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Cables from Kabul: Eine Reportage aus Afghanistan

 

Aus nachrichtlicher Sicht hätte sich das Filmteam von VICE wohl kaum einen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um eine Reportage in Kabul zu drehen. Schon in der ersten Nacht griffen die Taliban ein Luxushotel an, keine zwei Wochen später wurde der Bruder von Präsident Karsai ermordet.

Reichlich Gesprächsstoff für Fotograf Henry Langston und Journalist Conor Creighton, die für ihre halbstündige Dokumentation Cables from Kabul unterschiedliche Milieus der afghanischen Hauptstadt besuchten. Für die Aufnahmen trafen sie korrupte Polizisten, junge Drogenabhängige, Gefängnisinsassen, Minenopfer und ehemalige Profisportler. So unterschiedlich die Personen und ihre persönlichen Schicksale auch sind, sie alle sind unmittelbar mit dem Krieg verbunden, der seit zehn Jahren das Land bestimmt und dessen Zukunft weiterhin ungewiss ist.

Cables from Kabul folgt, wie viele VICE-Produktionen, einer unorthodoxen Herangehensweise. Zwar erfährt der Zuschauer einige Hintergrundinformationen, doch vor allem geht es um die Sinneseindrücke der Reporter, die in ihrer Sprach- und Bilderwahl öfters eine gewisse journalistische Distanz vermissen lassen. Nicht zuletzt liegt gerade in diesem anderen Blickwinkel aber auch der Unterschied zu traditionellen nachrichtlichen Reportagen. Sieht man über einige wenige Unzulänglichkeiten hinweg, bietet Cables from Kabul vor allem eines: einen interessanten und vielseitigen Einblick in den Alltag Afghanistans.

5 Kommentare

  1.   Hardy Prothmann

    Guten Tag!

    Erstmal besten Dank – sehr interessanter Film, der Fragen aufwirft.

    Beispielsweise, wie Sie auf dieses schmale Brett kommen:
    „Statt journalistischer Distanz stehen häufig die Sinneseindrücke der Reporter im Vordergrund, was sich in einer teilweise kruden Sprach- und Bilderwahl widerspiegelt.“

    Anscheinend haben Sie kein Ahnung, was eine Reportage ausmacht, weshalb Sie sich berufen fühlen, einen solch kruden Satz zu schreiben.

    Woher nehmen Sie die Arroganz? Denken Sie manchmal, bevor Sie schreiben?
    „Sieht man über einige wenige Unzulänglichkeiten hinweg, bietet Cables from Kabul vor allem eines: einen interessanten und vielseitigen Einblick in den Alltag Afghanistans.“

    Wenn es nur „einige wenige Unzulänglichkeiten“ gibt, ist der Film doch insgesamt gelungen? Oder wollen Sie, aus der hübschen Schreibstube heraus uns allen beweisen, was für ein harter, kritischer Top-Journalist Sie sind?

    Gerade die nicht immer gleichen, langweiligen „traditionellen nachrichtlichen Reportagen“ sind das, was kein Mensch braucht. In einer ARD-Produktion hätte man ständig den „Experten“ gesehen, selbst in Szene gesetzt, statt die Szenen in den Mittelpunkt zu rücken.

    Das ganze mit einer noch „kruderen“ Sprache garniert, die vor allem eins deutlich macht, wie wichtig und „kompetent“ der „Reporter“ ist.

    Diese Einschätzung trifft vor allem auf Ihren Text zu, der schon am Anfang zeigt, wie wenig Ahnung Sie eigentlich haben, aber umso selbstsicherer auftreten.

    Man muss sich keinen „Zeitpunkt aussuchen“ – in Afghanistan knallt es immer. Und dabei sterben Menschen. Was für Sie ein „kein besserer Zeitpunkt“ für die Nachricht ist, bedeutet für andere den Tod. Für Sie ist das nur eine Nachricht.

    Vielleicht wollen Sie ja Ihrem Namen alle Ehre machen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hardy Prothmann


  2. Lieber Herr Prothmann,

    danke für Ihre, wenn auch etwas harsche, Kritik.

    Eine gute Reportage lässt natürlich die Sinneseindrücke des Reporters einfließen. Das muss so sein und ist auch gut so. Ich verstehe, dass die Formulierung oben in dieser Hinsicht missverständlich war und habe den Satz nachträglich entsprechend spezifiziert. Danke für den Hinweis.

    Was ich meinte: Viele VICE-Produktionen tendieren dazu, Hintergründe nicht zu hinterfragen und stattdessen die Reporter in einer vermeintlich „krassen“ Situation zu stilisieren. Das ist in dieser Dokumentation zum Glück nicht der Fall. Und doch: Eine Formulierung wie z.B. „Kabul stinks“ am Anfang ist zwar zum einen der Situation angemessen, zum anderen aber auch wertend. Und ist es wirklich wichtig zu sagen, dass sich der Selbstmordattentäter in „faustgroße Fleischstücke“ gesprengt hat, die nun herumliegen, oder ist das nicht doch ein wenig sensationalistisch? Es gibt zudem andere Stellen, an denen der Erzähler von reinen Sinneseindrücken schnell in Meinungsäußerungen übergeht. Das meinte ich mit mangelnder journalistischer Distanz und „kruder“ Wortwahl.

    Ist das jetzt schlimm? Nein, aber ich finde, man kann die Zuschauer darauf hinweisen, dass es sich hier stellenweise um eine subjektive Form des Journalismus handelt (die ich im Übrigen auch durchaus schätze). Das Schöne ist ja, dass sich jeder den Film anschauen und sich seine eigene Meinung bilden kann.

    Offenbar teilen wir ja auch die gleiche Ansicht: Die Herangehensweise ist eben anders als bei einer traditionellen TV-Dokumentation. Und auch deswegen ist der Film interessant und durchaus gelungen.

    Grüße,
    E.K.

  3.   Hardy Prothmann

    Hallo Herr Kühl,

    die Debatte um „Objektivität“ und „Subjektivität“ im Journalismus wird ja glücklicherweise seit einiger Zeit verstärkt geführt.

    Mittlerweile ist mehr und mehr Menschen bewusst, dass der angeblich „objektive Journalismus“ eine in sich problematische Sache ist. Wie können wir „subjektiven“ Journalisten das denn schaffen, „objektiv“ zu berichten?

    Ich propagiere deshalb ganz entschieden, die Wahrheit so zu lassen, wie sie ist: Journalismus ist immer subjektiv, dann sich aber um eine möglichst objektive Darstellung bemühen, was selten gelingen wird.

    Deswegen ist es ehrlicher und besser, die Subjektivität deutlich zu machen. Das macht zudem Berichte aller Art interessanter und deutlich, wie der Reporter oder Berichterstatter die Information einordnet. Dieser Einordnung kann man folgen, ganz oder teilweise oder auch gar nicht.

    Sorry dafür, wenn ich harsch kritisiere – wir kennen uns nicht und beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass Sie eine herablassende Haltung haben. Das ist wohl nicht so.

    Und was „Kabul stinds“ angeht: Ist das nicht gerade eine ziemlich objektive Aussage? Wäre „Kabuls smells“ oder „Kabul smells strong“ noch objektiver oder nur nichtssagender gewesen?

    Der Reporter schildert wie auch bei der sicher drastischen Schilderung des „Ergebnises“ des Attentats seine Eindrücke und die sollten meiner Auffassung nach geradezu „eindrücklich“ sein.

    Das gestelzte Staatsfernsehen-Gehabe mit Aufsagern vor irgendeiner Kulisse weit weg vom Geschehen braucht kein Mensch.

    Ganz sicher haben Sie recht, dass man die Subjektivität vor allem dann nochmals deutlich machen sollte, wenn sie über die allgemein vorhandene hinausgeht.

    Ansonsten habe ich zum ersten Mal eine VICE-Produktion gesehen, danke für den Hinweis und schaue mir ein paar andere an. Sollten dort „Inszenierungen“ zu finden sein, werde ich Ihnen vermutlich recht geben – mit denen sollte man sparsam umgehen.

    Ähnlich wie bei der Spannung von Objektivität vs. Subjektivität verhält es sich auch mit der Spannung Realität vs. Inszenierung. Journalisten nehmen immer eine Inszenierung vor (Subjektivität), die der Realität (Objektivität) aber möglichst nahe kommen sollte, weil es sonst kein Journalismus, sondern PR, Propaganda, Märchen oder sonstwas ist.

    Das gilt selbstverständlich auch für das, was man nicht im Bild sehen kann, also Hintergründe, Gerüche, Zusammenhänge usw.

    Bei diesem Film sind die Zuschauer nah dran, das ist harte Arbeit für die Kollegen und verdient Respekt – ob sie auch alle Hausaufgaben gemacht haben, ist immer eine gute Frage. Die man sich als Zuschauer und als Journalist stellen sollte.

    Schöne Grüße aus Heddesheim
    Hardy Prothmann


  4. Lieber Herr Prothmann,

    ich stimme Ihnen in Ihren Ausführungen zur vermeintlichen „Objektivität“ im Journalismus prinzipiell zu – die Diskussion ist ja auch nicht neu. Auch die Auffassung, dass man sich von dem gestelzten Gehabe lösen sollte, unterstütze ich gerne. Gerade wenn es um Filmformate geht und tatsächlich Dinge zeigen und nicht nur mit Worten beschreiben kann – das war schließlich auch ein Grund, wieso ich die Doku (und auch andere, die einen anderen Ansatz haben) an dieser Stelle gepostet habe und weiterhin posten werde.

    Ich bin davon überzeugt, dass auch gerade das Netz hier nicht nur neue Formate, sondern auch neue, spannende (und vielleicht auch „bessere“) journalistische Formen hervorbringen kann. Solange keine Tatsachen verfälscht werden, darf man sich auch gerne auf die eigenen Eindrücke beziehen und diese hervorheben.

    Mir waren während des Schreibens des Beitrags allerdings frühere VICE-Produktionen wie der „Travel Guide to Liberia“ im Gedächtnis, in denen der Gründer zunächst barfuß durch Liberia stapft und anschließend vom Schreibtisch im New Yorker Loft aus darüber doziert, wie „extrem“ das dort doch alles ist. Die Aufnahmen, der Schnitt und die Musik sind so offensichtlich gewählt, dass meines Erachtens die Grenze zwischen Journalismus und Selbstinszenierung überschritten ist. Aus diesem Grund wollte ich die Leser auch darauf hinweisen, von wem die Produktion stammt.

    Trotzdem gibt es inzwischen auch Formate von VICE, die einen anderen, zurückhaltenderen Ansatz haben – die oben genannte Dokumentation ist so ein Beweis, wie man es besser macht.

    Dass der ein oder andere gewisse Formulierungen wie „Kabul stinks“ vielleicht anders deutet ist ja letztlich legitim. Vielleicht war auch ich aus oben genannten Erfahrungen mit den Machern etwas zu kritisch. Dass hinter dem Projekt harte Arbeit und sicherlich auch ein hohes Maß an Recherche steht, wollte ich sicherlich nie anzweifeln.

    Grüße,
    E.K.


  5. […] vor allem für seine Videoproduktionen bekannt. Ganz egal ob es sich nun um abseitige Reiseführer, Reportagen aus Krisengebieten oder Katzencontent handelt: Wenn es ein Publikum gibt, ist Vice vor Ort. Schon 2007, als weitaus […]

 

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