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Doku „Oxyana“: Die Hauptstadt der Schmerzmittel

 

Oceana liegt nicht am Meer, aber die Wälder der Appalachen lassen das Dorf aus der Luft wie eine Insel erscheinen. Die frühere Bergbausiedlung ist 45 Minuten von der nächsten Kleinstadt entfernt. Sie erscheint wie eine Idylle im Hinterland von West Virginia. Und wirklich, Oceana war lange Zeit ein friedlicher und freundlicher Ort, da sind sich die Bewohner einig. Bis die Pillen kamen: Heute weist die 1.500 Seelen Gemeinde eine der höchsten Dichten an verschreibungspflichtigen Medikamenten der USA auf. Schmerztabletten wie OxyContin haben den Ort eingenommen. Aus Oceana wurde Oxyana. So lautet der Titel einer neuen Dokumentation, die dieses Jahr auf dem Tribeca-Festival prämiert wurde und jetzt auf Vimeos On-Demand-Service verfügbar ist.

Zufällig schlug Filmemacher Sean Dunne während eines Roadtrips im Januar vergangenen Jahres in Oceana auf. Ihm gefiel die Ruhe und Abgeschiedenheit. Es dauerte nicht lange, bis sich vor seinen Augen jemand einen Schuss setzte und von den Problemen der Stadt erzählte. Dunne erfuhr, dass nach dem Ende des Bergbau-Booms mehr und mehr Bewohner in der Region den Schmerzmitteln verfallen sind.

„Hillbilly Heroin“ nennen sie in Oceana OxyContin, das für bis zu zwölf Stunden Schmerzen lindert und gespritzt oder geschnupft ähnlich wie Heroin wirken kann, Abhängigkeit inklusive. Fünf Menschen sterben durchschnittlich im Monat in Oceana an einer Überdosis, ganze Abschlussklassen sind abhängig, die Beschaffungskriminalität steigt. Die Gemeinde ist kein Einzelfall. Schätzungen zufolge kosten Schmerzmittel und ihre Folgen die Versicherten in den USA fast 70 Milliarden Dollar im Jahr. Vor allem in ländlichen Gegenden steigt der Missbrauch.

Ein Porträt der amerikanischen Mittelschicht

Im April kehrte Dunne, dessen Vater lange Zeit von Schmerzmitteln und später auch Drogen abhängig war, mit seiner Kamera zurück nach Oceana. Vier Wochen lang drehte der 31-Jährige für sein Feature-Debüt Oxyana vor Ort und lernte die Menschen der kleinen Gemeinde kennen. Drohten ihm vor Beginn der Dreharbeiten noch einige per E-Mail mit Schlägen und Schlimmerem, waren die Bewohner Oceanas bald kooperativ. „Es war kein Geheimnis, dass die Gemeinde ein Problem hatte“, sagt Dunne, „und viele hofften vielleicht, dass dieses Problem durch den Film bekannter würde.“

Oxyana besteht ausschließlich aus Interviews mit Einheimischen. Der Film zeichnet ein düsteres und gleichzeitig sehr menschliches Porträt einer vergessenen Gemeinde. Höhepunkte, überraschende Wendungen oder Erklärungen gibt es nicht. Wie auch in Dunnes letztem Projekt, der Kurzdokumentation American Juggalo, lässt Dunne allein seine Gesprächspartner die Geschichte erzählen: Ärzte, Politiker, Eltern, vor allem aber Abhängige.

(© Sean Dunne/VeryapeProductions)
(© Sean Dunne/VeryapeProductions)

Deren Offenheit ist entwaffnend, bisweilen schmerzhaft anzusehen. An mehreren Stellen des Films konsumieren sie Drogen vor der Kamera. Ein Krebskranker stammelt von Gott, während er sich den nächsten Schuss setzt. Seine Frau sitzt regungslos daneben. Der Zahnarzt des Dorfes erzählt, wie Bewohner ihn bitten, ihre Zähne zu ziehen, um an die Schmerzmittel zu kommen, die seit einiger Zeit in Oceana nicht mehr verschrieben werden dürfen.

Doch Oxyana ist nicht auf Schockmomente aus. Die Schicksale der Betroffenen stehen für die Probleme der amerikanischen Mittelschicht. Für fehlgeleiteten Strukturwandel, für Arbeitslosigkeit, Langeweile und eine allgemeine Perspektiv- und Hilflosigkeit, die durch die Worte der Interviewpartner klingt: Wegziehen ist für sie keine Lösung. Fast scheint es, als sei Oceana tatsächlich eine Insel, von der es kein Entkommen gibt.

Crowdfunding und Online-Vertrieb

Es ist nicht nur die Arbeit mit der Kamera, die Dunne zu einem der aufregendsten jungen Dokumentarfilmer macht. Es ist auch sein Umgang mit neuen Finanzierungs- und Vertriebsmodellen. Schon seine erste Kurzdokumentation The Archive stellte er vor fast fünf Jahren auf Vimeo, zu einer Zeit, als viele Filmemacher dem Online-Vertrieb noch skeptisch gegenüberstanden. Die Arbeit wurde 2011 für einen Emmy nominiert.

Im gleichen Jahr feierte Dunne mit American Juggalo, einer Kurzdoku über die Fans der Band Insane Clown Posse, einen weiteren Erfolg im Netz. Der Film wurde vom Blog Shortoftheweek als Doku des Jahres ausgezeichnet und bis heute über 1,5 Millionen Mal angeguckt.

Die Bekanntheit, die Dunne durch seine früheren Arbeiten erlangte, hat er nun für Oxyana genutzt. Zunächst hat er erstmals über Kickstarter die Produktion des Films gesichert. 50.000 US-Dollar kamen am Ende zusammen.

Die zweite Besonderheit ist, dass Oxyana nicht wie Dunnes Kurzdokumentationen frei verfügbar ist. Stattdessen nutzt der Filmemacher Vimeos On-Demand-Service, den es seit März gibt. VimeoPRO-Nutzer können ihre Filme für einen von ihnen festgesetzten Preis und optionale Konditionen, etwa hinsichtlich der Leihdauer, anbieten. Der Vorteil gegenüber anderen Online-Verleihen ist die faire Verteilung: Vimeo hält bloß zehn Prozent der Einnahmen ein, bei iTunes sind es dreißig.

„Das Tribeca-Festival hat zwar einige Türen geöffnet, aber die klassischen Vertriebsmodelle, die mir angeboten wurde, schienen überholt“, sagt Dunne. Die Entscheidung, wieder primär auf online zu setzen, bedingte letztlich das Thema: „Ein klassischer Vertrieb hätte den Film lange Zeit aufgeschoben. Oxyana aber besitzt eine gewisse Dringlichkeit. Es geht darum, das Thema allen Menschen näher zu bringen, und nicht bloß dem Festivalpublikum.“

„Oxyana“ auf Vimeo on Demand (3,99 US-Dollar)

7 Kommentare

  1.   EntSetzer

    Die Stelle, auf die sich der Kommentar bezieht wurde bereits geändert. / Die Redaktion


  2. Ein Blick hinter der Fassade des amerikanischenTraums. Man muss nüchtern auf dieses Land blicken, das immer noch von vielen als Vorbild betrachtet wird, nicht zuletzt von unserem Vordenker Herrn Gauck („…da strahlen noch die Augen der Einwanderer…“). Man darf sich nicht einschüchtern lassen von den Sprüchen unserer Transatlantiker, die einem nach 50 Jahren immer noch die Luftbrücke und den Marshallplan um die Ohren hauen, um jede Kritik zu ersticken.
    Das erlaubt dann auch einen Blick auf die Leere die der totale, neoliberale Materialismus mit sich bringt, dr auch in Europa von den „Eliten“ immer mehr festbetoniert wird, weil er angeblich am besten für das Glück der aller Menschen sorgt.
    Gesellschaften die auf reinem Wettbewerb der Individuen basieren, also auf dem (schon rein rechnerisch dümmlichen Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos), lassen die Menschen verzweifeln die irgendwann erkennen dass sie abgehängt sind.

  3.   Aloha

    America is not for the faint-hearted…..

    Amerika hat nie behauptet für Alle da zu sein. Es bietet lediglich bis heute die Gelegenheit für Jeden der skrupellos genug ist Geld zu verdienen. Das war zur Zeit der Monarchien nicht üblich. Geld verdienen war Adligen vorbehalten. Diese Ungerechtigkeit hat Amerika aus der Welt geschafft.


  4. „Das war zur Zeit der Monarchien nicht üblich. Geld verdienen war Adligen vorbehalten.“

    Das ist ziemlicher Unsinn. Mit Geld verdienen hat sich ein echter Adelsmann nicht befasst, dass Geldverdienen ist eine Erfindung braver Bürgersleut.

  5.   Aloha

    Die Peanuts des Bürgertums tun Nichts zur Sache, und ja , bei Adeligen hat sich das Geld wie durch Zauberhand selber vermehrt. Wieso sollte Das Menschen mit speziellen Nachnamen vorbehalten sein?


  6. @ Aloha: Absoluter Unsinn, was sie da erzählen. Der Adel war in großen Teilen verschuldet und es gab durchaus verarmten Adel. Nur wer wirtschaften konnte, z.B. mit seinen Gütern, hatte Wohlstand, der nicht auf Pump finanziert war.

    Aber abgesehen davon, ist es nicht das Thema.

    Schon der Trailer ist eindrücklich und es ist erschreckend zu sehen, was aus einer Stadt werden kann, die keine Zukunft mehr.

  7.   Rainer

    Ich empfehle dazu den Roman “a killing in the hills“
    von Julia Keller und die Erzählungen von
    Donald Ray Pollock “knockemstiff“. Beide Schreiben über
    den Drogenkonsum in Hillbillie-Country….

 

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