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Kutiman: Sein Instrument heißt YouTube

 
Give it Up Kutiman
© Screenshot

Für Ophir Kutiel beginnt dieser Abend im Jahr 2009 wie einer von vielen. Der israelische Musiker klickt sich auf YouTube auf der Suche nach Inspiration und Tipps durch Videos von Schlagzeugern, als ihm zum wiederholten Mal eine Archivaufnahme des legendären Drummers Bernard Purdie begegnet. Kutiel gefällt der Beat und er beginnt, das YouTube-Video mit seinem eigenen Bass und Keyboards anzureichern. Am nächsten Morgen hat Kutiel nicht nur einen neuen Song zusammen, sondern eine Idee: Was wäre, wenn er ein komplettes Album aus YouTube-Videos aufnehmen könnte?

Knapp zwei Monate später veröffentlicht Kutiel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Kutiman, das Projekt Thru You auf einer Website, die vom Design an das damals noch immer verhältnismäßig junge YouTube angelehnt ist. Sieben Songs hat Kutiman dafür aufgenommen, oder besser: zusammengemischt. Denn Thru You besteht allein aus den Einzelvideos von Hobby- oder semiprofessionellen Musikern: hier ein Drumbeat, hier ein Gitarren-Riff und dort eine geloopte Stimme, alles passgenau zusammengeschnitten in eine Melange aus Funk und Soul.

Thru You ist ein Erfolg für den damals 27-jährigen Kutiman, der bereits mit sechs Jahren Klavier spielte und später Jazz am Rimon Music College in Tel Aviv studierte. „Ich war darauf nicht vorbereitet“, sagt Kutiman heute, der es mit Thru You bis in die Feuilletons schafft und dessen Karriere durch das Projekt einen großen Schub bekommt, obwohl er zu dem Zeitpunkt bereits ein respektables Debütalbum veröffentlicht hatte.

Zwei Jahre später tritt er als Vorband seines Idols DJ Shadow in Tel Aviv auf, die Poprocker von Maroon 5 klopfen an und möchten einen Remix im Stile von Thru You. Kutiman reist um die Welt und bastelt neue Videos aus den Sounds von Tokio, Krakau und Jerusalem und spielt mit einem Streichorchester im New Yorker Guggenheim Museum.

Thru You Too heißt der Nachfolger

Jetzt, fünf Jahre nach Thru You, steht der Nachfolger des Projekts an. Vergangene Woche veröffentlichte Kutiman mit Give it Up den ersten Track von Thru You Too auf YouTube, ein zweiter folgte am Dienstag. Das komplette Album soll am 1. Oktober erscheinen – natürlich gratis im Netz, „dort kommt es her, dort gehört es hin“, sagt Kutiman.

Das Prinzip ist das gleiche, die Ergebnisse ähnlich faszinierend. Erneut gelingt es Kutiel, aus teilweise obskuren Einzelvideos zusammenhängende Lieder zu komponieren. Der erste Song Give it Up enthält unter anderem das Klavierspiel einer Sechsjährigen und den sanften A-capella-Gesang einer Frau, aufgenommen mit der Smartphone-Kamera.

Keine 20.000 Abrufe hatte das Video, bevor es Kutiman entdeckte. „Ich verbringe viel Zeit auf YouTube“, erklärt Kutiman gegenüber Billboard seinen Arbeitsprozess, „manchmal mache ich einfach 20 Browser-Tabs mit Bass-Spielern auf und höre, welches am besten passt.“ Knapp vier Monate hat die Arbeit an Thru You Too gedauert.

Eine Hommage an die YouTube-Generation

Kutimans Ansatz ist nicht neu, folgt er doch der Tradition des Samplings, das vor allem im Hip-Hop und der elektronischen Musik seit Jahrzehnten verbreitet ist. Doch mit Thru You gelang es ihm mithilfe von YouTube, den Samples ein Gesicht zu geben. Denn tatsächlich entfalten die Songs erst gemeinsam mit den Videos, im Zusammenspiel mit dem Ausgangsmaterial ihre Wirkung.

In dieser Hinsicht sind Thru You und sein Nachfolger sowohl virale Meta-Mashups als auch eine Hommage an YouTube, das einen maßgeblichen Anteil an der jüngeren Remix-Kultur hat und noch weitere bekannte YouTube-Künstler hervorbrachte: Den Australier Pogo etwa, der mit seinen Disney-Mashups bekannt wurde. Oder Andrew Huang, der seine Lieder regelmäßig aus Alltagsgegenständen komponiert.

Wie seit jeher das traditionelle Sampling, bleibt das YouTube-Sampling allerdings nicht ohne Gefahren im Sinne des Urheberrechts. Denn Kutiman fragt die Urheber der Clips nicht um Erlaubnis, auch wenn er ihnen stets kollektiv dankt und die Credits unter den Songs mitliefert. Dennoch kritisierte die Cellistin, die in Give it Up vorkommt, zunächst, dass Kutiman ihr Video ungefragt verwendet hat. Inzwischen habe man die Sache aber besprochen und sie sei glücklich, ein Teil des Projekts zu sein, heißt es.

1,5 Millionen Abrufe zählt Give it Up bereits nach einer knappen Woche und lässt keinen Zweifel daran, dass Thru You Too ein ähnlicher Erfolg wird wie sein Vorgänger. Ophir Kutiel sind die Klickzahlen egal. „Es geht mir nicht um Geld“, sagt er. Überhaupt könne er schlecht Profit aus den Videos anderer Menschen schlagen. Dass er ihnen einen Teil seiner Karriere verdankt, ist schließlich schon genug.

2 Kommentare

  1.   humanizer

    G E N I A L

    there is “ No one in this world“ like him

    das so zu beschreiben : (…) Kutimans Ansatz ist nicht neu, folgt er doch der Tradition des Samplings, das vor allem im Hip-Hop und der elektronischen Musik seit Jahrzehnten verbreitet ist. (…) ist ein bisschen zu naseweis und erheblich zu kurz gegriffen weil der herausragende und essenzielle audio/video Schnitttechnik Kutimans auf die Ergebnisse einer audio Bearbeitung reduziert werden.

    anyway : 5 Sterne de luxe und Daumen hoch für diese Babylon(ische) Band

    http://www.youtube.com/watch?list=PL2C189BC49E25D16A&v=JffZFRM3X6M&feature=player_detailpage


  2. Die Digitale Massenkultur ist ein Parasites` Paradise einerseits. Andererseits bringen neue Technologien neue kulturelle Ausdrucksformen mit sich. Generell sollte Jedem, der Dinge auf youtube hochstellt, klar sein: Er/Sie gibt ihre Rechte ab. Die neuen Helden sind weniger die Kontenterzeuger, als vielmehr die, die was damit anstellen. Es zählt die originelle oder hampelige Idee, mit Kontent um zu gehen. Da kann dann ein Urheber nur noch dankbar zustimmen und es zwangstoll finden, wenn einer dieser neuen kreativen Helden seine Arbeit ungefragt einbindet. Der Urheber wäre ja sonst bescheuert, denn er wird ja Teil einer tollen Sache, die es so nicht gegeben hätte. Vorher fragen hätte was mit Respekt zu tun, ist aber zu aufwendig und anstrengend. Ja, ich denke, die Aufmerksamkeit, die die tollen neuen Helden bekommen, sollte als Bezahlung ausreichen. Sonst bitte selber Kontent ausdenken. Aber das wäre ja keine social community – Heldentat. Und nur die passt in die Zeit von heute.

 

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