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Dokumentation: „Zwischen Flucht und Heimat“

 

Sidi Ifni im Süden Marokkos. Die ehemalige spanische Garnisonsstadt ist ein Geheimtipp unter Touristen, die in der Brandung des Atlantiks surfen möchten. Viele junge Bewohner Sidi Ifnis dagegen zieht es weg. In die Städte von Agadir, Marrakesch oder in den Norden des Landes. Doch einige nehmen eine weitaus gefährlichere Reise auf sich. Wenige Hundert Kilometer vor der Küste liegen die Kanarischen Inseln und damit Europa und die Hoffnung auf ein neues Leben.

Die halbstündige Reportage Zwischen Flucht und Heimat besucht die jungen Menschen von Sidi Ifni. Der Berliner Journalist und Filmemacher Christoph Heymann spricht mit Männern wie Mustapha und Said, die bereits die gefährliche Reise hinter sich haben. 24 Stunden dauert die Fahrt über das offene Meer im besten Fall, bei schlechten Verhältnissen können es bis zu 50 sein. Die Gefahr, mit dem Boot zu kentern und zu ertrinken fährt immer mit.

Für die jungen Marokkaner und viele Menschen aus Westafrika war Spanien lange Zeit ein Zufluchtsort. Doch die Krise hat sich bis nach Afrika herumgesprochen. Inzwischen sind die Kanaren nur noch ein Zwischenstopp; die Flüchtlinge zieht es nach Mittel- und Nordeuropa. Doch für die meisten endet die Reise wie sie begann. Ohne Papiere werden sie von der spanischen Polizei aufgesammelt und wieder abgeschoben. Auch die Protagonisten des Films wurden bereits mehrmals wieder nach Marokko geschickt.

Der Film gibt einen kurzen, aber prägnanten Einblick in die unterschiedlichen Gedanken und Hoffnungen der jungen Menschen. Einige von ihnen sehen die Überfahrt als ein Spaß, der sie eben für einige Monate nach Europa bringt. Andere haben sich inzwischen mit ihrem Leben in Sidi Ifni arrangiert und die Pläne in Europa aufgegeben. Für andere ist die Flucht dagegen alternativlos. Einige sagen, dass ihnen Europa zu stressig ist, dass sich Verwandte von ihnen dort unglücklich fühlen und dass auch der Rassismus gegenüber Arabern keine Seltenheit sei. Andere dagegen loben die Freiheit und Fairness.

Zuerst im Netz, dann im TV

Zwischen Flucht und Heimat läuft im Rahmen der ARD-Themenwoche Toleranz. Der Film zeigt vor allem, wie unterschiedlich die Beweggründe der Flüchtlinge sind und wie schwierig es ist, sie als homogene Gruppe zu klassifizieren. Hinter jedem Versuch, Europa zu erreichen steckt eine persönliche Geschichte. Und für die meisten ist die Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen die schwierigste überhaupt.

Interessant ist Zwischen Flucht und Heimat aber nicht nur thematisch. Der Film ist seit Freitag im YouTube-Kanal von EinsPlus verfügbar und soll dort auch bleiben. Erst am Sonntag wird er um 22:15 Uhr auch im Fernsehen gezeigt. Die Sendung Leben! auf EinsPlus verfährt seit einiger Zeit mit diesem Verfahren und ist damit in gewisser Weise auch ein Vorreiter des geplanten Jugendkanals von ARD und ZDF.

Bis 2016 möchten die beiden großen Sendeanstalten einen neuen Kanal etablieren, der die Sender EinsPlus und ZDFkultur ablöst. Der Jugendkanal soll allerdings anschließend im Netz verfügbar sein. Das Projekt stößt bereits jetzt auf Kritik. Nicht nur werden die veranschlagten Kosten in Höhe von 45 Millionen Euro kritisiert, sondern auch die Inhalte. Noch ist unklar, welche Zielgruppe der Kanal überhaupt hat und welche Formate er zeigen wir – und ob kurze Dokumentationen wie Zwischen Flucht und Heimat dann überhaupt noch eine Chance haben.