland, viele im Umweltbereich ( etwa 90 laufende Verfahren). Schließlich das Urteil des BVH (erst 2021), das die Regierung verpflichtet, zugunsten der jetzigen jungen Generation Gesetze zu schaffen, die die steigende Belastung nicht auf die zukünftigen Generationen verlagern. Da gibt es doch viel weitreichendere Möglichkeiten, als sich privat als Veganer in seine Kuschelecke zu verziehen.

Ich würde mir wünschen, dass Sie nicht wieder vier Jahre warten, einen weiteren so gut geschriebenen und recherchierten Artikel zu schreiben, sondern schon bald eine Philippika formulieren, die die Verantwortung für eine Verbesserung der Zustände nicht beim Individuum, sondern bei den gewählten Volksvertretern einklagt. Dass Sie dazu alle Informationen bereits haben, ergibt sich aus den vielen Belegen in Ihrem Artikel; Sie wissen genau, was falsch läuft. – Norbert Bolz

 

Bernd Ulrich stellt in diesem Artikel die entscheidende Frage angesichts der Krisen. Wer will ich sein? Verbraucher? Ein verwöhntes Kind, das immer mehr haben will, bis das ganze Kinderzimmer voller Spielzeug und Süßigkeiten überquillt, wobei der ganze Plunder ökologisch verträglich und CO2-neutral hergestellt und recylebar ist. Verzichten auf irgendetwas? Niemals! Pharisäer? Ein pedantischer Kontrolleur, der den ökologischen Fußabdruck von jedem Menschen exakt ausrechnen kann und schlechtes Gewissen verteilt.

Homo sapiens? Ein weiser Mensch. Das Dumme ist, dass die auf Wachstum basierende Wirtschaft den Verbraucher benötigt. Und die Politik wirbt überwiegend um den Verbraucher – es gibt ein Bundesministerium für Verbraucherschutz, nicht für Menschenschutz – mit dem Versprechen des ständig steigenden Wohlstands ohne Zumutungen. Entsprechend ist unsere Umweltpolitik seit 40 Jahren aufgestellt, bei entsprechend dürftigen Ergebnissen. Um tatsächlich die Krisen zu bewältigen, ist jeder Einzelne angesprochen mit der Frage: Wer will ich sein? Aber vorher gilt der 2500 Jahre alte Aufruf am Apollotempel von Delphi: Erkenne dich selbst! – Dirk Schranz

 

Gerade sitze ich mit den Kindern beim Wasserspielplatz, einer der wenigen Orte, wo sie so beschäftigt sind, dass ich etwas lesen kann. Ihren Artikel zu 5 veganen Jahren hab ich gerade zu Ende genossen. Schon im ersten Abschnitt, habe ich sehr viel verstanden und einiges erkannt, aber vor allem der letzte Teil ist für mich besonders wichtig. Weil Sie mit dem Zitat Ihres Sohnes mir einen Denkweise eröffnen, die mir bisher fehlte. „Wer will ich sein?“ ist eine so gewinnende Frage, während die Debatten ansonsten so dichotom sind.

Sie haben so wunderbar auf den Punkt gebracht, wie die Verantwortung auf Menschen abgeschoben wird, die sich schon bemühen. Auch die Gedanken zum Genuss und Verzicht: Ja! Einfach stark. Mir fehlten bisher Argumente, die nicht bevormunden, ich will, dass Erwachsene aus eigenem Verstehen heraus etwas verändern. Long Story short: Sie haben mich eingeladen, noch mal anders nachzudenken und anders zu argumentieren, wenn es um den Einsatz für den Klimaschutz geht. Das hilft mir. – Regina Laudage-Kleeberg

 

Auch wenn das jetzt etwas pathetisch klingt, aber Ihre Artikel sind ohnehin schon immer „Balsam für meine Seele“ Wie man solche tollen Gedanken in solche Zusammenhänge bringen und dann auch noch in einer so klugen und angenehmen Sprache zum Ausdruck bringen kann, ist mir ein Rätsel. Ihr aktueller Artikel im ZEIT-Magazin ist da aber noch einmal etwas ganz Besonderes! Ich persönlich lebe zwar nicht komplett vegan, habe mein Leben in den letzten Jahren und Monaten aber in etlichen Aspekten umgestellt und es geht mir aktuell genauso wie Sie es beschreiben.

Um nur die Themen „was eine solche Lebensweise mit einem macht“ (warum sehe ich das auf einmal alles so?, übertreibe ich jetzt völlig?), „Freundschaft“, „Normalität“ (die man für sich selber kaum noch herstellen kann), Einsamkeit (die ich umgekehrt aber auch zu Unizeiten schon gespürt habe, wo ich schon alles im Bioladen eingekauft habe, aber dort keine Lust auf diesen Schlabberlook hatte ) oder die Zuschreibungen. Das alles belastet mich seit Anfang des Jahres unheimlich und zunehmend, ich konnte das für mich aber nicht so genau definieren. Ihr Artikel, in dem sie dies alles in Ihrer angenehmen Sprache so umfassend beschreiben und zudem noch einige Aspekte nennen, die ich in solchen „Diskussionen“ immer gleich wieder vergesse, hat mir die Ursachen für dieses Unwohlsein nun aber vor Augen geführt und das tut einfach unheimlich gut und ist sehr entlastend..

Und dann vor allem die Lösung, die Ihr Sohn vorgeschlagen hat, denn ganz genau das ist es. Für sich definieren „wer man sein will“. Wenn es jedenfalls demnächst einmal wieder um das Thema „Verzicht“ geht werde ich, wenn ich gerade richtig gut drauf bin , darauf hinweisen, daß ohne diesen unser Leben gar nicht möglich ist und er in anderen Bereichen selbstverständlich ist. Und das ganz entspannt, denn ich „weiß ja wer ich sein will“. Ganz, ganz herzliche Dank jedenfalls für diesen so klugen und wohltuenden Artikel. – Claudia Plötner

 

Ich habe den Text von Herrn Ulrich sehr gerne gelesen – mit Neugier und auch verzückt, was seine Beobachtungen und seine Analyse angeht. Individuelle Beiträge zum Klimaschutz und zum Aufhalten der „Apokalypse“ gegeneinander aufzurechnen, ist sicher nicht unbedingt förderlich für eine unaufgeregte Debatte. Nichtsdestotrotz wundert mich immer wieder, wie selten beim Sinnieren darüber, „was wir unseren Kindern hinterlassen“, erwähnt wird, welche Ökobilanz das Kinderkriegen an sich hat. Dafür kann man auf vielen innereuropäischen Flügen so einige Schnitzel essen. Aber klar: jede, wie sie meint. – Yvonne Müther

 

Demut, Bescheidenheit, Verzicht – mit einem kleinen täglichen Betthupferl – läßt unseren, vom Überfluß entschlackten Geist klarer und schneller erkennen, wie sich unser überhitzter Planet wieder in eine lebenswerte Erde wandeln kann! – Dr. med. Ulrich Pietsch

 

Es ist wahrscheinlich gut für die Gesundheit von Bernd Ulrich, dass er sich vor fünf Jahren für eine vegane Lebensweise entschied. Auch zeigt ein veganes Leben Respekt an vor dem Mitgeschöpf Tier. Auf das eigene Auto verzichten hat mehrere positive Effekte: für die Allgemeinheit und den, der verzichtet. Betrachten wir kurz „Leben und Karriere“ (Wikipedia) von Herrn Ulrich, dann fällt auf, dass er als Intellektueller, Politologe, ehemaliger Büroleiter beim Fraktionsvorstand der Grünen, Journalist und geboren 1960, erst seit wenigen Jahren die Umwelt-Klimakrise für sich entdeckt hat.

Die „verschärfte Welt“ hätte ihm in seinem Leben schon viel früher ein wichtiges Thema sein müssen, weil ihm alle relevanten Fakten dazu auf dem Tisch lagen. Wie ist diese weit verbreitete Ignoranz der seit Jahrzehnten bekannten ökologischen Krise zu deuten? Mit sehenden Augen und doch mit Blindheit geschlagen oder mit brutalem Egoismus und egoistischer Brutalität (Jürgen Dahl 1995) bewusst die Ruinierung der Welt und ein grausames Auslöschen der Menschheit akzeptieren.

Es ist löblich, dass Herr Ulrich in der ZEIT die ungelöste ökologische Frage wieder aufgegriffen hat. Aber alles, was man dazu wissen sollte und auch machen könnte, haben sehr engagierte ZEIT- Journalisten und Autoren bis 1995 in der ZEIT drucken lassen. All dieses wertvolle Wissen hat DIE ZEIT 1995 in „ZEIT-PUNKTE“ Nr.6 gebündelt erscheinen lassen. Bis heute Stand der ökologischen Debatte! Stellvertretend dafür erwähne ich hier den Artikel „Der Optimismus des Scheiterns“ von Jürgen Dahl, der uns schon 1995 die „verschärfte Welt“ in Klarheit und Dringlichkeit aufbereitet hatte. DIE ZEIT sollte diesen Artikel für die jüngere ZEIT-LESER-GENERATION erneut veröffentlichen und zur Diskussion stellen. – Wolf Lübcke

 

Ihrem Artikel ist nichts hinzuzufügen und nichts abzusprechen, er ist einfach nur genial – Sie haben alles was es hierzu zu sagen gibt durchschaut, für mich ein neuer Ansporn und ein Lichtblick in oft mühsamen Diskussionen. Ich werde diesen Artikel kopieren und bestimmt sehr oft weiter geben. Übrigens : Ich lebe weder vegan, noch bin ich konsequent vegetarisch, aber ich arbeite daran. – Erika Burkart-Treffler

 

Selten hat mich ein Beitrag so tief berührt. Darin wird meine Wahrnehmung beschrieben, in einer Me-first-Gesellschaft zu leben. Übermorgen ist drei Grad, nach mir die Sintflut. – Gisela Berger

 

Ich lese seit Jahren Ihre Kolumne und leide mit Ihnen. Wie schaffen wir die Klimawende? Wie können wir klimafreundlich oder noch besser klimaneutral leben. Das sind die Fragen, die auch mich beschäftigen und die Sie zuletzt in Ihrem Artikel „Verschärfte Welt“ stellten. Weil mir dieses Thema so wichtig ist, arbeite ich seit 15 Jahren hauptberuflich für Energiewende und Klimaschutz. Mittlerweile leite ich ein Team von Energie- und Klimaschutz-ExpertInnen, mit denen wir Maßnahmen, die effektiv das Klima schützen, erarbeiten und mit Hauhalten austesten.

Die Ergebnisse sind sehr positiv! Es ist möglich klimafreundlich zu leben. Und es müssen nicht ALLE Menschen vegan und ohne Auto leben. Dies sind zwei sehr effektive Maßnahmen, aber es gibt viel mehr Möglichkeiten als medial meist kommuniziert wird. Kurz zusammengefasst müssen wir als Gesellschaft aus allen fossilen Energien aussteigen und den Fleischkonsum deutlich reduzieren sowie die Wegwerfgesellschaft in eine Ressourcen schonende und wiederverwertende Gesellschaft transformieren. Daraus ergeben sich für jeden von uns eine Fülle von möglichen Maßnahmen, die wir ergreifen können und nicht nur eine Handvoll.

Und da sie das mangelnde Tempo der Klimawende angesprochen haben: Heuer haben wir in unserem Bundesland zum ersten Mal eine Wechselrate von fossilen Heizsystemen auf erneuerbare, die es ermöglicht, innerhalb von ca. 15 Jahren im Wärmebereich vollständig aus fossilen Heizungen ausgestiegen zu sein. Man sieht, was entsprechende Preissignale bewirken können …

Daher sprechen wir die Menschen, wie Sie es in Ihrem Artikel sagen, als Erwachsene an und geben wir Ihnen die Möglichkeit selbst auszuwählen, ob Sie sich im jeweiligen Lebensbereich für die Reduktionsmaßnahme (z.B. work@home), die Verlagerungsmaßnahme (z.B. Rad oder Öffi statt Auto) oder die technologische Maßnahme (z.B. E-Auto statt Verbrennerauto) entscheiden oder für eine Kombination (z.B. E-Auto für den Alltag und Bahn für den Urlaub). Durch eine tatsächliche Wahlmöglichkeit ist es für alle BürgerInnen möglich, sein/ihr Leben umzustellen, und wir Klimaschützer können es schaffen, den bisher passiven Großteil der Gesellschaft zu erreichen.

Zusammengefasst sind die Ergebnisse vieler Jahre an Forschung und Praxis bei der Energie- und Umweltagentur, für die ich mit meinem Team für das Klimathema zuständig bin, in dem jetzt erschienenen Buch „Der Klimaschutz-Kompass“. Das Buch dient als Kompass für alle BürgerInnen und enthält für jeden Lebensbereich – von der Mobilität über Wohnen bis zu Ernährung und Konsum – all jene Maßnahmen, die effektiv mindestens eine Tonne CO2 einsparen und dabei ein gutes Leben ermöglichen. Denn wie sie auch selbst schreiben, ist klimafreundliches Verhalten oft sogar mit mehr Genuss verbunden als die alte „fossile“ Lebensweise.

Es würde mich freuen, wenn Sie durch das Lesen meines Buches neue Antworten finden, um die Klimawende zu den Menschen zu bringen. Anbei die Presseaussendung meines Verlags mit der Möglichkeit überdie Kommunikations-Verantwortliche des Springer-Nature Verlags ein Rezensionsexemplar zu erhalten. – Heimo Bürbaumer

 

Danke für diesen Artikel, Herr Ulrich!!! So viele mehr oder weniger verdeckte Angriffe, nur weil mensch versucht, sich angesichts der Klimakatastrophe ein bisschen angemessener zu verhalten… Vielen Dank vor allem für die genaue Analyse der Dynamiken, ich habe bisher nach solchen Situationen meist versucht, nicht so genau darüber nachzudenken, um mir mein Gefühl zu den Leuten nicht verderben zu lassen. – Ulrike Maetzig

 

Heirate mich und mach mir viele Kinder! Achso, ich bin noch älter als Sie und ein Mann. Aber ich fühle mich Ihnen beim Lesen Ihrer veganen Gedanken so seelenverwandt! Und ich fühle mit Ihnen die Einsamkeit, die Traurigkeit, die Bestürzung über den sehr nahen und so unnötigen Niedergang unserer Lebenswelt, die Wut darüber wie unnötig wir sie ruinieren und die Verzweiflung darüber, Freund von „fast gar kein Fleisch mehr“-Essern zu sein.

Ich lebe seit über 30 Jahren vegetarisch, fast vegan und möchte nur auf etwas Käse und die Sahne im Kaffee nicht verzichten. Ich ging auf eine Schule, in der uns die Lehrer schon in den 70er Jahren auf Treibhauseffekt und Grenzen des Wachstums aufmerksam machten. Es klingt übertrieben, ist aber wahr, dass die Beziehung mit meiner Ex-Frau nach 22 Jahren daran scheiterte, dass ich Ihre Ignoranz gegenüber der ökologischen Katastrophe nicht begreifen noch ertragen konnte.

Großartig Ihre Klugheit, Ihre Eloquenz (die ja mehr Geschenk als Verdienst sind) – aber Hut ab vor Ihrer Weisheit und der Ihres Sohnes, nicht den SUV-Mackern, den schmerbäuchigen Grillwurstwendern, den scheinheiligen „ich würde gerne anders, muss aber“-Fliegern und all den Scheißegalniks ihre Sünden galletriefend und leberwurstbitter auf die Stulle zu schmieren, sondern bescheiden zu sagen: ich will so leben, dass ich mich noch ansehen kann. Für Sie, nur für Sie persönlich, möchte ich jetzt ein bisschen mehr der werden, der ich sein will und schlucke ab sofort meinen Kaffee mit Hafermilch. Ein bißchen wirkt die Kraft des Schreibens und der guten Gedanken ;-) Ich möchte Sie im Geiste ganz fest in die Arme nehmen und sagen: halten Sie Kurs, lieber Berd Ulrich! – Dr. Erik Heinrich

 

Hier meine Gedanke zum besagten Artikel von Bernd Ulrich: In scharfer Analyse bringt Bernd Ulrich die Dinge auf den Punkt. Diffuses Unwohlfühlen klimarealistischer Menschen hat eine neue Begrifflichkeit. Vielen Dank für viel hilfreiches Vokabular im ( Rad-) Gepäck : Ja, Ich ertrage Normalitätssimulation schwer, bin nicht zuständig, wenn Alternativen zum Gewohnten nicht überzeugen und bin gelegentlich gerne etwas einsam.- Und sollte Hieronymus wieder auftauchen, suche ich nicht nach niederschwefligen Angeboten… wir müssen verzichten. Die vorgeschlagene Haltung des Öko- Existenzialismus rettet mich vor Verbissenheit. Befreiend. – Beate Schwarz

 

Ist es nur Gedankenlosigkeit, dass auf die Einlassungen Herrn Ullrichs und die Naturkolumne, 2 Doppelseiten Papierverschwendung folgen? Irgendwie unpassend…. Vielleicht lohnt es sich, darüber zu reflektieren und Herr Ulrich könnte sich als Kompensation dieser Einsparung zumindest gelegentlich den Genüssen tierischer Produkte hingeben, die einer teils Jahrhunderte dauernden kulturellen Entwicklung an Produktion und Zubereitung entspringen, wie z. B. (Bio)-Rohmilchkäse, um nicht von der Hochküche zu reden. Zweifellos sind die Ressourcen begrenzt, und es wird Transformationsschmerzen geben, vielfach ergeben sich jedoch Möglichkeiten von ressourcenschonendem Handeln, die nicht einmal als Verzicht wahrzunehmen sind. – Dr. Jens Hansen

 

Hier m/ein Leserbrief als Reaktion auf den Artikel „Verschärfte Welt“ von Bernd Ulrich im ZEITmagazin 30/2022, verbunden – erneut – mit einem herzlichen Dank an den Autor sowie ihrem gesamten Team, für die beste ZEITung und ZEIT meines Lebens. Aus einem „da mache ich mit“ vor vier Jahren, wurde bis heute „eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“ Was bleibt ist erneut: „Danke, Bernd Ulrich“, für die Motivation zur Initiative und die anhaltende Inspiration Ihrer Texte. – Marcel Porsche

 

Sie haben mich vor 4 Jahren zu einem Veganer gemacht. Nun lebe ich mit meiner Entscheidung einsam, jedoch sehr glücklich. Dafür möchte ich mich ganz besonders bedanken. Ich kann mich nur an Ihren Schlusssatz im letzen Artikels des Zeitmagazins anschließen: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. – Constantin Baki

 

Ein sehr inspirierender Artikel für jemanden, der hilflos und überwältigt auf die Klimakrise blickt und sich resigniert fragt: „Wozu soll ich mir selbst noch Mühe geben, es macht doch keinen Unterschied?“. Bernd Ulrichs Antwort darauf, „Wer will ich sein?“, ist eng verknüpft mit einer der zentralen Aussagen des Stoizismus: Akzeptiere alles, worauf du keinen Einfluss hast, und richte deine Aufmerksamkeit auf das, worauf du einen Einfluss hast.

Den Klimawandel kann niemand alleine aufhalten, aber mir bleibt dennoch die Freiheit, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu handeln – nicht mit dem unmöglichen Ziel, alleine die Welt zu retten, sondern um zumindest für mich das zu tun, was ich für richtig halte – kurz, um trotz allem die Person zu sein, die ich sein möchte. – Dominik Stürzer

 

Vielen Dank für diesen tollen Artikel, der mir in vielem aus dem Herzen sprach. Vielen Dank ganz besonders für die Beschreibung der verschiedenen Umgangsweisen mit der Klimakrise. Hier würde ich den von Ihnen genannten Umgangsvarianten Ekel, Zynismius, Selbstekel, Trauer und Verzweiflung noch Wut und Angst hinzufügen.

Vor allem letztere prägen meine Empfindungen angesichts dieses megaheißen Dürresommers, in dem unzählige tote Bäume, trockengefallene Bäche und Flüsse sowie ausgedorrtes Gras und herbstlich dürres Laub auf dem Boden das Bild in der Natur prägen (ich lebe in Süddeutschland bei Freiburg und so trocken war es meiner Wahrnehmung nach noch nie).

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, viel zu wenig Menschen bringen das mit dem Klimawandel in Verbindung und es wird gelebt wie eh und je (Flugreise, Autonutzung zu jedem Zweck etc.). Die Idee des Öko-Existenzialismus gefällt mir und schein mit tatsächlich ein gangbarer Weg zu sein, in all den schlechten Nachrichten und Empfindungen nicht zu versinken, sondern trotz allem von Hoffung geleitet zu leben.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch sagen, dass es tatsächlich Ihr Artikel vor vier Jahren war, der für mich den letztn Anstoß gab, fortan vegetarisch zu leben. Insofern halte ich Ihre Annahme, durch einen Artikel die Welt zumindest ein Stück weit zu verändern, doch nicht für so sehr kühn:-). – Martina Schuler

 

Bernd Ulrich bin ich dankbar für seine Offenheit und seinen persönlichen Einblick. Der Handlungsbedarf ist groß, dennoch gelten diejenigen als „normal“, welche ihre persönliche Freiheit im grenzenlosen und energieintensiven Konsum und Investment sehen. Seit 40 Jahren lebe ich vegetarisch und versuche meinen ökologischen Rucksack zu reduzieren. Dennoch gilt es oft als Provokation.

Wichtig bleibt meines Erachtens aber, sich für eine Veränderung des Ökonomiesystems zu engagieren, die Privilegien des Kapitals einzuschränken und ein primitives Freiheitsverständnis zu einem Konzept der sozialen Freiheit zu wandeln. Ich bleibe zuversichtlich, weil sich nun alles ändern muss. – Dr. Gustav Bergmann

 

Gibt es sie wirklich, die wenigen, die sehen, auf welchen Abgrund sie zugehen, oder sehen sie nicht vielmehr, wie sie mit den meisten, die ganz gemütlich und mit schneeblinden Augen in der Lawine sitzen, in den Abgrund rasen? Ob man aber noch daraus „ausbrechen“ kann oder darin „durchdrehen“ muss, mag jeder und jede für sich entscheiden. Beides scheint mir nicht zielführend. Eher geht es darum, Haltung zu bewahren, und zwar eine Haltung, die in Zurückhaltung innehält, ohne auf das Wesentliche zu verzichten, sondern um das Wesentliche zu finden. Sie scheinen mir auf einem guten Weg dahin zu sein. – Felix Brunschwiler

 

Haben Sie vielen Dank für Ihren verzweifelt-optimistischen Essay „Verschärfte Welt“ im ZEIT-Magazin 31/2022! Ich habe ihn verschlungen, weil ich sehr vieles, das Sie ansprechen, auch in meiner Gedankenwelt wiederfinde. Besonders hervorhebenswert finde ich eine Beobachtung, die Sie eher en passant machen: dass die Mehrheit unserer Zeitgenossen bei den drängenden Fragen der Gegenwart einen ziemlich fahrlässigen Infantilismus an den Tag legt. Wunscherfüllung sofort, Bequemlichkeit und Genuss als oberste Verhaltensmaximen und eine ganz schnelle Nörgelbereitschaft – das sind Verhaltensweisen, die gerade in Klima- und Ernährungsfragen entsetzlich weit verbreitet sind.

Um das zu erklären, würde ich noch einen Aspekt hinzufügen, der bei Ihnen nicht vorkommt: das Komfortverhalten, das uns die Digitalisierung beschert. Wenn man als (scheinbar) allmächtiges Ich vor seinem Bildschirm sitzt, der für viele geichbedeutend ist mit der Welt da draußen, und mit einem Mausklick den Endgegner töten, Millionen Euro verschieben oder die nächste Pizza bestellen kann, dann fühlt man sich allmächtig, obwohl man nichts dafür getan hat.

Und es wäre kein Wunder, wenn so eine blasierte ‚Ich-hab’s-doch-im-Griff‘-Mentalität auch auf den Umgang mit realen Problemen ‚da draußen‘ überschwappt. Dies scheint mir inzwischen eine ziemlich plausible Erklärung zu bieten für den leider grassierenden Infantilismus unserer Zeitgenossen. Wie sie sehr treffend und resigniert schreiben: „Ein Land im Bällebad.“ – Joachim Schieb

 


 

 

Leserbriefe zu „»Liebe ist ein Gefühl«“ von Heinz Strunk et al. im ZEIT Magazin

 

Jetzt weiß ich warum ich ein Abo der Zeit habe!!! Danke dafür! Das ist einfach so unglaublich! Meine Frau und ich haben so über Layla gelacht, aber das hier ist große Lyrik! Danke! Danke! Danke! Ps: nochmals danke! – Robert Köster

 

Danke für den Beweis, dass trotz „Layla“ in Deutschland immer noch ernsthafte Literaten leben, die sich nicht für einen Schlagertext zu schade sind. Goethe wird`s freuen, siehe Sauflied der Studenten in „Auerbachs Keller“ (Faust). Sicher kämen aber auch aus der Leserschaft der ZEIT wertvolle Einsendungen, wenn Sie dazu aufrufen würden. Sollten Sie meine Idee gut finden, wäre dies mein Beitrag:

Sylter Sommer 22/(Melodie nach „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen)/ /Ich hab das 9-Euro-Ticket/und fahr nach Sylt./Ich will kampieren in Kampen,/das macht die Reichen wild./ /Ich kauf ‘nen Sixpack bei Aldi,/geh an den Strand./Und meinen Döner den mampf ich/grad aus der Hand./ /Nachts mach ich Party bis morgens/so gegen vier./Tags glotz ich Touris und Promis,/leb wie ein Tier./ /So wie die Möwen um Futter/so bettle ich/um ein paar Euro für’n Kutter/mit frischem Fisch./ /’Ne geile Zeit werd‘ ich haben,/voll krasse Lust,/bis dass nach Hause ich fahre/Ende August.

Den Text hatte ich übrigens im Juni an meine Lokalzeitung eingesandt, die ihn an die „Sylter Rundschau“ weitergeleitet hat. Von dort erhielt ich die Antwort, man finde den Text zwar gelungen, würde aber Leserbriefe in Gedichtform „grundsätzlich“(?) nicht abdrucken. – Wolfgang Frey

 

Als 88-jähriger schicke ich Ihnen zu den Seiten 22 bis 28 im o. a. Magazin die folgenden Reime: Ist die Welt denn noch zu retten?/fragt sich einer von den Fetten,/die auf dieser Party lungern,/während andere verhungern./ /Einer, der mit wenig Pfunden/eher zählt zu den Gesunden,/meint, man brauche viel Raketen,/um Putin in den Arsch zu treten./ /Jede Party hat ein Ende./Folgt darauf die Zeitenwende? /Die Heil’ge Nacht ist eine Mär./Doch darauf freu’n sich alle mehr! – Nonno de Vries

 


 

 

Leserbriefe zum Wochenmarkt „DIE VERWANDLUNG DER ZUCCHINI“ von Elisabeth Raether im ZEIT Magazin

 

250g Rohrzucker in dann nochmal 250g Puderzucker für den Guss….also ein ganzes Pfund Zucker für nur einen Kuchen? Dazu nur mit Sonnenblumenöl- was ja jetzt bald teurer wie Butter ist. Muss das sein? Wieder ein Rezept von Frau Raether was ich so sicher nicht umsetzen werde. – Karl-Ludwig Klingelschmitt

 

Gefreut hatte ich mich gleich Donnerstagmorgen auf die Verarbeitung einer größeren Zucchini. Ihr Kuchenrezept bot sich doch da wunderbar an. Leider war das Ergebnis nicht gut, war zuviel Öl vielleicht Schuld? Habe aber alles genau abgewogen und die Backzeit eingehalten + Stäbchenprobe. Jedenfalls ist der Kuchen total knätschig und höchstens als Vogelfutter brauchbar. Jammerschade und ärgerlich. Da backe ich lieber demnächst mal wieder Ihre „ MISO KEKSE“ – nur helfen die nicht , die Zucchineernte abzubauen. – Gaby Kaus

 


 

 

Leserbriefe zu „Prüfers Töchter“ von Tillmann Prüfer im ZEIT Magazin

 

Ihr Artikel “ nein, Spass!” ist so irre lustig, ich habe wirklich herzlich gelacht. Vielen Dank dafür!!! – Andrea Fisser

 

Seit Jahren schon (!) schreibt Herr Tillmann Prüfer im Magazin über seine vier Töchter, die (Stand Juli 2022) 8, 15, 17 und 22 Jahre alt sind. Das immergleiche Schema: kleine Begebenheiten und Vorkommnisse werden zum Anlass genommen für Betrachtungen über das Leben an sich, den Zeitgeist früher und heute, die Kindheit damals und jetzt usw.

Bin ich der Einzige, der von diesen ermüdenden Privatheiten langsam genug hat und genervt ist? Früher wurden solche Dinge den Tagebüchern anvertraut oder in Rundbriefen an Verwandte und Bekannte verschickt. Damit hätte aber Herr Prüfer weniger Aufmerksamkeit erreicht. Daher meine Empfehlung: er möge den Platz im Magazin für interessantere Beiträge freigeben und seine Geschichten in Chat Portalen zur Diskussion anbieten. – Dr. Bernd Anemüller

 

Zunächst war ich überrascht, eine so persönlich geschriebene Kolumne von Ihnen zu lesen. Umso mehr hat es mich berührt. Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie weit dieser Leidensbericht die Realität wiedergibt. Falls ich etwas falsch eingeschätzt habe, so möchte ich im Voraus Abbitte leisten für meine kritischen Bemerkungen zu Lotta.

Ich möchte Ihnen mein Mitgefühl aussprechen, der Sie mit einer so lieb- und respektlosen Tochter geschlagen sind. So ein Verhalten könnte vielleicht der Pubertät geschuldet bzw. damit entschuldigt werden. Aber diesem Entwicklungsstadium müsste Ihre Tochter doch schon entwachsen sein, oder ? Kaum zu glauben, dass die junge Dame, die mit einem so sympathischen, liberalen Vater gesegnet ist, nur darauf bedacht ist, sich durch vermeintlich coole Sprüche auf Ihre Kosten zu profilieren. Unwahrscheinlich, dass jemand aus ihrer Peergroup sich das gefallen lassen würde.

Könnte es auch ein Fall sein von jugendlicher Hybris auf Grund von übersteigertem Selbstbewusstsein oder womöglich zu wenig davon? Natürlich ist mir bewusst, dass das Eltern-Kind-Verhältnis im Gegensatz zu früher viel partnerschaftlicher ist. Dennoch erlaube ich mir die Bemerkung, dass ich das beschriebene Verhalten von Lotta nicht in Ordnung finde. Sehr geehrter Herr Prüfer, ich freue mich sehr auf Ihre nächste Kolumne. – Erika Lind

 


 

 

Leserbrief zu „Über einen Beef im Internet und die Frage, ob man Bücher schreiben und gleichzeitig süße Fotos posten sollte“ von Harald Martenstein im ZEIT Magazin

 

Ich liebe sie einfach, die Martenstein-Kolumne. Vielleicht weil ich auch ein alter weis(s)er Mann bin? – Siegfried Runge